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Ist aus deinem Leben das geworden, was du dir erhofft hast?

Genau diese Frage haben wir einer Handvoll Menschen gestellt und dabei gelernt, dass man das Leben nicht planen kann.
31.8.16

Selbstverwirklichung ist ein natürliches Streben von uns Menschen (vor allem von , die dauernd zu hören bekommen, dass sie alles schaffen können, wenn sie sich nur genug anstrengen). Die Ausbildung, der richtige Job, das Privatleben, das alles liegt wie ein Baukasten vor uns. Zumindest theoretisch.

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Als kleines Kind wollte ich Friseurin werden—bis mir meine Mutter einmal eine Horrorgeschichte von durch Shampoos ausgelösten Ausschlägen auf Friseurinnenhänden erzählt hat. Dann wollte ich Model werden—bis ich gemerkt habe, dass ich dafür ein bisschen zu gerne esse. Dann wollte ich Gerichtsmedizinerin werden—bis ich gemerkt habe, dass ich nicht mit Leichen arbeiten will.

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Irgendwann im Laufe meiner Schulzeit habe ich schließlich beschlossen, dass ich "irgendwas mit Schreiben" machen möchte. Auf der Uni wurde ich regelmäßig von Menschen entmutigt, die uns hoffnungsvollen Studenten gesagt haben, dass man in der Medienbranche ohnehin keinen Job bekommt—und trotzdem schreibe ich gerade diesen Artikel und bekomme Geld dafür. Man könnte sagen, bis hierhin ist mein Leben in etwa so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht habe. Man könnte aber auch sagen, dass alles davon abhängt, in welchem Lebensabschnitt man mir diese Frage stellt.

Wahrscheinlich haben die meisten von uns im Laufe der Zeit ziemlich viele Vorstellungen davon, wie ihr Leben verlaufen soll. Aber wie wir alle wissen, lässt sich das Leben auf lange Sicht nur schwer planen—manchmal kommen Dinge dazwischen, manchmal tun sich neue Möglichkeiten auf. Genau das zeigen diese fünf Geschichten.

Katha (38): "Ich wollte mich dringend auch von Fabriksschloten abseilen, Wale retten oder mich vorm Parlament anketten."

VICE: Was wolltest Du als Kind werden?
Katha: Ich bin am Land in Oberösterreich aufgewachsen, 1985 wollte die Hälfte der Erstklässlerinnen Kinderkrankenschwester werden, die andere Hälfte Tierärztin. Ich war in der Neigungsgruppe Tierfreundin. Knapp danach stand Umweltaktivistin am "Was will ich mal werden-Wunschzettel". Das war die Zeit der spektakulären Greenpeace-Aktionen und ich wollte mich dringend auch von Fabriksschloten abseilen, Wale retten oder mich vorm Parlament anketten. Zwischen 8 und 15 Jahren konnte ich außerdem jederzeit aus dem Stegreif die Ansprache einer olympischen Goldmedaillen-Siegerin aufsagen. Ich wollte unbedingt Sprinterin werden. Mit 14 Jahren hat mein Körper dann spontan aufgehört, zu wachsen; mit 15 Jahren wurden Buben und Partys interessant. Damit war die Sportlerkarriere leider beendet.

Wie haben sich deine Pläne im Laufe der Zeit gewandelt?
Nach der Matura war ich etwas planlos. Eigentlich wollte ich TV-Moderatorin und berühmt werden, hatte aber null Talent dafür. Dabei wär ich mit der Wetteransage oder dem Job als Lottofee schon zufrieden gewesen. Nach mehreren Anläufen landete ich schließlich mit 19 in einer PR-Agentur. Ich war mit 22 selbstständig, hab mit 23 mein Studium beendet und meinen ersten Sohn bekommen. Schon damals hatte ich eigentlich den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, mit meinem Job Menschen zu helfen, etwas besser zu machen. Letztendlich hab ich dann aber fast 15 Jahre beruflich damit verbracht, Turnschuhe, Fetzen, Alben und so weiter lobpreisend an Redakteure zu verkaufen, Modeschauen zu organisieren, Künstler zu promoten und gefühlt eine Million Presseaussendungen über neue Kollektionen zu texten. In den zu Beginn wahnsinnig aufregenden, zum Schluss vor allem arbeitsintensiven PR-Jahren war der Wunsch nach einer sinnvollen sozialen Tätigkeit nie ganz verschüttet. Aber ich war einfach zu sehr abgelenkt—auch von weiteren drei Kindern—, um überhaupt nachzudenken, ob der Pfad noch zur Erleuchtung führt.

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Wie nah ist dein jetziges Leben an deiner Traumvorstellung dran?
Die Geburt meiner jüngsten Tochter war eine wichtige Zäsur. Ich hab dann nochmals fast zwei Jahre gebraucht, um mich zu trauen, das Kapitel PR zu schließen. Jetzt justiere ich mich neu, hab mehr Zeit, möchte nochmals studieren. Und endlich einen Wal retten.

Anna (54): "Zur Selbstverwirklichung fehlte mir vielleicht der nötige Mut, aber es war auch immer eine Frage des Geldes."

VICE: Was wolltest du als Kind werden?
Anna: Als ich in die Volksschule kam, war ich zutiefst beeindruckt von der Lehrerin—daher war auch mein erster Berufswunsch Lehrerin. Eigentlich wollte ich das fast bis zur Matura werden, aber mich interessierte auch das Umgestalten und Dekorieren von Räumen sehr. Innenarchitektur hätte mich sehr interessiert, aber ein Studium mit 5 oder 6 Jahren wollte ich nicht machen. Damals gab es so Kollegs, wo das Ganze zwei Jahre gedauert hätte, aber mein Vater, also mein damaliger Geldgeber, war dagegen. Daher machte ich die Pädagogische Akademie.

Wie nah ist dein jetziges Leben an deiner Traumvorstellung dran?
Heute bin ich wirklich sehr gerne Lehrerin, und das nicht nur wegen der Ferien. Ich mag alle meine Schüler und arbeite gerne mit ihnen. Eigentlich gehörte es auch zu meiner Wunschvorstellung, einen Mann und Kinder zu haben. Ein Kind habe ich, und ich habe es sehr genossen, ein Teil ihres Lebens sein zu dürfen. Nach einigen Enttäuschungen mit Männern habe ich derzeit keinen Partner, was einige Vorteile, aber natürlich auch Nachteile hat. Ein großer Wunsch von mir war immer ein neues, großes Haus mit großen Fenstern und ein großer Garten. Das habe ich verwirklicht.

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Bist du zufrieden mit deinem Leben?
Zur Selbstverwirklichung fehlte mir vielleicht der nötige Mut, aber es war auch immer eine Frage des Geldes. Wenn man sich um Geld nicht kümmern müsste, wäre Selbstverwirklichung sicher leichter. Mein derzeitiges Leben ist nur zu einem kleinen Teil an meiner Traumvorstellung dran. Leider. Aber ich muss einfach das Beste draus machen.

Michael (23): "Ich wollte Autor sein und Geschichten erzählen, aber habe mir ständig gesagt 'Ja genau, als ob das je passieren würde!'"

Foto von Dominik Pichler

VICE: Was wolltest du als Kind werden?
Michi: Als ganz junges Kind wollte ich Koch werden. Ein bisschen später wollte ich dann lieber Kolumnist oder Autor sein und Geschichten erzählen, aber habe mir ständig gesagt "Ja genau, als ob das je passieren würde!".

Wie haben sich deine Pläne im Laufe der Zeit gewandelt und was war der Grund dafür, dass sie sich verändert haben?
Ich glaube, dass ich mit der Zeit angefangen habe, um einiges realistischer zu denken. Niemand wird einer relativ unbekannten Person ohne Berufserfahrung einen Haufen Geld in die Hand drücken und sagen "Bitte schreib für uns!". Ich habe daher eine Zeit lang sehr viele schlechte Angebote angenommen und gratis für Magazine geschrieben, weil es mir ja Spaß gemacht hat und ich den Eindruck hatte, dass ich damit auf dem richtigen Weg bin. Ich musste auch lernen, auf Menschen zuzugehen und mich für Jobs zu bewerben—in meiner Kindheitsvorstellung wurden mir die Jobs immer angeboten.

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Wie nah ist dein jetziges Leben an deiner Traumvorstellung dran?
Um ehrlich zu sein, kommt mein jetziges Leben meiner Traumvorstellung schon sehr nahe, wobei ich aber betonen muss, dass ich mir immer sehr realistische und relativ einfach zu erreichende Ziele gesetzt habe. Hätte ich mir als Kind gewünscht, Astronaut zu werden, würde ich wahrscheinlich nicht meinen Traum leben. Kochen kann ich auch nicht, mein erster Berufswunsch war also sehr unrealistisch.

Bist du zufrieden mit deinem Leben, wie es jetzt ist?
Ja, ich bin grundsätzlich zufrieden mit meinem Leben. Viele Ziele, die ich mir als Kind gesetzt und auch erreicht habe, sind in der Realität allerdings nicht so fantastisch und glamourös, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Das ist ein bisschen desillusionierend, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

Broadly: Selbstdarstellung trotz Falten: So sehen Instagram-Profile in 50 Jahren aus

Niko (32): "Als Kind wollte ich Papst werden."

VICE: Was wolltest du als Kind werden?
Niko: Papst.

Wie haben sich deine Pläne im Laufe der Zeit gewandelt und was war der Grund dafür, dass sie sich verändert haben?
Ziemlich grundlegend. Ich wollt ja in erster Linie Papst werden, weil ich als Kind via meiner Mama schon recht viel Zeit so um die Kirche herum verbracht hab und der dort für uns Zuständige war der beste Mensch. Da stand weniger die Religion im Mittelpunkt, als so grundsätzliche Werte wie so Nächstenliebe, Gleichheit aller, Geben ist seliger als Nehmen, gib Acht auf die Schwachen, und so weiter. Dieser beste Mensch ist dann leider gestorben, als ich 9 oder 10 war, das fand ich 1) extrem unfair und 2)—und da sieht man, wie personenabhängig so etwas ist—hab ich mit der Herangehensweise seines Nachfolgers dann überhaupt nichts anfangen können. Das ging dann so in die Esoterik-Richtung und dann bin ich ausgestiegen.

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Wie nah ist dein jetziges Leben an deiner Traumvorstellung dran?
Wenn man es aus der Karrieresicht sieht, könnt ich weiter weg nicht sein. Aber ich glaub nicht, dass ich deswegen von den vorher erwähnten Werten weiter weg bin, als der, der auf dem Platz sitzt, wo ich mal hinwollt.

Bist du zufrieden mit deinem Leben?
Voll und ganz.

Bianca, 24: "Hätte mein 18-jähriges Ich in die Zukunft blicken können, würde es vor Freude aus seinem Sessel springen, MSN schließen und erstmal Mutti anrufen."

VICE: Was wolltest du als Kind werden?
Bianca: Wenn ich mir alte Freundschaftsbücher ansehe: Dichterin—womöglich meinte ich Autorin im entferntesten Sinne—oder Sängerin.

Wie nah ist dein jetziges Leben an deiner Traumvorstellung dran?
Ziemlich nah. Hätte mein 18-jähriges Ich in die Zukunft blicken können, würde es vor Freude aus seinem IKEA-Drehsessel springen, MSN schließen und erstmal Mutti anrufen: "Schau mal, ich hab einen bezahlten Job—und das im Journalismus!" Gleichzeitig wüsste mein damaliges Ich wenig über die berufliche Realität. Gegen Geld für Masse über Popkulturelles zu schreiben ist etwas ganz anderes, als kryptische Abhandlungen über Habermas auf seinem anonymen Blog zu veröffentlichen. Viele Studierende vergessen das, wenn sie sich ihre Zukunft als etablierte Medienmacher vorstellen.

Wie haben sich deine Pläne im Laufe der Zeit gewandelt und was war der Grund dafür, dass sie sich verändert haben?
Sicherlich der Einstieg ins Berufsleben. Als ich direkt nach meinem Studium als Redakteurin angefangen habe, war ich erleichtert. Ein Ziel, auf das ich hingearbeitet habe: erreicht. Es fühlte sich gut an, dass meine Mühen nicht umsonst waren. Dass ich nach meinem Abschluss keine arbeitslose Akademikerin sein würde. Die Pläne meines 30-jährigen Ichs sehen natürlich anders aus, als jene meines 18-jährigen. Niemand hat ein Recht auf mich, meine Zeit und mein Leben. Nach einem Jahr hauptberuflich und 3 Jahren nebenberuflich als jederzeit erreichbare Person of Internet möchte ich meine gewonnenen Fähigkeit nutzen, um professionell und nachhaltig im Hintergrund zu agieren.

Bist du zufrieden mit deinem Leben?
Ja. Während Glück ein Gemütszustand ist, den wir empfinden, wenn wir den Moment genießen, ergibt sich Zufriedenheit daraus, wenn wir etwas erreicht haben, das mit Norm- und Wertvorstellungen zu tun hat. Letzteres ist mir gelungen. Ich bin froh, mit meinen Artikeln zu einer fortschrittlicheren Gesellschaft und zum Nachdenken beigetragen zu haben. Es geht nicht nur darum, herauszufinden, was man möchte. Sondern festzustellen, was man bereit ist, zu geben. Heute weiß ich das.