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Popkultur

Die Bombendrohung ist das Beste, was dem GNTM-Finale passieren konnte

Mit der nachgeholten Finalshow versuchte ‚Germany's Next Topmodel' die ganz große Charme-Offensive—und zeigte, worum es bei diesem Format wirklich geht.

von Lisa Ludwig
29 Mai 2015, 8:53am

Screenshot: YouTube/GNTMoffiziell

Eines vorneweg. Mit Terrorismusdrohungen spaßt man nicht. Als die Finalshow von Germany's Next Topmodel am 14. Mai wegen einer Bombendrohung abgebrochen werden musste, regnete es statt Schock oder Anteilnahme vor allem erst einmal Häme und Spott. Ganz so, als wären die Gegner der Sendung irgendwann dahingehend betriebsblind geworden, als dass sie Kandidatinnen, Jury und Beteiligte nicht mehr als Menschen sehen könnten. Glücklicherweise passierte niemandem etwas, die ganz große Bühnenshow vor 10.000 Besuchern in der Mannheimer SAP Arena war allerdings geplatzt.

Das Finale von ‚Germany's Next Topmodel' und die Bombenverschwörung

Trotzdem musste man nach der Ausstrahlung der Finalsendung feststellen: Dem Format hat die krisenbezogene Umkalkulierung (Aufzeichnung der Sendung in New York, Ausstrahlung dann einige Tage später zur gewohnten Sendezeit) nur gut getan. Zum Einen kam man als geneigter Zuschauer nämlich in diesem Jahr um eine absurd in die Länge gezerrte Live-Show herum. Zum Anderen zeigte Germany's Next Topmodel endlich sein wahres Gesicht—womöglich aber eher unabsichtig. Wenn es nach dem zweistündigen Rückblick (denn viel mehr war es tatsächlich nicht) eine Sache klar wurde, dann das: Niemand, absolut niemand bei ProSieben interessiert sich wirklich dafür, wer zu Deutschlands nächstem Topmodel gekürt wird. In der sendereigenen Halbpromi-Verwertungsschleife sind die Finalistinnen sowieso schon längst angekommen.

Statt mit Feuerwerk und einem Eingangs-Walk (wie es Thomas Hajo womöglich ausdrücken würde) begann diese Sendung mit einer betroffenen Fragestunde. Wie haben die Mädels den Abend erlebt, an dem die eigentliche Finalshow wegen einer anonymen telefonischen Bombendrohung abgebrochen werden musste, erlebt? Heidis Stimme klang dabei sehr kalt und streng. Jede der drei verbliebenen Kandidatinnen durfte einen kurzen Satz loswerden, zack, zack, zack, bei dieser Aufzeichnung, in die nicht nur ein paar Outfitwechsel gequetscht werden mussten, war kein Raum für blumige Ausführungen.

Dann kam der Schnitt zu Nachrichtenbildern, aufgelösten Fans und Schaulustigen vor der Arena in Mannheim. Wir sahen den so aus dem Ruder gelaufenen Finalabend, der eigentlich der „schönste Tag im Leben" für die GNTM-Kandidatinnen werden sollte. Viele Verschwörungstheorien gab es um einen vermeintlichen Bombenkoffer und die Drohung, die sich beide als harmlos herausstellten. Der Sender habe das Ganze inszeniert, um für höhere Einschaltquoten zu sorgen, behaupteten einige. Man habe die „normalen" Zuschauer viel zu lange sorglos weiter in der Halle sitzen lassen, während die VIPs evakuiert wurden, hieß es derweil auf diversen News-Seiten. Vielleicht bestand der große Rückblick auf das Drama vor zwei Wochen deshalb auch primär aus Besucherstimmen, die der Polizei und den Sicherheitsleuten vorbildliches Verhalten attestierten.

Wie es wirklich ist, Kandidatin bei ‚Germany's Next Topmodel' zu sein

Normalerweise hätte man zum jetzigen Zeitpunkt schon mindestens drei verschiedene Outfitwechsel der Teilnehmerinnen (und Heidi) bewundern dürfen, stattdessen schien es ProSieben bei seiner improvisierten Finalshow allerdings vor allem darum zu gehen, nach all den Negativschlagzeilen der vergangenen Wochen und Monate kurz vor Ende der aktuellen Staffel noch möglichst viele Sympathiepunkte zu sammeln. Wackelige Backstage-Bilder, die die Juroren Thomas Hajo und Wolfgang Joop bei der schweren Frage „Essen oder nicht essen?" am Rande einer Sinnkrise zeigten. (Glücklicherweise löste ein resoluter Mitarbeiter die Sache in wenigen Sekunden „Dann geht doch jetzt einfach was essen.") Heidi Klum, die ein bisschen zu kalkuliert nahbar erzählte, dass sie vor derart großen Auftritten aus Nervosität immer Kaugummi kauen muss. Das war nicht spannend, immerhin aber auch nicht so todlangweilig wie die immerselbe, ausgelutschte Bombast-Veranstaltung, die einen eigentlich erwartet hätte.

Ganz um das geplante Live-Show-Feuerwerk ist man dann aber doch nicht herumgekommen. Schließlich waren schon bei den Proben die Kameras mitgelaufen, frohlockte Heidi in die Kamera, wieder ganz die alte Sadistin. Na Gott sei Dank, mögen Tausende Zuschauer entkräftet ins Sofa-Kissen gestöhnt haben, während Lenas Soundcheck über den Bildschirm flackerte und ein schneller Zusammenschnitt die größten Karrieremomente einer anderen Lena, nämlich der, die die erste GNTM-Staffel gewonnen hat, Revue passieren ließ. Erst die Show gewonnen, dann ein bisschen gemodelt, dann mit einem Nationalspieler liiert—was sonst könnte sich eine junge Frau noch wünschen? Getrübt wurde die allgemeine Glückseligkeit nur von dem Bomben-Countdown in der rechten Bildschirmhälfte. Classy.

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Aber was war denn nun mit den Finalistinnen, die mit klappernden Zähnen in der kurzfristig gebuchten New Yorker Drehlocation saßen und auf ihren großen Moment warteten? Fast schien es, als wäre bei all der Aufregung und dem Ärger darüber, dass die große Abschlussshow nicht wie geplant stattfinden wurde und man die ehemaligen Gewinnerinnen vollkommen umsonst nach Mannheim gekarrt hatte, ganz vergessen worden, warum man die ganze Schose überhaupt veranstaltet. Schließlich kam er dann aber doch noch, der Vorentscheid mit Mini-Fotoshooting auf dem Catwalk—samt Lollies und Zuckerwatte, die natürlich nur zum Schein verspeist wurden.

Der ganz große Showdown geriet dann so unspektakulär, dass man sich ernsthaft die Frage stellte, ob den Produzenten zum Schluss hin einfach die Lust ausgegangen ist. Einer der für die Live-Show geplanten Künstler durfte im Hintergrund seinen aktuellen Schmusesong performen, während Vanessa und Anuthida stoisch den Raum abschritten. Minutenlang. Mit derart toten Gesichtern, dass Wolfgang Joop daneben wie eine mimische Explosion wirkte. Wer war in dieser Situation mehr zu bemitleiden? Die beiden Kandidatinnen, denen nach wochenlanger Schinderei am Rand zur Selbstaufgabe der große Auftritt verwehrt blieb?

Den mitgereisten Verwandten und Freunden, die über dreieinhalb Minuten hinweg mit unsicheren Blicken Richtung Kameras so tun mussten, als gäbe es direkt vor ihrer Nase irgendetwas Interessantes zu sehen, und dabei schlecht gebastelte Sterne in den Händen hielten, die unangenehme Assoziationen zum Dritten Reich heraufbeschworen? Oder vielleicht doch der Teil der Zuschauer, denen es bei derartigen Casting-Formaten wirklich darum geht, wer am Schluss gewinnt. Dem Sender konnte das offensichtlich nicht egaler sein. Die Quoten macht man schließlich mit der Bloßstellung, dem Drama, den aus dem Ruder laufenden Extrem-Shootings—und das passiert eben nicht in der letzten Show, wo sich alle zwanghaft lieb haben müssen. Da ist das Finale mehr die lästige Pflichtübung am Schluss, damit man zumindest so tun kann, als ginge es darum, das nächste deutsche Topmodel zu finden.

‚Germany's Next Topmodel' fördert nicht Magersucht, sondern profilneurotische Egomanen

Tränen sind während der Show übrigens erstaunlich wenig geflossen. Vielleicht haben die Kandidatinnen dieses Mal vorher gewusst, dass der Titel nichts wert ist. „Erinnerst du dich noch, als wir dich aus der Wäscherei deiner Eltern abgeholt haben?", wird Heidi später zu Vanessa sagen, die kurz vor Ende der Sendung noch schnell zum Topmodel gekürt wird. Warum genau, wurde in den mehrminütigen, von Werbepausen unterbrochenen Lobhudeleien, die ebenso wirr wie improvisiert wirkten, nicht ganz klar. Mit leuchtenden Augen nickte die frischgebackene Gewinnerin, auch wenn das Ganze natürlich schon mehrere Monate her ist. „Damals" war Heidi noch eine Unbekannte, jetzt hatte man sich immerhin schon mehrfach auf die Wangen geküsst. Erfolgsgeschichten, wie sie wahrscheinlich nur Bergisch Gladbach schreiben kann.

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