FYI.

This story is over 5 years old.

Nachrichten

Muss man den Leuten von 'Heute' in die Goschn hauen?

Was steckt hinter den Aussagen Wolfgang Fellners, den Leuten von Heute müsse man am Besten in die Goschn hauen? Wir haben mit Helge Fahrnberger, dem Gründer von Kobuk gesprochen.
28.11.13

Foto von TheirHistory

Wenn ihr mich persönlich fragt, dann fällt mir die Antwort auf diese Frage nicht sehr schwer. Dass es in Österreich um den Journalismus nicht allzu gut steht, haben wir schon des Öfteren erwähnt, aber es gibt Dinge, die man nicht oft genug sagen kann. Im Global Right to Information-Rating sind wir—nicht VICE, sondern Österreich—Letzter geworden, was bedeutet, dass Staaten wie Äthiopien, Indien oder Aserbaidschan ihre Bürger besser informieren, als das in Österreich passiert.

Anzeige

Hinzu kommt, dass die wenigen Informationen, die die Österreicher bekommen, bei knapp 40 Prozent aus der Lektüre der Kronen Zeitung und bei jeweils zirka 10 Prozent aus Österreich und Heute kommen. Weil das extrem frustrierend ist, war es immer eine unglaubliche Genugtuung, wenn Kobuk Fotomontagen oder falsche Statistiken aufgedeckt und das bestätigt hat, über was wir uns immer schon aufgeregt haben: Österreichs Zeitungen schreiben extrem viel Schwachsinn und zu viele Österreicher glauben unhinterfragt, was sie lesen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kobuk.

Nun hat Kobuk zum ersten Mal selbst eine Reportage gebracht. Und schon wird ihnen genau das vorgeworfen, was sonst sie anderen vorwerfen: Falsche Aussagen und Ungenauigkeitsfehler. Wir haben mit dem Gründer Helge Fahrnberger über diese Anschuldigungen gesprochen und wollten wissen, wie es dazu gekommen ist.

VICE: Gab es einen bestimmten Auslöser, dass ihr euch für diese Arbeit entschieden habt?
Helge Fahrnberger: Eine Gründungsgeschichte? Ganz einfach: Das Publizistik-Institut der Uni Wien hat mich gefragt, ob ich eine Lehrveranstaltung über Multimedia-Journalismus halten will. Ich habe das dann als Online-Journalismus interpretiert, einen Gruppenblog erstellt und mir das Thema „Medienkritik“ überlegt, weil ich dachte, es wäre ein Thema, das einerseits die Studenten interessiert, andererseits auch ein Publikum. Dass das so erfolgreich wird, war nicht geplant.

Anzeige

Was wollt ihr mit euren Aufdeckungen bewirken?
Die Teilnehmer der Lehrveranstaltung sollen lernen, online zu publizieren, aber auch, genauso wie das Publikum, Medien kritisch zu konsumieren. Wenn man aufzeigt, wie häufig und zum Teil auch bewusst Fehler entstehen, dann ist das eine Form der Selbsthilfe für uns, die Medien konsumieren.

Wie ist Markus Leitgeb zu Kobuk gekommen, ist er einer deiner Studenten?
Markus Leitgeb ist kein Student, sondern hat uns seinen Text geschickt, wollte aber nicht namentlich genannt werden. Wir konnten ihn vom Gegenteil überzeugen, auch durch die Rechtsberatung eines sehr erfahrenen Medienanwalts.

War die Geschichte von Anfang an geplant? Also eine Aufdeckerstory á la Günther Wallraff?
Meines Wissens war nichts davon geplant, aber das fragst du Markus am besten direkt.

Was sagst du zu den Vorwürfen, dass die Aussagen nicht stimmen? ihr habt ja mit diesem Artikel selbst „Medien gemacht“, nicht nur Fehler aufgedeckt. Und wenn Fellner nun sagt, dass die Aussagen nicht stimmen—ist das dann nicht genau das, was ihr immer bei anderen aufzeigt?
Dem liegt ein grundsätzliches Missverständnis zugrunde. Ein Blogger, der von einer Erfahrung berichtet, berichtet subjektiv. Jeder kann sich eine Meinung bilden und entscheiden, ob er ihm glaubt, sowie, wenn er möchte, direkt unter dem Artikel widersprechen. Ein Journalist, der wiederum darüber berichtet, muss natürlich die Gegenseite anhören—siehe Horizont Online. Das ist das Missverständnis: Blogbeitrag vs. journalistischer Bericht. Siehe auch Benedikt Narodoslawsky: „Die Frage, ob Kobuk den Artikel über Fellner veröffentlichen darf, gleicht der Frage, ob Wallraff das Buch über Bild veröffentlichen durfte.“

Anzeige

Hätte es sein können, dass Fellner sagt: Ja, das habe ich so gesagt?
Das war natürlich auszuschließen. Die Stellungnahme bietet hier null Informationswert—sondern Fellner höchstens die Gelegenheit, eine Klagsdrohung auszusprechen—, alles ist erwartbar. Siehe Fellners Aussagen auf Horizont.at. Über Fellner ist außerdem genügend in dieser Richtung bekannt.

Foto von Lisa Lux

Warum darf eigentlich irgendein unbekannter Jungjournalist seine subjektive Erfahrung auf Kobuk veröffentlichen?
Dazu haben wir ihn und den Bericht einem ausführlichen Glaubwürdigkeitscheck unterzogen. Und uns entschieden, dass er glaubwürdig ist. Nicht zuletzt setzt sich der Autor und auch Kobuk einem nicht unbeträchtlichen Klagsrisiko aus. Wir sind zur Meinung gelangt, dass der Erfahrungsbericht einer eventuelle juristischen Objektivierung standhalten würde.

Habt ihr schon oft jemanden angezeigt?
Nein. Wir haben es nicht notwendig, jemanden beim Staatsanwalt oder beim Presserat anzuzeigen, weil wir eine andere Form der Selbsthilfe haben: die Öffentlichkeit. Was wir schon gemacht haben, ist, dass wir Medien Dinge vorwerfen, die einen Strafbestand darstellen, wie zum Beispiel Volksverhetzung. Wenn wir einem Medium vorwerfen, das Volk zu verhetzen, dann wäre das, würde es nicht stimmen, einklagbar. In dem Fall wäre das Verleumdung. Aber nachdem es unwidersprochen bleibt …

Wenn du sagst, es ist bisher nicht widersprochen worden, dann bedeutet das, dass ihr auch noch nie angezeigt wurdet!?
Ja, das verwundert mich einerseits ein bisschen, andererseits verstehe ich es auch, weil uns anzuzeigen dem Anzeigenden wahrscheinlich mehr schaden würde. Stichwort Streisand-Effekt.

Anzeige

Welche Zeitungen liest du privat?
Zur Zeit bin ich mit der Qualität deutschsprachiger Zeitungen nicht so zufrieden, als dass ich eine abonnieren würde. Abonniert habe ich im Moment nur den Economist. Ich lese aber auch Falter, Standard, Presse, Kurier, sehr gerne auch Zeitungen aus Deutschland.

Suchst du beim Lesen schon immer automatisch nach Fehlern?
Das ist unterschiedlich, manchmal genieße ich die Fehlersuche beim Boulevard. Wenn man anfängt die Krone, Österreich oder Heute regelmäßig zu lesen—was ich seit Kobuk tue—dann fallen einem sehr interessante Muster auf: Kampagnenjournalismus, Schleichwerbung, Faulheit, Personalmangel oder schlechte Ausbildung. Da gibt es Aha-Effekte.

Ärgerst du dich jetzt weniger, weil du diese Aha-Effekte hast, oder weil du jetzt auch die Plattform hast, was du findest öffentlich zu machen.
Bevor ich mich sehr ärgere, schreibe ich einen Artikel, ja. Aber, obwohl ich immer ein kritischer Medienkonsument war, muss ich sagen, dass ich mir vor Kobuk nie gedacht hätte, dass die Fehlerquote, beabsichtigte und unbeabsichtigte Fehler, so unglaublich hoch ist, auch in Qualitätsmedien.

Was sind zum Beispiel beabsichtigte Fehler?
Zum Beispiel Kampagnenjournalismus gegen Zuwanderer oder die EU, Gefälligkeitsjournalismus, Scheckbuchjournalismus für irgendwelche Inserenten.

Gibt es Dinge, die ihr nicht aufdecken würdet, wenn ihr sie finden würdet? Fehler, Manipulationen …? Was wäre das?
Es gibt viele Fehler, die wir nicht veröffentlichen, weil natürlich nicht jeder Fehler interessant genug ist, veröffentlicht zu werden. Abgesehen davon könnte ich mir vorstellen, dass wir Fehler nicht veröffentlichen würden, die unter übergeordnete Interessen fallen. Also zum Beispiel, wenn ich eine Veröffentlichung nur zu Lasten der Persönlichkeitsrechte einer beschriebenen Person machen könnte, würde ich das nicht tun. Also wenn der Kollateralschaden für irgendjemanden zu groß wäre.

Seid ihr vielleicht bei manchen Zeitungen kritischer, als bei anderen? Also siehst du zum Beispiel lieber und mehr Fehler in der Krone als im Standard? In manchen Zeitungen sind Fehler viel schwieriger zu finden. Wenn du einen Fehler im Standard findest, dann entweder, weil du dich mit dem Thema selbst viel auseinandergesetzt hast, oder weil dich jemand darauf aufmerksam macht. Bei einer Qualitätszeitung findet man die Fehler meistens nicht beim bloßen Durchlesen. Beim Boulevard sind die Fehler meistens offensichtlicher.

Wer macht euch auf die Fehler aufmerksam, die ihr nicht selbst entdeckt habt?
Viele Fehler werden von Leuten eingesendet, die Einblick in ein Thema haben und sagen, dass sie wissen, wenn etwas nicht stimmt. Dann nimmt sich von uns jemand des Themas an und recherchiert. Manchmal liest man aber auch zwei Zeitungen und sieht, dass da etwas nicht übereinstimmt. Dann fängt man an zu recherchieren und kommt vielleicht auf ganz andere Dinge drauf. Zum Beispiel, dass beide Geschichten nicht stimmen.

Soll Kobuk irgendwann mal größer werden? Vielleicht mit finanzieller Unterstützung?
Nein, es ist schon größer, als es werden hätte sollen. Wir haben auch schon Spendenangebote bekommen, aber sobald Geld im Spiel ist, wird es kompliziert.