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Wer braucht noch Philosophen?

Jeder, ist die Antwort. Ausnahmsweise lassen wir uns auch mal was von alten weisen Männern sagen.
21.11.14

Foto: ​Renaud Camus | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

​„Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das im Verhältnis, daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält."

Das gerade waren weder die literarischen Versuche eines Vollirren, noch ist mir die Copy-Paste-Funktion auf der Tastatur eingerastet. So fängt das erste Kapitel von Die Krankheit zum Tode an, ein Buch von Søren Kierkegaard. Für gewöhnlich lassen sich Philosophen ein paar Seiten Zeit, bis sie ihre Leser verlieren. Nicht so Kierkegaard. Er scheint alles daran gesetzt zu haben, seine Leserschaft bereits nach den ersten zwei Sätzen abzufucken. Well done, Søren, well done.

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Texte wie diese bilden das Fundament, auf dem das allgemeine Unverständnis gegenüber Philosophen und ihrem Tun beruht, ebenso wie sie die philiströse Frage legitimieren „Und was wird man damit?", sobald man offenlegt, Philosophie studiert zu haben.

Natürlich Nichts wird man damit. Zum einen, weil der Beruf keine ontologische Kategorie ist, zum anderen, weil eine Welt, die Inhalte über Twitter und Emojis vermittelt, antiquierte Liebhaber von Schachtelsätzen genauso braucht wie Reinhold Messner zusätzliche Haare auf dem Kopf.

Doch immer dann, wenn man denkt, zum Teufel mit diesen selbsternannten Weisen, kommt eine Situation, in der es praktisch gewesen wäre, nicht völlig auf das kleine Philosophen-Einmaleins verzichtet zu haben. So steht immer ein runder Todestag von einem Hegel, Fichte & Co. an (oder gar wie heute der ​Welttag der Philosophie), den irgendein Witzbold in einer ohnehin schon versteiften Gesprächsrunde zum Anlass nimmt, um sich über „Gott und die Welt zu unterhalten". Vielen Dank Arschloch. Wenn du dann etwas mehr über Hegel zu sagen weißt, als dass sein Name sich auf Pegel reimt, bleiben dir dumme Blicke erspart.

Ja, und manchmal gibt es Situationen, in denen du einfach am Leben zerbrichst; dich davor bewahren werden die großen Weltversteher nicht, aber sie könnten mitunter helfen, dich wieder in die Spur zu kriegen.

Also gut, machen wir es kurz: Egal, wofür du ein basales Philo-Einmaleins gebrauchen kannst, hier hast du es. Und sei es nur, um zu wissen, wem du am heutigen Feiertag dieser todgeweihten Zunft deine Ehrerbietung erweisen magst.

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Platon 

​Foto: ​Thierry Ehrmann | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

Wenn Rebellentum und Kritik-Üben zu deinen Lieblingsbeschäftigungen gehören, dann wirst du wissen, wie angenehm es ist, ein Objekt zu haben, an dem du deine Unzufriedenheit auslassen kannst. Mit anderen Worten: Kritik ist wie ein Parasit—allein nicht überlebensfähig. Sie existiert nur in Relation zu etwas, an dem sie sich reiben und wodurch sie wachsen kann.

Wenn du nun gegen den Staat bist, oder das Schöne, gegen den traditionellen Vernunft- und Tugendbegriff, oder die gewagte Idee, dass die Welt nur ein schlechtes Abbild dessen ist, was nach dem Tode auf uns wartet, dann ist Platon dein Mann. Huldige seinem Genius, denn er ist grundlegend dafür, was du so liebst zu hassen.

Kant

Foto: Wikimedia commons | ​Public domain

Allein die Tatsache, dass ein Mensch ​mit seinem Namen es auch in englischsprachigen Ländern zu beträchtlichem Ruhm gebracht hat, ist verehrungswürdig. Aus der Schule ist dir vielleicht noch der Ausspruch „sapere aude!" (Wage es, weise zu sein!) in Erinnerung geblieben, womit du Kant zu einem der Urväter der Aufklärung zuzuordnen weißt.

Und als ob das nicht schon genug wäre, hat der Typ praktisch im Alleingang den Krieg zwischen Empiristen und Rationalisten befriedet. Sein Satz „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind" wird als Monument menschlicher Erkenntnis in alle Ewigkeit gen Himmel ragen.

Solltest du von einem Philosophen nicht weniger erwarteten als die Lösung der Fragen „Was kann ich wissen?", „Was soll ich tun?", „Was darf ich hoffen?", dann setz dir eine Kanne Tee auf, mache es dir mit deinem Lieblingspyjama im Bettchen gemütlich und lies Kants Kritiken. So werden seine drei Hauptwerke genannt, mit denen er Buch für Buch besagtes Mammutprogramm abarbeitet, bis er schließlich zur Königsfrage überhaupt gelang: „Was ist der Mensch?"

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Fun fact: In einem japanischen Tempel hängt seit über hundert Jahren ein Bild mit dem Titel Die vier Weltweisen. Darauf zu sehen: ​Buddha, Konfuzius, Sokrates und Kant. Wenn er also in Japan zum Heiligen erhoben wurde, dann machst du bestimmt nichts falsch damit, am Weltphilosophentag deine Kerze für den Mann mit dem lustigen Namen abbrennen zu lassen.

Søren Kierkegaard

Auf welche Weise Kierkegaard seine Bücher einzuleiten pflegte, hast du ja bereits kennengelernt. Aber täusche dich nicht: Er war ein überragender Stilist! Unter diversen Pseudonymen hüllte er seine Philosophie in Dichtung, Tagebuchform, Geschichten und Briefe, um so seine Leser „in die Wahrheit hinein zu täuschen".

Und weil für ihn der Ausgangspunkt des Philosophierens nicht irgendwelche abstrakten Konzepte wie das Sein, das Nichts oder das Wesen der Dinge waren, sondern der konkrete Mensch, der ungefragt in eine fremde Welt hineingeworfen wird und sich vor Angst in die Hose scheißt, kann Kierkegaard deshalb als Begründer des Existenzialismus angesehen werden. Ohne ihn gäbe es auch keinen Heidegger, Sartre oder Jasper, so wie wir sie kennen.

Kierkegaard war es um Angst, Tod, Verzweiflung wie auch Schuld bestellt und wenn Camus sein Jugendwerk Der Mythos von Sisyphos mit folgendem Paukenschlag beginnen lässt …

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere—ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat—kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten."

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…, dann hörst du den Dänen aus ihm reden.

Aber auch wenn du ein genusstrunkener Bohème bist, dem Rausch und Ästhetik die Welt bedeuten, ist der Psychologe unter den Philosophen eine sichere Bank für dich.

Nietzsche

Foto: ​Thierry Ehrmann | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

Wenn man von seinen antisemitischen und frauenverachtenden Ausfällen mal absieht, war Nietzsche ein überaus sensibler Denker. Manche glauben, dass er Gott getötet hat, obwohl laut Nietzsche wir die Mörder sind. Wer es tat, spielt auch keine Rolle mehr, denn in beiden Fällen wurden Werte damit wertlos und die Welt verlor den Sinn.

Aber Nietzsche, dieser Anti-Held, verkroch sich nicht in seinem Zimmer und begann, sich unter der Last dieser neugewonnenen Einsicht in den Arm zu ritzen. Nein, dieser Typ war glorreich genug, selbst darin das Leben zu bejahen, und wahnsinnig genug, seine Wahrheit zu verkünden:

„Meine Formel für die Größe am Menschen ist amor fati: daß man nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Notwendige nicht bloß ertragen, noch weniger verhehlen, sondern es lieben…"

Wenn dich Abgründe immer schon mehr faszinierten als Berge, Nächte als Tage, dies ​hier als das ​hi​er, dann gehe am Weltphilosophentag in den dunkelsten Techno-Bunker und tanze zu Ehren Nietzsches. Ihm hätte das gefallen. Bestimmt.

Foucault

Foto: ​Thierry Ehrmann | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

Den Abschluss soll ein moderner Denker bilden. Gut, auch er ist seit 30 Jahren tot, gestorben mit 57 an den Folgen von HIV, aber in philosophischen Maßstäben sind 30 Jahre ein Wimpernschlag. Foucault soll als der meistzitierte Denker des 20. Jahrhunderts gelten, vermochte ​geisteswissenschaf​tliche Bestseller zu schreiben, die in Massen an Stränden gelesen wurden, und den Meisten ist der Franzose für seinen Machtbegriff bekannt.

Foucault sprengte endgültig die noch in einigen marxistischen Lagern gerne bediente Dichotomie von „denen da oben"—also den Wenigen mit Geld, Macht und Einfluss—und uns armen Schweinen hier unten. Macht ist überall, es gibt „kein Außerhalb der Macht". Indem du gegen bestehende Verhältnisse rebellierst, übst du Macht aus; dieser Text hier ist Macht, deine Mutter ist Macht. Macht ist dezentral und selbst im wissenschaftlichen Betrieb gibt es sie—in Form von tonangebenden Diskursen, die die Produktion von Wissen diktieren. Statt der Wahrheit gibt es viele Wahrheiten und so gesehen ist Kritik eine Bewegung, „in der sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse."

All diese Schlagworte bilden Wechselverhältnisse, die wie ein Netz alle Gesellschaftsteile durchdringen und selbst von ihnen hervorgebracht werden.

Ob du also dem Chauvinismus, Rassismus oder Kapitalismus den Kampf angesagt hast, ob der Homophobie, der unfreundlichen Bedienung an der Wursttheke oder Helene Fischer: Foucault hält ein ganzes Arsenal an Theorien und Argumenten für dich bereit, mit denen du dich rüsten kannst. Und wenn du meinst, trotzdem darauf verzichten zu können, ist das auch kein Problem. Du benutzt sie sowieso schon, nur ohne es zu wissen.