Heroin, Schmuck und TV-Karriere: Das Leben des berühmtesten Diebs Italiens

"Seine verzweifelte Familie entschied sich dazu, ihn in ein Sommerlager zu schicken, aber Rinino klaute einfach das Geld aller anderen Kinder und finanzierte sich so die Rückfahrt nach Hause."

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26 Oktober 2016, 4:00am

Renato Rinino (hintere Reihe, ganz links) | Alle Fotos: bereitgestellt von Valerio Burli

Bei der Beerdigung seines Vaters wurde Renato Rinino—in der Gaunerwelt seiner Heimatstadt Savona auch als René bekannt—von gut 20 Polizisten umringt. Aufgrund mehrerer Raubüberfälle hatte er Jahre im Gefängnis verbracht, wo er auch seine Heroinsucht überwand. Während die restlichen Trauernden darauf warteten, dass Rinino den Sarg schloss, bat der die Beamten darum, sich ohne Handschellen von seinem Vater verabschieden zu dürfen. Seine Bitte stieß jedoch auf taube Ohren und er musste dem Rest der Trauerfeier weiter bewegungsmäßig eingeschränkt beiwohnen. Später sollte Rinino dann in einer Notiz schreiben: "Ich habe auf das Grab meines Vaters geschworen, dass ich keine Drogen mehr nehme. Mit dem Stehlen konnte ich jedoch nicht aufhören."

Diese Geschichte, die auch gut in einen Kurs für kreatives Schreiben passen würde, ist Teil der Dokumentation Lupen – Romanzo di un Ladro Reale. Durch Erzählungen von Verwandten und Freunden dokumentiert Regisseur Valerio Burli das Leben Renato Rininos—der zuerst eine Art Diebstahl-Jahrhunderttalent war, dann der Kriminelle mit dem Herz aus Gold und nach einem Einbruch bei Prinz Charles schließlich das Ziel der internationalen Medien. Durch diesen Einbruch wurde er auch nicht mehr René genannt, sondern nur noch Lupin der ligurischen Küste.

Ende der 90er Jahre und kurz nach der Jahrtausendwende war Rinino so etwas wie ein Prominenter und trat auch öfters im italienischen Fernsehen auf. Nach seinem Tod im Jahr 2003 geriet seine Geschichte jedoch immer mehr in Vergessenheit.

Valerio Burli stieß während seines Studiums am Centro Sperimentale di Cinematografia in Aquila fast schon zufällig auf diese Geschichte. "Ich war auf der Suche nach einer Story für meine Abschlussdokumentation", erzählt er im Gespräch über Rinino. "Und meine Verzweiflung wurde immer größer, weil ich nur noch ein paar Tage bis zur Vorstellung meines Projekts hatte und noch nichts Zufriedenstellendes vorweisen konnte."

Nachdem er bei Google ein paar Worte eingetippt hatte, stolperte Burli über Rininos Wikipedia-Seite und war beim Lesen so beeindruckt, dass er das Ganze zuerst für einen Scherz hielt. "Nachdem ich meinen Dozenten das Projekt vorgestellt hatte, fuhr ich mit einem Zelt und einer Kamera im Gepäck nach Savona. In den ersten Tagen suchte ich mir alle nötigen Kontakte zusammen und traf die restlichen Vorbereitungen. So kam alles ins Rollen."

In Savona wurde Burli auch klar, dass sich in der Stadt überall Hinweise auf den berühmten Dieb finden ließen: Seine Präsenz war fast so greifbar wie das kleine, öffentliche Denkmal. Und so war es wahrscheinlich schon, bevor sich René in den Lupin der ligurischen Küste verwandelte.

Rinino wurde 1962 in Savona geboren und sein außergewöhnliches Diebestalent zeigte sich bereits in jungen Jahren. So beging er seinen ersten Raub im Kindergarten, als er einem anderen Kind die Spielzeugtrompete klaute. "Als kleiner Bub stibitzte er die ganzen Spielzeuge und Snacks seiner Kameraden. In der Pause hatte dann niemand mehr was zu essen, weil sich alles in Renatos Rucksack befand", erinnert sich Rininos Schwester in der Dokumentation.

So kam bereits in Rininos Kindheit der Mythos des "blonden Engels" (ein weiterer seiner Spitznamen) zustande: ein Sprössling, der jedes Objekt unbemerkt verschwinden lassen konnte. Seine verzweifelte Familie entschied sich dazu, den Jungen in ein Sommerlager zu schicken, aber eines Abends klaute Rinino einfach das Geld aller anderen Kinder in seinem Schlafsaal und finanzierte sich so die Rückfahrt nach Hause.

Rinino (hintere Reihe, ganz links) im Sommerlager

Rininos Talent machte in Savona schon bald die Runde und als er elf war, entschied sich das Jugendamt nach mehreren Delikten dazu, ihn auf das Schulschiff Kehrwieder zu schicken, das im Hafen von Genua lag. Das Ziel der dortigen Ausbildung war es, die Schüler auf ein Leben in der Marine vorzubereiten und so gleichzeitig auf den rechten Weg zu bringen. Leider entwickelte sich das Ganze für Rinino jedoch eher zu einer einer Art Masterstudium im Fach Verbrechen: Da die Kehrwieder voll mit Kleinkriminellen war, konnte der Meisterdieb seine Fähigkeiten noch weiter perfektionieren.

Wieder an Land begann Rinino damit, in Wohnungen einzubrechen. So landete er auch immer wieder hinter Gittern. "Mit der Zeit kannten wir dann alle Gefängnisse in der Umgebung", erzählt seine Schwester. Der Dieb versuchte jedoch auch immer wieder, ein ehrliches Leben zu führen. Leider fand er keine Arbeit und war deshalb dazu "gezwungen", weiter zu klauen.

Und so wurde er zur Lokalberühmtheit—nicht nur wegen seiner Einstellung gegenüber dem Gesetz, sondern auch wegen seiner Fähigkeit, Diebstahl zu einer Art Spiel zu machen, das halbwegs moralischen Spielregeln folgt. Arme Menschen wurden nämlich nie zum Ziel Rininos. Und falls dieser Fall doch mal unbeabsichtigt eintrat, dann gab er das Diebesgut immer zurück. Oftmals sogar mit einer kleinen Spende. 1989 erfuhr er zum Beispiel durch einen Zeitungsartikel, dass er eine arme, alte Frau bestohlen hatte. Rinino entschied sich deswegen dazu, ihr alles zurückzugeben und noch ein Geschenk in Form von sechs Millionen Lira [gut 3.000 Euro] draufzulegen.

Die Medien tauften Rinino schließlich auf den Namen "Gentleman-Dieb", was seinen geheimnisumwitterten Ruf nur noch weiter befeuerte. In Burlis Dokumentation präsentiert Rininos jüngerer Bruder die "Erinnerungsstücke", die der Dieb nach seinem Tod zurückgelassen hat: einen Helm, den Benzintank einer Harley-Davidson, verziert mit einem Abbild von Lupin III, einen Beagle namens Jigen, eine Brechstange, zwei Schraubendreher ("Mein Bruder hat immer gesagt, dass man nur diese beiden Werkzeuge braucht, um eine Tür oder ein Fenster zu knacken"), eine Kopflampe sowie einen Ledergürtel mit eingebautem Geheimfach für die Beute.

Renato Rininos "Handwerkszeug"

"Leider konnte ich die Aufnahmen nicht mit in die Dokumentation einbauen, aber ein Polizist war in Bezug auf Rinino voll des Lobes", erzählt Burli.

Gleichzeitig verfiel der Dieb immer weiter dem Heroin und so nahmen seine Verbrechen auch immer größere Ausmaße an. Mit 32 hatte er bereits 16 Jahre im Gefängnis verbracht. Bei einer Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei bei ihm zu Hause Diebesgut im Wert von umgerechnet knapp 52.000 Euro.

1994 kam es dann zu dem Raub, der Rinino weltweit berühmt machen sollte. "Er war nach London gezogen, um sein Leben auf die Reihe zu bekommen und einen Neuanfang zu wagen. Seine alten Gewohnheiten holten ihn allerdings schnell wieder ein", erklärt Burli. Als der Dieb eines Tages in der Nähe vom St James's Palace, der offiziellen Privatresidenz von Prinz Charles, spazieren ging, fiel ihm auf, dass Baugerüste das Gebäude umgaben und eine kleine Öffnung unbeobachtet war. Rinino hatte keine Ahnung, wer in dem Palast wohnte, und kletterte deswegen auch einfach so auf das Gerüst, hebelte ein Fenster auf, gelangte so in die Wohnung und stahl dort diversen Schmuck. Schließlich schaffte er es auch noch, sich mit den Fabergé-Manschettenknöpfen von Zar Nikolaus II., den Goldbroschen, den Uhren und den Silberdöschen unbemerkt wieder davonzumachen.

Nachdem man den Raub entdeckt hatte, entwickelte sich die Sache in Großbritannien zu einem richtigen Skandal. Journalisten versuchten, das Verbrechen, das sie als "fast unmöglich" bezeichneten, zu rekonstruieren. Sie gingen davon aus, dass der Dieb seine Tat von langer Hand geplant haben musste, dass er sich eine Reihe an geheimen Informationen besorgt hatte und dass er genau wusste, wann der Alarm ausgeschaltet war.

Rinino war sich der Tragweite seines Raubs nicht bewusst. Wenige Stunden nach der Tat ging er zu einem Händler und versuchte, den erbeuteten Schmuck dort an den Mann zu bringen. Dank der Zeugenaussage dieses Händlers suchten die Polizeibeamten schließlich auch nach einem Ausländer—"wahrscheinlich aus Italien".

Der Lupin der ligurischen Küste schaffte es jedoch ohne Probleme, zurück in sein Heimatland zu reisen. Der Fall des gestohlenen Schmucks sollte noch drei weitere Jahre ungelöst bleiben und einige phantasievolle Menschen gingen sogar von einer geheimen Mission ausländischer Spione aus, die den private Briefverkehr zwischen Prinz Charles und Camilla Parker Bowles entwenden wollten. Nachdem er erkannt hatte, wie viel Profit er aus dem Medienskandal schlagen konnte, stellte sich Rinino im Jahr 1997 und kündigte in den lokalen Medien an, die Diebesbeute gerne zurückzugeben, wenn ihm Prinz Charles dafür die Hand schüttle.

Am Anfang hielt man ihn noch für einen Spinner, aber ein Anwalt, der Teile des besagten Diebesguts gesehen hatte, konnte die Behauptungen Rininos bestätigen. Der Langfinger versuchte daraufhin, das mögliche Treffen mit Prinz Charles kommerziell auszunutzen und versuchte, Kameras und Journalisten zu dem Treffen mitzunehmen. Damit begann in ganz Italien der Hype um eine der spektakulärsten "wahren Geschichten" im TV und Rinino konnte sich so als "Gentleman-Dieb" bzw. "Superstar-Dieb" etablieren. Zwar kam das Treffen mit dem Prinzen nie zustande, aber dafür konnte er für das Verbrechen auch nicht mehr belangt werden, da bereits drei Jahre vergangen waren. 2000 brachte man den Schmuck nach Jahren der Diskussionen und Kontroversen schließlich wieder zurück zu seinen königlichen Besitzern.

Die Geschichte von Rinino ließ viele italienische Fernsehsender aufhorchen. Sie luden ihn ein und machten ihn zur TV-Persönlichkeit. So schickte man ihn sogar nach London, um zu filmen, wie er sich eine Parade der Royal Family anschaut.

Renato Rinino wird interviewt

Die Sensationsgier der Medien wird aber noch durch ein anderes Beispiel veranschaulicht: Selbst Jahre später produzierte man noch weitere Sendungen über Rinino, um zu dokumentieren, wie er sein Leben wieder in die richtige Richtung lenkte und ob seine kriminellen Neigungen ihn immer noch heimsuchten. Verschiedene Produktionsfirmen unterbreiteten ihm sogar das Angebot, seine Lebensgeschichte zu verfilmen.

Es lässt sich nur schwer sagen, wie weit es Rinino im italienischen Fernsehen gebracht hätte, denn bevor alles seinen Höhepunkt erreichen konnte, zog einer der Nachbarn des Diebes am 12. Oktober 2003 eine Waffe und schoss ihm damit in den Kopf.

"Durch die mediale Darstellung von Rinino kamen nach dessen Tod direkt Gerüchte auf, dass die Personen, die durch den Raub im St James's Palace ihren Job verloren hatten, auf Rache aus gewesen waren", erzählt Burli. "Laut den Gerichtsunterlagen war das Mordmotiv in Wahrheit aber einfach nur Neid, denn Rinino eckte mit seinem überschwänglichen Charakter immer an."

Die Geschichte von Renato Rinino ist unterm Strich nicht nur ein klassisches (und vielleicht auch stereotypisches) Beispiel für das pikareske Italien, das es so nicht mehr gibt. Nein, sie ist wohl auch ein Symbol für den Wandel der Medien, die die Fernsehlandschaft des südeuropäischen Landes jahrelang geprägt und Rinino so auch zum berühmtesten italienischen Dieb aller Zeiten gemacht haben.

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