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Sex

Ich liebe Männer, weil ich mich selbst hasse

Die typische Odyssee einer Frau: schlechte Partner, Magersucht und Unbehagen in Gegenwart von Männern.

von Megan Koester
21 Februar 2015, 5:00am
Ich liebe Männer nicht. In Wirklichkeit liebe ich die Vorstellung von Männern. Und ihre Aufmerksamkeit. Es ist schön, begehrt zu werden, gebraucht zu werden, gewollt zu werden; dies sind die Selbstbewusstseinschübe, die mir nur Männer geben können. Auch wenn ich gegen die Reize des schöneren Geschlechts definitiv nicht immun bin, bei Frauen fehlt die Ego lindernde, lebensspendende Bestätigung, von der ich das Gefühl habe, dass nur der „male gaze" sie mir geben kann. (Das ist wahrscheinlich das Resultat von Jahrzehnten der heteronormativen Programmierung, die mir das Fernsehen, a.k.a. meine echte Mama, aufgezwängt hat.) Und deswegen schätzt der instinktive Teil meines Hirns Mädels nicht so hoch wie ihre chromosomschwachen Gegenstücke.

Ich gebe mir Mühe, männliche Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen—selbst wenn es bescheuert ist, selbst wenn es sinnlos ist, selbst wenn sie schon vergeben sind, selbst wenn sie furchtbar sind. Die jeweiligen Umstände und der Grund für ihre Aufmerksamkeit sind unwichtig. Aufmerksamkeit ist alles, was ich will, so lange sie von einer halbwegs verlässlichen Quelle kommt. Während ein x-beliebiges, mundatmendes Arschloch auf der Straße, das mich „Baby" nennt, meine Wut auf sich zieht, renne ich wie ein Hund zu seinem Herrchen, wenn ein Mann, den ich respektiere (oder mindestens ein klein wenig toleriere), auch nur einen Hauch von Interesse an mir zeigt. Ich sehe den Pawlowschen Penis und fange an zu sabbern.

Wenn du eine Frau bist, dann wird dir auf diversen Kanälen mitgeteilt, dass Sex eine der wenigen Arten der Macht ist, die du besitzt. Dies wird dir von Leuten mitgeteilt, die deine besten Interessen im Sinn haben; es wird dir auch von Leuten mitgeteilt, bei denen das nicht der Fall ist. Als ich mich in einer Beziehung wiederfand, in der ich missbraucht wurde, kam das daher, dass der Mann, mit dem ich zusammen war, einen Groll gegen mich hegte, weil ich ihn betrogen und damit meine sexuelle Macht gegen ihn verwendet hatte—dieser Akt, dieser schwere Schlag gegen seine Männlichkeit, war seiner Meinung nach unverzeihlich. Er verlieh seiner Wut auf mich auf die einzige Art, die er kannte, Ausdruck: indem er seine Maskulinität in Form von körperlichem Missbrauch geltend machte (so erklärte er es mir jedenfalls). Zur damaligen Zeit ergab die Logik, mit der er mir sein Verhalten erklärte, für mich Sinn. Zwar gebe ich mir selbst inzwischen nicht mehr komplett die Schuld an dem, was passiert ist, doch seine Argumentation scheint mir, zu einem gewissen Grad, einen wahren Kern zu haben. Wir tun alle das, wozu wir programmiert worden sind—und es mag zwar immer theoretisch möglich sein, das neueste, fehlerbereinigte Update unserer Software downzuloaden, aber manche wollen oder können das nicht.

Ich trug in meinen Entwicklungsjahren kein Make-up—meine Mutter brachte mir nie bei, wie man es aufträgt, vermutlich weil ich sie nie darum bat. Make-up, so dachte ich, war für hirnlose Cheerleader und zukünftige Mütter. Es war nichts für mich. OK, hin und wieder schmierte ich mir roten Lippenstift auf den geübten Schmollmund, aber nur, weil Courtney Love das tat. Im täglichen Leben war ich au naturel.

Dreizehn Kilogramm schwerer und mit meinen eigenen feministisch inspirierten Ansichten, die es unter Beweis zu stellen galt, zeigte ich mich der Welt mit all meinen Makeln. Es stellte sich allerdings heraus, dass die breite Öffentlichkeit sich nicht sonderlich für meine Makel interessierte. Kaufhausangestellte ignorierten mich; die guten, anständigen Leute der Welt weigerten sich, in meine Richtung zu blicken, um nicht versehentlich einen Einblick in das Aussehen unbehandelter Akne zu bekommen. Als mich dann irgendwann das Schauspielfieber packte und ich anfing, mich im Schminken zu versuchen, erhielt ich meine Lizenz zum Menschsein. Ich wurde zu einer Person, einer Frau, die Aufmerksamkeit verdient hat. Ich trage jetzt täglich Make-up. Ich trage es sogar jetzt in diesem Augenblick, dabei habe ich heute weder meine Wohnung verlassen noch habe ich es vor. Es ist zur Routine geworden.

Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich zum ersten Mal meine riesigen, widerspenstigen Augenbrauen manikürte. Ich hatte dafür eine andere Frau angeheuert, eine Professionelle, denn ich traute mir nicht zu, es selbst zu tun. „Machst du das zum ersten Mal, Süße?", fragte sie freundlich. Ich bestätigte dies. „Wie schön für dich", sagte sie in breitem Südstaatendialekt, bevor sie sich an die beschwerliche Aufgabe machte, meine raupenartigen Brauen abzutragen, bis sie schmale, attraktive Bögen waren.

Ich ging nach Hause, positionierte mich wie eine Statue auf einem Podest und wartete angespannt auf meinen damaligen Freund. Er hatte in der letzten Zeit abfällige Bemerkungen über mein Aussehen gemacht; ich hoffte, die Verbesserung des besagten Aussehens würde ihn dazu bringen, mich zu begehren, mich zu lieben, aufzuhören, über mich zu urteilen. Stunden vergingen bis er beiläufig fragte: „Hast du irgendwas geändert?"

Das war nicht einfach nur ein Haarschnitt. Es war eine gezielte, drastische Änderung meines Gesichts. Ich habe mediterrane Gene—meine natürlichen Augenbrauen sind dunkel, voll und unentrinnbar. Die weitflächige Rodung, der man sie unterzogen hatte (und die ich bis heute aufrechterhalte), war so offensichtlich wie eine Nasen-OP. Meine Veränderungen, so entschied ich, waren nicht drastisch genug gewesen. Ich musste wieder von vorn anfangen.

Ich wurde aus demselben Grund magersüchtig wie die meisten anderen Frauen, nämlich weil ich das Gefühl hatte, dass es das einzige war, bei dem ich in meinem Leben so etwas wie Kontrolle ausüben konnte. Ich wollte einfach, dass die Welt an der Oberfläche sieht, wie unglücklich ich innerlich war. Jede Bestärkung dessen war ein Sieg. Ich weiß noch, als mein Ex und ich wegen Hurricane Katrina aus New Orleans evakuiert wurden. Wir holten unsere EC-Karten voll mit Hilfsgeldern vom Roten Kreuz ab und fuhren sofort zur Mall of America, wo er ein Slayer-Shirt kaufte und ich eine Freizeithose Größe 00. Zwei Nullen! Na, das war doch nichts anderes als das vollständige Fehlen einer Größe. Hisst die Fahne, meine Mission war erfüllt: Mit Größe 00 existierte ich doch so gesehen fast gar nicht mehr.

Die Großmutter meiner nächsten Eroberung bemerkte, als wir uns kennenlernten: „Von ihr gibt's aber nicht viel, was?" Ich fasste das als Kompliment auf. Besagte Eroberung (mein Ex-Mann) sagte mir damals ständig, er habe Angst, er könnte mich beim Ficken zerbrechen. Auch das fasste ich als Kompliment auf.

Der Freund danach liebte mich zweifellos, aber ich hatte immer das Gefühl, er hätte besser lieben können. Als wir zusammenkamen, war ich noch magersüchtig—die Zeit verging und ich fing an, wieder zuzunehmen und mehr wie ein Mensch auszusehen, als ich es seit Jahren getan hatten. Aber es ist schwierig, als Frau, 10 Kilogramm zuzunehmen und sich immer noch so zu fühlen, als habe man das Wahlrecht verdient. Ich sah mir Bilder von mir auf diversen Social-Media-Seiten voller Ekel an, hörte zu, wenn er sagte, ich sei immer noch schön, aber ich weigerte mich, es zu glauben. Anders als die anderen Herren, an die ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, war er kein totales Stück Scheiße. Ich fand es fast unmöglich, seine Unterstützung meiner nicht völlig verfremdeten Person anzunehmen.

Wir trennten uns; ich nahm ab. Die Leute sagten mir, ich sähe großartig aus, besser denn je. „Danke", antwortete ich dann immer. „Ich habe getrauert." Es war ironisch, dass ich—zumindest in meiner eigenen Sicht— begehrenswerter geworden war, als ich komplett alleine war. Meine Verwirrung wurde noch dadurch verstärkt, dass der eine Typ, auf den ich stand, der einzige, mit dem nach der Trennung etwas auch nur ansatzweise Romantisches lief, mich genug respektierte, um mich wie einen Menschen zu behandeln. OK, wir haben rumgemacht, während im Hintergrund Gameshows liefen, aber er versuchte nicht einmal, mich zu ficken. Ich meine, er hat sogar ein paar Mal gebraucht, bis er überhaupt den Mumm aufbrachte, meine Titten anzufassen! Was für eine Pussy nimmt es nicht mal auf sich, einer Frau Missbehagen zu bereiten? Dachte ich.

Trotz allem fühle ich mich in der Gegenwart von Männern nicht wohl, wenn sie nicht dafür sorgen, dass ich mich unwohl fühle. Klar, alte Gewohnheiten wird man so schnell nicht los. Ich warte bloß noch auf die Veröffentlichung des neuen Betriebssystems.