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Die Hölle, die wir Smalltalk nennen: So überstehst du die unangenehmsten Situationen

Expertinnen erklären, wie du von den oberflächlichen Themen wegkommst, dich elegant der Situation entziehst und deine eigenen Wünsche durchsetzt.

von Beatrice Hazlehurst
25 August 2016, 4:00am

llustration: Ben Thomson

Illustration: Ben Thomson

Du schlurfst durch den Supermarkt und siehst aus wie ein überfahrener Igel, der zwei Tage durchgemacht hat. Plötzlich erspähst du eine Person, die du auf Snapchat geaddet hast, als du auf irgendeiner Party gerade so richtig gute Laune hattest. Du erinnerst dich nicht mehr an ihren Namen, doch sie erkennt dich—und jetzt kommt sie natürlich rüber. Mist. Jetzt musst du den kleinsten Smalltalk der Welt führen. Es wird schrecklich, das weißt du jetzt schon.

Unsere sozialen Erwartungen wandeln sich zwar stetig, aber eins ist immer gleich geblieben: Smalltalk ist eine unbeholfene, unangenehme Sache. Die sozialen Netzwerke haben viele zwischenmenschliche Mauern eingerissen, doch die Kehrseite des wachsenden digitalen Selbstvertrauens sind zunehmende Ängste im echten Leben. Vielleicht hast du kein Problem damit, jemandem eine Privatnachricht auf Facebook oder Twitter zu schreiben, aber von Angesicht zu Angesicht würdest du dasselbe Thema nicht im Traum ansprechen.

Da wir uns ohnehin unser ganzes Leben lang beim Smalltalk zu Idioten machen, haben wir beschlossen, ein paar seriöse Expertinnen zum Thema zu befragen. Miriam Meyerhoff ist Soziolinguistin an der Victoria University of Wellington in Neuseeland und Barri Leslie ist Psychologin und Autorin des Ratgebers Talk Your Way to Happiness: Communication for Couples. Wir haben uns von den beiden Tipps geholt, wie du am besten mit unbeholfenem Smalltalk umgehen kannst. Selbst wenn das bedeutet, dass du in den unausweichlichen Strudel des "Wir müssen unbedingt mal wieder was machen" gerätst.

Smalltalk ist so oberflächlich, weil wir das brauchen

Smalltalk ist small, weil er das Sprungbrett zu großen Themen darstellt. Fragen, deren Antworten dich nicht wirklich interessieren ("Mensch, wie geht's dir?") gewöhnen beide Parteien an die Interaktion und liefern die Basis für eine tiefergehende Verbindung. "Psychologen vergleichen das mitunter mit Tieren, die einander lausen", erklärt Meyerhoff. "Das baut Vertrauen auf."

Laut Leslie und Meyerhoff ist der ganze Sinn von Gesprächen, dass wir von Anderen das bekommen, was wir wollen. Wenn du also von deinem Gegenüber ein tiefgründiges Gespräch möchtest, musst du leider wirklich erst einmal durchs seichte Fahrwasser dümpeln. Aber es ist auch nicht leicht, von seicht auf tief zu wechseln. Wir erkennen sofort, wenn sich etwas "schwer" oder "tief" anfühlt, weil solche Gesprächsthemen nicht in unsere Alltagserwartungen passen. Ein wirklich bedeutungsvolles Gespräch kommt eben nicht alle Tage vor.

Leslie beschreibt Smalltalk als Fahren im ersten Gang. Damit kommst du zwar ins Rollen, aber eine ganze Reise kriegst du allein damit nicht gebacken.

Kontext ist alles

Je nachdem, in welcher Umgebung du dich befindest, kann Smalltalk schwieriger oder leichter von der Zunge gehen. Auf Partys ist es vielleicht einfacher, weil wir mit der Erwartung, soziale Kontakte zu knüpfen, hingehen. Wenn du gerade verschwitzt und halbtot aus dem Fitnessstudio kommst, rechnest du eher nicht damit, einem heißen Typen zu begegnen, den du noch aus der Schule kennst. In solchen Kontexten verspüren wir einen gewissen Druck, die Interaktion zu vermeiden, weil die Situation ihrem Wesen nach keine soziale ist. Aber das sind auch genau die Situationen, in denen es dir ein besonders gutes Gefühl geben wird, wenn du es schaffst, das Gespräch in tiefere Gewässer zu steuern.

Was erhoffst du dir von dieser Unterhaltung?

Wie Leslie erklärt, gibt es keine sichere Standardformel, mit der sich Gespräche eröffnen lassen. Ein guter Gesprächseinstieg hängt völlig von deinen Zielen ab. Was möchtest du von dieser Person? Eine engere Beziehung? Suche häufiger Blickkontakt und sage oft den Namen deines Gegenübers. Laut Leslie fühlen sich die meisten Menschen sofort verbundener, wenn du ihren Namen in einen Satz einbaust. Die Körpersprache des Anderen zu "spiegeln" kann ebenfalls hilfreich sein.

Aber vielleicht ist bei dir auch gerade der Worst Case eingetreten und du bist einer Person begegnet, mit der du früher viel zu tun hattest (Ex, ehemaliger bester Freund), die du aber am liebsten nie wieder sehen willst. In solchen Fällen kannst du die Beziehung unpersönlicher machen, indem du weniger Augenkontakt einsetzt, einen kühleren Tonfall und geschlossene Körpersprache, wie zum Beispiel locker verschränkte Arme.

Leslie empfiehlt außerdem, in solchen Situationen bei Themen zu bleiben, die für beide unverfänglich sind. Und der wichtigste Tipp: so kurz wie möglich reden. "Studien legen nahe, dass Männer sich mit größerer Wahrscheinlichkeit als erfolgreich darstellen und ihre Verletzlichkeit verbergen, während Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit das Gegenteil tun", sagt sie. Also, Männer, prahlt nicht mit dem Date von letzter Woche, und Frauen, lasst die Geschichte über die gescheiterte Liebelei stecken.

Das peinliche und unausweichliche Schweigen

Beide Expertinnen wissen, wie verlockend es sein kann, Redepausen mit nervösen Monologen zu füllen. Aber das muss nicht sein. Wenn du die Beziehung zu jemandem vertiefen willst, stelle Fragen, auf die man nicht einfach mit Ja oder Nein antworten kann. Wie fandest du das Konzert? Woher kennst du die Gastgeber? Wie schätzt du die geopolitischen Folgen der fallenden Ölpreise ein? Oder so ähnlich.

Laut Leslie verrichten meist Frauen die harte Kommunikationsarbeit, wie Fragen zu stellen und über Witze zu lachen. Doch in heutigen Zeiten erwarten auch immer mehr Frauen soziale Gleichheit, was viele Schlüsselaspekte beeinflusst. Laut Leslies Erfahrungen gehen Hetero-Frauen inzwischen meist davon aus, dass Männer nicht an ihnen interessiert sind, wenn sie ihnen keine Fragen stellen und auch nicht über ihre Witze lachen. Sollte es zu peinlichem Schweigen kommen, gibt es aber noch einen anderen Ausweg—den Fluchtweg.

Wie komme ich da heil heraus?

An dieser Stelle gehen die Meinungen von Leslie und Meyerhoff auseinander. Beide empfehlen, sich in einem anderen Tonfall zu entschuldigen und zu erwähnen, weshalb man nun verhindert ist (Haare waschen, zurück an die Arbeit, früh aufstehen). Meyerhoff meint, es kommt weniger förmlich rüber, wenn du dabei zukünftigen Kontakt vorschlägst ("Wir holen das nach"). Außerdem verlässt dein Gegenüber so das Gespräch mit dem Gefühl, dass du ihn schätzt. "Wenn du jemanden um zukünftige Interaktionen bittest (ob nun gewünscht oder nicht), dann zeigt das, dass du an die Gefühle dieser Person denkst", sagt sie. Leslie hingegen sieht in solchen Rückziehern nur ein aufgeschobenes Problem. Damit ersparst du dir jetzt etwas Unangenehmes, aber gleichzeitig ist garantiert, dass es irgendwann später wieder unangenehm wird.

Wenn der andere "Wir müssen unbedingt mal was trinken gehen!" sagt, aber du ihn am liebsten nie wiedersehen würdest

Wenn du dir lieber eine Gabel ins Auge stechen würdest, als ein Bierchen mit deinem Smalltalk-Partner zu zischen, empfiehlt Leslie lange und zahlreiche Pausen. Brich den Augenkontakt. Selbst der enthusiastischste Gegenüber sollte dadurch verstehen, dass du die Einladung ausschlagen wirst.

Die Pause (während der du offiziell den Vorschlag bedenkst) wird den Einlader vorwarnen, dass er sich auf eine Enttäuschung einstellen muss. Danach kannst du noch sagen, dass du zu viel zu tun hast—aber sag es freundlich.

Lerne den Smalltalk schätzen, vielleicht lernst du etwas

Beide Expertinnen sind sich einig, dass es sehr erfrischend sein kann, sich im Alltag die Zeit für Gespräche zu nehmen. Meyerhoff meint, wir sollten Smalltalk nicht vermeiden, sondern bewusst daraus lernen. Die Verbindung, die du soeben eingegangen bist, mag (noch) recht oberflächlich sein, aber sie kann dir das Gefühl geben, etwas erreicht zu haben. Wozu haben wir denn sonst die ganzen Mitmenschen, wenn nicht, um Verbindungen mit ihnen einzugehen?

Wenn du also das nächste Mal diese eine ehemalige Kollegin beim Einkaufen siehst und dich am liebsten hinter dem nächsten Pappaufsteller verstecken willst, überleg dir, ob du nicht vielleicht doch kurz quatschen willst. Es könnte die Investition wert sein.