Warum wir oft wegsehen, wenn jemand unsere Hilfe braucht

Wir starren auf unsere Handys, obwohl wir wissen, dass wir einschreiten sollten. Warum? Eine Anleitung zum Mutigsein.

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05 September 2016, 4:00am

Collage: VICE Media

Irgendwo, ganz tief vergraben unter den hintersten Gedanken, wissen wir, dass uns jederzeit etwas passieren kann. Der Großteil von uns richtet sein Leben nicht danach aus; wir wollen unseren Alltag eben nicht von der Angst dominieren lassen, beim Überqueren der Straße einen Schlaganfall zu bekommen, von einem Wahnsinnigen angegriffen zu werden oder auf der obersten Treppenstufe umzuknicken und unten bewusstlos liegen zu bleiben.

Wenn uns so etwas doch passieren sollte, könnten wir uns außerdem sicher selbst helfen—und in den Situationen, in den wir uns nicht selbst helfen könnten, würde bestimmt ein anderer helfen: Erste Hilfe leisten, den Angreifer zurechtweisen, die Polizei und den Krankenwagen rufen.

Aber oft hilft einfach niemand.

Die meisten von uns waren bisher in der privilegierten Lage, in einer solchen Situation eher die Person zu sein, die das Ganze als Außenstehender mitbekommt. Wir können entscheiden: Helfen wir oder helfen wir nicht.

David Urschler ist Psychologe und Zivilcourage-Trainer; er hat sich intensiv mit dem Verhalten von Menschen in Notsituationen beschäftigt. Laut Urschler stellen wir in solchen Situationen eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung an: "Nutzen sind zum Beispiel, die eigene Stimmung zu erhöhen, etwas für das Selbstbewusstsein zu tun, Dankbarkeit oder Anerkennung zu bekommen. Kosten können unter anderem mögliche Verletzungen, ein verpasster Termin oder ein Blamieren vor anderen Passanten sein", sagt Urschler. "Das passiert innerhalb weniger Millisekunden."

Je mehr Menschen um einen herumstehen, desto mehr sinkt die Hilfsbereitschaft. Stehe ich alleine daneben, wenn jemand vor mir stürzt und einen Schädelbasisbruch erleidet, liegt die Verantwortung zu 100 Prozent bei mir. Stehen neun andere Menschen um mich herum, liegt meine Verantwortung nur noch bei zehn Prozent. Viele haben Angst, öffentlich einzuschreiten. Der Gedanke: Vielleicht mache ich etwas falsch und das vor den Augen 15 weiterer Leute.

In der Wissenschaft hat das Phänomen einen eigenen Namen: Bystander-Effect. Die Scheu einzugreifen, verschwindet aber fast komplett, sobald die erste Person handelt. Wenn einer hilft, trauen sich auch andere.

Der Bystander-Effect kann sich in gefährlichen Situationen auch komplett umdrehen—dann nämlich, wenn die Kosten fürs Nichthelfen zu hoch sind. "Kosten für das Nichthelfen sind zum Beispiel, dass ich damit leben muss, nicht geholfen zu haben", so Urschler. "Teilweise geht es auch um juristische Kosten, wie zum Beispiel unterlassene Hilfeleistung. Der Effekt dreht sich dann so um, dass Leute eher bereit sind zu helfen, wenn andere dabei sind. Man kann außerdem Aufgaben verteilen. Einer ruft die Rettung, während der andere wiederbelebt." Meistens habe Zivilcourage erst einmal negative Auswirkungen.

Es ist wie auf dem Zehn-Meter-Turm im Schwimmbad: Spring ich oder spring ich nicht?

Maximilian "Bezirkowitsch" Zirkowitsch ist Zivilcourage-Trainer. Wenn er mit Jugendlichen arbeitet, vergleicht er die Situation, in der man vor der Entscheidung steht, einzugreifen oder nicht, immer mit einem Zehn-Meter-Turm im Schwimmbad: "Spring ich runter oder spring ich nicht? Es ist in beiden Fällen eine Überwindung. Ob du runterspringst oder ob du sagst: 'Ich will das nicht, das taugt mir nicht, ich geh wieder runter.' Das sind zwei verschiedene Arten der Überwindung. Die zehn Meter wieder runterzuklettern vor allen anderen, das ist ja auch schon fast wieder eine Leistung."

Urschler unterscheidet allgemein zwischen Zivilcourage und Hilfesituationen. Bei Zivilcourage gäbe es nicht nur fast immer direkte negative Konsequenzen; es sind meistens auch drei Personen oder mehr involviert. Zum Beispiel, wenn ein Mann eine Frau begrapscht und eine dritte Person eingreift.

Bei Hilfesituationen handelt es sich hingegen um Ereignisse zwischen zwei Personen: Jemand liegt bewusstlos am Boden, jemand hilft. Weist man einen Belästiger zurecht, wird er vermutlich erst einmal blöd reagieren. Unmittelbare Reaktionen seien bei Zivilcourage also meist negativ, längerfristig sehr wohl aber positiv. "Das ist ganz wichtig", betont Urschler. Die dritte Partei muss dabei nicht einmal anwesend sein: Wenn in einem Restaurant am Nachbartisch über Ausländer geschimpft, man sagt etwas. Auch das ist Zivilcourage. "Mir ist die Unterscheidung von Zivilcourage und Hilfesituationen im wissenschaftlichen Sinne sehr wichtig", so der Psychologe. "Aber in der realen Welt ist es eigentlich einfach nur wichtig, dass die Leute was unternehmen."

Wie wichtig ein Einschreiten ist, wird einem oft erst dann bewusst, wenn man einen persönlichen Bezug dazu hat: ob man einmal geholfen und Dankbarkeit zurückbekommen hat, selbst einmal Hilfe gebraucht hätte und niemand da war oder jemand aus dem Umfeld von einer Situation erzählt, in der geholfen wurde oder geholfen werden hätte sollen.

Ich habe schon selbst erlebt, wie es ist, wenn niemand hilft. Es hat mir ein wenig den Glauben an die Menschheit genommen. Es hat mir mehr Angst eingejagt als alles zuvor.

Anfang des Jahres hatte ich auf der Straße einen epileptischen Anfall, Menschen haben es gesehen. Niemand geholfen. Ein Mann hat neben mir gestanden, telefoniert und dabei zugesehen, wie ich versucht habe, aufzustehen. Ich habe es nicht geschafft. Und er blieb einfach daneben stehen.

Die ganze Zeit sah er zu und ich habe mich nicht getraut, ihm zu sagen, dass er mir helfen soll. Gerade wenn man Hilfe braucht, traut man sich oft nicht, darum zu bitten—damit würde man sie jemanden ja aufzuzwingen. Nach dem Vorfall habe ich mich tagelang davor gefürchtet, Treppen runterzugehen oder in einer U-Bahn-Station zu stehen—einfach weil ich dachte, ich könne mich nur auf mich selbst verlassen. Der Mann neben mir würde mir nicht aufhelfen, also dürfte ich erst gar nicht fallen.

Nach dem Vorfall war ich verschreckt, vorsichtig, habe mich hilflos gefühlt.

Bis dahin hatte ich immer das Gefühl gehabt, mir würde jemand helfen, wenn mir einmal etwas passierte. Nach dem Vorfall eine Zeit lang nicht mehr. Ich war verschreckt, vorsichtig, habe mich hilflos gefühlt.

Um Weihnachten 2014 wurde ein Fall bekannt, in dem ein Obdachloser stundenlang leblos in einem Lift in der Wiener U-Bahn-Station Volkstheater gelegen hat. Er war an einem Herzinfarkt gestorben, Menschen nutzten den Lift weiterhin, keiner kümmerte sich um den Mann.

Eine US-amerikanische Studie testete, wie Menschen in 23 verschiedenen Ländern auf drei verschiedene, spontane, nicht gefährliche Situationen im Alltag reagierten: einem Fußgänger, dem ein Stift zu Boden gefallen war, einer mit verletztem Bein, der versuchte, einen Stapel heruntergefallener Hefte vom Boden aufzuheben, und eine blinde Person, die versuchte, die Straße zu überqueren.

Laut der Studie gehörten zu den Ländern, in denen am ehesten geholfen wurde—Achtung, jetzt wird es heterogen und überraschend—Rio de Janeiro, San José, Lilongwe, Kalkutta und Wien. Die Städte, in denen am wenigsten geholfen wurde, sind genau so verschieden: Sofia, Amsterdam, Singapur, New York, Kuala Lumpur. Es gibt Unterschiede zwischen Ländern, aber eine einfache Antwort, welche kulturellen Unterschiede die Hilfsbereitschaft prägen, liefert die Studie nicht.

Helfen bedeutet, über den eigenen Schatten zu springen. Die eigene Comfort Zone zu verlassen; nicht weiter aufs Handy starren zu können, wenn man eigentlich schon längst mitbekommt, dass jemand Unterstützung braucht. Die eigene Angst in diesen Momenten zu verstehen und zu kontrollieren, kann man aber—und das ist das Schöne—lernen.

"In einem solchen Moment exponiere ich mich und mache mich angreifbar—und das ist natürlich peinlich", erklärt Maximilian Zirkowitsch. In seinem Training diskutiert er mit den Teilnehmern viel, dann werden Szenarien in Rollenspielen durchgespielt. "Wir machen auch Schreiübungen, die sind oft für Mädchen eine größere Überwindung, aber um das geht's ja auch, dass Frauen genau so laut sein sollen."

Viele hätten den Reflex, sich auf den Täter zu konzentrieren und ihn bestrafen zu wollen. Oft sei es aber wichtig, sich auf das Opfer zu konzentrieren, oder auf alle, die zusehen und nichts tun. "Vielleicht ist mein einziger Anspruch auch der, dass ich nicht will, dass das unwidersprochen stehen bleibt. Im Bus schimpft ein 80-Jähriger. Was soll ich dem noch groß beibringen? Aber ich kann allen anderen beibringen, dass so etwas nicht unwidersprochen im öffentlichen Raum stehen bleiben kann."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos

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