Fotos

Furchtbare Albträume aus aller Welt

Im wachen Leben widmen wir einen Tag im Jahr dem Makabren, doch in unseren Träumen ist jede Nacht Halloween.

von Roc Morin
20 Oktober 2015, 4:00am

Es ist immer irgendwo Nacht, und zu jeder Zeit schläft ein Drittel der Welt, versunken in Träumen. Die letzten 15 Monate habe ich für mein laufendes Projekt „World Dream Atlas" in 18 Ländern das Reich des Unterbewusstseins erforscht. Ich gehe auf Fremde zu und frage sie nach Träumen, doch für jeden Traum, den mir jemand erzählt, erzählt mir jemand anderes ein Albtraum. Rund um den Globus kommen immer wieder dieselben Themen vor: das postapokalyptische Ödland, der gesichtslose Verfolger, die abbrechenden Zähne, das Kannibalenmahl, die traurigen Toten.

In unserem wachen Leben baut die menschliche Kultur auf Konflikt auf. Unsere Bücher und Filme zeigen allesamt Kämpfe. In diesen Medien könnten wir Szenen niemals endenden Glücks erschaffen, in denen nie etwas schiefgeht. Aber das tun wir nicht. Frieden ist langweilig, wenn er zu lange währt. Selbst unsere optimistischsten Erzählungen benötigen ein Hindernis, das es zu überwinden gilt, bevor das Glück erreicht ist. In Träumen ist es ähnlich. Ohne die äußere Stimulation, die wir im Wachzustand haben, zeigt der menschliche Geist sein Wesen in den Dingen, die er erschafft. Wir bevölkern die Dunkelheit mit Aspekten unserer selbst und nennen sie „Monster".

Im Folgenden lest ihr eine Auswahl an Albträumen aus aller Welt. Im wachen Leben widmen wir einen Tag im Jahr dem Makabren, doch in unseren Träumen ist jede Nacht Halloween.

Folge Rocs Traumsammler-Projekt auf Facebook.

„Ich bin 103 Jahre alt, also schlafe ich nicht gut. Doch wenn ich schlafe, dann sehe ich die Toten—Leichen, sowohl bekannte als auch unbekannte." — Rajuri, Indien

„Es gab zu viele Menschen, also hat die Regierung die Luft vergiftet. Überall lagen Leichen." — Tokio, Japan

„Wenn du von Heroin runterkommst, wirken die Träume besonders echt. In einem war ich dabei, draußen im Universum herum zu schweben, zwischen den Sternen und Planeten. Ich konnte in der Ferne die Erde sehen. Aus irgendeinem Grund musste ich all meine Organe an einen anderen Ort übertragen, um die Welt zu retten. Es gab einen Countdown und die Erde würde explodieren, wenn ich es nicht rechtzeitig tat. Als ich aufwachte, drehte ich mich auf die Seite, und all meine inneren Organe lagen neben mir auf dem Bett. Ich habe furchtbare Angst gekriegt. Ich dachte: ‚Der einzige Weg, meine Organe wieder in meinen Körper zu kriegen, ist, mir einen Schuss zu setzen.' Das habe ich gemacht, und dann ging es mir viel, viel besser." — Tijuana, Mexiko

„Eine der Minen erwischte ein Auto mit einer Familie. Die Mutter und der Vater wurden getötet und das Mädchen wurde entstellt. Ich sehe sie, wenn ich meine Augen schließe—ein Mädchen ohne Gesicht." — Horliwka, Ukraine/Volksrepublik Donezk

„Als Freiwilliger in einer wohltätigen Klinik zu Beginn der AIDS-Epidemie habe ich leider gelernt, dass ich den Tod erkenne, wenn ich ihn sehe. Ich weiß, wenn er bevorsteht. Ich halte das nicht für einen Segen. Es ist mehr ein Fluch. In dem Traum gehe ich zum Spiegel und ich sehe den Tod in meinem eigenen Gesicht. Ich kenne diesen Anblick. Da ist etwas in den Augen. Da ist etwas Leeres. Ich sterbe an der Sache, an der vor meinen Augen Tausende gestorben sind." — New Orleans, Louisiana, USA

„Ich habe geträumt, dass mein Mann einen Gaskanister trug. Plötzlich explodierte er. Ich lief umher und sammelte panisch all seine Teile in meinen Armen, während ich weinte." — Devpur, Indien

„In meiner Grundschulzeit lief ich mit Freundinnen durch mein Viertel. Plötzlich kam ein Motorrad auf uns zu. Der Fahrer war ein Mann mit einem Messer. Er erstach alle meine Freundinnen. Nur ich habe überlebt. Er hat mich nicht mal berührt." — Tokio, Japan

„In Afghanistan wurde einer von meinen Freunden von seinem besten Freund getötet. Ein Schuss hatte sich versehentlich gelöst. Viele Monate später, als ich wieder in den Staaten war, träumte ich, dass es an der Tür klingelte. Mein Freund stand da; er sah glücklich aus und hatte eine Tasche mit Übernachtungssachen dabei. Er hatte 48 Stunden Freigang aus dem Himmel bekommen. Wir verbrachten das ganze Wochenende zusammen—wir zogen um die Häuser, diskutierten und gingen mit meinem Hund, Roxy, in den Park. Dort begegneten wir dem besten Freund meines Freundes. Er umarmte ihn und sagte: ‚Du wirst immer mein Bruder sein. Ich will nicht, dass dein Herz voller Schuldgefühle ist.' Dann sah ich, dass mein Freund sich den Hals hielt und Blut hervorsprudelte. Dann lag er in seiner Ausgehuniform im Sarg, tot und regungslos. Ich schwitzte furchtbar und mir kamen die Tränen. Als ich wach wurde, leckte Roxy mir gerade das Gesicht." — Columbus, Georgia, USA

„In dem Traum renne ich immer und halte die Hand meiner Freundin. Ein Mann jagt uns—es ist immer derselbe Mann, dessen Gesicht ich nie sehe. Wir kommen an eine Weggabelung und trennen uns, weil wir uns denken, dass der Mann nur eine von uns jagen kann. Genau in dem Moment taucht ein zweiter gesichtsloser Mann auf." — Tokio, Japan

„Ich habe jemanden getötet und ich koche ihn. Es ist ein Klassenkamerad. Ich hasse ihn nicht, aber ich mag ihn auch nicht. Ich schneide ihn in Stücke und brate ihn in einer Pfanne. Ich werde ihn essen, vermutlich um die Beweise zu vernichten." — Ahmedabad, Indien

„Da war irgendein riesiges Lagerhaus mit einer großen Party. Ich wollte einen terroristischen Anschlag verüben. Ich habe pneumatische Stelzen unter das Lagerhaus gebaut. Die Stelzen drückten das Lagerhaus hoch und stürzten es um, mit all den Menschen drin. Damals dachte ich: ‚Warum tue ich das? Das ergibt keinen Sinn.' Aber ich habe trotzdem weitergemacht. Als ich aufwachte, war es so real, dass ich kurz dachte: ‚Ich lande im Knast.'" — Detroit, Michigan, USA

„Sie mussten mich von seinem Sarg zerren. Am nächsten Tag googelte ich, wie ich mich am effizientesten umbringen konnte. Ich fühlte mich schuldig an seinem Tod. Wenn ich an jenem Morgen wacher gewesen wäre, hätte ich ihm sagen können, dass es regnet und dass er besonders vorsichtig sein soll. Das Erste, was der Arzt mir sagte, war, dass er mit einem Laster kollidiert sei. Er brach sich das Genick. OK. Zum Glück wurde er nicht zerfetzt. Ich sehe das Gesicht meines Mannes in meinen Träumen. Er trägt immer seine Uniform. Er ist von irgendwoher zurückgekehrt. Ich fühle mich so erleichtert. Es ist, als wäre es wieder ein normaler Morgen. Ich versuche, etwas zu sagen, doch ich kann einfach nicht. Ich fange an, mich schwach zu fühlen, und ich weiß, dass ich sterbe. Ich sterbe an seiner Stelle, und ich bin so froh, dass sein Gesicht das Letzte ist, was ich sehe." — Tokio, Japan

„Meine Schwester wurde ermordet—doch selbst davor habe ich oft davon geträumt, dass ich erschossen werde. Im Traum ist es immer dasselbe. Ich sitze auf dem Rücksitz eines Autos, das in Los Angeles geparkt steht. Ich rede nur und trinke etwas, als ein Typ rüberkommt und mich nach meinem Namen fragt. Sobald ich ‚Omar' sage, zieht er eine Pistole und Bang! Bang! Bang! Und ich kann die Kugeln in meinem Körper fühlen." — Tijuana, Mexiko

„Ich habe meine Mutter niemals kennengelernt. Sie ist kurz nach meiner Geburt verschwunden. Ich habe noch nicht einmal ein Bild von ihr gesehen. Ich habe einen wiederkehrenden Traum, in dem ich betrunken im Bett liege. Die Tür ist halb geöffnet. Jemand klopft und geht dann weg. Ich springe auf und folge ihr die Treppe hinunter. Ich rufe, aber sie dreht sich nicht um. Ich will ihr Gesicht sehen, also strecke ich die Hand aus und greife sie bei den Haaren, um ihren Kopf zu drehen. Sie hat kein Gesicht. Da ist nur Schwarz." — Mumbai, Indien

„Ich saß in einem Zug und wir fuhren auf einen Bahnhof zu. Der Name des Bahnhofs war ‚Glück'. Doch anstatt anzuhalten, fing der Zug an, kehrt zu machen. Schließlich kamen wir an einem Friedhof an."— Tokio, Japan