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10.000 Tote jedes Jahr – Selbstmord und Depression interessieren die Bundesregierung trotzdem nicht

Vor 17 Jahren hat sich der Bruder von Diana Doko das Leben genommen. Heute versucht sie, Selbstmorde zu verhindern, auch mit unkonventionellen Mitteln.

von Stefan Lauer
30 April 2015, 9:42am

Foto: Tom Wagner

Vor 17 Jahren hat sich der Bruder von Diana Doko mit 22 Jahren das Leben genommen. Drei Jahre später gründete sie zusammen mit Gerald Schömbs (dessen Freundin sich ebenfalls umgebracht hatte) Freunde fürs Leben. Die beiden unterstützen Neuhland, eine Organisation, die anonym Hilfe für junge Leute anbietet, die selbstmordgefährdet sind. Mittlerweile gehen sie in Schulen und versuchen, klar zu machen, wie gefährlich Depressionen sein können und wie oft Selbstmord tatsächlich vorkommt. 10.000 Menschen, davon 600 junge Leute, bringen sich in Deutschland jedes Jahr um. Diana hat mit uns über ihre Arbeit bei Freunde fürs Leben, Suizidprävention und ihren Bruder gesprochen. Und darüber, was man tun kann, wenn es einem selbst oder Freunden nicht so gut geht.

VICE: Diana, Freunde fürs Leben hat viel mit deinem Bruder zu tun?
Diana Doko: Genau, mein Bruder hat sich umgebracht. Gerald Schömbs und ich haben den Verein zusammen gegründet. Nicht, weil mein Bruder sich umgebracht hat, sondern weil mir in den Jahren nach seinem Tod immer wieder aufgefallen ist, dass Suizid und Depression Tabu-Themen in unserer Gesellschaft sind.

Und dein Bruder hat sich wegen Depressionen umgebracht?
Ja, das glaube ich. Sein Therapeut hat gesagt: „Hey, du bist über den Berg, alles stabil." Das war im Sommer, mein Bruder hat sich im Sommer das Leben genommen. Er hat immer gesagt: „Das macht mir total Angst, ich möchte das nie wieder erleben, was ich erlebt habe." Ich kann es mir im Nachhinein nur so erklären, dass er wahnsinnige Angst hatte, wieder in eine Depression zu fallen und geglaubt hat, das nicht nochmal auszuhalten. Meine Therapeutin hat danach gesagt, dass sich viele Leute im Sommer umbringen, weil es ihnen da besser geht. Nach dem Motto: „Ich hab' Angst, wenn der Winter kommt und es mir wieder schlechter geht, das halte ich nicht aus."

Wie denkst du da heute drüber?
Vielleicht hätte ich meinem Bruder mit meinem heutigen Wissen viel besser helfen können, denn es gibt immer eine Lösung. Es wusste auch eigentlich niemand, dass er krank war, nur seine Freundin und sein bester Freund. Er hat immer gesagt: „Scheiße, ich wünschte ich hätte Krebs oder irgendwas, das nicht heilbar ist. Wem soll ich sagen, dass ich Depressionen hab', das versteht ja kein Mensch."

Wie hat euer Umfeld nach dem Suizid reagiert?
Mein Bruder ist damals viel ausgegangen, hat selbst Partys veranstaltet, war charmant und war nach außen immer gut gelaunt. Auch deswegen konnten das viele gar nicht glauben und waren so: „Was? Dein Bruder? Das kann ich mir gar nicht vorstellen!" In der Zeit nach seinem Tod habe ich dann gemerkt, dass es einige Menschen in meinem engeren Umfeld gab, die Schwierigkeiten mit dem Thema Suizid hatten. Ich mache das den Leuten nicht zum Vorwurf, die haben teilweise die Straßenseite gewechselt, weil sie nicht wussten, wie sie mir begegnen sollen, und haben dann meinen Freund angerufen und meinten: „Es tut mir total Leid, aber ich habe Angst, dass sie, wenn ich darüber rede, oder sie darauf anspreche, dann heult oder so." Dann hat mein Freund gesagt: „Ja, aber sie zu ignorieren oder zu meiden, ist ja auch blöd." Gerald und ich arbeiten ja im Medienbereich, da denkt man, alle können darüber reden, aber es gibt wahnsinnige Berührungsängste.

Ich habe das Gefühl, dass viele Leute in Deutschland den Unterschied zwischen Depression und schlechter Laune nicht so ganz wahrhaben wollen. „Reiß dich mal zusammen" ist da so eine Schlüsselphrase.
Da hast du total recht! Meine Eltern sind ja als Studenten aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen und die haben sowas nie zu meinem Bruder gesagt. Wirklich nie. Es war immer so: „Echt? Es geht dir schlecht, was können wir machen? Was können wir für dich machen?" Und was mir schon auffällt, ist, wenn wir in Schulen in Neukölln und Kreuzberg gehen und Eltern dabei sind, ist es immer der gleiche Tenor: „Egal was, macht einfach, dass es meinem Kind besser geht." Also, da hat keiner gesagt: „Komm, reiß dich mal zusammen."

Wie war das damals für deine Eltern?
Es gab Menschen, die meine Mutter gefragt haben: „Wie konnte er dir das antun?" Und sie hat immer geantwortet: „Wieso mir? Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass er sich selbst das Leben nimmt. Also ich leide, keine Frage, aber in erster Linie habe ich Mitleid mit meinem Sohn."

Wie sieht es mit den Zahlen aus?
Etwa 10.000 im Jahr insgesamt, davon 600 Jugendliche. In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Raubüberfälle, AIDS und Drogenmissbrauch zusammen. Und zu all den Themen gibt es nationale Aufklärungskampagnen, nur nicht zu den Themen Depression und Suizid. Sie existieren nicht auf der gesundheitspolitischen Agenda der Bundesregierung

Wie kann das sein? Und man erkennt auch nicht den Zusammenhang zwischen Depression und Suizid?
Überhaupt nicht! Es gibt keine Präventionsmaßnahmen. Wir rufen an jedem ersten Montag im Monat seit ungefähr 14 Jahren im Bundesgesundheitsministerium an und fragen, ob sie Aufklärungsmaterial zum Thema Depression und Suizid haben, dann sagen die: „Nein, tut uns Leid." Dann sagen wir: „Aber wir haben welches." Und wir bieten dieses Material allen an, gratis. Auch dem Bundesgesundheitsministerium, die aber sagen: „Ja, aber Sie wissen doch, das ist nicht auf der gesundheitspolitischen Agenda der Bundesregierung." Deswegen fordern wir auch jedes Jahr aufs Neue eine nationale Aufklärungskampagne zum Thema Depressionen und Suizid. Wie gesagt, es gibt Aufklärungskampagnen zu Verkehrsunfällen, zu AIDS, zu Drogenmissbrauch, zu tausend Sachen. Aber dazu nicht.

Und es ist eigentlich ein tödliche Krankheit.
Ja, es kann zum Tod führen. Es gibt in Amerika eine ganz tolle Plakat-Kampagne. Da steht drauf „Diese Krankheiten führen zum Tod: Krebs, AIDS und Depressionen."

Was passiert an einer Schule, wenn ein Schüler Suizid begeht?
Früher gab's ja noch Vertrauenslehrer und die haben einen Therapeuten gerufen. In den letzten Jahren wurden aber die meisten Vertrauenslehrerstellen gestrichen. Wir haben damals dem Schulsenat gesagt, wir würden gerne Schulworkshops anbieten, wo wir mit einem Therapeuten und manchmal noch einem Promi an die Schulen gehen und dann mit den Schülern darüber reden. Wenn wir in die Klassen gehen, merken wir, dass die auch wirklich darüber reden wollen. Die Hemmschwelle ist gar nicht mehr da. Also: „Wenn es dem auch schlecht geht, dann kann ich dazu auch was sagen".

Du bist keine Therapeutin, aber was würdest du mir empfehlen, wenn ich merke, dass jemand Hilfe braucht?
Wenn das jemand ist, den ich nicht kenne, kann ich immer nur Schritte aufzählen: Also wenn es schon wochenlang so geht, dann würde ich sagen, erstmal zum Allgemeinmediziner. Die meisten denken, sie müssten direkt einen Therapeuten suchen, das klappt aber oft nicht. Also, der Weg ist: Du musst zum Hausarzt gehen, der gibt dir eine Überweisung zum Therapeuten und das kostet nichts. Aber nein, der Hausarzt muss dir eine Überweisung geben. Jeder Hausarzt hat ein Netzwerk von Therapeuten, die er dir empfehlen kann. Jeder.

OK, was ist mit Leuten, die ich kenne?
Zuhören, zuhören, zuhören! Und miteinander reden. Das kann echt viel helfen, wenn du nicht das Gefühl hast, du musst dich verstecken, wenn es dir schlecht geht. Wie viel Energie man dafür aufwenden muss zu verstecken, was man hat. Und die könnte man so viel besser einsetzen. Wenn man auf eine Party geht: Allen geht's total gut, machen tolle Sachen und wenn dann mal jemand sagt, dass es ihm gerade nicht so gut geht, dann muss man das aushalten können. Aber jeder schämt sich, sowas zuzugeben. Wenn ich darauf eingehe, dann merkt mein Gegenüber auch, dass das gar nicht so schwer und schlimm ist, das zuzugeben. Oft sagen Leute: „Boah, ich komm' morgens so schwer aus dem Bett." Dann kann man nachfragen: „Ach Mensch, das ist ja doof, wie lange geht denn das schon so?" Und wenn man dann merkt, dass man nicht weiter weiß, kann man immer noch sagen: „Pass mal auf, also ich habe gehört, dass es gar nicht so schwer ist, sich helfen zu lassen." Dann kann man erklären, wie das geht mit dem Allgemeinmediziner.

Klar, aber es ist ja auf beiden Seiten schon eine Überwindung—die Person, die möglicherweise depressiv ist, muss zugegen, dass es ihr schlecht geht, und auf der anderen Seite muss man selbst die Schwelle überwinden und sagen: „Mach doch mal eine Therapie."
Gut, aber wenn es ein enger Freund von dir ist, dann würde ich sagen: „Komm wir machen das zusammen. Ich helfe dir, ich setz mich auch mit dir ins Wartezimmer." Das ist ja schon mal der erste Schritt. Dass man das nicht mit entfernten Bekannten macht, ist ja klar, aber trotzdem man muss einfach dran bleiben, wenn man die Energie dafür hat. Und wenn man die Zeit hat. Aber sonst kann man ja auch zumindest nachfragen: „Hast du einen Termin gemacht? Wann ist der?" Ist ein bisschen wie bei einem Kind, aber wer wenn nicht Freunde kümmern sich ...

Wann ist schlechte Laune keine schlechte Laune mehr, sondern Depression?
Bei jungen Menschen erklär ich das immer so: Wenn ihr merkt, euer Freund ist früher immer gerne mit Fußball spielen gegangen und heute sagt er immer: „Nee, keine Lust, geht mal alleine." Dann sollte man dranbleiben und fragen: „Hey, was ist denn los? Komm doch mit!" Junge Menschen denken dann oft, dass derjenige sich für was Besseres hält. Wie das halt ist in der Pubertät. Dann kann ich nur sagen: „OK, pass auf, vielleicht ist irgendwas, frag ihn doch nochmal. Und wenn du nicht an ihn rankommst, dann sprich mal mit der Lehrerin." Das muss man sich dann auch trauen. Und nicht alles so persönlich nehmen.

Dieses Zurückziehen ist einer der Schlüsselpunkte, auf die man achten kann oder die einem vielleicht auch an sich selber auffallen?
Ja, also, wenn du merkst, das, was du immer gerne gemacht hast, macht dir keinen Spaß mehr, kann man das beobachten. Jeder hat mal eine schlechte Phase, aber irgendwann muss der Spaß dann auch zurückkommen. Es muss ja nicht immer direkt eine Depression sein. Manchmal hilft es auch schon, mit einem normalen Arzt zu reden, auch wenn es erst unangenehm ist. Oder mit Freunden, das tut einem ja immer gut.

Und gegebenenfalls helfen auch Medikamente?
Was ich aus der Erfahrung sagen kann, ist, dass die Einen nur ein Gespräch brauchen und Andere Medikamente. Vor allem ist es wichtig, die Medikamente dann auch zu nehmen. Man merkt, wenn das nicht passiert. Ich glaube, junge Leute haben oft noch keine Manie, das ist extrem selten, die haben Liebeskummer oder Stress mit den Eltern oder werden gemobbt. Das kann man bearbeiten. Aber wenn sie das dann jahrelang mit sich rumschleppen, dann kann es schon heftiger werden. Manche Leute haben es als Anlage in der Familie.

Was macht Freunde fürs Leben besonders?
Es gibt natürlich die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, da sind viele Therapeuten dabei und so und es gibt einen Psychologenkongress und ja, neben denen sind wir ein bisschen die Punks. Natürlich brauchen wir diese großen Organisationen, auch um Lobbyarbeit zu betreiben, aber wir können viel schneller reagieren als die. Natürlich geben wir denen Bescheid, zu allem, was wir machen, und oft haben sie Bedenken. Letztes Jahr haben wir eine Aktion namens „600 Leben" am Brandenburger Tor gemacht, um eben auf die 600 Jugendlichen aufmerksam zu machen, die sich jedes Jahr umbringen. 600 Menschen haben sich zu Boden fallen lassen und sich dann gegenseitig wieder hochgeholfen. Da haben am Anfang alle gesagt: „Das kann man nicht machen, es könnte junge Leute animieren." Aber ich meine: Nein, wir zeigen den Leuten, dass wir uns gegenseitig helfen.

Diana und Freunde fürs Leben machen übrigens einen echt guten Job. Deswegen würden wir und alle Beteiligten sich freuen, wenn ihr das Ganze mit einer Spende unterstützt. Und zwar hier: Freunde fürs Leben e.V. Berliner Sparkasse IBAN: DE02100500000950003662, BIC: BELADEBEXXX