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Wir haben den Twitter-Nutzer interviewt, der Tausende IS-Twitter-Accounts publik machte

@xrsone hat eine Liste von 9.200 Twitter-Nutzern zusammengestellt, die Anhängern des Islamischen Staats gehören. Er will, dass Twitter mehr gegen extremistische Online-Propaganda tut.

von Liz Fields
17 März 2015, 3:27pm

Die globale Strategie des Islamischen Staats hat sich stark auf Propaganda in sozialen Netzwerken konzentriert, um Menschen zu radikalisieren und sie als militante Kämpfer zu rekrutieren. Ein anonymer Twitter-Nutzer mit dem Nutzernamen @xrsone hat der terroristischen Organisation jetzt den Kampf angesagt und im Laufe des Wochenendes 9.2000 Twitter-Namen von Kämpfern und Unterstützern unter dem Hashtag #opISIS publik gemacht.

„Es geht nicht, dass die amerikanische Seiten nutzen, dass ihre Accounts auf amerikanischem Gebiet gehostet sind und dazu genutzt werden, Amerikaner zu rekrutieren", sagte @xrsone, der seine Identität geheim halten will, VICE News. „Ich glaube an die Freiheit und die Werte, die soziale Netzwerke vermitteln, und je mehr sie kämpfen und versuchen, sie zu zerstören, je mehr sie posten, desto strenger werden die Regeln dieser Seiten. Und das macht es schwieriger, richtige Informationen zu teilen."

@xrsone arbeitet im IT-Sektor und teilte uns mit, er sei in ein paar Medienberichten über seine Offensive mit der „Hacktivistengruppe" Anonymous in Verbindung gebracht worden. Er gab zwar an, von dem Kollektiv und von den Hackergruppen „GhostSec" und „Crtlsec" gesammelte Informationen über einzelne Accounts verwendet zu haben, um seine eigene Liste aufzustellen—doch er sagt, er habe keine Verbindung zu ihnen.

„Ich bin nicht daran interessiert, Banker zu hacken", sagte er. „Ich hab's einfach nur satt, Bilder von in Stücke gerissenen US-Soldaten auf sozialen Netzwerken zu sehen."

„Sie setzen unsere eigene Technologie gegen uns ein."

Als wir Twitters Hauptquartier diesen Montag kontaktierten, erhielten wir keine Auskunft darüber, ob die Social-Media-Plattform angefangen habe, die fraglichen Accounts zu löschen oder ob sie eine umfassende Strategie habe, um terroristische Aktivitäten auf Twitter zu unterbinden.

„Wir überprüfen alle Inhalte, die uns gemeldet werden, im Hinblick auf Einhaltung unserer Regeln, welche eine gesetzwidrige Verwendung sowie direkte, spezifische Gewaltandrohungen verbieten", hieß es in einer Mitteilung der Firma.

Der Social-Media-Riese suspendiert oft Accounts, die mit extremistischen Organisationen in Verbindung stehen, oder Individuen, die militante Handlungen unterstützen, doch diese „Blindekuh"-Strategie im Hinblick auf das Löschen und Sperren von Accounts hält die Leute nicht davon ab, einfach neue Accounts zu eröffnen.

@xrsone bemerkte, dass diese fragmentarische und unzusammenhängende Vorgehensweise der Methode der sogenannten „Schwarm-Accounts" nicht gerecht würde—hierbei gibt es ein Netzwerk von Twitter-Followern, die einander darüber in Kenntnis setzen, wenn ein Account gelöscht wird, und sich zusammenschließen, um mit einem Tweet-Sturm den neuen Account zu verbreiten.

Anfang diesen Monats veröffentlichte die US-Denkfabrik Brookings Institute eine „ Twitter-Volkszählung" für ISIS, die eine Auswahl von 20.000 mit dem Islamischen Staat verbundenen Twitter-Accounts im Hinblick auf Geografie, Sprache, Tweet-Häufigkeit sowie Anzahl und Aufenthaltsort der Follower analysierte.

Über drei Monate hinweg, zwischen September und Dezember 2014, schätzten die Verfasser der Studie, dass Unterstützer der Terrorgruppe etwa 46.000 Twitter-Accounts eingerichtet hatten. Viele der Unterstützer befanden sich im Irak und in Syrien, wo der IS ihr „ Kalifat" in den eroberten Gebieten ausgerufen hat. Doch ein Fünftel der Nutzer gab Englisch als ihre Primärsprache an. Auch in den USA, in Großbritannien und anderen umkämpften Regionen in Nahost wurden Accounts eröffnet.

Die Forscher stellten fest, dass Twitter mindestens 1.000 dieser Accounts innerhalb desselben Zeitraums suspendierte—meist jene, die oft tweeteten und viele Follower hatten.

Im Februar, nach einem globalen Cybersecurity-Gipfel in Washington, D.C., unterschrieb US-Präsident Barack Obama eine Verfügung, die IT-Firmen durch das Teilen geheimer Informationen über digitale Bedrohungen helfen soll, Cyber-Terrorismus zu bekämpfen.

Andere Länder, darunter Frankreich (das westliche Land mit den meisten Rekruten für den IS), bemühten sich um intensivere Kooperation mit amerikanischen Social-Media-Firmen, um die Online-Rekrutierung zu unterbinden.

Doch @xrsone sagte, es gäbe einfachen Lösungen, die Twitter unmittelbar gegen extremistische Online-Aktivitäten einsetzen könne. Zu diesen gehöre die Einrichtung eines „Ankreuzfelds", mit dem Nutzer die Accounts von Terroristen-Unterstützern beim Blockieren oder Melden als solche einstufen könnten, sowie eine Verwendung der IS-Account-Listen von Nutzern wie @xrsone, um Konten für die Suspendierung auszuwählen.

Die Firma könne außerdem ein besseres Filtersystem einrichten, um Schwarm-Accounts als solche zu erkennen.

„Twitter hat sich im Hinblick auf seine Regeln eigentlich kaum geändert. Es ist immer noch schwierig, Terrorismus zu melden", sagte @xrsone. „Sie sollten den Meldeprozess verbessern.

„Das hier betrifft uns alle", fügte er hinzu. „Sie setzen unsere eigene Technologie gegen uns ein."