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Bis so guet

Ich bin ein Mann und damit habe ich ein Problem

Die Welt braucht mal wieder neue Männer - die Männer von morgen. Denn die Damen an den Wühltischen sind sich einig: Der Ramsch von heute hat ausgedient.
16 Januar 2014, 9:00am

Foto von der Bobbel

Ich spritzte aus dem Fruchtwasser, glitt aus dem Tunnel und schaute an mir herab. Verdammt, ich war ein Mann. Weiss, heterosexuell und schon fast bis zum Rand voll mit Testosteron. Dass dieser Umstand mein Dasein erheblich erschweren wird, wusste ich damals noch nicht—aber ich ahnte es. So machte ich mich auf den Weg und baute Bomben, lief Weltrekorde und spekulierte an den internationalen Finanzmärkten.

Die Welt lag mir zu Füssen, ich war ein Held, ein König, ein Nimmersatt. Jede Frau der Welt durfte an meinen Sack, zackzack. Ich wurde älter und merkte, dass das alles irgendwie doch nicht so.. so real (Betonung: engl.) war. Denn trotz all dieser Erfolge, der gesellschaftlichen Anerkennung und der gefühlten Erweiterung meines Gemächts, war ich immun gegen eine menschliche Fähigkeit, von der ich noch nie zuvor gehört hatte. Ich war immun gegen Mitleid. Der Begriff wurde mir zwar erklärt, dennoch wusste ich nie so recht wie das ging, Mitleid haben. Ich war motiviert und wollte, aber passiert ist nichts. Bei niemandem, nirgends, zu keiner Zeit. Irgendwann kam einer an und erzählte mir noch von einem weiteren Begriff. Empathiefähigkeit. Ich sagte „fick dich" und hab ihn erschlagen.

Foto von Illona Gaynor

Also machte ich weiter. Frauen, Häuser, Waffen und Boden, jede Menge Boden. Ich frass mich durch die Welt bis ich fast platzte. Dann irgendwann—ich mache einen kleinen Zeitsprung—traf ich eine Fee. Sie sagte mir, dass sie gerade gut gelaunt sei und ich aus diesem Grund nicht nur einen, sondern gleich mehrere Wünsche frei habe. Schon ein wenig altersmilde streckte ich ihr vertrauensvoll meinen Kopf entgegen und flüsterte ihr zu: „Ganz ehrlich? Ich möchte gerne ein anderer Mann sein, ein besserer Mann, ein besserer Mensch." Sie bat mich ein wenig genauer zu sein. Ich räusperte mich und präzisierte:

„Ich wäre gerne empathisch. Das soll ja jetzt ganz wichtig sein, hab ich gehört. Dann will ich endlich einmal aufrichtiges Mitleid empfinden, und sei es auch nur ein einziges Mal. Ich will weinen, schluchzen und mich meinem besten Freund in die Arme werfen. Ich will beim Sex nicht immer nur daran denken, wie ich nach der Entsaftung möglichst schnell wieder verschwinde. Ich will endlich damit aufhören immer über meine Kunst-Projekte zu reden, wenn es gar keine Kunst-Projekte gibt. Ich will mir nicht immer noch dieses pseudo-kreative Etikett anhängen. Ich bin nicht kreativ! Ich will in den Spiegel schauen und sagen: Nein, du bist nicht Rocco Siffredi! Du hast eine erektile Dysfunktion verdammt!"

Foto von Carmen Eisbär

„Meiner Mutter möchte ich endlich einmal sagen, dass ich sie liebe und meinem Vater, dass ich ihn hasse. Ich will über mich und meine lächerliche männliche Existenz lachen können. Ich will weiblich sein, oder metrosexuell (oder wie das heisst). Naja, Sie wissen schon. Ich will tabulos über alle meine verfluchten Schwächen und Ängste reden können. Ich will durchlässig sein und noch vieles mehr. Aber nur damit wir uns richtig verstehen. Ich bin trotz alledem noch lange keine Pussy, verstanden? Ich bin schliesslich immer noch ein Mann, oder?"

Alles, was ihr immer schon tun wolltet, könnt ihr natürlich wieder dieses Wochenende:

Donnerstags lassen wir uns musikalisch flachlegen: Im Palace malt uns der US-Komponist Ryan Lott alias Son Lux den Januar mitten ins Herz. Etwas weiter im Westen geht die verschlafenste Stadt der Schweiz total auf 180: Tour de Lorraine. Und für die, die dazwischen hin und her geworfen sind, gibt es noch die Fotoorgie in der Photobastei oder die Jagd auf William Hunt in der Rotwand Gallery.

Am Freitag stürzen wir uns in die surrealen Abgründe verdorbener Genüsse: Joyland im Theater Neumarkt. Wer das überlebt, bleibt vom Glück gesegnet, oder einfach ein Zürichind der heilen Welt. Wem es dann immer noch in den Zehenspitzen juckt, tanzt den Funk durch die Bagatelle oder schleudert Bässe durch die Grabenhalle.

Am Samstag wird's bizarr im Sud, erntereich im Kiff und rauh-wütend, roh-kaputt im Komplex.

Sonntags verarschen wir die Mafia im Xenix. Falls wir das überleben, schauen wir mal, was uns als Mann zum Mann oder zur Frau, zum Trans/Inter/Supergender macht, was wir dafür schlucken müssen und wann wir vielleicht besser die Fresse halten sollten.