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​So sexistisch werden Frauen beschimpft, die sich um Flüchtlinge kümmern

Die selbsternannten „Asylkritiker" glauben zu wissen, was Frauen, die sich um Flüchtlinge kümmern, eigentlich wollen: Sex.

von Verena Bogner
07 September 2015, 5:00am

Screenshots: VICE Media

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Alps erschienen.

Die österreichische Radiomoderatorin Elke Lichtenegger hat einen jungen Flüchtling aus Syrien bei sich zu Hause aufgenommen und dann ein Selfie mit ihm auf ihrer Fanpage gepostet. Eigentlich sollte man meinen, dass sie dafür unser aller Respekt verdient hat—egal, ob unter anderem auch ein bisschen PR-Kalkül hinter dem Foto steckt oder nicht. In diesem Fall zählt, zumindest für mich, schlicht und einfach das Ergebnis. Nur hat man diese Rechnung ohne das Internet und den Mob, der dort seit geraumer Zeit ungestört wütet, gemacht.

Eigentlich dachte ich, dass der geistige Durchfall, der derzeit im Internet abgesondert wird, mittlerweile seinen Zenith erreicht haben müsste. Aber es geht offensichtlich immer noch ein bisschen mehr und ein bisschen tiefer—ganz besonders, wenn es um Frauen geht, die Flüchtlingen helfen. Die werden dann nämlich schnell als notgeile Schlampen hingestellt. So auch im Fall von Elke Lichtenegger und dem syrischen Flüchtling Wael.

Die Lügenpresse-Schreier und selbsternannten „Asylkritiker" glauben nämlich zu wissen, was Frauen, die sich um Flüchtlinge kümmern, eigentlich wollen: Sex. Ernsthaft, Menschen? In nicht nur einem Kommentar wird unter Elke Lichteneggers Posting darüber gemutmaßt, warum sie „ausgerechnet einen Mann" aufgenommen hat und dass da „mehr dahinterstecken" muss. Das ist eine ziemlich bestechende Logik; immerhin gibt es auf der Welt ja nicht so viele Männer, da muss es schon signifikant sein, wenn ausgerechnet einem solchen ein Bett und eine Unterkunft geboten wird.

Der nächste User will ihr erklären, dass sie doch gar nicht so schlecht ausschaue und sich keinen Flüchtling fürs Bett holen müsse. Und natürlich hat sie ihn auch nur „ausgewählt", weil er hübsch ist, und der nächste fragt, ob der Bursche in Naturalien für seine neue Unterkunft bezahlt. Äußern wollte sich Elke Lichtenegger zu den sexistischen und untergriffigen Kommentaren nicht, denn für sie soll die gute Sache im Vordergrund stehen.

Auch die 23-jährige Teresa aus Salzburg wurde mit solchen Kommentaren überhäuft, als in einem KURIER-Artikel öffentlich bekannt wurde, dass sie 30 syrische Männer im leerstehenden Gasthaus ihrer Eltern untergebracht hat. „Sie ist so geil auf Flüchtlinge" und „Asylantenmatratze" stand unter einem Posting des Artikels auf Facebook—öffentlich gemacht wurden die Kommentare von Heimat ohne Hass.

Dass Frauen, die sich für Flüchtlinge engagieren, mit solchen Unterstellungen leben müssen, wundert mich bei der aktuellen Lage und Stammtischstimmung leider nur noch wenig—was an sich schon ein Armutszeugnis für das selbsternannte „Volk" Österreichs ist (ein Prädikat, das die „Wir sind das Volk"-Schreier zum Glück nicht verdient haben und das angesichts ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit auch einfach nur falsch wäre). Sind wir wirklich so gierig und voller Angst vor dem berüchtigten „Fremden", dass wir nicht mal einem einzigen Flüchtling aus Syrien gönnen können, dass er von einer Frau aufgenommen wird, die ihm gerne etwas von ihrem Überfluss, in dem wir hier in Österreich nun mal leben, abgibt?

Natürlich versteht die „Ich bin ja kein Nazi, aber ..."-Fraktion nicht, warum jemand selbstlos einen Flüchtling aufnehmen sollte. Oder warum Flüchtlinge keine ungepflegten, hässlichen, dreckigen Menschen sind, sondern im Fall von Wael gut aussehen. Oder warum jemand einfach nur selbstlos handeln sollte, ohne persönlich etwas davon zu haben. Egal, ob dieses Etwas Sex, Geld oder gute PR ist. Das Wort „Nächstenliebe" kennen die Menschen, die solche Dinge posten, nur von den FPÖ-Plakaten vom Nationalratswahlkampf 2013. Den Slogan „Liebe deinen Nächsten—für mich sind das unsere Österreicher." haben sie dabei wohl ein bisschen zu ernst genommen. Andererseits zeigt es auch, dass derartige Menschen nun mal nur in Slogans und Plakatsprüchen denken können.

Verena auf Twitter: @verenabgnr