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Musik

My Best Fiend sind too tall for the mall

Wir haben großen Respekt vor Bands, die wirklich hart im nehmen sind, die durch die Hölle gehen. Bands wie My Best Fiend zum Beispiel.
29.5.12

Wir haben großen Respekt vor Bands, die wirklich hart im nehmen sind, die durch die Hölle gehen. Bands wie My Best Fiend zum Beispiel, die neulich am Abend des Champions League-Finales in Berlin spielen mussten. Wider Erwarten kamen dann aber später doch noch ein paar Leute zur Show, was beweist: Die Schlacht Breitensport gegen sublime Gospel-, Postrock- und Folk-verflechtende Shoegaze-Kunst ist noch nicht geschlagen. Wir trafen uns vor der Show mit der Band beim Abendessen. Es gab Schnitzel und Käsespätzle – schwere deutsche Küche. Wie gesagt, die Band ist hart im nehmen …

VICE: Mit wem würdet ihr lieber zu Abend essen, Klaus Kinski oder Werner Herzog?

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Kris (guit):

Haha, gute Frage. Wahrscheinlich wird Herzog irgendwann am Abend von jemandem erschossen.

Fred (voc, guit):

Ja, und Kinski würde wahrscheinlich irgendwann am Abend jemanden erschießen, haha. Kommt halt drauf an, auf welcher Seite du dann sein willst. Mir wäre Kinski lieber.

Bei eurem Bandnamen kann man vermuten, dass ihr große Herzog-Fans seid …

Fred:

Ja, das stimmt schon, aber auch nicht mehr als jeder sonst. Aber viele Leute stellen die Frage als seien wir die einzigen Herzog-Fans, die sie je gesehen haben. Aber es gibt ja viele Bands, die sich nach Filmen benennen.

Dann muss man natürlich damit rechnen, dass die Leute nach diesen Filmen fragen …

Fred:

Klar, andererseits gehst du in dem Moment, in dem du mit der Band anfängst, davon aus, dass sich sowieso niemals jemand den Scheiß anhören wird, haha.

Heute Abend läuft das Champions League Finale. Wie wollt ihr da mithalten?

Fred:

Bitte was läuft heute Abend?

Fußball, jeder in diesem Land guckt heute Fußball.

Kris:

Naja, entweder läuft Fußball, jemand hat Geburtstag oder es regnet. Das ist halt höhere Gewalt. Wir waren in Manchester und dann lief genau an dem Abend das Lokalderby.

Fred:

Ein paar Leute sind trotzdem gekommen und es hat schon Spaß gemacht. Aber es war dann schwierig, sich noch ein bisschen die Stadt anzusehen, wenn die eine Hälfte der Leute total durchdreht und die andere Hälfte total angepisst ist. Auch die Leute, die gefeiert haben, randalierten mehr rum als alles andere.

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Was geht sonst so mit euch, Sport-mäßig?

Fred:

Wir interessieren uns schon für Sport, aber eher Erwachsenensport, nicht so was wie Fußball.

(Raunen in der Runde)

Fred:

Ich mach nur Spaß, aber du weißt ja wie es ist, in Amerika sind eher American Football und Basketball angesagt. Sie versuchen ja, Fußball groß zu machen und jeder spielt es ja auch, wenn er jung ist, aber es läuft dann irgendwie ins Leere.

Ich glaube, so lange ihr nicht die Besten in dem Spiel seid, kümmert sich in eurem Land auch niemand drum.

Fred:

Aber! Ich glaube, wenn US-Athleten einen Fick um Fußball geben würden, dann wären wir schon längst die Besten darin, haha. Stell dir nur mal vor, Michael Vick würde aufwachsen und anfangen Fußball zu spielen, wer soll denn da mithalten? Weißt du, was ich meine? Er würde jeden um die Ecke bringen.

Ihr habt all diese religiösen Buzzwords in euren Lyrics. Seid ihr auf Mission unterwegs oder ist es einfach nur ein sehr starkes Interesse an Gospelmusik?

Fred:

Das letzte. Gospel hat sich ja sehr stark mit Rockmusik gemischt. Man muss sich nur angucken, was Ray Charles gemacht hat. Und ich bin wirklich großer Fan von Gospel. Ich gehe total gern in Baptistenkirchen, ohne selber gläubig zu sein, einfach nur, um die Stimmung einzufangen. Das mit den Texten ist schon eine eher ästhetische Entscheidung. Aber natürlich sind diese Themen, Glauben, das Verlieren des Glaubens auch übertragbar. Es sind Themen, die jeder kennt, nur eben in einer bestimmten Sprache.

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Kris:

Und in Gospel werden ja auch Dinge wie Verzweiflung, Dunkelheit thematisiert. Und das macht es so ähnlich zu Rockmusik. Es geht in unseren Songs ja letztendlich darum, durch die Dunkelheit zu gehen und irgendwie wieder Hoffnung zu schöpfen.

Fred:

Ich mache mir nicht viele Gedanken über Glauben und Gott, aber ich glaube an Erlösung und das ist ja ein zentrales Motiv in Gospel. Die Idee, wir können uns irgendwie aus der Scheiße befreien.

Aber nachdem ihr dieses Album aufgenommen habt, kommt ihr vielleicht sowieso in den Himmel, ob ihr daran glaubt, oder nicht.

Fred:

Du meinst, wir haben jetzt mehr Chancen? Kann schon sein. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so einfach, wer weiß das schon.

Wie kam es eigentlich, dass ihr auf Warp gelandet seid?

Kris:

Es haben sich über die letzten Jahre in New York einfach viele Kontakte in der Musikszene ergeben. Und einige dieser Kontakte haben wie gepflegt. Es sind Freundschaften entstanden und so weiter. Naja, eines Tages erhielten wir einen Anruf aus dem Warp-Office. Sie mochten die „Jesus Christ“-EP, die wir selber rausgebracht hatten und dann stand plötzlich diese Möglichkeit im Raum und wir haben gesagt: Lasst uns das machen. Das ist jetzt aber auch schon wieder Ewigkeiten her …

Welche Erwartungen habt ihr denn an ein solchen Label-Umfeld. Ihr seid ja nicht die Band, an die man als erstes denkt, wenn es um Warp Records geht.

Damian (bass):

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Es ging bei der Sache nie darum, ob wir irgendwie in das Labelroster passen. Es ist eher so, dass wir große Fans ihrer Bands sind, von Broadcast, Aphex Twin, Grizzly Bear, Boards of Canada und so weiter. Grizzly Bear haben sich ja toll entwickelt, obwohl sie eigentlich kein typischer Warp-Act sind. Und Warp ist einfach ein sehr integres Label. Es ist nicht so, dass du bestimmte Bedingungen erfüllen musst, um dort ein Album zu veröffentlichen. Sie kamen vorbei, als wir in New York aufgenommen haben und haben mit uns gechillt. Es hat schon irgendwie ein Gefühl von Familie, das ist echt ganz schön.

Euer Album heißt „In Ghostlike Fading“. Was war die geisterhafteste Situation, die ihr mal erlebt habt?

Fred:

Naja, der Titel bezieht sich jetzt nicht unbedingt auf paranormale Dinge oder so was. Es geht da eher um Erinnerungen und Erfahrungen, die man mit Leuten gemacht hat, die nicht mehr da sind. Mann, das zieht einen echt runter, darüber zu reden.

Kris:

Wir reden darüber, wie man die Vergangenheit am Leben hält. Aber man kann ja Geister auch anders interpretieren. Ich hatte mal dieses Erlebnis mit meiner Mutter, wir fuhren allein auf einem Highway durch die Wüste nach Colorado. Es war ein sonniger Tag und plötzlich hatten wir diesen Tornado vor uns. Und dann waren wir nur eine Sekunde später mittendrin. Und dann wieder einen Augenblick später schien die Sonne wieder und es war als sei nichts passiert. Meine Mutter ist sehr rational, aber das hat sie auch echt beeindruckt. Wir fragten uns, ob wir das gerade wirklich erlebt haben. Also zu sehen, wie mächtig die Geister der Natur sein können, ist schon eine große Sache. Als du von Geistern sprachst, musste ich daran als erstes denken.

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Fred:

Es gibt diese Gegend Catskill, zwei Stunden nördlich von New York. Du hast dort viel Gebirge, Bob Dylan lebte dort und wir lebten dort letzten Sommer auch in einem großen Haus, haben dort Material fürs nächste Album geschrieben. Und dieses ganze Gebiet besteht nur aus verlassenen Anwesen. Da treiben sich garantiert auch eine Menge Geister rum. Ich will nicht behaupten, dass es in unserem Haus gespukt hat, aber andere Leute haben das behauptet. Angeblich hätten Kinder Albträume bekommen, als sie dort übernachtet haben. Aber ich hab dort zugegebenermaßen ganz gut geschlafen.

Ihr habt sicher mitbekommen, dass die Flaming Lips ihren 24 Stunden Song in einem menschlichen Schädel verkauft haben …

Fred:

Ach was, in einer Nachbildung?

Nein, in einem echten Schädel.

Fred:

Nun, das ist mal wirklich verdammt düster …

Ich hatte mich gefragt, was ihr für Ideen für eine wirklich spektakuläre limited edition eures Albums hättet.

Damian:

Einen Massagestuhl mit Kopfhörern.

Fred:

Oder einen Gutschein für einen intravenösen Trip. Du legst dich auf die Pritsche, bekommst das Zeug gespritzt und kannst dann zu der Musik wegdriften, wohin du willst.

Weiß nicht, ob das mit einem menschlichen Schädel mithält, aber wenigstens was …

Fred:

Man kann da einfach nicht mithalten. Aber ich meine, wem gehören diese Schädel denn? Müssen wir etwa Angst haben, dass wir irgendwann als Flaming Lips-Album enden? (Gelächter)

Angeblich kann man irgendwo bei euch echte Schädel kaufen.

Fred:

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Dasselbe habe ich auch über Deutschland gehört. Ich denke ja eher, man sollte mal nachsehen, was Wayne Coyne in seinem Keller so treibt, haha.

Wie kommt es, dass ihr in den letzten fünf Jahren nichts rausgebracht habt?

Kris:

Wir haben 2008 ein Album rausgebracht, aber das gabs nur bei iTunes. Wir haben einen sehr ergebenen Fan in Israel, dem wir eine Copy davon geschickt haben. Und das wars.

Wow, das ist ja sehr limitiert!

Fred:

Ja, nicht schlecht, oder? Es gibt nur eine Copy.

Damian:

Vielleicht bringen wir die Platte irgendwann noch mal neu raus. Aber es ist ja heutzutage nicht mehr so einfach, mal eben Platten herauszubringen. Zum einen, weil es Geld kostet, zum anderen, weil du so viele Bands hast und du ja irgendwie auch ein Interesse generieren musst. Und wir haben uns dann lieber eingeschlossen, um einfach neue Musik zu machen und haben die alte etwas vernachlässigt.

Ich kann mir vorstellen, dass gerade auch die Geldfrage nicht so leicht ist für eine Band, die – wie ihr - einen opulenten, anspruchsvollen Sound hat. Ihr seid ja nicht gerade eine der unzähligen lofi-Bands, die ihre Platten im Schlafzimmer aufnehmen.

Damian:

Ja, oder wie die Leute, die einfach nur mit einem Laptop auf der Bühne stehen. Wir haben mit Bands gespielt, bei denen der Rechner plötzlich ausfiel und dann war die Show vorbei. So was wollen wir echt nicht. Wenn du versuchst, deine Musik mit einem Rechner zu präsentieren, dann fehlt einfach etwas.

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Fred:

Wir hatten echt Glück, dass wir für dieses Album ein Budget hatten und auch wirklich an dem Sound arbeiten konnten. Es war schon eine große Sache für uns, das Album genau so klingen lassen.

Habt ihr es selber aufgenommen?

Fred:

Wir haben mit einem Engineer zusammen gearbeitet, Matt Boynton, er hat ein Studio in Brooklyn und ist ein Freund von uns. Er hat zum Beispiel Gang Gang Dance produziert oder auch ein paar Sachen für MGMT. Ein großes Problem ist, dass oft eine Albumproduktion anders klingt als die Songs eigentlich gedacht sind und ich bin froh, dass bei uns die Songs so dokumentiert wurden, wie wir sie im Kopf hatten.

Letzte Frage. Ihr habt diesen Song „Cool Doves“. Was ist cool an Tauben? Sie sind dreckig und dumm.

Fred:

Haha. Ja, es geht darum, sie zu abzuschießen, so dass nur die coolen Exemplare übrig bleiben. Wir haben das von einem Martin Amis-Roman namens „Dead Babies“ geklaut, ein Kapitel in dem Buch heißt „Cool Doves“. ‚Cool doves’ ist eher so ein geflügeltes Wort für Leute, die sich nicht anpassen. So was wie ‚too cool for school’, ‚too tall for the mall’ und so. (Gelächter)

Cool. Danke!

My Best Fiends In Ghostlike Fading ist bei Warp Records erschienen.

Foto: Christoph Voy