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Was ich als Vegetarier an Vegetariern hasse

Vegetarier sind die besseren Menschen—aber auch die nervenaufreibenderen.

von Sebastian Sele
09 Dezember 2015, 11:00am

VICE Media

Als Vegetarier hast du es nicht leicht. Mit der Entscheidung, auf Köstlichkeiten wie Salami oder Döner aus der Dose zu verzichten, erklärst du dich freiwillig zum Teil einer Minderheit. Und Teil einer Minderheit zu sein, bedeutet auch, 2015 immer noch—im besseren Fall—Teil von schlechten Witzen und—im schlechteren Fall—Teil von Diskriminierungen zu sein.

Ich habe vor acht oder neun Jahren nach einer Doku, in der gefühlt alle männlichen Küken der Welt einem Schredder übergeben wurden, und nach einigen noch blutigeren YouTube-Videos beschlossen, ein "besserer Mensch" zu werden. In diesen Jahren voller "Ja, ich esse deinem Essen das Essen weg ... " und "Ich weiß nicht, ob ich Fleisch essen würde, wenn ich sonst sterben würde" habe ich nicht nur so einiges über Nicht-Vegetarier, sondern auch sehr viel über meine Leidensgenossen gelernt.

Nicht jeder Vegetarier ist dein BFF

Je nach Quelle verzichten zwischen drei und zehn Prozent der Deutschen auf Fleisch.

Daher passiert es schonmal, dass man auch andere Vegetarier trifft. Ich erlebe immer wieder, dass einige dieser Menschen unsere gemeinsame Minderheitenzugehörigkeit als Zeichen unendlicher Verbundenheit deuten. Ich muss sie aber jeweils enttäuschen: Nur weil wir beide Vegetarier sind, sind wir keine BFFs. Das ist nur eines der Tausenden Merkmale, die dich und mich ausmachen—nicht unbedingt eine gute Grundlage für gemeinsame Ausflüge in den Europa-Park. Ich schmeiße mich schließlich auch nicht freudekreischend anderen Menschen um den Hals, nur weil sie aus demselben Kaff stammen wie ich.

Die Esoterik-Attitüde

Foto von Jakob Lawitzki | Flickr | CC BY 2.0

In der Realität der 1960er Jahre und jener von Hinterpfupfingen gilt noch immer die Gleichung Vegetarier = Hippie. Ich überfordere diese Leute gerne mal mit meinem Junk-Food-Lifestyle—aber nicht nur sie. Auch Vegetarier kommen oftmals nicht darauf klar, dass Aufback-Margherita, Mikrowellen-Curry und die Grundnahrungsmittel Mayo und Ketchup die solide Basis meiner Lebensmittelpyramide bilden. Wenn ich meinen Mitbewohnern nicht ab und an mal ein paar Mandarinen klauen würde, wäre mein Vitaminhaushalt wohl eher eine leerstehende Vitaminbruchbude.


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Meine Vegi-Kollegen ticken oft anders. Sie lieben Monologe über die neuesten Rezepte mit den Hauptzutaten Körnchen und Samen, die ihre Energy erst im richtigen Vibe flowen lassen—oder andere Dinge, die mich mindestens so wenig interessieren wie die dritte kasachische Fußballliga. Störe ich ihren Energy-Körnchen-Monolog mit einem Junk-Food-Einwurf, stocken sie nur kurz, schließen ihren Mund für eine halbe Sekunde und brabbeln weiter. Wie Cartman schon so weise gesagt hat: "Hippies, Hippies everywhere—they wanna save the earth, but all they do is smoke pot and smell bad."

"Aber Fisch esse ich"

Foto von shankar s. | Flickr | CC BY 2.0

Jeder hat seinen eigenen Grund, wieso er oder sie ein Leben ohne Besuch an der Fleischtheke führt. Manche tun es wegen der herzigen Tierchen, manche wegen der armen Umwelt, manche einfach wegen des Geschmacks—und manche weichen einfach auf die Fischtheke aus.

Das ist ziemlich absurd. Wie kannst du ein super guter Mensch sein wollen, der den Artgenossen seiner wahren Liebe—Pferd Romy—nie, nie, nie etwas antun könnte, weil die ja so süß und lieb sind—aber gleichzeitig Nemo in eine Pfanne hauen und verschlingen?

Die Urban-Yoga-Vegetarier

Es ist ja schön, dass Menschen auf die helle Seite der Macht wechseln. Damit habe ich kein Problem. Wäre das ganze nicht wie Urban Yoga: ein Trend. Urban Yoga machen in meiner Welt Menschen, die so oder so Yoga machen, denen Yoga allein aber zu wenig hip ist. Sie brauchen das richtige Image.

Dasselbe gilt für die Urban-Yoga-Vegetarier. Sie sind nicht aus einem der Tausenden triftigen Gründe Vegetarier—sondern weil es gerade Trend ist. Sie wollen die Welt (der Tiere) retten—aber nur solange, bis es auf Instagram wieder mehr Likes gibt, wenn man seine Beißerchen in blutige Steaks rammt.

Vegetarier zu sein, ist kein Battle

Foto von taylorandyumi | Wikimedia | CC BY 2.0

Es gibt diesen ziemlich dummen Witz: Woran erkennst du einen Veganer? Du musst nur abwarten, er sagt's dir selbst. Der Witz—sofern solche Humorleichen diesen Namen wirklich verdienen—ist einerseits total bescheuert. Logisch sprichst du Dinge, die vieles in deinem Leben beeinflussen, schneller an. Und doch trägt er im Kern eben auch ein Fünkchen Wahrheit—und lässt sich auch auf Vegetarier ummünzen.

Einige Vegetarier reiben dir bei jeder Gelegenheit unter die Nase, wie viel besser sie im Menschsein performen als du. Auch ich mache das, wenn du mit beschissenen "Du isst meinem Essen das Essen weg"-Sprüchen kommst. Oder wirklich über ethische Fragen diskutieren willst—nicht tot ist schließlich meistens wirklich besser als tot.

Aber Vegetarier, die mich abschätzig anschauen, weil mir mein Grillkäse auch schmeckt, wenn er zuvor böse Cervelat-Sporen auf dem Grillrost geknutscht hat, kann ich nicht ernst nehmen. Du bist ethisch nicht überlegen, weil du dich als Streber aufspielst—wir sind letzten Endes ja immer noch im gleichen Team.

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