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Musik

Im Alter wird es nicht besser

Die meisten Songs von Dan handeln von den üblichen Problemen eines Mannes, zu wenig Pussy, zuviel Ärger, zu wenig Bier, zuviele Arztbesuche, zuwenig Zeit.
15.12.10

Dan Reeder ist mein musikalischer Leuchturm in stürmischer See. Seine Songs treffen mich irgendwo ganz tief im Herzen und erfüllen mich mit Glückseligkeit und Hoffnung. Dieser Mann versteht mich und was mich ausmacht und ist in der Lage mein gesamtes Wesen in einen einzigen Song zu gießen. Ich weiß wie kitschig sich das alles anhört, doch mein Lieblingssong von ihm ist und bleibt "Food & Pussy."

Die meisten Songs von Dan handeln von den üblichen Problemen eines Mannes, zu wenig Pussy, zuviel Ärger, zu wenig Bier, zuviele Arztbesuche, zuwenig Zeit. Als ich also das letzte Mal wieder zuviel von dem einen und zuwenig des anderen hatte, hörte ich seine Songs. Ich suchte Bestätigung, dass alles so wie es ist, vollkommen normal und okay ist. Dabei habe ich festgestellt, dass Dan schon seit Jahren in Nürnberg lebt. Also habe ich ein Telefonbuch aufgeschlagen und mal durchgerufen um mir von jemanden, der doppelt so alt ist wie ich, sagen zu lassen, dass alles gut wird.

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Vice: Hey Dan, was hat dich in die Metropolregion Nürnberg verschlagen?

Dan Reeder: Eigentlich stamme ich aus Lafayette, Louisiana bis ich nach Kalifornien zog. In Südkalifornien bin ich dann aufgewachsen, dort hatte ich eine Freundin und irgendwann hat ihre Mutter für mich entschieden, dass ich einen Job brauche, also hat sie mir einen Job in einer Metzgerei besorgt, bis ich dann doch Kunst studiert und auf der Uni meine Frau kennengelernt habe, die aus Deutschland kam. Aufgrund ihres Visums musste sie zurück nach Deutschland und hat zu mir gesagt, ich solle hierherkommen, nach Nürnberg, also habe ich das gemacht. Eigentlich war nur ein Jahr geplant, aber jetzt bin ich seit '86 hier.

Ist Franken nicht sehr eng, dröge und die Menschen dort sind sehr unfreundlich?

Na, des würd ich ned sagen. Ich fand die Leute immer sehr freundlich und offen. Ich beobachte solche Dinge ja in der Kneipe und da haben einmal zwei Typen über Politik gestritten und irgendwann festgestellt, dass sie mit ihren Ansichten nie zusammenkommen, also haben sie einfach aufgehört miteinander zu sprechen. In Amerika endet so etwas auf einem Parkplatz in einer Schlägerei. Das fand ich also gar nicht schlecht.

Der fränkische Dialekt kommt bei dir ziemlich durch…

Ja, ich habe hier in der Kneipe deutsch gelernt.

Wie kommt man von der Metzgerei zu einem Studium der bildenden Kunst?

Nun, ich habe zwölf bis fünfzehn Jahre als Metzger gearbeitet, aber nebenbei immer gemalt und auch irgendwelche College-Kurse über bildende Kunst besucht. Es war also nie so, dass ich gearbeitet und meine Freizeit vor dem Fernseher verbracht habe, irgendwann habe ich mich dann eben entschlossen mich komplett auf Kunst zu konzentrieren.

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Musik war nie das Ziel, oder? Du bist ja eigentlich Maler. Wie kam es also dazu?

In Deutschland habe ich irgendwann, ich habe das Jahr vergessen, einen Förderpreis für bildende Kunst gewonnen und das waren damals 10.000 DM. Das kam gelegen, denn zu dieser Zeit hatte ich die Schnauze voll von dieser ganzen Kunstszene, ich habe also das Geld genommen und angefangen, Gitarren zu bauen. Das habe ich zum Spaß zwei Jahre lang gemacht und zu dieser Zeit kam ich auch erstmals mit einem Computer in Kontakt. Das war zu Zeiten, als ein Prozessor mit 33Mhz aktuell war, ich habe diesen Computer solange aufgebaut, bis ich damit Musik aufnehmen konnte.

Alles also vollkommen autodidaktisch.

Ja, kann man so sagen. Neben den Gitarren habe ich etwas Elektronik gelernt und mir meine Verstärker und Mischpulte auch selber zusammengebaut. Also eigentlich alles. Das war learning by doing, ich hatte jedoch gute Kontakte in der Kneipe und die kannten sich etwas besser aus und haben mir dabei geholfen. Aber das Gitarrenbauen ist eigentlich Zeitverschwendung, man kann keine so gute Gitarre selber bauen, wie man sie kaufen kann.

Du bist ja auch autodidaktisch zu deinem Plattenvertrag gekommen. Du hast einfach einen Brief an John Prine geschickt in dem du geschrieben hast, dass es Dinge gibt, die du nicht malen kannst und deswegen Musik machst. Er hat dich dann sofort auf Oh Boy Records gesigned. Andersherum, was sind Dinge die du nicht vertonen kannst?

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Die Idee ist bei mir ja immer die Selbe. Ich möchte etwas sagen und zum Ausdruck bringen was mir aufgefallen ist. Ich kann es also nicht wirklich erklären, manchmal kann ich die Gitarre nicht stimmen, also male ich Bilder und dann ist es eben auch andersherum. Ich entscheide also jeden Tag aufs Neue, was und wie ich mich ausdrücke und worauf ich Lust habe.

Auf einem deiner Bilder, einem Selbstportrait bist du in einem AC Mailand-Shirt zu sehen, ist das nicht ein Sakrileg in Nürnberg, wenn man kein Clubfan ist?

Mit einem Mailand-Shirt? Kann sein, es ist so, dass ich meine Klamotten aus dem Secondhand-Laden hole. Da steht dann immer alles mögliche auf den Shirts. Ich bin aber schon irgendwie Club-Fan, Mailand keinesfalls.

Mein Lieblingssong ist ja "Food & Pussy", ich hören ihn sehr gerne und oft, während ich dazu viel Bier trinke.

Tja, so sind wir eben. Ich sehe "Food and Pussy" eigentlich als ein religiöses Lied, denn so sind wir Männer einfach gemacht.

Ich hatte gehofft, irgendwann würde die Altersmüdigkeit einsetzen und man würde ruhiger oder so.

Ich kann nur sagen, dass wir uns nicht besonders viel ändern. Ich kann dir aber sagen, dass du dich darauf vorbereiten solltest, dass es nicht besser wird. Schlechter wird es aber auch nicht unbedingt.

Dan tritt am 18.12. im Südpunkt in Nürnberg auf. Schaut doch einfach vorbei und trinkt viel Bier wenn ihr in der Nähe seid.