Das ,Zentrum für politische Schönheit' hat den zweiten verstorbenen Flüchtling beerdigt

„Wir schämen uns nicht, uns die Schande der deutschen Bundesregierung ins Gesicht zu schmieren"

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Juni 19 2015, 2:42pm

Laut des statistischem Jahresbericht des UNHCR, der gestern veröffentlicht wurde, befanden sich Ende 2014 weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. In den letzten vier Jahren hat sich die Zahl derjenigen, die tagtäglich zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Binnenvertriebenen werden, vervierfacht. Die Zahl der auf der Flucht über das Mittelmeer Ertrunkenen, ist im ersten Halbjahr 2015 30 mal so hoch wie im Vorjahreszeitraum. In Anbetracht des Ausmaßes der humanen Katastrophe kritisierte der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres das Verhalten der internationalen Gemeinschaft, die „unfähig" sei zusammen zu arbeiten, „Kriege zu beenden sowie Frieden zu schaffen und sichern." „Die Flüchtlingskrise ist eine der wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, aber die internationale Gemeinschaft hat bislang kläglich versagt", sagte der Amnesty-International-Generalsekretär Salil Shetty am Montag.

Die Regierungen der europäischen Staaten suchen derweil—wie zuletzt Stephan Mayer, der innenpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion—die Schuld lieber weiterhin bei den „ hoch kriminellen Schleusern und Schleppern". In den Augen der Mitglieder des Zentrums für politische Schönheit handelt es sich dabei lediglich um eine Ausrede, mit der sich die „politischen Mörder" der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge versuchen, aus der Verantwortung zu ziehen. Seit Beginn dieser Woche läuft das Projekt „Die Toten kommen", bei dem die Aktivisten tote Flüchtlinge nach Berlin bringen, um sie in Würde zu bestatten. Zwei Begräbnisse fanden öffentlich statt, für weitere private Bestattungen haben die Aktivisten über ihre Crowdfunding-Kampagne in nur vier Tagen bereits fast 50.000 Euro von Unterstützern zusammen bekommen.


Europe or Die: Die Todesboote nach Griechenland


Den vorläufigen Höhepunkt des Projekts soll Sonntag Nachmittag „Der Marsch der Entschlossenen" bilden, bei dem die „Strumtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit" weitere Leichen verstorbener Flüchtlinge direkt vor dem Bundeskanzleramt beerdigen will—dem Arbeitsplatz von Angela Merkel, die die Aktivisten einst zusammen mit Frank Walter Steinmeier auf Ebay versteigern wollten.

Die Aktionen des Künstlerkollektivs sind in den Medien und sozialen Netzwerken nicht unumstritten. Manche Leute wittern hinter ihnen nicht nur den Willen, eine politische Veränderung herbeizuführen, sondern vor allem Effekthascherei und persönliche Eitelkeiten der Aktivisten. Das zweite öffentliche Begräbnis, das heute Mittag in Berlin Schöneberg stattfand, hatte allerdings weder etwas von einer künstlerischen Performance noch von einem selbstdarstellerischen Medien-Event. Es war lediglich der Versuch, einen Toten in Würde zu bestatten und so einer sinnlosen menschlichen Tragödie nachträglich einen Sinn zu verleihen.

Von den etwa hundert Trauergästen, die sich an diesem kalten und regnerischen Sommertag auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg zusammengefunden haben, sind etwa die Hälfte Journalisten und Fotografen. Keiner von ihnen hat den Toten gekannt und niemand kann sagen, ob er sich über die unerwartete Aufmerksamkeit gefreut hätte. Oder ob er sich darüber gewundert hätte, an einem Ort bestattet zu werden, den er niemals in seinem Leben gesehen hat.

Bei dem Toten, der zu Grabe getragen wird, handelt es sich laut Ansprache eines der Aktivisten um einen an Krebs erkrankten, 60 Jahre alten syrisch-palästinensischen Mann, der auf der Überfahrt über das Mittelmeer verstorben sei. Er und seine 14-köpfige Familie hätten sich zusammen auf den Weg nach Europa gemacht, in der Hoffnung, dass man hier seine Erkrankung besser behandeln könne. Als die Familie in Sizilien ankam, wurde der Mann vorerst nicht bestattet. Angeblich wollte die italienische Justiz die Familie erpressen und sie zu der Falschaussage zwingen, dass die Schlepper seinen Tod verschuldet hätten.

Mehr als diese kurze Ansprache kommt von Seiten der Aktivisten nicht. Im Gegensatz zum ersten Begräbnis am Dienstag in Berlin Gatow gibt es dieses Mal keine leeren Stühle für die Politiker, die trotz Einladung nicht erschienen sind. Gestern noch hatte das Künstlerkollektiv über Twitter verbreitet, dass Bundespräsident Gauck seine Teilnahme signalisiert hätte. Dass Gauck allerdings überhaupt darüber nachgedacht hat, zu dem Begräbnis zu kommen, erscheint angesichts seiner letzten Aussagen über „tobende Gutmenschen" mehr als zweifelhaft.

Man kann von den Aktionen des Zentrums für politische Schönheit halten, was man will. Zweifelsohne mag manchen die drastische Rhetorik der Künstler, die bewusst von Ermordeten und ihren politischen Mördern sprechen befremdlich erscheinen. Wenn diese plakative Rhetorik allerdings dazu führt, dass die Situation tausender Flüchtlinge endlich als die Katastrophe, die sie ist, wahrgenommen wird, ist sie gerechtfertigt. Man versteht die Wut der Künstler, wenn man bedenkt, dass den Politikern angesichts stetig wachsender Leichenberge an den Grenzen Europas bislang nichts Besseres einfällt, als alle Schuld von sich abzuwälzen und sich auf die Verantwortung gesichtsloser Schlepperbanden zu berufen. Und man versteht die Fassungslosigkeit der Aktivisten, die eigenhändig Leichen in Italien und Griechenland exhumiert haben, wenn der deutsche Innenminister sich zu dem taktlosen Kommentar hinreißen lässt, er könne sich vorstellen, dass es „vielleicht schöner" sei, in Deutschland zu leben als in manchen Ländern Afrikas.

Justus Lenz vom Zentrum für politische Schönheit findet den Vorwurf, die Gruppe würde die toten Flüchtlinge für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren und die Debatte um Pietätlosigkeit selbst pietätlos. Wie alle seine Mitstreiter trägt er schwarze Farbe im Gesicht. Meine Interpretation dafür ist, dass sie aussehen wollen, als hätte man sie ebenfalls aus einem Grab ausgebuddelt, um so ihre Solidarität mit den Toten auszudrücken. Anscheinend ist der Gedanke dahinter aber doch ein anderer. „Wir schämen uns nicht uns die Schande der deutschen Bundesregierung ins Gesicht zu schmieren." Es geht ihnen vor allem darum, dass die Regierung nicht länger versucht, sich aus der Verantwortung zu ziehen und endlich etwas unternimmt. Deshalb haben sie angefangen, die Leichen nach Deutschland zu transportieren. An den Grenzen Europas seien die Toten immer noch zu weit weg. Eine Beerdigung in Griechenland erhält keine mediale Aufmerksamkeit, eine, die nur ein paar Kilometer entfernt vom Regierungsviertel statt findet, hingegen schon.

Als der Sarg mit der Leiche des syrisch-palästinensischen Mannes in die Erde hinabgelassen wird, bezeichnet der Imam ihn als „ein Symbol für tausende, die auf diese Art und Weise verstorben sind". Anschließend stellt er die Frage, wer Schuld am Tod dieses Mannes sei und findet keine direkte Antwort darauf.

„Wer ist Schuld daran? Die Frage ist offen. Jeder muss sich das fragen. Ich appelliere nicht nur an die Politiker, sondern an jeden einzelnen von uns, an alle, die anwesend sind, die Aktivisten und Journalisten, an die Christen, an die Juden, an die Muslime, an die Atheisten, an alle Menschen, dass sie etwas tun. Diese Menschen sind im Meer versunken, und wir versinken wieder in Ungerechtigkeit, in Rassismus, in Diskriminierung. Wir alle versinken in Egoismus – ich frage mich, wie lange noch?"

Nachdem der Imam mit zwei weiteren Männern am Kopfende des Grabes das muslimische Totengebet gesprochen hat, ist es fast vollkommen still auf dem Friedhof.Nur das Klicken der Kameras ist zu hören. Einige der Fotografen haben sich nicht daran gehalten, dass Fotografieren während der tatsächlichen Beerdigung einzustellen. Der Imam hat mehrfach betont, dass dieses Begräbnis keine Veranstaltung sei, und obwohl so viele Pressevertreter anwesend sind, ist es nicht dazu verkommen. Diese Beerdigung ist nichts weiter als das Begräbnis eines einzelnen Mannes und doch mehr als das. Weil der Tod eines Einzelnen, der vor ihren Augen in die Erde hinabgelassen wird, in der Lage ist, die Menschen mehr zu schockieren als Millionen anonymer Leichen und das sinnlose Sterben, über das sie tagtäglich in den Nachrichten lesen. Vielleicht ist die mediale Aufmerksamkeit für diesen einen Toten ein winziger Hoffnungsschimmer, dass tausende andere nicht ganz umsonst gestorben sind.

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