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DIE WAS SCHAUST DU SO AUSGABE

Frittiertes Amerika

Im August passierten elf Tage lang insgesamt 1.012.552 Besucher die Drehkreuze des State Fair Parks in West Allis, einem Vorort von Milwaukee. Sie kamen wegen allem, was frittiert war.
9.12.13

Fotos von Bruce Gilden

Bruce Gilden, Mitglied der Fotoagentur Magnum, und nebenbei auch mein Mann, hat in Japan Yakuza fotografiert, kennt Haitis Slums wie seine Westentasche, und pirscht seit Jahrzehnten durch die Straßen New York Citys, wo er außergewöhnliche Gesichter fotografiert, die an ihm vorbeitreiben. Aber ein Besuch der Wisconsin State Fair hat sein bisher exotischstes Werk hervorgebracht.

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Im August passierten elf Tage lang insgesamt 1.012.552 Besucher die Drehkreuze des State Fair Parks in West Allis, einem Vorort von Milwaukee. Sie kamen wegen des frittierten Plätzchenteig-Fondues, der frittierten Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwiches, der frittierten S’mores, der frittierten Milky-Way-Riegel, des frittierten Frischkäses (mit Speck), der frittierten Fat Elvisse. Sie kamen wegen der Windbeutel mit Cremefüllung, des Käsebruchs, der etwa 45 cm langen Corn Dogs, der kinderbeindicken gegrillten Truthahnschenkel, der in Bierteig frittierten und in Schinken gewickelten Cheddar-Hotdogs, der in Bierteig frittierten Makkaroni-Käse-Happen mit Monterey-Jack-Käse und Schinken. Natürlich kamen sie auch wegen des regional Gebrauten: Miller Lite, Miller Genuine Draft, Miller64, Leinenkugel „Haus“bräu (Eigentümer und Hersteller MillerCoors LLC). Als Bruce seinen Ausflug einigermaßen verdaut hatte, stellte ich ihm ein paar Fragen.

VICE: Warum hast du dir gerade diesen Ort und diese Veranstaltung zum Fotografieren ausgesucht?
Bruce Gilden: Ich bin wegen Postcards from America nach Milwaukee gefahren. Das ist ein laufendes Gemeinschaftsprojekt: Eine lose Gruppe von Fotografen sucht sich einen Ort aus, der sie interessiert, trifft sich dort und spielt zusammen—wie eine visuelle Band. Martin Parr und ich sind im August nach Milwaukee gefahren, und zwei weitere Fotografengruppen werden dort im Januar und April vorbeischauen. Das ist der dritte Teil, an dem ich teilgenommen habe. Der erste fand in Rochester, New York, statt und der zweite in Miami. Jetzt habe ich ein Guggenheim-Stipendium und kann mit dieser Arbeit auch an anderen Orten fortfahren.

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Gibt es eine Verbindung zwischen den drei Teilen von Postcards?
Offensichtlich finden alle in Amerika statt, für mich ist es daher eine Fortsetzung meiner vorherigen Serie über Zwangsversteigerungen, die ich in vier verschiedenen US-Städten fotografiert hatte. Das Gute an Postcards: Es ist ein eigenständiges Projekt, aber mir und vielen anderen der beteiligten Fotografen lässt es auch Raum für Experimente und Kreativität, wovon dann wieder unsere individuelle Arbeit profitiert.

Inwiefern?
In Rochester war die Bedingung, dass wir innerhalb von zwei Wochen 100 Fotos liefern mussten. Das ist ziemlich schwer. Um sicherzugehen, arbeitete ich außer mit meinem üblichen Schwarz-Weiß-Film erstmals mit einer Leica M9 Digitalkamera. So konnte ich direkt sehen, was da nach und nach entstand. Ich fing an, Porträts von Menschen zu machen, weil die Straßen leer waren und ich 100 Fotos brauchte. Dann ging es weiter nach Florida, und ich fotografierte das ganze Projekt in Farbe. Mit einer mittelgroßen Digitalkamera machte ich vor allem Aufnahmen von Gesichtern.

Also bist du jetzt ein Farbfotograf?
Nein. Ich werde zwar weiterhin mit Farbe arbeiten, aber ich verabschiede mich nicht vom Schwarz-Weiß. Ich hatte seit 1968 nicht mehr mit Farbe fotografiert, und ich war erstaunt, wie schnell ich mich daran gewöhnte. In Milwaukee hatte ich mich darauf festgelegt, alles digital und in Farbe zu schießen.

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Und du hast vor allem Close-up-Porträts gemacht?
Ja, überwiegend, aber auf diese Idee bin ich nicht über Nacht gekommen. Ich hatte schon 20 Jahre darüber nachgedacht, Porträtfotos von Menschen zu machen, auf denen nur ihre Gesichter zu sehen sind, und jetzt tue ich es endlich. Es ist ein langer Weg von der Entwicklung einer Idee bis zu ihrer tatsächlichen Umsetzung.

Die Leute, die du fotografiert hast, waren also alle auf der Messe?
Als ich in Milwaukee angekommen war, versuchte ich zuerst, Leute auf der Straße zu fotografieren, aber da war niemand. Ich schätze mal, weil täglich etwa 120.000 Menschen die Messe besuchten, also bin ich auch dorthin gegangen. Ich mache nicht viele Fotos. Durchschnittlich fünf bis zehn Porträts am Tag.

Was zieht dich an einem Gesicht an?
Für mich liegt in allem etwas Schönes, aber ich bin wählerisch. Ein bestimmtes Detail zieht mich visuell an, und dieses Detail macht dann die Stärke des Bildes aus. Du musst dazu in der Lage sein, ein gutes Bild zu erkennen, und dann muss das Zusammenspiel zwischen dir und deinem Motiv stimmen, damit es umgesetzt werden kann. Auf der Messe waren viele einverstanden, als ich sie fragte, ob ich ein Foto von ihnen machen dürfte, aber das bedeutet nicht, dass das Foto immer funktioniert hat.

Was ging dir durch den Kopf, als du diese Porträts gemacht hast?
Tausend Gedanken: Ich habe noch nie so fette Menschen gesehen. Was haben die gegessen, dass sie so dick geworden sind? Das Kind wird sich mit dem Stiel dieses riesigen Corn Dogs gleich ein Auge ausstechen. Der Typ geht mit zwölf Creme-Windbeuteln nach Hause, nachdem er dafür eine halbe Stunde angestanden hat. So viele Frauen mit so superblauen Augen, sind die echt oder sind das Kontaktlinsen? Ein paar Frauen haben so geschwollene Füße, dass ich ihre Schmerzen bei jedem Schritt regelrecht spüren kann. Nachdem ich fast sieben Stunden ununterbrochen meine Runden über die Messe gedreht hatte, freute ich mich einfach nur noch aufs Abendessen und mein Bett und darauf, dass ich dasselbe am folgenden Tag wieder tun würde.

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Was ist dein nächstes Projekt?
Kommt auf die Gesichter an.