​Warum wir weniger Sex als unsere Eltern haben

"Bei einem Porno klicke ich einfach weiter, wenn er mich nicht antörnt. Versuchen sie das mal mit einem anderen Menschen."

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04 August 2016, 1:02pm

Foto: Imago | Westend61

Sex ist heute nur einen Swipe entfernt, Pornos gibt's umsonst und schon 13-Jährige wissen, was Bukkake ist. Logisch also, dass es junge Menschen treiben wie die Karnickel. Es gibt da nur ein Problem: Das stimmt so gar nicht! Studien in England und den USA haben herausgefunden, dass Millennials seltener Sex haben als ihre Eltern.

Wir haben deshalb den Sexualforscher Prof. Dr. Jakob Pastötter gefragt, wie denn die Lage in den Betten junger Deutscher ist.

VICE: Haben auch deutsche Millennials weniger Sex als ihre Eltern?
Jakob Pastötter: Es gibt keine Studien, aber die Praxen von Sexualtherapeuten und Paarberatern sind voll. Die Leute haben immer größere Probleme mit Sex. Es kommen auch mehr und mehr Singles, die Rat suchen. Die Leute schaffen es einfach nicht, Sex zu haben. Ihnen fehlt die Lust.

Warum?
Die Reize von anderen Dingen sind größer. Das meint Pornografie, aber auch Handys. Wir bekommen ständig Nachrichten und stehen unter Strom. Dann wechseln wir den Job und ziehen ins Ausland. Da fehlt einem die Energie und am Ende auch einfach die Lust.

Außerdem leben wir in einer Zeit voller Selbstdarstellung und Narzissmus. Sex ist aber das Gegenteil davon. Die Menschen sind mit sich selbst so zufrieden, dass sie nichts anderes brauchen. Nur muss ich für Sex halt Interesse an einer anderen Person haben.


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Und das haben wir nicht?
Junge Leute können sich einfach nicht mehr gehen lassen. Wir wollen nicht schlecht dastehen. Und die Situation, in der wir Menschen am schlechtesten aussehen, ist beim Sex. Dabei geht es nicht darum, gut auszusehen. Es geht um Gefühle. Die können aber immer weniger Leute zeigen.

Wir zeigen doch unsere Gefühle öffentlich auf Facebook und Twitter.
Das hat mit echten Emotionen überhaupt nichts zu tun. Gefühle zeigen, heißt, jemandem zu sagen: "Ich liebe dich." Und das auch zu meinen.

Sind wir also zu oberflächlich?
Na ja, das Problem ist, man weiß nicht, was überhaupt noch jenseits der Oberfläche existiert. Es gibt keine Grenzen mehr. Handys sind einfach, aber Menschen sind anstrengend. Und die Form von Anstrengung, die nötig wäre, um mit einem anderen Menschen ins Bett zu steigen, die versuchen wir häufig zu vermeiden.

Dabei soll ja Tinder helfen.
In der Fantasie ist das perfekt. Aber es ist einfach unfassbar schwierig. Man malt sich ein Schlaraffenland aus mit den leckersten Sachen und sabbert vor Aufregung. Doch dann geht man in den Supermarkt und merkt: Es ist alles gar nicht so toll.

Solange sie das Handy zwischen sich und einer anderen Person haben, ist diese Person nicht real. Auf diese Person können sie alle Wünsche projizieren. Aber sobald die Person real wird, nehmen wir Dinge wahr, die wir vorher gar nicht bemerkt haben. Daran scheitert dann auch Sex.

Prof. Dr. Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung

Tinders Versprechen von viel Sex ist falsch?
Absolut! Statistisch gesehen haben fünf Prozent der Leute richtig viel Sex. Die haben Hunderte Sexpartner. Tinder hat natürlich die Illusion geweckt, jetzt könnten alle diese fünf Prozent sein. Nur ist vielen dann Sex doch nicht so wichtig oder erregt sie nicht, so wie sie es sich wünschen. Bei einem Porno klicke ich einfach weiter, wenn er mich nicht antörnt. Versuchen sie das mal mit einem anderen Menschen. Den kann ich nicht einfach wegdrücken, der liegt weiter da und will was von mir.

Wie passt das mit dem Bild der heutigen Porno-Jugend zusammen, die angeblich immer und überall Sex hat?
Wir als Gesellschaft sind jugendbesessen. Das war schon immer so, aber heute ist es ein regelrechter Kult. Entweder jung oder gar nichts. Deswegen lassen sich Leute ja auch operieren, damit sie wieder knackig aussehen.

Es ist aber so: Pornokonsum wirkt aber eher dämpfend auf die Sexualität, weil kein Mensch den Ansprüchen gerecht werden kann, die dort geweckt werden. Pornos sehen schöner aus als Sex mit einem Partner, wo man Nase an Nase klebt. Als Papst würde ich deshalb Pornografie unterstützen, um die Menschen davon abzuhalten, Sex zu haben.

Wenn wir im Alltag dauernd mit Sex bombardiert werden, haben wir keine Lust mehr darauf?
Genau. Jetzt sind zwar alle Tabus weg, sexuell frei sind wir aber trotzdem nicht. Das ist irre! Die ganzen visuellen Reize machen die Leute krank. Wenn das so weitergeht, geben wir die Fortpflanzung irgendwann komplett an die Medizin ab.

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