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So fühlt es sich an, wegen Schlafmangels zu halluzinieren

Wir haben uns mit der Wissenschaft dahinter befasst.

von Edward Richards
03 Juli 2015, 4:00am

Da der US-Senat vor Kurzem diverse nach dem 11. September angewandte Folter-Verhörmethoden offiziell verboten hat, habe ich mich ein wenig mit dem Thema Schlafentzug beschäftigt. In einem letztens freigegeben Regierungsdokument heißt es, dass mindestens fünf Häftlinge während längerer Schlafentzugsperioden an Halluzinationen litten. Da stellte ich mir die Frage, wie sich diese Wachalbträume anfühlen und warum sie—von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet—überhaupt auftreten, wenn man lange Zeit nicht schläft. Um das herauszufinden, habe ich mich mit Danny Eckert, einem Associate Professor an der University of South Wales, in Verbindung gesetzt. Professor Eckert hat sich auf das Gebiet der Neurowissenschaften und des Schlafs spezialisiert und erklärte mir die ganze Sache folgendermaßen: „Wir müssen schlafen, weil bei der Zellatmung im Laufe des Tages Abfallstoffe abgesondert werden." Es wird zwar noch darüber gestritten, welche dieser Abfallstoffe genau für unsere Müdigkeit verantwortlich sind, aber beim sogenannten Adenosin ist man sich einig. „Wenn man wach bleibt, bildet sich im Gehirn immer mehr Adenosin", erzählte mir Professor Eckert. „Und zu viel davon kann Halluzinationen verursachen."

Wenn du im Biologieunterricht gut aufgepasst hast, dann erinnerst du dich vielleicht noch daran, dass es sich bei der Zellatmung um den Vorgang handelt, bei dem Glukose in Adenosintriphosphat (ATP) verwandelt wird—welches dann vom Körper als Treibstoff verwendet wird. Richtig interessant ist allerdings folgende Tatsache: Adenosin, also das molekulare Rückgrat des ATPs, lässt uns einschlafen. Als man Labortieren Adenosin injizierte, haben sie tatsächlich fast sofort das Bewusstsein verloren, und Stimulantia wie Kaffee blockieren einfach nur die Wege zu den Adenosin-Rezeptoren.

Trotz alledem gibt es aber auch viele Wissenschaftler, die in Bezug auf Adenosin und Halluzinationen anderer Meinung sind. Dr. Sean P. A. Drummond, ein Neurowissenschaftler der Monash University, geht zum Beispiel fest davon aus, dass alles von den genetischen Voraussetzungen abhängig ist. „Wenn jemand anfällig für Psychosen ist, dann kann Schlafentzug unter Umständen zu einer Verstärkung der psychotischen Symptome führen", meinte er. „Bei allen anderen Personen ist das allerdings schlicht und einfach nicht der Fall."

Jess Vlaanderen am fünften Tag ihres Experiments

Jess Vlaanderen ist eine Neuseeländerin, die mit längeren Zeitperioden ohne Schlaf herumexperimentiert. 2012 hat sie damit angefangen, sich über luzide Träume zu informieren und die Videos des YouTube-Traum-Enthusiasten Giz Edwards anzuschauen. Seine Erörterungen in Bezug auf den Zusammenhang von Schlaf und Halluzinationen haben Jess dazu inspiriert, sich fast 110 Stunden (also gut viereinhalb Tage) lang wach zu halten und dabei eine Reihe von YouTube-Videos hochzuladen.

Laut Jess diente dieses Experiment vor allem dazu, ihre eigene Willenskraft zu testen sowie herauszufinden, ob Halluzinationen ohne den Konsum von Drogen möglich sind. Ja, das sind sie. „Einige der Dinge, die ich gesehen habe, erinnerten mich an einen Ayahuasca-Trip. Ich hatte das Gefühl, direkt vor mir ein buntes und komplexes Universum zu haben, obwohl ich mich im Wachzustand befand. Das war total surreal."

„Ich kam mir vor wie in einem Cartoon. Personen und Dinge nahmen richtig skurrile Züge an."

Jess erzählte mir auch, dass sie einen sogenannten fokalen Anfall erlitten hat—so etwas wird normalerweise mit Epilepsie in Verbindung gebracht. Die US National Library of Medicine listet dafür folgende Symptome auf: starrer Blick (manchmal in Verbindung mit sich wiederholenden Bewegungen wie Klamottenzupfen oder Lippenlecken), Muskelkontraktion und Gedächtnisverlust. Jess erinnert sich tatsächlich nicht an den Anfall, aber ein Freund berichtete ihr danach davon. „Anscheinend schüttelte ich meinen Kopf hin und her und redete gleichzeitig mit meinem Kumpel. Danach konnte ich einfach nicht damit aufhören, wie wild zu kichern."

Als ich Jess darum bat, ihre Erfahrung in einem Satz zusammenzufassen, meinte sie, dass der ständige Schlafdrang zwar extrem belastend war, ihre Wahrnehmungen ihr aber dennoch viel Freude bereiteten. „Am einfachsten waren noch die ersten 24 Stunden. Danach wurde es immer schwerer", erzählte sie mir. „Ich kam mir vor wie in einem Cartoon. Personen und Dinge nahmen richtig skurrile Züge an und ich halluzinierte. Autos schwebten, Schatten hingen in den Bäumen und auf der Straße kamen mir Zombies entgegen. Ich hatte das Gefühl, die Wolken steuern zu können, da sie sich zu verändern und zu mutieren schienen. Im Supermarkt verfolgten mich die Waren aus den Regalen. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass diese Regale alle schräg standen und kurz vorm Umfallen waren."

Jess meinte, dass sie sich wegen langwieriger Risiken keine Sorgen machen würde, sich dieser aber schon bewusst sei. Professor Nicholas Antic, der Präsident der Australian Sleep Association, sagte zu mir, dass Schlafmangel „auf jeden Fall gefährlich sein kann." Laut ihm „werden beim Schlafen Abfallstoffe des Gehirns durch das Lymphsystem abgeführt. Es birgt gewisse Risiken, wenn sich diese Stoffe anstauen."


Zwar wissen wir alle, wie sich Schlafmangel auf unseren Gesundheitszustand auswirkt, aber die meisten von uns würden diese Folgen dennoch niemals als tödlich bezeichnen. 2014 starben jedoch drei eingefleischte chinesische Fußballfans, weil sie für die Weltmeisterschaft mehrere Tage lang wach geblieben waren. Bei einem der drei Toten verursachte der Schlafmangel schließlich eine Hirnblutung, die zu einem Schlaganfall führte.

In einem wissenschaftlichen Kontext wurde ein tödlicher Fall von Schlafmangel zum ersten Mal von der russischen Ärztin und Wissenschaftlerin Marie de Manaceine dokumentiert. 1894 untersuchte sie an Schlafentzug leidende Welpen und fand dabei heraus, dass sie nach mehreren Tagen komplett ohne Schlaf einfach starben.

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Trotz aller negativen Seiten kann Jess ihre Erfahrung nur weiterempfehlen. Sie hat dabei laut eigener Aussage nämlich eine Menge über sich selbst und ihre Willenskraft gelernt. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich es wirklich schaffe, 110 Stunden lang wach zu bleiben", meinte sie. „Und mit jeder weiteren Halluzination wurde ich mit meiner Spiritualität immer vertrauter. So lange dir ein guter Freund zur Seite steht, der im Notfall eingreifen kann, sollte das alles kein wirkliches Risiko darstellen."

Das Problem ist nur, dass das Wachbleiben manchmal gar nicht so einfach ist—und außerdem gibt es doch viel schnellere Möglichkeiten, high zu werden.