Maskenparade: Aus dem Archiv eines legendären Maskenfetischisten

Eine lebende Puppe: Kim Netto ist aus ersichtlichen Gründen eine Legende in der Maskenfetisch-Szene—und trägt Ganzkörperanzüge und Masken, die ihn zum künstlerisch künstlichen Frauenzimmer werden lassen.

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Okt. 14 2015, 4:00am

„Hier bin ich der Sub und muss die Stiefel meiner Herrin schnüren. Ich trage ein Latexbustier, lange Latexstrümpfe und -handschuhe, ein Hüftkorsett aus Latex, Lackpumps und eine Maske." (1986) (alle Bildunterschriften von Kim Netto)

Aus der The Road to Nowhere Issue 2015

Kim Netto ist eine Legende in der Maskenfetisch-Szene. Der Niederländer ist mittlerweile 72 und seit Jahrzehnten in der Szene aktiv. Kim trägt Ganzkörperanzüge und Masken, die ihn wie eine stilisierte, künstlich anmutende Frau—eine lebende Puppe—aussehen lassen. Es gibt eine Menge Begriffe, die diesen Fetisch beschreiben: Dolls, Female Maskers, Rubber Dolling und Living Dolls. Die Szene ist global und hauptsächlich männlich.

Wie lange es diese Männer schon gibt, ist schwer zu sagen. Außerhalb ihrer Szene waren Maskenfetischisten lange unsichtbar. Man knüpfte Kontakte über Anzeigen in Magazinen, aber erst mit dem Internet wurde die Szene größer. Kims Fetisch datiert auf Zeiten lange vor dem Internet. Er fand sein erstes Fetischmagazin mit 19, also 1962. Mit 20 fing er an, Masken—damals Karnevalsmasken—zu tragen. Er fuhr oft nach Antwerpen, in Belgien, wo in den 1960ern und 70ern eine größere Fetischszene existierte. Allerdings waren es hauptsächlich Cross-Dresser, die er dort traf. Kim hat einen Sohn mit seiner mittler­weile verstorbenen ersten Frau. Beide haben ihn immer, sein Sohn bis heute, unterstützt. In zweiter Ehe war Kim mit einer Domina verheiratet, er trug ein weißes Latexkleid zur Hochzeit.

Kim zeigte mir seine fantastischen Kostüme und Masken und beantwortete alle meine Fragen. Er kann sich noch an ein paar ganz frühe Erfahrungen erinnern, als seine Geschwister ihn als Mädchen verkleideten und er merkte, dass es ihm gefiel. Für ihn der Beginn seiner Entwicklung. Seine Faszination für unterschiedliche Materialien—vor allem Latex, Silikon und Leder—spielt eine große Rolle in seinem Fetisch. Er erinnert sich gern daran, wie sich die verschiedenen Stoffe für ihn damals als Kind anfühlten. „Als kleiner Junge hatte ich oft einen Regenmantel und Stiefel aus Gummi an. Ich liebte das Geräusch und das Gefühl. Ich hätte es am liebsten immer getragen."

Der Fetisch für ein bestimmtes Material spielt nicht für alle Maskenträger die gleiche Rolle. Einige wollen einfach nur ihre persönliche Fantasiefrau sein, die sie von ihrer alltäglichen Identität befreit. Ein Ideal, das sie im Spiegel bewundern können. Einige, so wie Kim, sind über das Cross-Dressing zur Szene gekommen. Aber sich wie eine Frau zu kleiden hat Kim nicht gereicht. Er trägt immer noch ein- bis zweimal pro Woche Maske.

Er zeigte mir, was alles dazugehört: vom schweren Silikon-Bodysuit, über Corsagen und Brustattrappen bis hin zu Hosen, die durch Aufblasen die Illusion einer runden Hüfte erzeugen. Kim bereitet bereits der Prozess des Anziehens Lust. Maskenträger konzentrieren sich oft auf die kleinen Dinge, wie zum Beispiel das Make-up aufzutragen oder das richtige Outfit für ihr weibliches Alter Ego auszuwählen. So ein Ritual kann sich über Stunden hinziehen. Die Kleidung wird über den Anzügen getragen, am Ende sind das bis zu sechs Schichten übereinander.

Die Doll-Szene ist eine verschworene Ge­meinschaft, und Kim spielt in ihr eine wichtige Rolle. Er wird Show-Doll genannt. „Das liegt daran, dass ich jedes Mal mit einem komplett neuen Look auftauche. Wenn ich Kim bin, strebe ich nach Perfektion."

Websites für Maskenzubehör werden immer populärer. Vor 50 Jahren noch war das eine ganz andere Geschichte, viele Produkte gab es schlicht und ergreifend noch nicht. Deswegen sind viele von Kims Masken und Outfits aus dieser Zeit selbstgemacht. Jeder, der im Umkreis von Amsterdam damals einen Fetischladen hatte, kennt Kim. Kim ist fasziniert von der Vielfalt der Stoffe—einen Tag siehst du ihn im Latexkleid, am nächsten in einem schweren Lederkorsett oder einem Hochzeitskleid. Er besitzt außerdem eine große Sammlung von Masken, mit offenen und geschlossenen Augen, handgemachte und solche, wo das Make-up noch selbst aufgetragen werden muss. Auf den folgenden Seiten präsentieren wir einen Einblick in Kims umfangreiches Archiv.

„Ich trage meine erste richtige Frauenmaske von Paul Barret Brown. Das Make-up auf der Maske wurde von einem Spezialisten gemacht, der sonst Schaufensterpuppen schminkt. Hier trage ich meine Latexbluse.“ (1988)

„In diesem Bild trage ich auch eine Maske von Paul Barret Brown. Ein kurzes Stretch-Kleid, Nylonstrumpfhose, Lackpumps und Lederjacke. Ich wollte kurz überprüfen, wie ich aussehe. Ich war erregt von dem Anblick und blieb eine Weile vor dem Spiegel stehen." (1998)

„Ich trage ein langes Latexkleid, Latexstrapse, lange Latexstrümpfe und Lack-High-Heels. Nur noch kurz überprüfen, wie die Frisur sitzt, bevor mein Besuch kommt." (April 1989)

„Ich trage ein langes Latexkleid mit Druckknöpfen vorne und ein Halskorsett aus Latex mit Spitzendetail." (August 2001)

„Ich trage einen Latexbody mit Strumpfhalter, Strümpfe, Rock, lange Handschuhe und Lack-High-Heels mit 14-Zentimeter-Absätzen. Ich mache Kaffee für ein Fetischpärchen." (Oktober 1988)

„In einem Satin-Hochzeitskleid. Ich wollte wie ein Weihnachtsengel aussehen. Das ist eine meiner Frauenmasken." (Januar 2001)

„Treffen mit einem Freund, der mich gerne in diesen Sachen sieht. Alles aus Latex bis auf die High Heels, mit 14 Zentimetern Höhe. Es gibt mir ein wunderbares Gefühl, mich so anzuziehen und in den Spiegel zu sehen.“ (1988)

„Im Haus meines dominanten Freundes musste ich mit Leuten telefonieren, die Fragen zu meinen Fetischgestellt haben. Er hat mich sein Callgirl genannt.“ (Datum unbekannt)

„Eines der vielen Outfits, die ich zu Hause trage, wenn ich am Computer arbeite. Hier trage ich meine zweite Frauenmaske von Paul Barret Brown.“ (Juli 2000)

„Hier trage ich ein Ballkleid aus Satin, lange Satinhandschuhe, Lackheels und meine vierte Frauenmaske. Ich liebe lange Kleider, die fühlen sich gut an.“ (Januar 2001)

„Das Latexkorsett hat ein dominanter Freund hergestellt. Ich habe lange trainieren müssen, um eine so schmale Taille zu haben, nur so hat man eine wirklich weibliche Figur. Ich liebe es, wenn das Korsett so eng ist, dass ich kaum mehr atmen kann.“  (April 1992)

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