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Ein Hamburger Deutsch-Perser, der keine Berührungsängste mit Nazis hat

Michel Abdollahi über hanseatische Spießigkeit und philosophierende Nazis mit Stiernacken.
1.4.15

Foto: Jakob Kriwat

Man hätte mich bitten können, über persische Poesie zu schreiben, oder über juristische Fragen, Veranstaltungsmanagement, Poetry Slams, das Fernsehen, Nipster, Erfahrungen mit irren Stalkern oder wie man einen gute Borschtsch kocht, aber am Ende des Tages heißt es kurz: Du kommst doch aus dem Iran, schreib mal über deinen inneren Konflikt. Gerne.

Als ich 1986 auf der Max-Traeger-Schule in Hamburg-Eidelstedt die Vorschule besuchte, kam ich gerade aus dem Iran. In der Pause stellten sich alle Kinder an der „Milchbar" an und warteten geduldig, bis sie drankamen. Die Auswahl war überschaubar: Für 10 Pfennig Milch in einem kleinen blauen Karton, für 20 Pfennig Kakao oder Vanillemilch, für 30 Pfennig rosa Trinkjoghurt und für extrem kostspielige 50 Pfennig Joghurt mit Haselnüssen. Jedes Mal wenn ich dran kam, zeigte ich auf das, was ich gerne haben wollte, Vanillemilch. Die Milchmutter sagte dann etwas zu mir, ich guckte sie an, zeigte wieder auf den gelben Karton und bekam am Ende nichts. Das ging eine relativ lange Zeit so, genaugenommen die ganze Vorschulschulzeit. Aus meiner Familie sprach kaum jemand Deutsch und als Sechsjähriger, der zusammen mit seinen Großeltern, zwei Tanten und Onkel plus deren Familien in einer 60-Quadratmeter-Wohnung wohnte, war es sowieso recht verwirrend, was wir hier plötzlich machten. Zudem war gerade Tschernobyl explodiert. Draußen spielen war auch nicht. Den Reaktorunfall konnte ich ebenso wenig einordnen wie die Milchmutter. Als meine Eltern dann mit meiner Schwester nachkamen, lüftete sich das Geheimnis, zumindest das mit der Milch, denn meine Eltern sprachen sehr gut Deutsch, die hatten nämlich schon früher hier gelebt: Die Kinder hatten alle Zettel mit nach Hause bekommen, wo drauf stand, sie sollen bitte Geld mit in die Schule bringen, damit sie Marken bekommen, womit sie sich an der Milchbar etwas kaufen können. Im Laufe der Jahre trank ich sehr viel Vanillemilch. Ich trinke sie immer noch, obwohl sich mittlerweile die orientalische Laktoseintoleranz durchgesetzt hat und ich mit starken Bauchschmerzen zu kämpfen habe, aber ich trinke die Vanillemilch trotzdem weiter, aus Protest. Und weil ich Gelb so mag.

Michel an seinem ersten Schultag

In den folgenden Jahren wurde schnell klar: Ohne Deutsch wird das nix und so lernte ich nicht nur in der Schule, sondern auch als sehr junger Familiendolmetscher bei Behörden und Ärzten eine Sprache, mit der viele Achtjährige nicht unbedingt in Berührung kommen. Verlängerung von Aufenthaltstiteln, Beantragungsformulare für Wohngeld, Galle, Milz und Eierstöcke, Berberitzen und Bockshornklee führten bei einem mit dem Staat kämpfenden Opa, einer leicht hypochondrischen Tante und einer leidenschaftlich persisch kochenden Großmutter zu einem ungewöhnlichen Wortschatz für einen Grundschüler.

25 Jahre später mache ich immer noch das Gleiche, nämlich mit Wörtern jonglieren. Ich habe mich nie fremd gefühlt. Zu Hause war Persisch, draußen war Deutsch. So ist es auch immer noch, wenn ich zu meinen Eltern fahre, nur dass ich mir bei einigen Wörtern nicht mehr die Mühe mache, das persische Pendant zu suchen, um mit ihnen darüber zu sprechen. Familie und Freunde haben dafür gesorgt, dass ich, außerhalb der Pubertät, wo sowieso alles außer Kontrolle ist, selten das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören. Wir sind Deutsch-Perser, ich bin so, meine Eltern sind so geworden, zumal mir ihre stark zunehmende hanseatische Spießigkeit immer mehr Sorge bereitet, und meine Nachkommen sollen bitte auch so werden. Aus beiden Kulturen das Beste, natürliche Auslese. Geht ziemlich gut.

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Ich habe mal für den NDR eine Nazidemo besucht, um mir das Phänomen des Nipsters genauer anzuschauen. Ganz am Ende des Drehs versperrte mir ein besonders klassischer Nazi den Weg, Stiernacken, ein paar abgelebte Tattoos, etwa zwei Köpfe größer als ich, und wollte wissen, was ich hier überhaupt den ganzen Tag so fröhlich mache. Ich habe gesagt, dass ich mich für die neue Nazimode interessiere und die vor Ort näher beleuchte. Was ist schick, was ist in, was trägt der Nazi von Welt im 21. Jahrhundert. Das hat ihn verwirrt. Dann fragte er, woher ich komme. Ich habe gesagt aus Hamburg.

„Nein, nicht das, in Wirklichkeit."

„Ach so, aus dem Iran." Hatte etwas von einem Duell im Western, alle Nazis um uns herum, was passiert als Nächstes?

„Hab ich mir gedacht", sagte er. „Ich hab zu Hause einen Wandteller hängen, auch aus dem Iran. Darauf steht ‚Denke gut, spreche gut, handle gut'." Stille.

„Das ist ja toll. Die zentrale Philosophie des Zoroastrismus", sagte ich. Die Nazis nickten.

„Richtig." Sie nickten heftiger.

Dann guckten wir uns etwas an. Umarmt man sich jetzt zum Abschied? Selbst sich die Hand zu geben, wäre schon hochgradig bizarr. Wir haben uns dann für die Zukunft alles Gute gewünscht.

Und dann habe ich mal einen Bericht über den Islam gemacht, mit einem großen Schild, worauf stand: „Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?" Als Satireaktion, weil die verstrahlten Wutbürger in Dresden so eine Angst vor dem Islam hatten, aber nicht genug Informationen darüber. Es ist ja heute auch gar nicht leicht, an Informationen ranzukommen, deswegen wollte ich informieren. Auch da gab es sehr sehenswerte Zuschriften von Mitbürgern, die ich bei etwas mehr Zeit gerne an den Verfassungsschutz weitergeleitet hätte, aber am schönsten war eine wutentbrannte junge Dame muslimischen Glaubens, die mich fragte, was ich mir denn anmaßen würde, Fragen zum Islam zu beantworten. „Wer Michel mit Vornamen heißt, kann per se kein Muslim sein und damit auch keine Fragen beantworten." Wieder was gelernt.

Ich habe ihr dann ein Gedicht geschickt. Rückblickend muss ich sagen, der Nazi war irgendwie weiter in seinem Denken. Trotzdem sind Nazis doof. Und alle anderen Radikalen auch. In diesem Sinne aus dem 13. Jahrhundert eines der bedeutendsten Gedichte der persischen Literatur, eine Ode an die Meinungsfreiheit: Moses und der Hirte von Dschalal ad-Din Rumi.

Moses sah, wie ein Hirte schritt vor ihm her
Und sprach: „Oh Gott, oh du mein Herr.
Wo bist du, damit ich dir dienen kann,
Deine Sandalen nähen, deine Haare kämmen kann.
Deine Hände küsse, deine Füße reibe,
Des Nachts dir liebend dein Lager bereite."
So sprach der Hirte sinnlos daher,
Als Moses ihn fragte: „Mit wem sprichst du, Kerl?"
Er sagte: „Mit dem, der uns geschaffen hat,
Der Himmel und Erde zum Sein gebracht."
„Was sind das für dumme, gottlose Reden,
Deinen Mund solltest du mit Wolle verknebeln.
Sandalen und Schuhe sind gut für dich,
Das Licht bedarf solcher Dinge nicht.
Die Freundschaft des Dummen ist Feindschaft gleich,
Der Herrgott ist solcher Dienste reich."
Er sprach: Oh Moses, geschlossen hat du meinen Mund,
Ich bereue tief, mein Herz ist ganz wund.
Sein Hemd zeriss er und stöhnte tief,
Seinen Kopf gesenkt, er in die Wüste lief.
Da hörte Moses die Stimme des Herrn:
„Meine Geschöpfe hältst du von mir fern.
Um zu binden bist du auf Erden,
Nicht, dass diese Banden zerrissen werden.
Jedem gab ich ein anderes Wesen,
Jeden ließ ich mit anderen Worten reden.
Was für ihn Lob ist, ist für dich Pein.
Was für ihn Honig ist, mag Gift für dich sein.
Ich achte nicht auf das Äußere oder was sie sagen,
Sondern nur auf das, was sie in ihren Herzen tragen."
Als Moses diesen Tadel Gottes hörte,
er in der Wüste nach dem Hirten suchte.
Ihm rief er zu, als er ihn fand:
„Gute Botschaft geb' ich dir bekannt:
Suche nicht nach schönen Formen und Worten.
Sprich aus, wie es dein liebendes Herz dir geboten."