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Ich habe mir selbst in den Kopf geschossen und überlebt

Mir fehlt immer noch ein Drittel meiner Zunge und ich habe derzeit nur elf Zähne. Aber heute weiß ich: Es gibt einen Grund, warum ich noch lebe.

von Christen McGinnes, aufgezeichnet von Kerry Shaw
22 September 2016, 2:00pm

Titelfoto: Christen zusammen mit ihrem Vater | Foto: bereitgestellt von Christen McGinnes

Ungefähr 85 Prozent der Menschen, die sich mit einer Schusswaffe versuchen umzubringen, sterben dabei. Die 47-jährige Christen McGinnes gehört zu den anderen 15 Prozent. Am 22. Oktober 2010 richtete sie einen Revolver gegen ihren Kopf und drückte ab. Heute hat sie 46 Operationen hinter sich und arbeitet für das Trauma Survivors Network, eine Station für Traumapatienten in einem Krankenhaus in Fairfax, Virginia, nahe Washington DC. Hier folgt nun ihre Geschichte—von ihr erzählt und von Kerry Shaw von The Trace aufgezeichnet, einer Organisation, die gegen Waffengewalt in den USA kämpft.

2009 war das Jahr, in dem alles in die Brüche ging. Ich verlor meinen Job, in dem ich 18 Jahre lang gearbeitet hatte. Mein Hund starb. Meine beste Freundin erlag ihrem Lungenkrebs. Meine Oma ging von uns. Meine Beziehung endete. Kurz gesagt: All das, was mir am Herzen lag und an was ich glaubte, war nicht mehr da.

Zur gleichen Zeit fing ich an zu trinken. Meine Ersparnisse waren bald aufgebraucht. Dazu kündigte man mir noch die Versicherung, die die Medikamente gegen meine Depressionen und Angstzustände übernahm. Ich wurde aus meiner Wohnung geschmissen und mein Auto wurde beinahe zwangsversteigert. Ich versuchte zwar, tapfer weiterzumachen und so zu tun, als ob alles schon irgendwie klappen würde, aber ich machte mir nur etwas vor.

Eines Morgens stand ich nach einer schlaflosen Nacht auf und dachte darüber nach, mich umzubringen. Ich sah einfach keinen anderen Ausweg. Nach gut einer Stunde traf ich meine endgültige Entscheidung—und fand so inneren Frieden.

Ich machte meine Wohnung sauber. Und dann lud ich meinen Revolver, der eigentlich zum Selbstschutz diente, mit Hohlspitzpatronen, weil ich wusste, so auf jeden Fall zu sterben. Ich wollte nicht, dass mich die Kugel durchdringt und dann durch die Decke schießt, denn der Nachbar über mir besaß einen unglaublich liebenswerten Hund. Keiner der beiden sollte irgendwie zu Schaden kommen. Deshalb entschloss ich mich dazu, mich auf dem Balkon zu erschießen, denn der war aus dickerem Holz gebaut.

Um 07:00 Uhr setze ich mich kurz hin und betete. Ich bat Gott um Vergebung für das, was ich gleich tun würde. Außerdem hoffte ich, meine Freunde und Familie nicht zu sehr zu belasten. Dann drückte ich ab und es klickte. Ich hatte anscheinend nur vier Patronen in einen Revolver mit fünf Kammern geladen. In diesem Moment dachte ich: "Oh mein Gott, vielleicht soll es nicht sein?" Ich holte mein Handy raus und ging die Kontaktliste mit den Namen meiner Freunde durch. Ich hatte das Gefühl, zu niemandem mehr wirklich einen Bezug zu haben, und dachte darüber nach, wie sehr ich ihren Tag ruinieren würde, wenn ich ihnen von meinem Suizidversuch erzähle. Heute weiß ich, dass meine Depressionen an solchen Gedanken schuld waren, aber damals wollte ich einfach keine Last mehr sein.

Ich wollte wirklich sterben und setzte den Revolver deshalb erneut unter mein Kinn, Ich drückte ab. Es knallte.

Ich hörte meinen Mitbewohner schreien. "Was zum Teufel war das?!" Ich wusste nicht, dass er zu Hause war. Aber genau dieser Umstand rettete mir das Leben. Er rief sofort einen Krankenwagen.

Ich will mir gar nicht vorstellen, welches Bild sich ihm bot, denn ich hatte mir zwei Drittel meiner Zähne, die rechte Hälfte meines Gesichts, ein Drittel meiner Zunge und mein rechtes Auge weggeschossen. Schmerzen verspürte ich nicht. Ich war eher überrascht. Eigentlich erwartete ich, mein Leben würde an mir vorbeiziehen und ich würde weißes Licht sehen. Nichts davon trat ein.

Ich hörte Sirenen und weiß noch, wie ein Mann seine Hand auf meine Schulter legte. Er sagte: "Alles wird gut. Ich kümmere mich um dich." Dann verlor ich das Bewusstsein.

Man brachte mich ins Krankenhaus, wo ich mich drei Wochen lang in einem Halbkoma befand. So bekam ich auch vage mit, wie viele Menschen bei mir vorbeischauten. Später erzählte man mir, dass das Krankenhaus sein Besucherlimit von zwei Personen aufhob, damit alle meine Freunde kommen konnten. Meine Mutter, mein Bruder, mein Vater und meine Stiefmutter waren da. Ich weiß noch, wie mir meine Mutter auf die Nerven ging, weil ich meine Finger und Zehen bewegen musste, um ihr mein funktionierendes Gehör zu beweisen. Dabei wollte ich einfach nur schlafen.

Als ich aus dem Koma aufwachte, hielt mein Vater meine Hand. Er meinte, dass jetzt allein meine Genesung wichtig wäre.

Ich hatte kein Gesicht mehr und deswegen konnte ich weder reden noch essen oder trinken. Ein Luftröhrenschnitt sowie eine Magensonde hielten mich am Leben. Zwar hatte man mir aufgrund des vielen Bluts und der freistehenden Knochen auch meine Haare abrasieren müssen, aber ich war einfach nur froh, am Leben zu sein.

Es war nicht einfach, einen Ort für meine Genesung zu finden. Letztendlich zog ich in eine Langzeitpension, wo ich mich zwei Jahre lang um mich selbst kümmerte. Ich ließ mir meine Arbeitsunfähigkeit bescheinigen und wurde in das Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid aufgenommen. Meine Familie unterstützte mich. Ich fing an, zu einem Psychiater und zu einem Therapeuten zu gehen. Weil ich ja nicht reden konnte, tippte ich alles in einen Computer ein und mein Umfeld las einfach vom Bildschirm ab.

Erst als man mir im November 2012 das Röhrchen aus dem Hals entfernte und sich das Loch schloss, konnte ich wieder reden. Der wundervolle Mann, mit dem ich damals zusammen war, ist halbtaub. Deswegen musste ich besonders deutlich sprechen und meine Worte öfters wiederholen, damit er mich verstehen konnte. Für mich war das eine Form der Sprachtherapie. Ein Jahr später konnte ich dann wieder deutlich genug reden, damit mich die meisten Menschen problemlos verstehen konnten.

Im November 2013, also drei Jahre nach meinem Selbstmordversuch, begann ich mit meiner Freiwilligenarbeit in dem Krankenhaus, das mein Leben gerettet hatte. Eines Tages lernte ich dort einen Teenager kennen, dem rund um die Uhr ein Betreuer zur Seite stand, denn er hatte versucht, sich umzubringen. Ich berichtete dem Teenager von meinem fehlgeschlagenen Suizid. Plötzlich erzählte er mir Dinge, die er noch niemandem vorher erzählt hatte. Ich nahm seine Hand und hörte einfach zu. Dabei wurde mir eine Sache klar: Das ist der Grund, warum ich noch lebe.

Mir fehlt immer noch ein Drittel meiner Zunge und ich habe derzeit nur elf Zähne. Zwar ist schon offensichtlich, dass mir etwas zugestoßen ist, aber größtenteils sehe ich wieder so aus wie früher. Und das habe ich den unglaublichen Fähigkeiten und dem Durchhaltevermögen meines Schönheitschirurgen Dr. Reza Mirali zu verdanken. Da ich wusste, wie fest er an mich glaubt, dachte ich zu keinem Zeitpunkt daran, aufzugeben.

Ich habe 46 Operationen hinter mir und weiß inzwischen auch, dass ich schneller genese, wenn ich viel schlafe—16 Stunden täglich. Und ja, dieser ganze Prozess ist sehr schmerzhaft. Und dennoch bin ich froh, keine verschreibungspflichtigen Schmerzmittel zu nehmen, denn ich will nicht süchtig werden.

Ich gehe oft mit dem Labrador meines Mitbewohners Gassi. Außerdem verbringe ich viel Zeit auf Facebook und schreibe ein Buch über meine Erfahrungen. Ich trinke nicht mehr. Das ist essentiell, um glücklich zu sein und nicht verrückt zu werden. Dazu befinde ich mich seit drei Jahren in einer Beziehung und mein Partner unterstützt mich bei meinen OPs und stört sich nicht an meinen Narben. Seine bedingungslose Liebe ist wunderschön.

Wenn ich im ersten Jahr nach meinem Selbstmordversuch eine Waffe vor mir liegen sah, verspürte ich den Drang, sie zu nehmen und mich zu erschießen. Ich habe öfters mit Waffen zu tun, da viele meiner Freunde früher Soldaten waren und sich für den Waffenbesitz aussprechen. Wenn ich sie besuche, weiß ich also auch, dass sich irgendwo in der Nähe Waffen befinden. Das ist aber schon in Ordnung. Ich komme damit klar. Es besteht kein Risiko mehr.

Mein Vater bat den Polizisten, der sich um meinen Fall kümmerte, meinen Revolver zu vernichten. Die Waffe sollte keinem Menschen mehr Schaden zufügen. Ich werde mir auch nie wieder eine Waffe zulegen.

Der größere Teil meines sozialen Umfelds hat mich nach dem Suizidversuch unterstützt. Einige Freunde haben mir allerdings auch den Rücken zugekehrt, weil sie einen erneuten Versuch nicht ertragen könnten. Manche wollen aber auch nicht, dass ich mich in der Nähe ihrer Kinder aufhalte. Selbstmord haftet immer noch ein gewisses Stigma an und viele Leute halten mich für verrückt oder unausgeglichen.

Mein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt macht mir doch ein wenig Sorgen. Irgendwie muss ich ja schließlich die sechsjährige Lücke in meinem Lebenslauf erklären. Es wäre jedoch sinnlos, meinen Selbstmordversuch zu verschleiern, denn wenn man meinen Namen googelt, findet man schnell alles heraus.

Gleichzeitig halte ich eine offene und ehrliche Herangehensweise für den einzig richtigen Weg. Vielleicht können wir anderen Menschen weiterhelfen, wenn wir einsehen, wie schlimm Depressionen und Angstzustände sein können. Wenn sich nur eine einzige Person aufgrund meiner Geschichte dazu entscheidet, sich zu öffnen und Hilfe zu suchen, dann hat sich meine Offenheit schon gelohnt.

Wenn ich meinem jüngeren Ich vom Oktober 2010 einen Ratschlag geben könnte, dann würde ich es anweisen, meinen Vater anzurufen und ihm zu sagen, wie schlimm alles ist. Mein Vater ließ nämlich alles stehen und liegen, um bei mir zu sein. Und er kümmert sich auch heute noch liebevoll um mich. Ich wusste damals nicht, dass er dazu bereit gewesen wäre.

Das ist ein Beispiel für den Tunnelblick, den man bei Depressionen und Angstzuständen bekommt. Wenn man die schlimmste Phase seines Lebens durchmacht, dann blendet man alles andere aus. Man kann nicht mehr nach vorne blicken, sondern nur noch nach unten.

Falls du in irgendeiner Weise darüber nachdenkst, dir selbst etwas anzutun, dann bitte ich dich darum, dich an eine Suizid-Hotline zu wenden oder mit einem nahestehenden Menschen über alles zu reden. Hilfe wird kommen—und du wirst erstaunt sein, wie viel. Glaub mir, es lohnt sich. Dein Leben ist es wert.

Hier findest du viele Organisationen und Beratungsstellen, die dir in einer solchen vermeintlich ausweglosen Situation helfen können.