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Popkultur

Darum solltest du keine Internet-Bekanntschaft heiraten

Ich ging den Bund der Ehe ein, um eine Leere zu füllen, die mein Leben bestimmte. Diese Leere wurde dadurch jedoch nur noch größer.
9.1.15

Die Autorin und ihr Ex-Mann

Wir lernten uns in einem Internet-Forum kennen. Besagtes Forum existierte nur, um eine mehr oder weniger bekannte Band abzufeiern: Wir waren zwei von sechs Menschen, die es für nötig hielten, den digitalen Weiten regelmäßig unsere Vorliebe für Quasi mitzuteilen. Er hätte irgendjemand sein können, ja sogar guidedbyboognish. Das war eines der sechs Forenmitglieder. Aber nein, er war „mrraymondprice". Mrraymondprice war der User-Name meines zukünftigen Ex-Mannes.

Wenn du seinen Namen kennen und nach ihm suchen würdest, dann wäre das Ergebnis ernüchternd. Laut Internet existiert er nämlich nicht. Es scheint fast so, als hätte ich einen Geist geheiratet.

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Dabei war er dort auf jeden Fall aktiv, als wir noch zusammen waren. Er war der Moderator eines White Stripes-Forums, holte sich zu Pornos einen runter und hatte mit seinen Ex-Freundinnen Cybersex, während ich arbeiten war.

Ich ärgere mich darüber, dass ich nicht die Möglichkeit habe, ihn ganz normal voller Missgunst und mit Hilfe einer WLAN-Verbindung zu stalken. Als Autorin und Comedian genieße ich nicht den Luxus, einfach so verschwinden zu können. Warum ist er wie vom Erdboden verschluckt? Was hat er zu verbergen? Was denkt er, wie ich ihm Jahre nach unserer Trennung überhaupt Schaden zufügen könnte? Auf diese Fragen habe ich keine Antwort. Aber was weiß ich schon. Ich haben diesen Typen schließlich geheiratet.

Ich wünschte, ich könnte jetzt sagen, dass ich hier zum ersten Mal einen Beziehungspartner online getroffen hätte. Das entspräche jedoch nicht der Wahrheit. Und ich würde euch, liebe Leser, niemals anlügen. Bei mir selber sieht das allerdings anders aus—mich selbst habe ich schon oft angelogen. Deshalb war ich auch zwei Jahre lang mit ihm verheiratet.

Als wir uns im Internet kennenlernten, lebte ich bereits bei einer anderen Online-Bekanntschaft (auf ihn bin ich bei MySpace gestoßen). Ich war todunglücklich, hing im von Hurricane Katrina gezeichneten New Orleans fest und war mit einem Typen zusammen, den man locker als Soziopathen bezeichnen könnte—diesem Dilemma wollte ich so schnell wie möglich entkommen. Aber anstatt bei meinem Befreiungsschlag auf Selbstbeobachtung und—Gott bewahre!—richtiges Bemühen zu setzen, bin ich einfach zu meinem nächsten Partner übergewechselt, einem stark behaarten Australier mit Hautproblemen. Dieses Hin- und Herspringen gehörte zu meinem Erwachsenendasein einfach dazu.

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Selbstbeobachtung sollte sich als ziemlich schwer herausstellen, richtiges Bemühen sogar als noch schwerer. Aber weißt du, was ganz einfach geht? Sich „verlieben"! Wenn du nicht einsiehst, dass deine Definition vom Menschsein irgendwie kaputt ist, warum solltest du sie dann ändern wollen? Und schon war mein Umzug nach Australien in vollem Gange.

Wir lebten in einer übel riechenden Einzimmerwohnung in Sydney, die so klein war, dass du beim Pinkeln den Herd berühren konntest. Am Anfang der Beziehung war noch alles schön, wie man es eben gewohnt ist. Als die Gefühle abnahmen, änderte sich das schnell (auch das ist man gewohnt). Ich fand mich immer öfters weinend im Park nebenan wieder, begleitet von meinem Discman und Fiona Apple. In mir kam der Wunsch auf, auf der anderen Seite des Ozeans zu sein. Darin sah ich meinen einzigen Ausweg.

Mein Leben war bis dahin von Fehlern geprägt und ich hatte schon wieder einen gemacht. Ich war allein in einem Land, in dem man Frühstück „Brekkie" nennt. Meine einzigen Bezugspersonen waren mein Freund und seine jüngeren Schwestern (wirklich bezaubernde Mädchen, die in einer Rockband spielten, die nach einer Rassenunruhe benannt wurde). Außerhalb des Internets hatte er niemanden. Warum war das so? Ich hatte immerhin eine Ausrede: Ich war nicht in meinem Heimatland. Aber was konnte er sagen? Darüber dachte ich lieber nicht nach.

Während meines neunmonatigen Aufenthalts in Australien schickte mir meine Mutter einen Brief. Darin sagte sie mir, dass ich zu viele Fehler gemacht hätte, ich als Erwachsene zu sehr von ihr abhängig sei und—falls das wieder nur einer meiner zahllosen Fehltritte sein würde—ich nicht mehr einfach so nach Hause kommen und von Neuem anfangen könnte. Sie hatte von meiner nicht stattfindenden Entwicklung die Nase voll. Natürlich nahm ich diesen Brief als Ansporn und wollte ihr beweisen, dass die Zeiten meiner Fehler vorbei waren. Stur wie ich war, blieb ich bis zum Ende meines Visums weiter in Australien und mit meinem Freund zusammen.

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Danach zog ich nach Los Angeles. Dort wollte ich zwar schon mein ganzes Leben lang wohnen, aber habe es irgendwie immer wieder aufgeschoben. Allein in meinem zwischengemieteten Zimmer in West Hollywood fühlte ich mich wie neugeboren—ich war quasi wie ein Phoenix, der aus der Asche seiner Fehltritte aufstieg. Trotz meines Gefühls der Freiheit konnte ich den Brief meiner Mutter nicht vergessen. In dem Glauben, dass ich meiner Familie etwas beweisen müsste, habe ich in einem Anflug von Dummheit meinen baldigen Ex-Mann dazu eingeladen, in das bürgerliche Paradies der USA zu kommen.

Wir sind wieder in eine Einzimmerwohnung gezogen, in der wir die Schlafcouch sowohl zum Schlafen als auch zum Sitzen benutzten. In unserem überdeckten Innenhof, in den kein Sonnenlicht schien, konnten wir uns schon bald nicht mehr ausstehen. Als sein Visum ablief, hätte er nach Hause fliegen sollen. Stattdessen heiratete ich ihn. Ich konnte ja schließlich nicht zugeben, einen weiteren Fehler begangen zu haben. Außerdem gehörte mein Ehemann zur Koalition der Willigen. Ein Beamter der Immigrationsbehörde würde ihn sicher einfach nur anschauen, seine Hautfarbe sehen und ihn hier für den Rest seines Lebens ungestört leben lassen, oder?

Wir haben im Standesamt von Ventura geheiratet, weil eine meiner ganz wenigen Bekannten dort als Trauzeugin auftreten konnte. Der Standesbeamte war sichtlich nicht davon angetan, wie ich die Trauung auf die leichte Schulter nahm. Während des Vorlesens meiner abgedroschenen Zeilen hatte ich einen Lutscher im Mund und trug Cowboystiefel und eine Zopffrisur. Danach sind wir in ein mexikanisches Restaurant gegangen und haben fade Salsa gegessen, während über unseren Köpfen eine alte Roseanne-Folge lief. Auf die Vorspeise verzichtete ich, weil ich damals noch an einer Essstörung litt. Nach dem Essen ging es nach Hause, wo wir uns wahrscheinlich weiter stritten. Vielleicht hatten wir auch Sex, ich weiß es nicht mehr so genau. Falls dem so war, dann haben wir auf jeden Fall danach gestritten. An Flitterwochen war gar nicht zu denken.

Was folgte, war der spaßige Teil—genauer gesagt der endlose Papierkram und die Tausenden Dollar, die wir der US-Regierung in den Rachen warfen, weil sie ihn als einen amerikanischen Staatsbürger anerkennen sollte. Es stellte sich heraus, dass die Heirat eines Ausländer—egal, in welcher Beziehung sein Heimatland zu den USA steht—kein Zuckerschlecken ist. Das Ganze zog sich hin und stresste mich. Ich hasste jede Sekunde davon. Da er wegen seines Status nicht arbeiten durfte, lag es an mir, die Kohle ranzuschaffen. Ich schuftete in einer Videothek und häufte durch meinen Studentenkredit Schulden an. Ich konnte meiner Mutter und meiner Großmutter ja schließlich nicht erzählen, dass ich schon wieder gescheitert war!

Als er endlich seine Staatsbürgerschaft bekam und ich bis zum Hals in Schulden steckte, hatten wir unsere Beziehung bereits nochmals überdacht. Wir waren zwar noch drei weitere Jahre verheiratet, aber während dieses Zeitraums lebte ich woanders. Er machte keine Anstalten, sich bei mir zu melden oder unsere Beziehung wieder hinzubiegen. Wir sind über uns selbst hinweggekommen, aber da hatte er mich schon fünf Jahre meines Lebens gekostet. Ich war wieder mal allein. Meine Familie war jedoch überhaupt nicht sauer. Meine Verwandten sagten mir sogar, dass sie ihn von Anfang an nicht leiden konnten.

Zur Zeit lebt er irgendwo weit weg und ist mit einer Frau zusammen, mit der er sowohl online als auch im echten Leben Sex hatte—als wir noch ein Paar waren. Ich wohne zwar immer noch hier, aber ich frage mich nicht mehr länger, was schief gelaufen ist. Ich weiß ja, dass ich nie wieder etwas nochmals so gegen die Wand fahren werde.