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Melvins Youtube-Favoriten: Verfolgungsjagden

Alle folgenden Verfolgungsjagden spielen in der freien Natur und zeigen Tiere in tragenden Rollen. Mir war danach. Ich mag die Natur. Und ich mag Tiere in tragenden Rollen.

von MALTE BORGMANN
23 Februar 2012, 1:45pm
Die Verfolgungsjagd ist ein evolutionärer Grundbaustein des Kinos und eines seiner natürlichsten Ausdrucksmittel: Sie erzählt eine Geschichte nur durch Bewegung. Anfangs ging es den Pionieren der bewegten Bilder ja wirklich nur um die Bewegung an sich. Ein Pferd im Galopp oder ein fahrender Zug. Das reichte schon, um die Leute zum Durchdrehen zu bringen.



Irgendwann kamen dann findige Köpfe auf die Idee, dass es doch geil wäre, zum Beispiel ein paar Cowboys, Indianer und Desperados auf galoppierende Pferde zu setzen und sich gegenseitig jagen zu lassen. Plötzlich existierten Protagonist und Antagonist (Verfolger und Verfolgter) sowie eine rudimentäre Handlung. Die bewegten Bilder hatten eine narrative Struktur. Und da unser Gehirn ziemlich fixiert ist auf narrative Strukturen, brachte das die Leute noch viel stärker zum Durchdrehen.

Klickt man sich durch die Dutzenden Amateuraufnahmen von Verfolgungsjagden auf Youtube, dann fällt auf, dass sie diese kinogeschichtliche Entwicklung  oft nachzeichnen. Ein fröhlicher Amateurfilmer betrachtet die Welt durch die Linse seines Camcorders, vertieft in die stille, kontemplative Freude am bewegten Bild—plötzlich rast ein Körper durch die Szenerie, dann ein zweiter hintendrein, die zufällige Betrachtung bekommt Kausalität und Ziel, die Bilder werden explosionsartig narrativ, und wir Zeuge, wie sich sterbenslangweilige Umgebungs- und Bewegungsstudien in eine hochdramatische Geschichte verwandeln. Man hört förmlich den einen, alles bestimmenden Gedanken im Kopf des Filmers hin und her flippern wie eine Feuerwerksrakete in einem leeren Raum: „Muss! Auf! Youtube! Stellen! Sofort!“

Alle folgenden Favoriten spielen in der freien Natur und zeigen Tiere in tragenden Rollen. Mir war danach. Ich mag Natur. Und Tiere in tragenden Rollen.
Meanwhile in the forest


Vielleicht ist dieses Video fake. Aber die Kuh ist einfach zu süß. Ich glaube, sie hat sich in den Jungen verliebt. Damit wäre das sozusagen eine romantische Verfolgungskomödie und ein Äquivalent zu diesem Stummfilmklassiker von Thomas Edison aus dem Jahre 1904:




Jesus Christ in Richmond Park


Der Auftritt von Fenton dem Hund ist wirklich meisterhaft vorbereitet. Die „Fenton, Fenton“ Rufe, die nervös werdenden Rehe, plötzlich der Schwenk nach Rechts, eine ganze Herde in panischer Flucht Richtung Horizont. Die Bilder besitzen Bewegung, Richtung und Dramatik, aber noch keine Kausalität. Was passiert hier? Und dann plötzlich—nur mehr ein winzig kleiner, schwarzer Blitz der Jagd: Fenton der Hund. Eine fantastische Mischung aus großem Auftritt und Understatement.

Zuletzt der verzweifelte Besitzer, der verfolgt, um die Verfolgung zu stoppen und dabei sowohl seinen Hund wie den Sohn Gottes beschwört. Ein totes Blatt löst sich vom Baum im Vordergrund und sinkt zu Boden, wie um die Vergeblichkeit seiner Bemühungen zu unterstreichen.

Es gibt einen Haufen Remixe dieses ziemlich viralen Videos. Hier ein kongeniales Exemplar:



Das ist auch sehr schön, auch wenn es nichts mit Verfolgungsjagden zu tun hat:


Nandu Attack


Dieses Video ist meiner Meinung nach so komplex und vielschichtig, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Allein die Verfolgungsjagd, die von einem beschwingten Ponyritt übergeht in ein quälend langsames Davonkriechen auf allen Vieren. Dass die Geschwindigkeit hier nicht erhöht, sondern drastisch verlangsamt wird, macht den Terror des Gejagtwerdens noch viel greifbarer.

Die elegante Bewegungschoreographie, die ständig von rechts nach links verläuft, bis auf den Lauf des Vaters in die Tiefe des Bildes und die finale Eruption der Gewalt, die sich plötzlich von links nach rechts vollzieht. Der kunstvoll gesetzte Moment der Leere, nur erfüllt von den Angstschreien des Jungen, bevor der Vater den Nandu beherzt ins Bild stiefelt. (Übrigens eine gute Formulierung dafür, jemanden mit drastischen Mitteln über etwas ins Bild zu setzen: eine Person ins Bild stiefeln). Der einsame Esel, der plötzlich durchs Bild läuft—ich schwöre: Irgendwann schreibe ich eine wissenschaftliche Arbeit über dieses Video; Ich habe den Titel schon vor Augen:

Schwarzer Todesvogel, Esel des Zufalls: Über die Tiersymbolik in Amateurfilmen.

Oder:

„Thomas, ziag o!“ – Der filmende Vater als Auteur und Acteur, Beobachter und Gott seiner Welt. Eine psycho-ästhetische Analyse strukturaler Beziehungen anhand von „Nandu Attack“.