Nikki Silver und ihre Haare

Wenn du mit den Plastikpuppen der großen Porno-Industrie auch nichts anfangen kannst und auf sinnliche, beharrte Frauenkörper stehst, dann hält Nikki Silver die perfekte Alternative für dich bereit.

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Dez. 9 2014, 1:57pm

Alle Fotos bereitgestellt von Nikki Silver | Naughty Naturals

Alle Fotos: bereitgestellt von Nikki Silver/Naughty Naturals

Nikki Silver ist in den Kreisen des Feminismus-Pornos bekannt als führende Produzentin von haarigen Sexfilmen. Gerade hat sie sich an ihrem Schreibtisch in San Francisco eingemurmelt, die Morgensonne scheint durch die dünnen Vorhänge ins Zimmer und das dadurch erzeugte Licht lässt sie ​wie in einem Traum daherkommen. Während wir skypen, erfahre ich einiges aus ihrem Leben als feministische Pornografin.

Erzähl mir doch ein wenig von deiner Philosophie und „Naughty Natural", deiner Website für haarige Pornofilme.
Nun, ich bin jetzt 27, aber eigentlich schon seit meinem 18. Lebensjahr in diesem Business unterwegs. Dabei habe ich viel gemodelt und auch andere unterschiedliche Dinge aus dem Bereich gemacht, zum Beispiel Escort-Service und so weiter. Rasieren war noch nie wirklich mein Ding, deshalb habe ich auch gezielt nach Aufträgen gesucht, bei denen ich das nicht machen musste. Irgendwie fing ich dann auch damit an, die großen Unternehmen außen vor zu lassen. Dort habe ich mich immer falsch behandelt gefühlt. Ich habe mich nach Amateurseiten umgesehen und mit meinem damaligen Freund und anderen Bekannten angefangen, eigene Sachen zu drehen. Ich habe alles gemacht, was ich in die Finger bekam—und auch wenn ich nur andere Leute beim Ficken filmte.

Damals hatte ich noch keinen festen Wohnsitz. Organisiert wurden meine Porno-Produktionen quasi von meinem Auto aus. Ich war eine Art herumreisende Porno-Lady—eigentlich ziemlich witzig. Ich habe viel mit den radikal-homosexuellen Gemeinschaften und Leuten ohne Festanstellung zusammengearbeitet. Wir waren pleite und haben Filme gedreht. Dabei sprang allerdings nie ein großartiger Profit heraus. So hat sich das alles entwickelt. Ein paar meiner Freunde sind dann nach San Francisco gezogen und da habe ich gesagt: „Klingt gut! Da war ich noch nie." So kam ich hierher und das ganze Ding ging durch die Decke.

An welchen Projekten arbeitest du gerade?
In letzter Zeit habe ich viel richtig versautes Zeug mit anderen Frauen gedreht, bei dem ich die Zügel in der Hand habe. Das hat mir viel Spaß bereitet und ist im Gegensatz zu meinen normaleren Filmen auch eine bessere Darstellung meiner Sexualität. In einem aktuellen Projekt geht es darum, dass wir durch einen Zauber behaarter werden wollen, um im Winter knappe Kleidung tragen zu können. Für einen Teil dieses Zaubers brauchen wir Orgasmen. Deshalb fessle ich die Darstellerinnen und lasse sie in verschiedenen Stellungen zum Höhepunkt kommen. Danach landen sie auf einem Stuhl, werden dort erneut gefesselt und mit einem Vibrator verwöhnt. So bekommen sie nochmals einen Orgasmus und unser Zauber ist fertig. Vor Kurzem haben mein Freund und ich auch eine Bondage-Szene gedreht.

Sehr gut. Wieso hast du dich gegen den Mainstream und für deine eigenen Produktionen entschieden?
Beim Dreh für eine größere Website wurde eine meiner Freundinnen ohne ihr Einverständnis vom Kameramann angefasst. Das hat sie mir später erzählt und zusammen haben wir andere Leute gewarnt, die mit diesem Typen zusammenarbeiteten. Ich riet meiner Freundin dazu, das Unternehmen aufzufordern, ihn zu feuern. Das versuchte sie dann auch. Allerdings wurden ihr daraufhin so Sachen wie „Wir konnten nichts Schlimmes erkennen" oder „Wir können das Video nicht finden" entgegengebracht. Sie wussten, dass ich mit ihr befreundet war, und so haben sich irgendwie dazu entschlossen, mich als den Femi-Nazi der Haar-Pornos anzusehen und zu hassen. Daraufhin sagte ich: „Ihr seid frauenfeindlich und das muss ich mir nicht geben." Deshalb bin ich nach San Francisco gezogen und habe mit diesen ganzen verschiedenen Produktionen angefangen. Am besten kam das Zeug mit den behaarten Frauen an—und das bin ich nunmal.

Ich finde, dass deine Aufnahmen etwas sehr Vertrautes an sich haben, so als ob zwischen den Darstellern eine wirkliche Verbindung besteht. Wie kriegst du das hin?
Das ist der schwierigste Teil. Ich versuche, immer mit Freunden oder Bekannten zu drehen, zwischen denen eine Art sexuelle Dynamik herrscht. Vielleicht schlafen sie nicht regelmäßig miteinander, aber sie hatten auf jeden Fall schon mal Sex. Das macht Spaß—also zwei Menschen zusammenzubringen, die sich attraktiv finden, und dann zu schauen, was passiert. Vor dem Dreh setzen wir uns hin, trinken eine Tasse Tee und sprechen darüber, wie wir die Sache angehen wollen. Es gibt aber auch noch andere Faktoren, zum Beispiel Kommunikation und ein angenehmes Umfeld. Normalerweise mache ich alles alleine, also bei Solo- oder Lesben-Szenen. Wenn doch mal jemand anderes mit am Set ist, dann will ich immer sichergehen, dass die Darsteller mit dieser Person absolut keine Probleme haben. Ich versuche, da immer mit Frauen oder Transgendern zusammenzuarbeiten—einfach jemand, der gut in das angenehme Umfeld passt.

Wie sieht der Markt für Haar-Pornos aus?
Da konnte ich schon mehrere Dinge beobachten. Es gibt verschiedene Typen Mensch, die sich diese Art von Pornos anschauen. Oftmals sind sie älter und ihre erste Berührungen mit erotischen Bildern oder ihre ersten sexuellen Erfahrungen waren geprägt von unrasierten Frauen. Das muss sich jetzt nicht unbedingt auf die Achseln oder die Beine beziehen, sondern auch auf die Intimbehaarung. Sie fühlen sich automatisch zu so etwas hingezogen, weil sie ihr erstes Mal mit einer behaarten Frau hatten. Und dann gibt es da natürlich auch noch die Subkultur von den Leuten, die zum ​Burning Man fahren—halt einfach Hippies.

Foto: Quinn Cassidy

Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür, dass die Mainstream-Porno-Industrie immer noch wie besessen davon ist, dass sich Frauen fast schon mechanisch ihrer Körperbehaarung entledigen?
Wenn es darum geht, warum ein glatt rasierter Körper in der dominanten Gesellschaft und in Pornos so wichtig ist, dann gibt es da mehrere Faktoren. Ich will hier jetzt die Mainstream-Porno-Industrie nicht zwangsläufig anprangern, aber sie ist eben genauso kapitalistisch wie jede andere Industrie auch. Und weißt du, dort ist man total besessen vom jugendlichen Aussehen. Ich glaube, dass man aus verschiedenen Gründen mit dem Rasieren angefangen hat. Irgendwie kann ich das auch verstehen. Du musst dich überwinden und dich von deiner Behaarung trennen. Dann sehen Dinge wie die Schamlippen größer aus. Körperbehaarung ist aber auch ein Anzeichen für sexuelle Reife, sprich eine erwachsene Frau—ja, eigentlich fast schon für einen normalen Menschen.

Einige Frauen betreiben intensive Körperpflege—sie haben gemachte Nägel, tragen Make-up und sind überall rasiert. Wenn man den Ausdruck „natürlich" mit Körperbehaarung assoziiert, dann stellen sie sich quer, so als ob das bedeuten würde, dass sie nicht natürlich sind. Was sagst du zu so einer Denkweise?
Ich versuche, nicht das zu sein, was man vielleicht eine Körperbehaarungsextremistin bezeichnen würde. Ich will nicht, dass sich jemand dafür schämt, zum Rasierer zu greifen. Denn das Rasieren kann von einigen Leuten als völlig natürlich empfunden werden. Ich habe bloß etwas gegen die kulturelle Homogenität. Ich sage nicht, dass du unnatürlich bist, nur weil du dich rasierst. Aber wenn du dich nicht rasierst, dann bist du eben natürlicher. Das ist einfach so. Viele Leute rasieren sich auch nur, um an Aufträge zu kommen. Vielleicht finden sie das in gewissem Maße sogar gut, aber die Wahrheit ist nunmal, dass behaarte Darstellerinnen nicht wirklich gefragt sind. Deshalb bieten sie sich auch als Escort-Damen an, filmen Cam-Shows und machen viel anderes, zusätzliches Zeug. Durch das Produzieren habe ich herausgefunden, dass man so im Grunde seine Karriere verlängert. 

Mir ist aufgefallen, dass viele deiner Darstellerinnen schön im Sinne der Vorstellung der westlichen Welt sind—dünn, große Brüste und so weiter. Gehört das einfach dazu?
Ja. Als ich nicht mehr weiter für die großen Websites gearbeitet habe, dachte ich mir: „Ich werde hiermit kein Geld verdienen, wenn ich nicht das produziere, von dem ich weiß, wie ich es zu drehen und zu vermarkten habe." Vielfalt ist mir durchaus wichtig, aber meine Seite ist trotzdem noch ziemlich begrenzt, wenn man an die Vielfalt der richtigen Welt denkt. Queer-Porno-Produzenten sagen ja auch, dass sie mit jedem zusammenarbeiten. Und das meinen sie auch so.

Da kommt es nicht darauf an, wie dick, wie klein, wie alt oder wie tätowiert du bist. Das finde ich auch super und ich unterstütze das zu 100 Prozent, aber ich weiß einfach nicht, wie sich so etwas vermarkten lässt.

Was steht als Nächstes an?
Ich arbeite gerade an einem Film, der im Frühling rauskommen soll. Er basiert auf einem Porno aus den 70er Jahren, aber ich will hier jetzt auch nicht zu viel verraten. Nur eins vorweg: Ich spiele darin eine Opium rauchende, Katzen liebende und bisexuelle Hexe, die gerne Muschis leckt.

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