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Die Schweiz ist das ideale Land für die Revolution!

Volker Lösch inszeniert am Theater Basel „Biedermann & die Brandstifter". Wir haben mit dem Theater-Guerillero über die Schweiz als Revolutionsschauplatz gesprochen.
Alle Illustrationen von Giovanna Bolliger

Volker Lösch schrieb nach der Abstimmung vom 9. Februar im Tagesanzeiger gegen das fehlende Engagement der Linken an. Die Zeitung Der Bund setzte ihn danach im Ranking der dümmsten Kommentatoren der Abstimmung direkt hinter Blocher.

Als Guerilla-Regisseur in den Stadttheatern von Europa und Lateinamerika quält er jede Location mit lokalen Tabuthemen: In Montevideo? Folter während der Militärdiktatur! In Berlin? Mal Prostituierte, mal Schwerverbrecher auf der Bühne.In Stuttgart liess er einen Daimler-Chef den Mafiaboss spielen. Einen Vorgeschmack auf „Biedermann & die Brandstifter" in Basel bieten die Illustrationen dieses Interviews. Ob man Volkers gebellten Satz-Stakkato live erlebt oder seine Stücke schaut: Lösch ist brachial.

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VICE: Warum wolltest du den Schweizern nach der Abstimmung vom 9. Februar die Meinung geigen?
Volker Lösch: Wollte ich doch gar nicht. Den Brief habe ich geschrieben, weil mich das Ganze hier empört. Weil mich das ankotzt. Weil mich das vor 20 Jahren, als ich hier gelebt habe, schon angekotzt hat. Das ist der Punkt. So ein Déjà vu-Gefühl.

Aber war das nicht Kalkül? Gratis-Werbung für deine Theaterproduktion?
Kalkuliert…insofern dass es dazugehört, sich in öffentliche Diskurse einzumischen. Das ist mein Beruf. Das ist Teil meines Berufs. Ich trenne diese Bereiche nicht - Politik und Theater. Das ist vielleicht der Unterschied zu vielen anderen Künstlern. Ausserdem meine ich die Fragen an die Schweizer Linken ernst, ne? Ich meine jede Frage ernst.

Das glaub ich dir.
Nicht, dass da ein Organisationsbüro wäre, das Skandale timt und meint, wir müssten jetztmal wieder so richtig auf die Kacke hauen. Könnte man ja so machen, das wäre vielleicht der nächste Schritt.

Das wär vielleicht ein Job für mich.
Unbedingt. Du wärst der erste, den ich engagieren würde, als Leiter der Abteilung Tabubrüche.

Foto von Judith Schlosser

Warum hast du denn nur gegen die 49,7%, die dagegen waren, geschossen?
Weil der Linken hier die Lust fehlt zu polemisieren, zuzuspitzen, anzugreifen, Bambule zu machen. Ich versteh nicht, dass man nicht anders dagegen hält. Na gut, ich bin wahrscheinlich kein Pazifist. Aber wenn man derart obszön und verächtlich angegriffen wird, muss man den Kampf aufnehmen, es geht doch um was! Ich habe das Gefühl, die sogenannten Linken in der Schweiz haben gar nichts zu verteidigen, sonst würden sie etwas riskieren. Sich aus dem Fenster lehnen, sich verhalten, positionieren, und dann natürlich auch Fehler machen. Die SVP macht doch die ganze Zeit Fehler! Aber es gibt keinen nennenswerten Widerstand dagegen. Man lässt die sich einfach ausbreiten.

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Würde die Mehrheit in Deutschland nicht gleich abstimmen?
Natürlich würde sie das! Aber dennoch ist das ein anderes Pflaster hier. Als ich vor zwanzig Jahren in Bern bei einem Schweizer Holocaustleugner war, der mir vor laufender Kamera, mit einem Tagesanzeiger-Journalisten an der Seite, anhand von Plänen erklärt hat, dass es keine Gaskammern in Auschwitz gab, da dachte ich: Wow! Hier gibt`s eine völlig unbelastete und naive Haltung zu Geschichte.

Nazis gibt es in Deutschland doch auch.
Mehr als in der Schweiz! Aber so etwas wie eine Faschismus-Erfahrung gibt`s hier nicht. Deutsche Nazis leugnen die Vernichtung der Juden nicht öffentlich, da sie wissen, dafür empfindlich bestraft zu werden. Somit halten sie wenigstens das Maul. In Deutschland sind Begriffe wie "Masseneinwanderung" oder "Überbevölkerung" negativ konnotiert - zumindest bei meiner Generation - die meisten unserer Großväter waren Nazis. Hier wird so getan, als wenn das ganz normal wäre, ausländische Mitbürger mit derlei Begrifflichkeiten in Verbindung zu bringen. Du kannst jetzt natürlich den Schweizern nicht 'ne faschistische Erfahrung wünschen. Ist doch Quatsch. Aber mehr Empörung gegen diese dümmlichen Kampagnen täte schon gut.

Foto von Judith Schlosser

Und wieso stemmt sich die linke Jugend nicht dagegen?
Ich hab das Gefühl, dass ihr Jungen viel Angst habt. Angst davor, in der Berufswelt nicht mehr vorzukommen, nicht mal knapp durch den Monat zu kommen, kein geregeltes Leben wie eure Eltern führen zu können. Trotz der 15 Auslandsaufenthalten, 28 Hospitanzen, 5000 Praktika, der drei Berufsausbildungen und fünf Sprachen: Es öffnet sich keine Welt mehr, kein schöner und dauerhafter Arbeitsplatz in Sicht. Und dann sucht ihr die Gründe dafür auch noch bei euch selber. Das ist der mieseste und traurigste Erfolg des nun schon 30 Jahre lang währenden Neoliberalismus: Alles Versagen wird als Selbstversagen wahrgenommen. Systeme werden kaum mehr in Frage gestellt. Mit euch Jungen ist also keine Revolution zu machen. Man muss da eher auf die Altersradikalen setzen.

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Gibt es Altersradikalität wirklich?
Als wir vor 8 Jahren gesagt haben, "wir ziehen nach Stuttgart", kamen sofort Beileidsbekundungen von allen Seiten: „Ins biedere Schwabenland—seid ihr krank oder was?" Und auf einmal wird Stuttgart so etwas wie die Stadt des Widerstandes in Deutschland. Da kommen im Kampf gegen das Immobilienprojekt "Stuttgart21" protestierende Rentner, ehemalige CDU-Wähler und BWL-Studenten, die alle vorher noch nie auf einer Demonstration waren, seit 4 Jahren regelmäßig zu Montagsdemos zusammen. Zurzeit hauptsächlich Ältere ! Da habe ich schon vor 100 000 Leuten geredet, linke Grundsatzreden über Aristoteles und zivilen Ungehorsam gehalten, und viele konservative Leute haben zugehört, sich motivieren lassen und sind weiter auf die Strasse gegangen.

Foto von Judith Schlosser

Aber gibt es in der Schweiz tatsächlich Empörung?
Klar, das ist nur mein dummer und naiver Wunsch für die Schweiz. Aber theoretisch wäre es möglich: Weil das Geld ist da. Weil die Leute hier in der Regel sehr gebildet sind. Wenn ich es mir recht überlege, sind die Bedingungen für eine Revolution nirgends so ideal wie in der Schweiz. Es gibt kaum existenzielle Ängste, der Kopf ist frei, viele haben viel Zeit zur Verfügung. Für den Anfang würden ja kleine Revolutionen völlig ausreichen: Die richtigen Fragen stellen. Eine aufgeklärte Mehrheit, die sich hinstellt und sagt: „Ob jetzt hier acht Millionen oder zehn Millionen leben, das ist doch scheissegal! Wir haben auf 300 Schweizern einen Asylbewerber - warum können auf 300 Schweizer nicht zwei Asylbewerber kommen? Oder drei oder vier? Im reichsten Land der Welt ?"

„Biedermann& die Brandstifter": Theater Basel, Premiere am 27. Februar. Weitere Aufführungen: 2.3./ 3.3./6.3./16.3./21.3./23.3/28.3.