Wie ein junger Comedian mit Pegida-freundlichen Pointen durchstartet

Chris Tall ist weiß, heterosexuell und erklärt Minderheiten, worüber sie zu lachen haben. „Darf er das?" Leider.

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11 November 2015, 9:12am

Foto: imago | Future Image

Chris Tall sieht aus wie jemand, der in der Schule immer sehr laut war. Der Klassenclown, vielleicht. In den seltensten Fällen landen diese Leute auch später im Comedy-Gewerbe. Der gebürtige Hamburger aber ist nach mehreren Jahren im Showbusiness (u.a. Quatsch Comedy Club) und dem Gewinn des RTL Comedy Grand Prix (2013) jetzt in aller Munde. Wegen eines Auftritts bei TV Total, in dem er mit breitem Grinsen dazu aufrief, doch auch mal Witze über Leute zu machen, die im Rollstuhl sitzen. Oder Ausländer. Über 2 Millionen Views hat das Video auf YouTube, in sozialen Medien und von einigen Pressevertretern wird er dafür als neuer Stern der Humorbranche gefeiert. „Darf er das?!" will er mit dem Auftritt als Ausspruch geprägt haben, wahrscheinlich stimmen ihm seine knapp 500.000 Facebook-Fans dabei zu. Eine Frage, die sich Oliver Polak übrigens 2008 schon beantwortet hat. Mit seinem Buch Ich darf das, ich bin Jude.

Auch im Fall von Chris Tall ist die Frage rein rhetorisch—denn er tut es ja so oder so. Und ja, natürlich darf er das. Was sich aber niemand zu fragen scheint: MUSS er das auch? Gerade jetzt, wo „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!" ein geflügeltes Wort für all jene geworden ist, die in sozialen Netzwerken „politisch unkorrekt" gegen Ausländer im Allgemeinen und Flüchtlinge im Besonderen wettern oder sich bei Pegida-Demos die Montagabende um die Ohren schlagen.

Chris Tall bezeichnet es als „rassistisch", wenn er keine Witze „über Schwarze" machen würde. Das lehnt sich nicht nur sprachlich wie argumentatorisch an die in sich falsche Aussage an, dass es „sexistisch" wäre, Frauen nicht zu schlagen. Es beweist auch, dass er keine Ahnung hat, was Rassismus ist. Nämlich das, was im Anschluss passiert: dumme, einfältige Witze ohne jede zweite, gesellschaftskritische Ebene auf Kosten von Minderheiten. „Großer Penis, rennt schnell", sagt da dieser weiße, kleine Junge und das ebenfalls weiße Publikum kichert verschämt. „Es kann natürlich sein, dass ihr Witze macht über einen Schwarzen, und der Schwarze lacht nicht. Das kann passieren. Dann seid ihr aber keine Rassisten, dann hat der Schwarze keinen Humor." Und dann geht's los. Schwarze sieht man im Studio nicht, weil es da, wo das Publikum sitzt, dunkel ist. Schwarze und Baumwolle ist ein richtig lustiges Thema, denn wenn sich jemand über die Sklaverei lustig machen darf, dann ein weißer privilegierter Junge aus der Mitte der Gesellschaft.

Es gibt verschiedene Arten, etwas humoristisch aufzugreifen. Jan Böhmermann beispielsweise hat mir in einem Interview erklärt, warum er glaubt, dass man grundlegend über alles Witze machen kann. Es kommt eben auf den Kontext an und darum, warum man das macht. Chris Tall trifft diese Unterscheidung nicht, fordert aber gleichzeitig von jedem ein, ihn lustig finden zu müssen. Darf man DAS? Sich zur alleinigen Instanz darüber zu erheben, was lustig ist und was nicht? Zu entscheiden, wann ein Mensch mit Behinderung gefälligst darüber zu lachen hat, dass er behindert ist? Wann die Reduzierung eines Schwarzen auf Rassenklischees kein Rassismus ist? Nein, darf man nicht. Ganz nebenbei macht es einen auch ziemlich unsympathisch.

Dementsprechend läuft auch die Diskussion unter dem Video auf YouTube. Wer es wagt zu äußern, dass er Betroffenen durchaus nicht das Recht absprechen möchte, nicht über die eigene Situation lachen zu wollen, wird von den Tall-Anhängern niedergeschrien. Und die ein oder andere Perle, die man so auch vom verschwörungstheoretisch-verklärten AfD-Wähler erwarten könnte, ist natürlich auch dabei. „Die Wahrheit ist, die größte Diskriminierung, findet zur Zeit gegen ‚weiße nicht behinderte Männer' statt", äußert da beispielsweise ein Nutzer. „Deinen Sexismus gegen Männer kannst du dir gepflegt sonstwo rein schieben. Diese Einstellung ist so eklig undifferenziert, dass ich den Eindruck bekomme, du bist Feministin/Grüne/Gutmensch/Antifa/Gender." Läuft da auch Chris Tall ein leichter Schauder den Rücken runter, oder freut er sich einfach darüber, dass jetzt sehr viele Leute seine T-Shirts kaufen möchten? Interessant auch, dass zu den Leuten, die auf seiner Facebook-Seite fleißig Beiträge liken, Jan Leyk gehört. Der Inbegriff des Facebook'schen „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!!!!"-Aktivismus.

Chris Tall ist niemand, der, um bei der Böhmermann'schen Interpretation von „Humor darf alles" zu bleiben, schwierige Themen und Dinge, die eigentlich gar nicht lustig sind, dazu nutzt, um eine Art entlastendes Lachen zu schaffen oder bestimmte gesellschaftliche Mechanismen zu entlarven. Chris Tall ist ein Typ, der sich geschickt zu vermarkten weiß und in feinster YouTuber-Manier Privatleben und Beziehung (samt Freundin in Beautybloggerinnen-Optik) auf allen verfügbaren Social-Media-Kanälen breittritt. Chris Tall will mit seinem Humor niemandem wehtun und dadurch zum Nachdenken anregen, weil die Leute, die sich für Katzenfotos und den echt stressigen Umzug interessieren, sich in ihrem Konsum wahrscheinlich gar nicht aufrütteln lassen wollen. Stattdessen bietet er denen, die sowieso schon dumpf in alle Richtungen austeilen, eine Legitimierung für ihr Tun. Und das muss man hinterfragen.

Dabei ist die grundlegende Aussage, dass man zumindest versuchen sollte, auch in den schlimmsten Dingen etwas Positives, Amüsantes zu finden, weder falsch noch neu. „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", forderte Serdar Somuncu, als Deutscher mit türkischer Herkunft, bereits 2010. Und der ist nicht der Einzige, von dem sich Tall hat inspirieren lassen. Die Bezeichnung von Frauen als „Menschen mit Menstruationshintergrund"—eins zu eins aus dem Programm von Carolin Kebekus. Und das ist auch schon ein paar Jahre her.

Die deutsche Comedybranche ist ähnlich lustig wie Herpes – und der Deutsche Comedypreis beweist es.

Wenn das also nun alles gar nichts Neues ist und in der deutschen Comedy-Landschaft—wenn auch nicht unbedingt bei TV Total—sowieso schon seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten existiert: Warum geht Chris Tall dann jetzt so durch die Decke? Die Antwort scheint eben so einfach wie frustrierend: Weil es da draußen sehr viele, sehr fehlgeleitete (oder auch „besorgte") Menschen gibt, die eine Entschuldigung dafür brauchen, ausländerfeindliche Aussagen unter dem Deckmantel des Humors zu verbreiten. Die Art von Leuten, die Hitler-Memes unter Artikel zur Flüchtlingspolitik posten. Die Art von Menschen, die mantraartig ihre ganz eigenen unbequemen „Wahrheiten" in Kommentarfelder tippen und auf Pegida-Demos ihr Recht auf freie Meinungsäußerung mal so richtig ausreizen. „Da kommt endlich mal ein weißer Junge aus der Mitte der Gesellschaft und sagt, wie es ist! Der zeigt diesen Schwarzen, dass wir hier in Deutschland alles sagen dürfen, was wir wollen!", dürfte sich der ein oder andere denken, und den Videolink mit seinen patriotischen Bekannten teilen. Irgendwo müssen die 2,5 Millionen Aufrufe ja herkommen.

Ich möchte Chris Tall nicht unterstellen, dass er mit einem ebenso fragwürdigen wie populistischen Comedy-Programm bewusst eine Klientel abgreift, an die sich absolut niemand annähern sollte. Vielleicht kann man einem weißen deutschen Jungen, der in seinem Leben höchstwahrscheinlich keiner größeren Diskriminierung oder Ausgrenzung ausgesetzt wurde, auch gar nicht vorwerfen, dass er nicht versteht, warum manche Leute eben nicht über das N-Wort lachen können. Und, um das Ganze abzuschließen: JA, „er" darf das. Solche Witze sind ebenso wie die meisten dummen Facebook-Kommentar von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wenn es aber wirklich so weit gekommen ist, dass ein weißer Junge mit zusammengeklauten Punchlines und einem ziemlich faschistischen Verständnis von Humor (er bestimmt, wann gelacht wird) als politisch-unkorrektes Comedy-Wunderkind gefeiert wird und dabei die niedersten rechtspopulistischen Rechtfertigungsgelüste bedient—dann würde ich mir wünschen, dass jemand sagt: „Nein, darf er nicht". Da bin ich nämlich gerne humorlos.

Ansonsten lacht Lisa aber ganz gerne. Folgt ihr bei Twitter.


Titelfoto: imago/Future Image