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​Meine Freunde schenken sich seit Neuestem Waffen zum 30er

In meinem Freundeskreis gehen die Leute nicht mehr Fußball schauen, sondern auf den Schießstand. Ich war deshalb im örtlichen Waffengeschäft und habe mit dem Besitzer gesprochen.
30.3.16

Alle Fotos von der Autorin.

„Happiness is a warm gun" haben die Beatles 1968 gesungen. Angeblich hat John Lennon diesen Spruch in einem Waffenmagazin gelesen und fand es irgendwie schräg und großartig. Eh. Immerhin sind Waffen in der Popkultur ja auch genau das. Vermutlich gibt es keinen österreichischen Tatort-Fan, der sich nicht schon mal selbst mit Waffe in der Hand vorgestellt und sich im Geiste mit „Nachname, Kripo Wien" angekündigt hat. Aber wie wir wissen gibt es auch eine andere Seite. Laut dem deutschen Online-Portal Statista nähert sich die Zahl der Verkehrstoten in den USA an die Zahl der Toten durch Schusswaffen an. Newtown, Trayvon Davis, Alison Parker, Adam Ward und ein immer müder werdender Obama.

In Österreich ist man zwar noch weit davon entfernt, ein solches Problem mit Waffengewalt zu haben. Aber trotzdem häufen sich die Berichte über private Aufrüstung und immer mehr Menschen, die sich ohne Waffe nicht mehr sicher fühlen. Die Statistik Austria führt keine Statistiken zu Waffenbesitz in Österreich. Laut einem Ö1-Bericht findet sich fast eine Million legaler Waffen in Österreichs Haushalten.

Wie normal Waffen sogar in meinem Freundeskreis mittlerweile geworden sind, habe ich kürzlich erlebt, als ich mit Freunden bei einem kalten Bier gesessen bin und wir uns über das Geburtstagsgeschenk eines Bekannten unterhielten.

„Der macht jetzt den Waffenschein, also legen wir doch alle zusammen, es ist immerhin sein Dreißiger." Eine Waffe zum Dreißiger? Klar, ist zumindest origineller als ein „Ich bin 30, helft mir über die Straße"-Shirt und er wird es vermutlich auch öfter verwenden. Wann sind Waffen in meiner Welt angekommen? Letztes Jahr war ich abends mit Freunden unterwegs und wir sind überfallen worden. Um Geld ist es dabei nicht gegangen, nur um Einschüchterung und Gewalt. Der Polizei war es relativ egal. Ich war danach wirklich fertig und habe mich oft verfolgt gefühlt, obwohl mir physisch nichts passiert ist.

Gefangen im Gefühl der Hilflosigkeit habe ich die Situation im Kopf wieder und wieder nachgespielt. Einmal hatte ich dabei eine Waffe in der Hand, geschossen habe ich aber nicht. Im realen Leben hätte ich mir auch niemals eine Waffe gekauft oder den Waffenschein gemacht. Und ich finde es auch nicht trendy. Ich denke zurück an einen Bericht über bewaffnete Frauen in Texas, die mit dem Revolver Gassi gehen. Jetzt rüstet plötzlich mein Nachbarkaff auf. Freunde und Bekannte gehen auf den Schießstand statt auf ein Bier.

Der macht jetzt den Waffenschein, also legen wir doch alle zusammen, es ist immerhin sein Dreißiger.

Was hat das zu bedeuten? Hat der Slogan „Wenn eine Armlänge nicht ausreicht" vielleicht wirklich Nachwirkungen hinterlassen? Ich selbst habe zum Beispiel bereits seit längerem ein Pfefferspray am Fensterbrett stehen, das ich aus fürsorglichen Gründen mal geschenkt bekommen habe. Genauso wie ein Alarmding, aus dem man so einen Stift rauszieht, das ich bisher aber noch nicht ausprobiert habe, weil ich mich vor der Lautstärke fürchte.

Private Aufrüstung gibt es also auch abseits von Schusswaffen. Und trotzdem: Nirgendwo ist sie spürbarer und auffälliger als in genau dem Bereich, der in meiner Wahrnehmung vor kurzem noch nicht einmal existierte.

Ein guter Freund von mir hat letzte Woche die Waffenbesitzkarte bekommen. Seit er zehn ist begeistert er sich für Waffen, jetzt konnte er es sich leisten. Wichtig ist ihm der verantwortungsvolle Umgang damit. Statt zum Karten spielen, fährt er jetzt gemeinsam mit seinen Freunden zum Schießen. Der sportliche Aspekt steht dabei im Vordergrund. Weniger begeistert ist seine Freundin, die ihm verboten hat, eine eigene Waffe zu kaufen. Sie ist zwar mit Waffen im Haus groß geworden, anfreunden konnte sie sich damit aber nie. Er sieht eine Waffe im Haus als Selbstverteidigung, sie als etwas, das auch gegen einen selbst verwendet werden kann. Eine weitere Freundin, deren Freund ebenfalls seit neuem schießen geht, meint, eine Waffe im Haus sei schlecht für das eigene Karma. Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung, die Einbrecher auch anlocken könnte. Ich bin jedenfalls gespannt, ob die beiden Haushalte auch in Zukunft waffenfrei bleiben werden.

Was die Absicherung abseits von Schusswaffen angeht, bin ich nicht die Einzige: In meinem Umfeld haben mittlerweile die meisten Frauen Pfefferspray, Alarmdinger oder einen großen Schlüsselbund, den sie am Heimweg umklammern. Pfefferspray zählt laut Waffengesetz als Waffe und Personen unter 18 ist es verboten, es mit sich zu tragen. Die meisten Pfefferspraybesitzerinnen sagen aber auch, dass sie es vermutlich nie tatsächlich anwenden würden. Zu groß ist die Angst, sich selbst zu verletzen. Einerseits könnte der Wind gehen, andererseits könnte man vor Nervosität in die falsche Richtung sprühen. Eine sehr gute Freundin von mir hat auch gemeint, sie habe Angst das Pfefferspray zu benutzen, da es sich bei einem vermeintlichen Übergriff vielleicht um ein Missverständnis handeln könnte. Pfefferspray ist tatsächlich übel. Als ich noch jung war, wurde regelmäßig mein Lieblingslokal geräumt, weil jemand Pfefferspray herum gesprüht hatte. Zum Spaß.

Selbst mein Großonkel, der seit Jahren eine Waffe besitzt, diese aber noch nie benutzt habe, wie er mir erklärt, hat sich ein Pfefferspray zugelegt. Gekauft hat er ihn bei uns im Ort. Zwischen Handyshops, Wettbüros, mehr oder weniger gemütlichen Tschumsn und einem türkischen Supermarkt, wo es ganz leckere Quitten gibt, gibt es in meiner Heimatstadt Neunkirchen nur noch wenige Traditionsbetriebe. Einer davon ist das Waffengeschäft Siegert—stolze 45 Jahre alt. Als ich noch sehr klein war, bin ich immer auf der anderen Seite der Waffen im Schaufenster gestanden. Das Gitter, das wahrscheinlich vor Einbrechern schützen hätte sollen, hat das Ganze irgendwie noch gefährlicher gemacht. Und faszinierender. Wenn ich daran zurückdenke, konnte man auch nicht wirklich ins Geschäft hineinschauen. Ständig habe ich mich gefragt, was genau sich darin befindet.

Irgendwann ist das Geschäft dann auf die andere Straßenseite umgesiedelt und hat plötzlich viel weniger gefährlich ausgesehen. Durch die großen Glasfenster waren Waffen, Messer und Bögen wie aus Die Tribute von Panem zu sehen. Das hat alles irgendwie normaler gemacht.

Heute befinde ich mich erstmals auf der anderen Seite des Glasfensters. Inmitten der Waffen. Und ich bin ganz aufgeregt. Der Besitzer ist noch im Kundengespräch. Währenddessen habe ich Zeit, mich umzusehen. Wie bei anderen Geschäften gibt es auch hier einen Sale, nur ohne Wühltisch. Minus 40 Prozent scheint mir ein gutes Angebot zu sein. In der Glasvitrine liegen ein Revolver, eine Machete, und eine Maschinenpistole, voll- und halbautomatisch; im vorderen Bereich befinden sich aber nur Softguns, wird mir später erklärt. Über dem Türrahmen hängt eine Waffe um 300 Euro, die ein wenig wie diese singenden Fische aus amerikanischen Seehäusern aussieht.

Der Kunde fragt inzwischen, wie lange man auf eine Glock warten muss. Einen Monat, heißt es. Huch, ziemlich lang. Aber nichts im Vergleich zu einer Hermès Tasche. Vor dem Schaufenster stehen inzwischen drei Passanten. Die sechs Augen starren sehnsüchtig auf die Waffen wie Holly Golightly auf den Schmuck bei Tiffanys. Der Kunde geht und Chef Gottfried Pinkl hat endlich Zeit für mich. Er ist sehr groß, trägt Dreitagesbart mit grauer Kappe und braunem Gilet. Jagdstyle. Aber das Wichtigste: Er ist charismatisch. Sehr sogar. Ich will ihm sofort etwas abkaufen. Mal schauen, vorerst erzählt er mir ein bisschen was über Waffen und Neunkirchen.

„Vor sechs Jahren habe ich das Geschäft übernommen. Manchmal läuft das Geschäft schlechter, mal auch besser—so wie im Moment", erzählt er. Die spürbar stärkere Nachfrage habe im vergangenen September begonnen. Genaue Zahlen kann er noch keine nennen, da diese erst im Jahresvergleich berechnet werden. Die Intention der Kunden ist unterschiedlich: „Die meisten kommen aus dem Jagd- oder Sportbereich. Ein anderer Grund ist Verteidigung."

Wenn jemand eine Waffe kaufen möchte, fragt Gottfried Pinkl seine Kunden zuerst warum sie das wollen. Laut ihm gibt es natürlich mehrere Faktoren, die für einen Anstieg sprechen—vordergründig sei jedoch das Absinken des subjektiven Sicherheitsgefühls. Warum ist das gerade jetzt gesunken? Der Anstieg der Waffenkäufe sei in ganz Österreich nicht von der Hand zu weisen. Die Frage sei, was die Menschen so verunsichert. Laut Pinkl, der mit seinen Kunden viel über die Beweggründe spricht—auch um Alternativen anbieten zu können—hätten die Leute „Erfahrungen wie versuchte Vergewaltigungen oder Einbrüche" erlebt beziehungsweise von ihnen gehört. Oftmals seien die Kunden nicht selbst betroffen, sondern Nachbarn, Freunde oder Bekannte. Trotzdem rückt das Böse näher an die eigene Komfortzone heran. Terrorismus ist es also weniger, das die Neunkirchner verunsichert.

Abgesehen davon: Ob zum Beispiel den Opfern in Paris eine Waffe wirklich geholfen hätte, würde ich persönlich eher in Frage stellen. Halter einer Waffenbesitzkarte müssen ihre Waffen zumindest dem Gesetz nach ohnehin zuhause in einer Vitrine verschlossen aufbewahren. Bei der Selbstverteidigung helfen Waffen nur, wenn man Taxler ist oder zu einer ähnlich gefährdeten Berufsgruppe gehört—dann bekommt man einen Waffenpass und darf seine Waffe offiziell mit sich tragen. Sowohl Waffenpass als auch Waffenbesitzkarte berechtigen dazu, Schusswaffen der Kategorie B zu erwerben und besitzen, und diese in ersterem Fall auch bei sich zu tragen. Zur Kategorie B zählen Faustfeuerwaffen, Repetierflinten sowie halbautomatische Schusswaffen.

Aber selbst wenn man einen Waffenschein besitzt, werden einem nicht sofort Waffen verkauft, nur weil man verunsichert ist. Vorher wird versucht, den Kunden Alternativen anzubieten: beispielsweise Pfefferspray, ein schrilles Alarmteil, das momentan allerdings europaweit ausverkauft ist, oder eine Taschenlampe. Da ich mein Pfefferspray niemals selbst anwenden würde, weil ich viel zu viel Angst habe, dadurch selbst zu erblinden, bin ich von der Taschenlampe ziemlich begeistert. Als der Waffengeschäftbesitzer sie einschaltet, bin ich mir sicher, dass jeder Angreifer sofort erblinden würde. Ich selbst habe nach wenigen Sekunden immerhin schon ein Flimmern in den Augen, obwohl ich nicht direkt hineinsehe. Wenn dem Angreifer das Augenlicht bleibt, hat man aber zumindest genug Zeit, die Flucht zu ergreifen. Großartig.

Eine Frage, die mich am meisten interessiert, ist, welche Menschen überhaupt Waffen kaufen. „Quer durch die Bank alle", ist die Antwort. „Hauptsächlich aber berufstätige Mittelschicht." Muss man sich ja auch mal leisten können: eine Glock bekommt man ab 700 Euro, die passende Waffenbesitzkarte kostet lediglich 74,40 Euro. Inklusive psychologischem Gutachten und sonstigem kommt man aber gesamt auf zirka 400 Euro. Zusätzlich muss man in Österreich auch einige Voraussetzungen erfüllen: einerseits muss man 21 Jahre alt sein, aus dem Europäischen Wirtschaftsraum stammen und verlässlich sein. Verlässlich ist man laut § 8 des Waffengesetzes beispielsweise nicht, wenn man psychisch krank, drogensüchtig oder Alkoholiker ist, wegen Tierquälerei mehr als zwei Monate in Haft war oder körperlich so beeinträchtigt ist, dass man die Waffe nicht sachgemäß verwenden kann. Zudem muss man für den Erwerb der Waffenbesitzkarte eine Rechtfertigung für den Besitz abgeben.

Die Selbstverteidigung des eigenen Wohnraums zum Beispiel würde da schon reichen. Dann braucht man noch einen Waffenführerschein, das bedeutet: eine Schulungsbestätigung eines Waffenfachhändlers. Letztendlich benötigt man noch ein psychologisches Gutachten, das laut einem Freund, der dieses vor kurzem durchlaufen hat, aus einem schriftlichen Test sowie einem Gespräch besteht. Wenn man Jäger ist und eine Jagdkarte hat, benötigt man dieses nicht. In diesem Zusammenhang fällt mir sofort Alois H., der Wilderer von Annaberg, ein.

Gefährlich ist es eher, wenn Waffen etwas Verbotenes an sich haben und dadurch spannend werden.

Gottfried Pinkl erzählt mir, dass er als Kind schon mit seinem Vater schießen war. „Dadurch habe ich einen anderen Umgang mit Waffen", erklärt er mir. „Gefährlich ist es eher, wenn Waffen etwas Verbotenes an sich haben und dadurch spannend werden." Kurz bevor ich gehe, werde ich gefragt, ob ich schon mal eine Waffe in der Hand gehalten habe. Ich? Niemals! Ich bin im Prototyp einer pazifistischen Familie aufgewachsen. Und: Ja, ich wollte trotzdem schon immer mal eine Waffe halten. Die Waffe ist nicht geladen und ich setze meine Finger an den Abzug. Fauxpas. „Das macht man erst, wenn man wirklich abdrücken will", erklärt mir der Shop-Besitzer.

Am Ende des Waffenlaufs befindet sich ein Visier. Ich drücke also mein rechtes Auge zu und versuche anzuvisieren. Dabei habe ich „I'm gonna get me a gun" von Cat Stevens im Ohr. Muss schräg aussehen, wenn da jetzt wer ins Schaufenster schaut, während ich auf jemanden ziele, denke ich. Ich bin gespannt, ob sich in meinem Freundeskreis bald auch die—noch kritischen—Frauen bewaffnen. Das Verhältnis von Frauen und Männern, die das Geschäft besuchen, gleicht sich nämlich langsam an. „Manche werden von ihren Männern geschickt, andere interessieren sich dafür, weil der Freund plötzlich auf den Schießplatz geht", erzählt Gottfried Pinkl. Da werde ich nächste Woche auch mal hinschauen. Mein Großonkel hat nämlich eine Waffenbesitzkarte, die er mir Stunden nach meinem Besuch im Waffengeschäft ganz stolz zeigt. Und er haftet für mich am Schießplatz.

Übrigens, zur Erinnerung: John Lennon ist erschossen worden. 12 Jahre, nachdem „Happiness is a Warm Gun" veröffentlicht wurde.