Wie sehr ruiniert Facebook deine Seele?

Gilbert arbeitet in der Werbung, hat eine teure Wohnung, kann sich Essen in den teuersten Restaurants der Stadt leisten und hat trotzdem ein Problem: Seine Selbstdarstellung auf Facebook.

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09 März 2015, 4:00pm

Foto von iStock via #UnfinishedBusiness

Wieso ich das hier schreibe? Ich glaube, ich möchte eine Beichte ablegen. Und ich möchte irgendwie auch hören, dass ich nicht allein bin. Denn für uns gibt es keine Selbsthilfegruppe, keinen antihierarchischen Stuhlkreis, nicht einmal eine teure psychoanalytische, medikamentengestützte Therapie.

Vielleicht erst einmal ein paar Worte zu mir. Ich heiße „Gilbert" (nein, tue ich natürlich nicht, aber wie cool wäre das?) und bin einer dieser gutaussehenden Endzwanziger/Anfangdreißiger, die einen Job haben, von dem viele träumen (ich mache Werbung).

Auch wenn ich den großen Werbebranchen-Hype der 80er verpasst habe, kann ich mir von meinem Gehalt trotzdem locker eine Wohnung in einem schicken Wiener Innenstadtbezirk, endloses Essen und Saufen an Orten, die du nur auf Facebook liken kannst, sowie hin und wieder eine Portion Drogen leisten. Ich habe zwar keine Freundin, dafür aber hübsche Zufallsbekanntschaften, werde zu reihenweise coolen Events eingeladen und habe einen großen, gut funktionierenden Freundeskreis.

Man würde also denken, ich habe alles. Das mag augenscheinlich auch stimmen—das einzige, das mir fehlt, ist, etwas zu verlieren. Und da das Leben nun einmal natürliche Mängel mitbringt, die auf dem Lieferschein bei meiner Geburt nicht vermerkt waren, habe auch ich ein Laster, eine Obsession, die meine Tage zur Hölle macht und mir schlaflose Nächte bereitet. Welche das ist? Ich bin gefangen im Fegefeuer der Eitelkeiten, besessen von meinem Image nach außen und von einer Person, die ich wahrscheinlich gar nicht mehr bin. Aber sagt nicht schließlich der Post-Strukturalismus, dass Worte Realität gestalteten? Merkt euch den Satz—ich komme später noch darauf zurück. Ausleben tue ich diese Besessenheit online. Der Grund dafür ist eigentlich selbsterklärend—wo sonst könnte ich, ohne berühmt zu sein, über 900 Leuten erzählen, wie großartig ich bin?

Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten, und ich habe mir die Zeit genommen, das einmal für euch—und in gewisser Weise auch für mich—aufzuzwiebeln. Denn wie gesagt: Ich möchte eigentlich nur hören, dass ich nicht alleine bin.

Phase 1: Die Kennenlernphase

Die Anfangszeit liegt bei mir, wie bei den meisten von euch, wahrscheinlich einige Jahre zurück. 2008 oder so habe ich mich von StudiVZ auf Facebook umgemeldet, von wegen internationale Freundschaften halten und bla. Damals war auch alles noch ganz entspannt, man hatte seine 150 Freunde, die man mehr oder weniger kannte, und jeder Eintrag war mehr kommunikatives „trial and error" als tatsächlich geplante Selbstdarstellung. Ich habe eben ganz unschuldig von mir gegeben, was „Gilbert" gerade so macht, ob er isst, für die Uni lernt oder seinen Sommerjob hasst (denn ja, damals schrieb man noch in dritter Person von sich).

Phase 2: Die Patrick-Bateman-Phase

Ich habe diese Phase ganz bewusst nach einer Figur aus American Psycho benannt. Patrick ist weniger eine Person als einfach nur mehr eine Entität—Status und Außenwirkung sind für ihn alles. Das war bei mir nicht unähnlich. Aus 150 sind 500 Freunde geworden, man beginnt mit der Kreation des idealen Selbst, allerdings noch ohne jede ironische Brechung. Die Unschuld ist verloren, allerdings hat man noch nicht das Gefühl, ein Problem zu haben. Man möchte eben nur zeigen, was man hat, Statusupdates sind „,Gilbert' isst Austern mit Weißwein".

Phase 3: Die post-strukturalistische Phase

Hier sind wir an dem Punkt, den ich oben schon angedeutet habe: Facebook ist zur Realität geworden, jedes Like wird analysiert—vor allem dann, wenn es ausbleibt. Man beginnt zu glauben, man sei WIRKLICH der tolle Hengst, als der man sich darstellt. Statusupdates werden zunehmend komplexer, es geht nicht mehr nur darum, ein Image zu kreieren, sondern eine soziale Wirklichkeit. Es gilt, in jedem Posting so viel Persönlichkeit (oder was man eben dafür hält) zu transportieren, und wehe jemand kommt auf die Idee, an dieser Selbstdarstellung zu kratzen. Kritik wird nicht mehr hingenommen oder elegant gekontert, sondern geht mit einem Blutschwall in den Kopf und mit dem sofortigen Löschen einher.

Phase 4: Die Selbstlöschphase

In dieser Phase befinde ich mich jetzt. Man wünscht sich, man könne das Monster, das man erschaffen hat, töten. Man möchte das Profil für immer löschen und endlich von der neurotischen Obsession wegkommen, die Facebook längst geworden ist. Das bekommt man aber natürlich nicht hin—immerhin spielt einem Facebook eine zweite, schönere Realität voll von exotischen Freunden und spannenden Geschichten vor. Man ist also hin- und hergerissen zwischen Hass auf Facebook und der Möglichkeit, sich einen Tag wie ein König und am nächsten wie ein Komplettversager zu fühlen, und dem daraus folgenden Wunsch, endlich Schluss zu machen, und bei dem warmen Gefühl, wenn wieder alles in Ordnung erscheint, 50 Likes kommen und man neue „Freunde" hinzufügt, anzukommen.

Die Katharsis

Das ist also meine Beichte. Ich bin ein Facebook-Narzisst, Selbstdarsteller—und irgendwie auch ein Sozialversager. Wenn ihr diesen Artikel bis hierher gelesen habt, denke ich, dass es euch nicht viel anders geht als mir oder ihr meine Lage zumindest nachempfinden könnt, weil ihr irgendwie wisst, dass etwas Wahres daran ist. Vielleicht wartet ihr wie jeder Süchtige, wie ich, auf die Katharsis und das wunderbare Ende des Schmerzes. Falls ja, muss ich euch enttäuschen—die gibt es nicht. Ihr seid freiwillig in diese Hölle gegangen, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Auf der Habenseite allerdings: Die Gesellschaft dort ist ganz OK, also genießt den Trip.


Titelbild von iStock via #UnfinishedBusiness

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