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Popkultur

Ich habe mit einem Kunststudenten Kunst auf einer Kunstmesse bewertet

Der Prolet: "Leuchtröhrenkunst habe ich noch nie wirklich verstanden." – Der Kunststudent: "Es stammt aus der Anfangsphase der Leuchtröhrenkunst und bei Joseph Kosuth handelt es sich um einen der innovativsten Pioniere dieses Genres. Sehr interessant."

Für diejenigen, die nicht Bescheid wissen: Bei der Frieze Art Fair handelt es sich im Grunde um einen riesigen Trödelmarkt für wohlriechende französische Millionäre, die sich wie David Bowie oder Audrey Hepburn anziehen und dann ein arschteures Kunstwerk kaufen, das eigentlich nur aus in Swastika-Form aneinandergereihten Glühbirnen besteht. Jedes Jahr errichtet man im schillernden Zentrum Londons ein Zelt, in dem sich dann Bilder an Skulpturen reihen und das Ganze noch mit Filmen und Ähnlichem garniert wird. Dieses Jahr waren Koryphäen wie etwa Anish Kapoor oder Jon Rafman am Start und selbst der Fernsehsender Channel 4 hat seine "Random Acts"-Filmreihe präsentiert. In einem dieser Filme lief ein Mann in Sepia einen Hügel hinauf (der Rest war aber ganz OK).

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Der Autor beim Ausnutzen des kostenlosen WLANs

Ich war zum ersten Mal bei der Frieze und habe wohl so viel Ahnung von Kunst wie deine Oma von der Gender-Theorie. Zum Glück hat mich ein Freund begleitet, der an der Royal Academy of Arts Kunst studiert und sich dazu bereiterklärt hat, mit mir zusammen etwas #art zu bewerten.

Yuri Pattison

Der Prolet sagt:
Die Pflanzen gefallen mir. Irgendwie stellen sie wohl Kissen dar? Außerdem habe ich den Eindruck, dass es im Weltraum sein soll—so als ob wir den Mars besiedelt hätten und jetzt Pflanzen bräuchten. Und das Video will mir wahrscheinlich sagen, dass die Welt auf dem Kopf steht. So nach dem Motto: "Warum besiedeln wir den Mars, wenn wir noch nicht mal die Erde verstehen?"

Der Kunststudent sagt:
Hierbei handelt es sich um einen Teil von Yuri Pattisons Installation aus der Chisenhale Gallery, die erst vor Kurzem geschlossen hat. Dieser Ausschnitt enthält viele Topfpflanzen. Ich weiß, dass Yuri sehr viel mit Second Home—einem Büro im Londoner Stadtteil Shoreditch, das wie eine futuristische 60er-Jahre-Werbeagentur aussieht—sowie anderen innovativen Arbeitsumgebungen zu tun hatte. Second Home hat viele Topfpflanzen bei sich herumstehen, weil man sich dort viel mit dem Thema Sozialdarwinismus beschäftigt. OK, jetzt nicht Sozialdarwinismus per se, aber dort sind doch gewisse sozialdarwinistische Tendenzen zu erkennen, wenn sie dort im Bereich Evolutionspsychologie am Arbeitsplatz forschen. Topfpflanzen machen die Arbeitnehmer effizienter. Das Video zeigt allerdings nicht Second Home, sondern einen anderen futuristischen Arbeitsplatz in London, der kopfüber gefilmt wurde. Meiner Meinung nach ist das ein wenig willkürlich, aber ich finde Pattisons Werk dennoch sehr interessant.

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Joseph Kosuth

Der Prolet sagt:
Mit gelb leuchtenden Neonröhren hat man hier den Satz "In logic what is unnecessary is also useless" geschrieben. Leuchtröhrenkunst habe ich noch nie wirklich verstanden. Warum existiert so etwas überhaupt und wieso findet irgendjemand so etwas gut? Meiner Meinung nach hätte ein einfacher Schriftzug auf der Wand den gleichen Effekt gehabt.

Der Kunststudent sagt:
Leuchtröhrenkunst geht weit zurück. Seinen Anfang nahm diese Kunstform, als sich Künstler mit der Konsum- und der Pre-LED-Werbekultur auseinandergesetzt haben. Da dieser Bereich inzwischen jedoch zu so einem wichtigen Bestandteil des künstlerischen Ausdrucks geworden ist, geht die implizierte Kritik an der Konsumkultur natürlich etwas verloren. Eigentlich stellen diese Arbeiten heutzutage eher eine hübsch anzusehende Möglichkeit dar, einen beliebigen philosophischen Spruch in ein einfach zu verkaufendes Produkt zu verwandeln.

Der Kunststudent findet heraus, dass es sich hier nicht um ein aktuelles Werk irgendeines geldgierigen Arschlochs handelt, sondern von Joseph Kosuth stammt und in den 90ern erschaffen wurde.

Ah, das ist ein Werk von Joseph Kosuth aus dem Jahr 1993. Eigentlich müsste das dann in der Frieze Masters und nicht in der Frieze London hängen, denn bei der Frieze London geht es ja um zeitgenössische Kunst. Dieses Stück stammt jedoch aus der Anfangsphase der Leuchtröhrenkunst und bei Joseph Kosuth handelt es sich um einen der innovativsten Pioniere dieses Genres. Sehr interessant.

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Bjarne Melgaard

Der Prolet sagt:
Es scheint sich hier um ein Statement zu zwielichtigen Typen mit rasiertem Kopf zu handeln, die aber auch noch schwul sind. Das scheint eine große Sache zu sein, wenn man sich mal diese ganzen prolligen Pornos anschaut. Dieses Kunstwerk soll natürlich wie eine Werbung wirken und unten sieht man auch ein abgewandeltes Supreme-Logo mit Klammern um das E. Ich weiß nicht genau, was das zu bedeuten hat. Soll damit gesagt werden, dass Streetwear … schwul ist? Keine Ahnung.

Der Kunststudent sagt:
Die Klammern um das E sind eine Anspielung auf Semiotext(e), ein von Chris Kraus und Anderen gegründeter Verlag. I Love Dick ist dabei ein Buch von Chris Kraus, das 1997 herauskam und innerhalb der Kunsttheorie zum Klassiker avancierte. So ist Kraus auch zu einem Schwergewicht der Kunstszene geworden. In I Love Dick verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Beichte. Es handelt davon, wie sie sich in einen Akademiker namens Dick verliebt, der mit ihr und ihrem Ehemann zu Abend isst. Sie fängt dann an, Dick Briefe zu schreiben, die sie jedoch niemals abschickt. Das Buch besteht komplett aus "Lieber Dick"-Erzählungen, Tagebucheinträgen und Rückblicken in Beichtform. Ein klarer Vertreter der klassischen feministischen Literatur. Die ganze Aufmachung des Kunstwerks soll natürlich an die modernen Formen der Werbung erinnern. Supreme und Semiotext(e) sind unten zu finden, wahrscheinlich handelt es sich um eine Kollaboration. Chris Kraus gehört außerdem noch zur Bernadette Corporation, die Fashion und Kunst zusammenführt.

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Richard Billingham

Der Prolet sagt:
Ich sehe hier vor mir eine korpulente, alte Frau. An der Wand hängen asiatische Masken und die Dame serviert ihrem—ich nehme mal an—noch älteren Ehemann gekochte Eier inklusive Salzstreuer. Neben ihm sitzt wohl noch ein Hund. Es handelt sich bestimmt um ein Abbild des häuslichen Lebens innerhalb der alternden Arbeiterklasse Englands. Fantastisch! Das Ganze wirkt auch nicht so aufdringlich wie manch andere Kunstwerke hier.

Der Kunststudent sagt:
Ursprünglich sollten die eigenen Familienfotos als Vorlage für Richard Billinghams Malereien dienen, aber da die Bilder selbst schon so ausdrucksstark und interessant waren, hat er sie einfach so veröffentlicht. Sie sind seine berühmtesten Arbeiten und zeigen seinen alkoholkranken Vater, seine doch recht herrische Mutter oder seinen Gewichte stemmenden Bruder. Die Fotos sind an sich wirklich schön, aber innerhalb der Frieze Art Fair geht von den Werken durch den offensichtlichen Arbeiterklassen-Touch sowie das einfache Setting doch ein gewisser fetischistischer Reiz aus. Genau das finde ich recht schade, denn früher war Richard Billingham mein Lieblingsfotograf. Ich will nicht, dass die Fotos hier ausgestellt werden, denn die ganzen Arschlöcher sollen sie nicht sehen.

Latifa Echakhch

Der Prolet sagt:
Ich mag diese Glocke, weil sie alt aussieht und mir alte Kunst doch ganz gut gefällt. Ja, wenn ich mich hier auf irgendetwas festlegen müsste, dann wohl auf altes Zeug—zum Beispiel Gemälde oder Skulpturen. Klassizistischer Kram aus der klassizistischen Epoche. Zwar tut es auch ein bisschen weh, eine so schöne Glocke in kaputtem Zustand zu sehen, aber gleichzeitig sagt mir mein einfach gestricktes Gehirn, dass der ganze alte Scheiß auch zur Hölle fahren kann, weil er ja eh nicht für ewig währt. Vielleicht geht es hier aber nur um Religion oder die Liberty Bell.

Der Kunststudent sagt:
Um ehrlich zu sein, habe ich hierzu nicht viel zu sagen. Natürlich haben Glocken einen sehr skulpturalen Charakter und stellen ein wohlklingendes Objekt dar. Wenn sie kaputtgehen, verlieren sie ihren Klang. Die Funktion geht verloren und damit auch Wesentlichkeit des Objekts. In der europäisch-christlichen Architektur stehen Glocken für Zelebration. Das Kunstwerk hier heißt "Forever" und der kaputte Zustand könnte deswegen ein Fingerzeig auf den ultimativen Niedergang des eurozentrischen, westlichen Judentums und Christentums darstellen.

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Jakub Julian Ziolkowski

Der Prolet sagt:
Dieses Kunstwerk finde ich irgendwie auf jeder Kunstausstellung—egal ob nun DIY oder professionell wie hier. Es scheint immer ein glänzendes, verdrehtes Keramik-Metall-Teil zu geben, das in ekelhaften Grün- und Blautönen angemalt wurde. Das Ganze soll wohl wie altertümliche chinesische Kunst wirken, die 1.000 Jahre lang im Ozean versenkt war. Keine Ahnung, warum man bei jeder Kunstausstellung über so etwas stolpert und was genau damit ausgedrückt werden soll. Den Leuten scheint es auf jeden Fall zu gefallen. Ich hingegen finde so etwas eher langweilig.

Der Kunststudent sagt:
Irgendwie sehe ich hier ein aquatisches Motiv—eine Art Unterwasser-Fantasiewelt. Vor uns steht eine für sich stehende Skulptur mit verstärkten Füßen. Vielleicht wurde sie auch direkt so gegossen. Ich will ehrlich sein: Mehr fällt mir hierzu auch nicht ein.

Darja Bahajić

Der Prolet sagt:
Diese Frau blutet sintflutartig aus dem Mund. Das Blut sammelt sich dann unten und wird wieder hochgepumpt. Ein ewiger Kreislauf, den ich cool finde. Ich weiß nicht, ob ich diese Arbeit wegen des Bluts, wegen der nackten Frau oder wegen der Black-Metal-Ästhetik so feiere, aber so etwas kann ich zu 100 Prozent befürworten. Für mich ist das gute Kunst.

Der Kunststudent sagt:
Ich kann hier jetzt nichts wirklich Interessantes sagen, aber auch ich finde das Kunstwerk sehr gelungen. Ähnlich wie bei einem Brunnen vor einem Palast wird hier die Flüssigkeit erst rausgespritzt und dann wieder nach oben gepumpt. Solche Bilder erinnern mich immer an Amateur- oder SM-Pornografie. Außerdem blutet das Objekt und bezieht sich damit auf die körperliche Materialität. Es repräsentiert keine objektivierte Form der Weiblichkeit, sondern vielleicht eher eine durch diese Objektivierung hervorgerufene Emanzipation. Außerdem ist es handwerklich sehr gut gemacht und damit eine rundum fantastische Arbeit.

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Sylvia Fluery

Der Prolet sagt:
Ich bin definitiv kein Connaisseur von Videokunst und finde, dass viele Vertreter aus diesem Bereich so einen 50er-Jahre-Flair erzwingen wollen. Häufig sind die Videos komisch gefilmt und schwach produziert. Mich erinnern Kunstfilme an alte Kindersendungen. Keine Ahnung, wieso. Ich finde Videokunst komisch, weil man Kunst doch eigentlich auf sich wirken lassen und dann darüber nachdenken soll, wie man sich deswegen fühlt. Hier werden mir jedoch nur irgendwelche Sachen entgegengeschleudert und ich weiß nichts damit anzufangen. Dieses Kunstwerk hier geht schon in Ordnung, 1993 hätte es aber wahrscheinlich mehr Staub aufgewirbelt, oder?

Der Kunststudent sagt:
Du nimmst mir die Worte aus dem Mund. Die Tatsache, dass so etwas so modern auf uns wirkt, zeigt doch nur, wie wenig frische Ideen zeitgenössische Künstler haben. 1993 wäre das hier noch neu und aufregend gewesen—ein Kommentar zur Fitnessindustrie, die inzwischen so stark mit dem Mainstream verschmolzen ist, dass wir sie gar nicht mehr als etwas Eigenständiges wahrnehmen. Damals waren diese Trimm-dich-Videos noch relativ neuartig, heute sind sie ein Klischee. Das Kunstwerk hier besitzt somit nicht mehr die Aussagekraft, die es in den 90ern gehabt hätte.

Ich hoffe, ihr hab durch die Meinungen eines verdammten Idioten (ich) und eines prätentiösen Arschlochs (er) etwas über Kunstästhetik lernen können. Ich widme mich jetzt aber wieder Bob Ross und seinen Bildern von Holzhütten in verschneiten Wäldern. Das ist nämlich noch wahre Kunst.

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