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„Starstube“ ist das erste Magazin für YouTuber und es ist fantastisch

Poster, Kinderfotos und Fanfictions haben mich tief (zu tief?) in die Welt von Dagibee, LiontTV und den Lochis eintauchen lassen.
14.10.14

Fotos: Grey Hutton

Erst war es die Wendy, bald darauf die Bravo und irgendwann, endlich ganz unpeinlich, war ich bei der JUICE angekommen. Der wöchentliche bis monatliche Erwerb einer Zeitschrift hat ebenso zu meiner Jugend gehört, wie Zettelchenschreiben im Unterricht und schlecht gezupfte Augenbrauen. Jetzt bin ich alt, erwische mich im Wartezimmer manchmal dabei, wie ich die Brigitte aufschlage und weiß gar nicht, wann ich mir das letzte Mal regelmäßig ein Printmagazin gekauft habe. Bis heute.

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Wer die Jugend verstehen möchte, muss sich YouTuber rund um die „Barely Legal“-Grenze reinziehen. Egal ob Beauty-Blogger, jumpcutlastiges Videotagebuch oder das, was auch immer die komplette Slimani-Familie macht—der Markt mit den Selfmade-Videostars scheint riesig und hat mit Netzwerken wie Studio71 und Mediakraft auch die ersten professionell organisierten Vertreter der Industrie, die die kreativen Teenager-Idole und ihre millionenfache Followerschaft in ein lukratives Businessmodell verwandeln wollen. Inwiefern große Marken bereits die Werbewirksamkeit der jungen Kreativen für sich nutzen, zeigte zuletzt die Schleichwerbungs-Kontroverse um Y-Titty besonders deutlich. Ein Wunder also, dass erst jetzt jemand auf die Idee gekommen ist, eine Art Bravo für die Vlog-Community zu produzieren.

Starstube versteht sich als „Internet im Offlinemodus”, scheint von Fans für Fans gemacht und beeindruckt neben typischem Teeniemagazin-Layout und Clickbait-Überschriften vor allem dadurch, dass auf gefühlt jeder Seite eine andere Schriftart verwendet wird. Das überrascht, schließlich ist Initiatorin Sarah Egner freiberufliche Mediendesignerin. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, wären mir solche stilistischen Feinheiten zu meinen Teeniemagazin-Hochzeiten aber wahrscheinlich ziemlich egal gewesen.

Fragen wie „Channelname vom Cousin der Lochis“ oder „Welchen Tag hat BibisBeautyPalace selbst erfunden?“ und ich fühl mich wie eine Altherrentorte

Ich blättere mich durch die überladenen Seiten voller Kurzinterviews, Kinderfotos, Social-Media-Kommentare und QR-Codes (zu den jeweiligen YouTube-Channels natürlich) und stelle mit zunehmendem Unglauben fest, dass ich nahezu niemanden der genannten Personen kenne. Bis auf LeFloid und Dagibee—wobei ich ersteren kürzlich interviewt habe und letztere die heimliche Traumfrau eines Kollegen ist, dessen Namen hier nicht genannt werden soll. Dementsprechend habe ich ihm auch das beiliegende Poster von ihr geschenkt, auf dem sie, hinter einem Wust aus Photoshop-Lens-Flares, neckisch in die Kamera blinzelt.

Ich dachte immer, um sich so richtig alt zu fühlen, müsste man sich lediglich vor Augen führen, wie lange das letzte gute Eminem-Album schon her ist. Tatsächlich hat es Starstube aber geschafft, mich innerhalb weniger Minuten an einen Punkt zu bringen, an dem ich das Gefühl habe, jeglichen Kontakt zur Welt da draußen verloren zu haben und mit einem Bein bereits in der Inkontinenz-Windel zu stecken. Besonders deutlich zeigt sich mein Unwissen am Kreuzworträtsel „für wahre Fans“. Fragen wie „Channelname vom Cousin der Lochis“ oder „Welchen Tag hat BibisBeautyPalace selbst erfunden?“ lassen mich trotz festem Job und eigener Wohnung wie ein absoluter Loser fühlen.

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Von 24 Fragen kann ich genau eine sicher beantworten, die nach dem „bekannten Tattoospruch” auf dem Körper einer Person namens TZon rate ich („Carpe Diem”). Mein Scheitern macht mich traurig, so wird das nichts mit dem Mega-Gewinn von Marcs getragener Cap. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer Marc ist, aber so eine lässige Kopfbedeckung kann man schließlich immer brauchen. Außerdem: YOLO! Wann, wenn nicht jetzt? So jung kommen wir nie wieder zusammen! Lebe den Tag und Vertrauen ist das A und O einer Beziehung! Letztere Aussage entnehme ich den „10 Lovetipps vom Liebeslöwen“, die sich direkt an das frustrierende Kreuzworträtsel anschließen. Liont ist der Lebensabschnittspartner von Dagibee, dadurch offensichtlich so was wie der krasseste Stecher der YouTube-Community und wenn man seine Ratschläge á la „Die Worte ,Ich liebe dich’ nicht für Gelüste missbrauchen“ liest, versteht man auch sofort, warum die Bitches so sehr auf ihn fliegen.

Kurz leite ich bereits erwähntem Kollegen die Information weiter, dass Dagi immer ein Pfefferspray bei sich trägt, bevor ein junger Mann namens KayefTV meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt. „Der süße Mädchenschwarm“ sieht aus wie eine Mischung aus Justin Bieber und Kollegah zu Alphagene-Zeiten und scheint zu dem Schlag von Teeniestars zu gehören, die ihren YouTube-Fame dazu nutzen, so etwas wie eine Musikkarriere anzustreben. Ich überfliege das Interview mit ihm und stelle fest, dass mir die Rechtschreibfehler, fehlende Kommata und die ausgesprochen willkürlichen Typo-Wechsel gar nicht mehr auffallen. Ich wurde assimiliert. Endlich.

Motiviert beginne ich mit dem „Selbstcheck Tag“, mit dessen Hilfe ich herausfinden soll, welchem von drei YouTubern ich am ähnlichsten bin. In der Bravo hieß so etwas noch Psychotest und man konnte zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen. Bei Starstube lässt sich mitunter zwischen „Nein“, „Nein“ und „Nein“ entscheiden. So funktionieren Psychotests nicht, denke ich mir, plötzlich müde geworden, und schlage die letzte Seite auf.

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Unter einer Fanfiction mit Timo (ich glaube, das ist Liont) und Kai (wie Kaine Ahnung, wer das ist) gibt es dann noch ein paar locker flockige Funfacts. Mein Favorit unter der Überschrift „Crazy Numbers“: „Seitdem LeFloid 13 ist, hat er kaum Gefühl in seinem rechten Arm.” Ein Kollege wirft ein, dass es sich angeblich anfühlt, als würde einem jemand anderes einen runterholen, wenn man lange genug auf seiner Hand saß. Hatte LeFloid die beste Pubertät aller Zeiten? Und warum wusste ich das nicht, BEVOR ich ihn interviewt habe? So viele Fragen, so wenig Platz. Nach 30 Seiten ist endgültig Schluss mit dem Spaß und die Realität holt mich mit einem Schlag ein. Ich bin Mitte 20 und habe mir gerade Beziehungstipps von jemandem geben lassen, der Videos über „extreme Telefon Challenges“ dreht. Trauer.

Wie von einem stetig lächelnden Halbtunesier mit strahlend weißen Zähnen angeschrien zu werden

Zusammengefasst ist das Heft ist ein bisschen wie die meisten YouTube-Videos: Viel Liebe fürs Detail, keine prüfende Instanz für die Qualität des Contents und irgendwie hat man permanent das Gefühl, von einem stetig lächelnden Halbtunesier mit strahlend weißen Zähnen angeschrien zu werden. Es gibt viele kleine Ideen, die für wirkliche Fans der YouTuber-Szene richtig nett sein dürften. Ein Contest, mit dem Newcomern dabei geholfen werden soll, ihre Reichweite zu erhöhen (wobei der Channel von Starstube selbst nur auf knapp unter 2000 Abonnenten kommt). Poster, jede Menge Funfacts und Community-Fragen—eigentlich fehlt nur noch eine Foto-Love-Story.

Auch wenn ich mich seit Langem nicht mehr so abseits der Jugendkultur gefühlt habe und Snukieful, den Lochies und wie sie alle heißen, jeden Quadratmillimeter ihrer frischen, jungen Haut neide, muss ich doch zugeben: Ich habe mich amüsiert und fühle mich den porträtierten Teenie-Idolen nun ungleich näher. Sobald der erste Starschnitt mit Herr Tutorial beigelegt ist, werde ich gerne wieder 1,50 Euro an den Kioskbetreiber meines Vertrauens abtreten. In diesem Sinne: #Saminator #FollowMeAround #LiontDerLiebeslöwe #Geilon

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