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Syronics on Speed

​Wenn ein syrischer Flüchtling in einen Berliner Fetisch-Club geht

Unser Kolumnist Aboud Saeed hat beschlossen, zum ersten Mal in den berüchtigten Kit Kat Club zu gehen.

von Aboud Saeed
30 November 2015, 2:00pm

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen „Der klügste Mensch im Facebook " daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ih gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

*

Es war eine geschichtsträchtige Entscheidung: Meine Freundin Sancho und ich hatten uns nach langem Hin und Her dazu entschlossen, endlich auch einmal in den KitKatClub zu gehen. Die verlockenden Erzählungen über den bekannten Swinger-Club hatten uns weich werden lassen, die Abenteuerlust unsere Bedenken überwogen. Besonders da sich zwischen uns mittlerweile eine emotionale wie auch sexuelle Kälte eingeschlichen hatte; als seien wir ein deutsches Pärchen, mit zwei Kindern und einem Fahrrad.

Ich schlug vor, uns für unseren Besuch im KitKatclub auf folgende Punkte zu einigen:

- Mir, als Mann, steht es zu, mit Frauen zu tanzen. Sancho steht es ebenfalls zu, mit Frauen zu tanzen.

- Mir, als Mann, steht es zu, mich Sancho an die Fersen zu heften, sollte es mir misslingen, eine andere Frau herumzukriegen.

- Sancho hat das Recht, sich nackt auszuziehen - nur die Maske, die ihr Gesicht verbirgt, bleibt dran.

- Ich, als Mann, habe das Recht, mich nackt auszuziehen und es mit Frauen zu treiben, so wie es auch Sancho zusteht, es mit Frauen zu treiben.

- Sancho darf mit Männern tanzen, vorausgesetzt, dass kein Begrapschen im Spiel ist. Küssen ist ihr ebenfalls gestattet, allerdings ohne Zunge.

- Den genauen Aufbruchtermin bestimme einzig ich. Der Schlusspfiff wird durch meine Person erfolgen. Sancho ihrerseits verpflichtet sich, diesem Befehl augenblicklich Folge zu leisten, in welcher sensiblen Situation auch immer sie sich zu diesem Zeitpunkt befinden mag.

Sancho schien nicht gerade begeistert. Entrüstet fragte sie mich: „Sag mal, fällt dir daran nichts auf? Findest du das jetzt allen Ernstes gerecht?"

„Ich weiß schon, worauf du hinauswillst, Liebling. Aber du musst ein bisschen nachsichtig mit mir sein. Für mich ist die Freiheit doch noch Neuland, und da bin ich eben ein bisschen eifersüchtig auf dich. Das nächste Mal schreiben wir die Paragraphen dann um."

„Ich bin aber nicht einverstanden! Ich will auch meine Rechte!"

„Aber Liebling, ich bin immerhin Schriftsteller! Bist du etwa eine Schriftstellerin?"

„Nein, so what? Ich bin keine Schriftstellerin, und ich fordere meine Rechte! Überhaupt, was soll der Unsinn? Sind die anderen Mädchen im KitKatClub etwa alle Schriftstellerinnen?"

„Ok Schatz, ich will ehrlich sein. Du weißt doch, dass das ein Text für die VICE ist. Sobald er online ist, werde ich ihn auf mein Facebookprofil posten. Und mein Bruder Ibrahim, der in Saudi-Arabien lebt, könnte eventuell auf die Idee kommen, ihn zu lesen, besonders seit dieses dumme Facebook die Übersetzungsfunktion eingeführt hat. Jetzt stell dir bitte mal vor, was los wäre, wenn mein Bruder Ibrahim erfahren würde, dass du und ich rechtlich gleichgestellt sind! Komm schon, Schatz, lass uns die Paragraphen jetzt so belassen, und im KitKatClub macht dann jeder, worauf er Lust hat. Du bist nicht verpflichtet, dich an irgendwas davon zu halten."

„Na gut, Schatz, einverstanden. Ich liebe dich."

Wir duschten uns und zogen unsere schicksten Kleider an. Sancho packte ihre Catwomen-Maske ein und dann machten wir uns auf den Weg zur U8. Ich mit meinen Bedenken, und Sancho mit ihrer unverzichtbaren Maske. Unverzichtbar, denn Sancho befürchtete, dass wir dort anderen Menschen wie unsereiner, will sagen, Flüchtlingen begegnen könnten, die ihrerseits dem Mysterium des KitKatClubs auf der Spur waren. Oder gar Kindern, einem Fahrrad und einem deutschen Pärchen aus Schnee.

In der U-Bahn beobachtete ich Sanchos Augen, die sich besorgt nach jedem Fahrgast umsah, als hätte sie etwas gestohlen. Ich legte meinen Arm um sie und versuchte sie zu beruhigen: „Keine Angst, Sancho. Niemand wird uns sehen. Außerdem ist heute Montag. Es ist absolut unwahrscheinlich, dass wir einen unserer deutschen Freunde in KitKatClub antreffen werden. Und unsere Flüchtlingsfreunde sind alle so angepasst und versuchen alles genau wie die Deutschen zu machen. Die gehen doch auch nur noch am Wochenende aus, selbst wenn sie arbeitslos sind."

Wir stiegen aus der U8 aus. Schweren Schrittes bewegten wir uns Richtung KitKatClub. Während dessen lächelten wir gestelzt und tauschten jämmerliche Gesprächsfetzen aus:

„Schatz, bist du dir auch wirklich sicher, dass du kein Problem damit hast, wenn ich ein Mädchen küsse und mit ihr schlafe?"

„Nein, Schatz, das ist gar kein Problem. Ich liebe dich und will nur, dass du glücklich bist. ...Aber du bist mir sicher auch nicht böse, wenn ich mit einem Jungen tanze?"

„Aber nein, das ist völlig in Ordnung. Nur, wie abgemacht: Keine Zungenküsse, und die Maske bleibt auf!"

„Oh Gott, ich kann's gar nicht glauben! Endlich werden wir diesen KitKatClub sehen!"

„Warten wir mal ab, was uns Gott noch beschert."

Wir erreichten die Eingangstür des Clubs, die von zwei breitschultrigen, riesigen Typen bewacht wurde. Die Schlange hielt sich in Grenzen. Sancho und ich stellten uns an, und als wir bei den beiden Schränken angelangt waren, musterte der eine uns prüfend im Schein einer Taschenlampe, die er uns ins Gesicht hielt. Bierernst fragte er uns:

„Seid ihr zusammen?"

„Ja."

„Ok, und habt ihr auch die passende Kleidung für die Party dabei?"

„Was für Kleidung? Was wir anhaben sind unsere neuesten Kleider!"

„Ja, aber ich meine Fetisch-Klamotten."

„Ok, meinst du sowas wie Boxershorts? Hab ich an. Grüne Boxershorts. Willst du sie sehen? Und meine Freundin Sancho hat eine Cat-Woman-Maske dabei."

„No, that's not enough. No normal underwear."

„Wie, heißt das jetzt, wir kommen so nicht rein? Ich kann mich auch ganz ausziehen, wenn du willst!"

„No, sorry. Have a nice night."

„Ok, wie du willst. Komm Sancho, lass uns nach Hause gehen."

Wir fuhren zurück nach Hause. Unsere Stimmung war gelöst und heiter. Wir fühlten uns erleichtert, wir fühlten, dass eine große Last von uns abgefallen war. Nun konnten wir uns als frei betrachten. Wir hatten alles in unserer Macht stehende getan, um frei zu sein. Nur dieser breitschultrige Typ war uns dabei im Wege gestanden.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.