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Vice Blog

Der Mann, der den Tod der Sechziger filmte

7.9.10

Letzte Woche habe ich einen Artikel über The Message of Love geschrieben. Dieses Thema hat mich so berührt, dass ich den Regisseur Murray Lerner ausfindig gemacht habe und ihn um ein Interview bat. Dafür musste ich übrigens ziemlich lange über das Telefon seinen Schwanz lutschen. Aber nichts für ungut. Hier ist das Interview:

Vice: Hi Murray. Wie bist du an die Festivalveranstalter rangekommen um The Message to Love zu produzieren?

Murray Lerner: Sie kamen nach Amerika um ein paar Stars für das Festival zu buchen. Und sie hatten Schwein, denn sie haben Dylan bekommen. Und er hat das Festival berühmt gemacht. Der Mensch, der ihnen geholfen hat an Dylan ranzukommen war ein Typ namens Bert Block, der übrigens diesen zynischen Agenten im Film spielt. Er kannte mich und mochte meinen Film über das Newport Folk Festival. Also sagte ich: „Wie wär’s, wenn wir einen neuen Film produzieren?“ Ich bin nach England geflogen, um alles zu bereden. Und nach und nach kam ich meinem Ziel näher.

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Wolltest du schon immer einen Film produzieren, der bis zum Gehtnichtmehr das Geschäfts hinter den Kulissen zeigt?

Ich hatte die Idee, Spannungen aufzuzeigen, die zwischen dem kommerziellen und dem idealistischen Musikgeschäft herrschen. Ich habe alles zuerst aufgeschrieben und hatte den Beweis dafür. Die Szene habe ich schon bei meinem Newport Film beobachtet. Insbesondere wollte ich die Veränderung in der Musikbewegung aufzeigen, die in den 70ern stattgefunden hat. Seit den Sechzigern war alles voll von Doppeldeutigkeiten und Widersprüchen.

Also bin ich ein paar Wochen vor und nach dem Festival geblieben und habe versucht die Kultur der Kids und den Geist dieser Zeit festzuhalten. Hauptsächlich habe ich mich darauf konzentriert, was hinter den Kulissen abläuft. Ich stattete die Büros der Veranstalter mit Kameras aus und jedes Mal, als es eine Krise gab, riefen sie mich an und ich habe es aufgenommen. Die Veranstalter waren ein Teil davon, auch wenn sie es jetzt nicht gerne hören, aber damals mochten sie es. So haben wir faszinierende und tolle Kontraste des Musikgeschäfts und Spannungen bei der Festivalorganisation festgehalten.

Mochtest du den Film Woodstock?

Ich habe gehört, dass Woodstock schillernder war. Damit bin ich nicht einverstanden.

Würdest du sagen, dass dein Film die dunkle Seite zeigt?

Irgendwie schon. Weil er sehr realistisch ist. Die Realität ist kein Alptraum. Ich denke, wenn wir jedoch einen Traum haben, wird er schnell zu Ende gehen, wenn er unecht ist.

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Wenn ich auf die Sechziger zurückblicke, insbesondere auf the Message to Love, bin ich über den Zusammenhalt und das Gruppendenken der Kids sehr fasziniert.

Wenn solch eine große Menschengruppe wie diese zusammentrifft, entsteht eine ungeheuere Kraft, ein Gruppenzwang, vor allem, wenn alle versuchen sich ihrem Wunsch von Gefühlen anzupassen. Die Eintrittskosten für das Festival betrugen gerade mal 2,40 Pfund. Es war wirklich nicht viel Geld und ich bin mir sicher, dass viele Jugendliche es sich auch leisten konnten. Dennoch denke ich, dass es dem Zeitgeist darum ging, gemeinsam frei zu sein, das aufregende Gefühl zu erleben ein Teil der Massenbewegung zu sein. Viele Jugendliche sagten mir, dass sie genau deshalb zum Festival kamen, weil sie unter Gleichgesinnten sein wollten. Das habe ich in einem meiner Interviews festgehalten. Deshalb glaube ich, dass die Veranstalter die Kids missverstanden haben. Sie wussten nicht, wie man mit den Massen umgeht. Rikki Farr machte einen Fehler nach dem anderen.

Ich denke, Farr war einfach viel zu ernst.

Oh ja, er war einfach viel zu perplex, wie er mit der Situation umgehen soll. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob irgendjemand einen Weg finden hätte können, mit den Geschehnissen richtig umzugehen. Die Menge anzuschreien,ist mit Sicherheit nicht die richtige Lösung. Zu sagen: „ Wir haben unser Geld verloren. Gläubiger, es gibt nichts zu holen“, ist nicht unbedingt der optimale Weg. Er wusste einfach nicht, wie er das Ganze nennen sollte, also warf er das den Kids an den Kopf.

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Hast du dich mit den Veranstaltern gestritten?

Während der Dreharbeiten hatten wir unsere Meinungsverschiedenheiten.

Was war los?

Ich denke, sie waren gierig und wollten mit dem Film so viel Geld wie möglich machen. Denkt daran, dass sie sechs Unternehmen gegründet haben. Sie waren sehr clever im Umgang mit dem Geld. Für jede einzelne Abteilung hatten sie ein getrenntes Unternehmen: Für Tickets, die Essen, Getränke. Ich habe Aufnahmen, wo sie mit ihren Bankiers reden. Ich habe eine Menge ungewöhnlicher Sachen über die Finanzierung aufgenommen, die ich für den Film nie benutzt habe.

Bist du eher als Sympathisant der Hippie-Bewegung oder als Anthropologe vorgegangen?

Ich habe stark mit der Hippie-Bewegung sympathisiert. Es hat mich auch sehr gestört, dass sie immer mehr kommerzialisiert wurde. Viele Leute haben versucht Profit aus der Bewegung zu schlagen. Als der Woodstockfilm gemacht wurde, wollten sogar so genannte Hippies die Veranstaltung zu sprengen, weil so viele Leute durch den Film reich geworden sind. Die Filmemacher haben jedoch behauptet, dass es gar nicht so viel Geld war. Dabei war es jede Menge. Bei meinem Film war es anders.

Hat es deshalb 25 Jahre gedauert um den Film herauszubringen?

Vielleicht bin ich ein schlechter Verkäufer. Einerseits hatte ich die Demoversion, die jeden fesselte. Aber letztendlich verzichteten die Studios im letzten Augenblick. Seltsamerweise waren sie darüber besorgt, dass Woodstock draußen war, und es war zu spät einen anderen Film herauszubringen. Und die Künstler, zwei oder drei Jahre später, wurden kommerzieller, als sie es mal waren. Es ist schon merkwürdig - Heute sind sie Classic Rock. Aber damals waren sie schlecht zu vermarkten. Seltsam auch, dass die Leute nicht glaubten, Hendrix würde so berühmt werden. Also störte das, was ich zeigen wollte, die Leute aus dem Musikgeschäft sehr. Sie sagten zwar, dass dem nicht so wäre, aber so war es. Um keinen Preis wollten sie die Geschäftsseite der Musikindustrie zeigen. Und ich beharrte darauf. Da gab es einen Typen, der den Film haben wollte, aber nur als Dokumentarfilm. Ich sagte nein. Ich wollte es selbst auf die Beine stellen. Denn es hatte für mich einen Kultcharakter.

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Wie Noel Gallagher.

Ja. Oasis haben angerufen und sagten, sie wollten Material für ihren Song („Fucking in the Bushes“). Ich wünschte, Oasis wären zu dieser Zeit erfolgreicher gewesen. Wenn es nur "Wonderwall" gewesen wäre. Ich habe quasi für Oasis ein Lied geschrieben.

Warst du über den Hippie geschockt, der darüber sprach, wie er seinem vierjährigen Sohn LSD verabreichte?

Ja. Aber ich würde es nicht als Schock bezeichnen. Ich möchte die Zuschauer entscheiden lassen. Ich bin froh, dass du es erwähnt hast. Es ist ein gutes Beispiel0 von dem, was zu dieser Zeit geschah. Die Ideale der Menschen gerieten aus den Fugen.

Verdammte Hippies.