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Hostgator M. Dotcoms Kampf um sein mit Porno-Werbung tätowiertes Gesicht

Aufgrund von Geldproblemen und einer psychischen Krankheit hat William Gibby sein Gesicht als Werbefläche an diverse Unternehmen verkauft. Jetzt will er sein normales Aussehen zurück.

von Allie Conti
13 Mai 2015, 1:19pm

Was machst du, wenn du pleite bist, Weihnachten vor der Tür steht und du Geschenke für deine fünf Kinder kaufen willst? Falls du Hostgator M. Dotcom heißt, dann machst du das, was du in einer solchen Situation inzwischen immer tust, und verkaufst bei eBay Teile deines Gesichts als Werbefläche.

Im Jahr 2005 hat Dotcom damit angefangen, seine Haut stückweise an Unternehmen zu verkaufen, und hat sich in diesem Zug über 30 Tätowierungen stechen lassen. Am Anfang kontaktierte er die Firmen noch direkt und verdiente so auch mehrere Tausend Dollar pro Tattoo—mit diesem Geld konnte er seiner Familie für einen oder zwei weitere Monate ein Dach über dem Kopf bieten. Aber der „Grundstückswert" seines Körpers nahm ab. Um das Jahr 2008 herum (Dotcom kann sich nicht mehr so genau erinnern, denn die Medikamente, die er inzwischen einnimmt, lassen seine Gedächtnisleistung zurückgehen) erreichte dieser Wert schließlich ein Rekordtief: 75 Dollar für eine Gesichtstätowierung. Damit konnte nicht mal die Telefonrechnung beglichen werden und an Weihnachtsgeschenke war gar nicht zu denken.

Natürlich musste er den Deal trotzdem durchziehen. „Ich hatte eine Verpflichtung, denn ich wollte nicht gegen die eBay-Richtlinien verstoßen", erzählt mir der 34-Jährige. „Es fiel mir jedoch alles andere als leicht."

Nach der Jahrtausendwende wurde Dotcom als eine der ersten Internetsensationen berühmt. Nachdem das mediale Interesse allerdings nachgelassen hatte, blieben ihm nur noch die Armut und die psychische Krankheit übrig, die ihn einst dazu gebracht hatten, sein Gesicht zu verkaufen. Heutzutage versucht Dotcom, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Dazu benötigt er jedoch einen wortwörtlich sauberen Neustart. Die traurige Ironie bei der ganzen Sachen besteht darin, dass „Billy the Billboard" jetzt die Aufmerksamkeit nötiger hätte denn je, er aber das Geld nicht zusammenbringt, um sich die Tätowierungen entfernen zu lassen und von Neuem zu beginnen.

Vor seinem Dasein als Hostgator hieß Dotcom noch William Gibby—ein weißer Jugendlicher mit Löchern in den Klamotten, aufgewachsen in einer armen Gegend von San Francisco. Sein Vater war für die Fleischabteilung eines Supermarkts zuständig und seine Mutter arbeitete in einem Fast-Food-Restaurant, bis sie aufgrund von Herzproblemen damit aufhören musste. Nach der Scheidung seiner Eltern entschied sich der damals 16-Jährige dazu, mit seinem Vater nach Anchorage in Alaska zu ziehen, wo er seinen Schulabschluss machte und anfing zu arbeiten.

Als junger Erwachsener verbrachte Gibby viel Zeit damit, neue Leute per Yahoo-Messenger und in Chatrooms kennenzulernen. Im Jahr 2003, also sechs Jahre nach dem Umzug, traf Dotcom beim Chatten auf Myra Avila, eine 18-jährige High-School-Schülerin. Die beiden heirateten schließlich und bekamen einen Sohn. Später unterhielt sich Gibby mit der 34 Jahre alten Kathy Lee, die eine neue Niere benötigte—und später sein Beweggrund für das erste Sponsoren-Tattoo (für das Online-Kasino GoldenPalace.com) werden sollte. Er spendete seine Niere an Lee und finanzierte sich mit dem durch die Tätowierung verdienten Geld seine Genesungszeit.

Damals machte Dotcoms Selbstlosigkeit Schlagzeilen—2005 war es noch ziemlich ungewöhnlich, jemanden im Internet kennenzulernen, ganz zu schweigen davon, dieser Person dann auch noch eine Niere zu spenden. Gibby schien seine Wohltat jedoch nicht zu bereuen. „Wenn ich mehr Leuten helfe, wird die Welt zu einem besseren Ort", meinte er gegenüber Bloomberg News.

Gibby rief den sogenannten „Skinvertising"-Trend jedoch nicht ins Leben. Diese „Ehre" wurde dem Boxer Bernard Hopkins zuteil, der 2001 während eines Kampfes ein temporäres Tattoo von GoldenPalace.com auf dem Rücken trug. So verdiente er 100.000 Dollar und die Zocker-Website machte diese Art der Werbung kurz nach der Jahrtausendwende zu ihrem Markenzeichen. 2003 ließ sich der 22-jährige Jim Nelson aus Illinois den Namen einer Webhosting-Firma auf den Hinterkopf tätowieren und ein andere Typ verkaufte seine Stirn als temporäre Werbefläche. Im Jahr 2005 verzierte eine Frau aus Utah für 10.000 Dollar ihre Stirn mit dem GoldenPalace-Schriftzug, um mit dem so verdienten Geld die schulische Ausbildung ihres Sohns zu finanzieren.

Gibbys Beweggründe erschienen da doch etwas einfacher als die der anderen „Skinvertiser". Seine wahnsinnige Großzügigkeit hatte allerdings auch ihre Schattenseiten, wie mir Avila erzählt. Sie erinnert sich noch daran, wie ihr Ex-Ehemann in schwere Depressionen verfiel, zu viel Alkohol trank, fremdging und emotional gesehen einfach nicht zur Ruhe kam. „Wenn er nur einen Tag nicht zur Arbeit ging, dachte er gleich, alles kaputt gemacht zu haben und nicht mehr dort auftauchen zu können", sagt sie. „Auf der einen Seite war er total gut drauf und erfreute sich an allem, auf der anderen Seite war er dann aber auch wieder extrem traurig. Ich wies ihn an, sich helfen zu lassen, aber er antwortete nur, dass mit ihm alles in Ordnung wäre."

Laut Avila trennte sich das Paar 2006. Gibby war allerdings nicht mittellos: Seine Bilanz in der örtlichen Boxliga von Alaska lag bei 19:0 Siegen und dazu arbeitete er zusätzlich noch als Postbeamter und als Verkäufer in einem Schnapsladen. Aber wie die meisten Menschen aus der Arbeiterklasse konnte auch er ein bisschen zusätzliches Geld immer gut gebrauchen, um über die Runden zu kommen. Deshalb beschloss er, seine Brust bei eBay an den Höchstbietenden zu verkaufen. Obwohl er heutzutage behauptet, dass damals Unternehmen wie Toyota Interesse zeigten, gab niemand ein Gebot ab.


Als die Wirtschaft schließlich den Bach runterging, verlor Gibby beide Jobs. Er wusste, was er tun musste, damit seine Kinder nicht auf der Straße landen würden. „Eigentlich wollte ich keine Tätowierungen im Gesicht, aber ich dachte mir die ganze Zeit: ‚Irgendwann bin ich sowieso alt und sehe scheiße aus'", begründet er seine Entscheidung. „Man muss dazu bereit sein, für seine Kinder Opfer zu bringen. Ich wollte nicht, dass sie obdachlos werden und auf der Straße enden."

Mehrere Unternehmen aus der Erotik-Branche stellten ihm Schecks aus, erzählt er. Aber die finanziellen Schwierigkeiten sollten damit nicht zu Ende sein. Welcher Arbeitgeber will denn auch schon einen Typen anstellen, dessen Gesicht mit einem großen XXX verziert ist? Gibby blieb also nichts Anderes übrig, als sich noch weitere Tattoos stechen zu lassen. Laut den Gerichtsakten reichte Avila 2009 letztendlich die Scheidung ein. Die Geldprobleme ihres jetzigen Ex-Manns wurden anschließend anscheinend noch schlimmer, denn Gläubiger sollten ihn schon bald aufgrund von Bagatellen vor Gericht bringen. Im Jahr 2010 verkaufte er seinen Namen schließlich an Hostgator.com—über die vereinbarte Summe ist nichts bekannt.

Während dieser Zeit war Gibby mit einer Frau namens Mailyne zusammen, die er traf, als die beiden im gleichen Großmarkt arbeiteten. Später heirateten sie und bekamen zwei Kinder.

„Als ich ihn zum ersten Mal sah, befürchtete ich aufgrund seiner Tattoos das Schlimmste. Wenn man ihn jedoch besser kennenlernt, dann erkennt man, wie groß sein Herz wirklich ist."

Als Dotcom im Jahr 2012 in der Fernsehsendung 20/20 auftrat, um seine Geschichte zu erzählen, war sein Gesicht schon mehr als oft tätowiert worden und einige der Domains enthielten auch Worte wie „Porn" oder „Fart". Als der Betrag gefilmt wurde, hatte die Firma Pawnup gerade 4000 Dollar für einen von Dotcoms Unterarmen bezahlt. „Was für Unternehmen zahlen denn für diese Art der Werbung?", fragte der Moderator Nick Watt. „Nutzt man damit nicht die Menschen aus, für die es gerade nicht so gut läuft?"

Dotcom macht eine extreme und häufig auftretende bipolare Störung für seine Entscheidungen verantwortlich. Diese Krankheit wurde bei ihm vor ein paar Jahren diagnostiziert. Inzwischen nimmt er Medikamente, hat einen Job als Berater von anderen Menschen mit psychischen Krankheiten und kämpft sich langsam zurück in die Arbeitswelt. „Als ich ihn zum ersten Mal sah, befürchtete ich aufgrund seiner Tattoos das Schlimmste", erinnert sich eine seiner Kolleginnen. „Wenn man ihn jedoch besser kennenlernt, dann erkennt man, wie groß sein Herz wirklich ist. Man sieht richtig, wie wichtig ihm seine Kinder sind."

Obwohl sich seine Stimmungsschwankungen gebessert haben, überkommt Dotcom trotzdem noch eine tiefe Traurigkeit, wenn er in einen Spiegel blickt. In einer im Jahr 2005 in den Annals of Plastic Surgery veröffentlichten Studie wurde herausgefunden, dass Menschen mit Gesichtsverletzungen im Vergleich zu der Kontrollgruppe weniger mit ihrem Leben zufrieden und anfälliger für Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und Eheprobleme sind. Dotcoms Gesicht ist in gewisser Weise auch von Verletzungen geprägt—auch wenn er sich diese über die Jahre hinweg quasi selbst zugefügt hat. Jetzt kämpft er darum, sein normales Aussehen zurückzubekommen.

Ein Zentrum für psychische Gesundheit hat Dotcom schon dabei geholfen, einen Kredit über 2000 Dollar zu erhalten, um die meisten Tätowierungen auf seinen Backen entfernen zu lassen. „Am Kopf habe ich gut 15 Tattoos und im Gesicht so um die acht—einige mehr, andere weniger verblasst", meint er. „Wenn ich Make-up trage, kann man sie kaum sehen, aber dann fühle ich mich auch wie eine Frau." Draußen läuft er selbst im Hochsommer nur im Kapuzenpullover und mit Baseball-Mütze herum und sehnt sich nach einem Neustart.

Dotcom trägt oft auch einen Hut, um seine schlimmsten Tattoos zu verdecken. Den Rest kaschiert er mit Make-up und verschwommenen Selfies.

Im Zuge dessen hat er 2013 auch das Angebot gemacht, andere Körperteile als Werbefläche zu verkaufen, um sich mit dem Geld die Gesichtstätowierungen weglasern zu lassen. Es ging jedoch niemand auf dieses Angebot ein, nur eine Porno-Website bezahlte für die Entfernung einiger der Tattoos. Letztes Jahr startete Dotcom eine Crowdfunding-Kampagne, musste dann jedoch feststellen, dass sich die Medien, die einst noch eifrig über ihn berichtet hatten, plötzlich nicht mehr für die Folgen des Ganzen interessieren. Ihm wurde keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt und so kamen bei der Kampagne nur 20 Dollar zusammen.

Wenn sich Dotcom im Spiegel anschaut, dann erkennt er sich gar nicht mehr wieder. Einige seiner Kinder kennen ihren Vater jedoch nur mit Tätowierungen.

„Meine Tochter wusste, dass ich meine Tattoos entfernen lassen wollte, und meinte dann so: ‚Nein! Ich will, dass du deine Tattoos behältst'", erzählt mir Dotcom. „Ich antwortete daraufhin: ‚Schatz, nein. So wird für uns alles besser. Ich bekomme einen besseren Job und kann mich besser um uns kümmern.' Daraufhin weinte sie, weil sie mich ja nur so kennt."

Inzwischen will Dotcom nicht nur die Tätowierungen entfernen lassen, sondern seinen Namen auch wieder zu etwas ändern, das in einer Bewerbung nicht total komisch rüberkommt. Um das erstgenannte Ziel zu erreichen, hat er jetzt erneut eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen.

Seinen Namen hätte er eigentlich schon ändern lassen können. Er sagt, dass die Webhosting-Firma neue Besitzer hat und sowieso nie ein wirklicher Vertrag geschlossen wurde.

Warum macht er es dann nicht?

„Die Leute lachen darüber", meint Dotcom. „Es ist mir eigentlich egal, was Andere denken, aber ich finde es immer lustig zu sehen, wie sie darauf reagieren."

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