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Remixed Revolution

Seit die Revolution in Ägypten und Tunesien das Internet als entscheidendes Werkzeug zur Organisation und Kommunikation benutzten, ist es auch für uns eher Außenstehende irgendwie facettenreicher geworden. Aber was kann am Ende ein nachgemachter MTV...
9.2.11

Seit die Revolution in Ägypten und Tunesien das Internet als entscheidendes Werkzeug zur Organisation und Kommunikation benutzten, ist es auch für uns eher Außenstehende irgendwie facettenreicher geworden. Aber was kann am Ende ein nachgemachter MTV-Clip über die Revolution mit einem Kinks-Remix im Hintergrund wichtiges dazu beitragen?

Vielleicht mehr als wir denken. Im Moment scheint es hauptsächlich drei Auswirkungen, der über das Internet in unsere Wohnzimmer, Laptops und Smartphones übertragenden Revolution zu geben, auch in Gebieten ohne Zugriff auf Al Jazeera.

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Schon die Bedeutung des ersten Effektes ist nicht zu unterschätzen. Er hält den Druck auf das gewaltsame Regime aufrecht und drängt deren Methoden zurück. Mubarak weiß genau, dass die Straßen überschwemmt sein werden von tausenden jungen Protestlern, die sich das Internet zu Nutze machen. Viele von ihnen werden mit Smartphones und anderen Gadgets ausgestattet sein, mit denen sie in der Lage sind, in null Komma nichts Videoaufnahmen zu machen.

Dass bisher schätzungsweise 13 Menschen während der Proteste getötet wurden ist sicherlich tragisch, dennoch sind es gemäß der Länge und des Umfanges der Revolution noch verhältnismäßig wenige Opfer. Vielleicht hat dieser Fakt auch etwas damit zu tun, dass die Regierung weiß, dass Gewaltakte gegen das Volk an jeder Straßenecke aufgezeichnet und in die Welt ausgestrahlt werden könnten und Mubarak gerade einen Neda-Vorfall verhindern will. Man wird das Gefühl nicht los, das die Welt zum ersten Mal aktuelle Ereignisse verfolgen kann, in einem Umfang, den es bisher so noch nie gegeben hat.

Zweitens, hat das Internet anderen Nationen in der Region ermöglicht, direkt an den Protesten teilzuhaben. So ist nicht bloß der Geist der Revolution, wie es viele auch vorhergesehen haben, über Ländergrenzen nach Jemen, Syrien und anderswo hinübergeschwappt, sondern er hat auch die Grundlage geschaffen, zukünftig Proteste wie diese möglich zu machen.

Schließlich sind auch wir es, die zuhause Filmmaterial über YouTube und Schlagzeilen auf verschiedenen Web-Seiten verfolgen. Das scheint für die Demokratie zwar wenig relevant zu sein, dennoch ist es für jeden einzelnen von Bedeutung. So war zum Beispiel die Huffington Post eine Woche lang besessen von der Revolution und brachte sie regelmäßig auf die Titelseite. Und das ist auch gerechtfertigt:

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Schließlich gibt es ein Publikum, das verständlicherweise an den Ereignissen in Kairo und Tunesien interessiert ist. Ich bin einer von ihnen. Ich verfolge ägyptische Twitter-Feeds, von denen ich vorher nie Notiz genommen habe; Ich sehe mir all diese YouTube Videos an. Aber warum? Bloße Neugierde, purer Voyeurismus? Ich möchte mir einreden, dass mehr dahinter steckt und ich denke, dass es auch so ist.

Ich vermute, dass wir ein Verlangen danach haben, uns mit Grundsätze zu befassen, die uns völlig fremd geworden sind- nämlich das eine funktionierende Demokratie und faire Behandlung es wert sind, auf die Straße zu gehen und dafür auch Risiken in Kauf zu nehmen. Die letzte große revolutionäre Bewegung in Amerika war die Tea-Party und die wurde zunächst organisiert und finanziert von Milliardären (die meisten „Basisbewegungen“ finden heute im rechten oder linken Flügel statt) oder die Schwulen-Bewegung, die unsere eigenen Medien meist ignorieren.

Deshalb hat es den Anschein, dass die Amerikaner und Europäer förmlich an ihren TVs und PCs kleben, wenn sie sich die Proteste in Kairo ansehen, hinter denen sich so viele wunderbare Geschichten, die den Geist der Demokratie untermauen, verbergen. So zum Beispiel Freiwillige, die Müll aufsammeln und den Verkehr regeln; Christliche Protestler, die schwören, ihre muslimischen Kollegen zu schützen(vertreten?), während sie beten; Revolutionäre, die Museen und Denkmäler schützen und so weiter. Ja, es gibt dort Gewalt und Gefechte, aber wenn wir verstehen wollen, was die Ereignisse für uns bedeuten, müssen wir sie zu unserer eigenen Kultur ins Verhältnis setzten.

Genau das ist der Grund warum jemand Bildmaterial der Proteste mit einem geremixten Kinks- Song unterlegt hat- weil diese „MTV-Welt“ etwas ist, zu dem wir Zugang haben und das wir verstehen können. Im Gegensatz dazu können wir uns nicht mit bewaffneten Polizisten oder Panzerkolonnen identifizieren. Aber wir können uns vorstellen, wie so etwas in einem Musikvideo aussehen oder wie es sich in einem Popsong anhören würde. Deshalb ist auf YouTube wahrscheinlich auch das beliebteste Video der Revolution eine Montage von Protestbildern, unterstützt durch eine friedliche „Powerballade“.

Obwohl es wohl einfacher wäre, sich über diesen Trend - überwältigende Bilder nur neu zu verpacken, umzuformen und den emotionalen Effekt dadurch zu maximieren- lustig zu machen, kann dies nicht der richtige Rückgriff darauf sein. Wir sollten aufpassen, die Bedeutsamkeit der Revolution nicht auf einen Popsong herunterzuschrauben, den man mitsummen kann, auch wenn gerade dieses Format das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Es bedeutet, dass wir gezwungen sind, uns wieder neu mit der Frage auseinander zu setzten, wie wichtig Demokratie ist. Dank der Ägypter, Tunesier und der Errungenschaft des Internets werden wir sie vielleicht etwas besser verstehen lernen.