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So fühlt es sich an, mit 20 Krebs zu haben

Vor eineinhalb Jahren bekam ich die Diagnose, die für mich einem Todesurteil gleichkam. Ich entschied mich, zu kämpfen—aber was blieb mir auch anders übrig?

von Robin Cannone
14 Januar 2015, 2:11pm

"In gewisser Weise ist das, was Sie haben, schon behandelbar—wobei wir hier nicht wirklich den Begriff 'Heilung' verwenden", seufzte der Hämatologe. "'Abklingen' ist da schon angemessener."

Da saß ich nun und hörte meinem Arzt dabei zu, wie er sich über bestimmte Formulierungen ausließ. Ich wartete darauf, mitgeteilt zu bekommen, ob ich nun sterben würde oder nicht. Ich bin 20 Jahre alt und damit einer von sieben jungen Leuten, die im Vereinigten Königreich täglich die Krebs-Lotterie gewinnen und diese Krankheit diagnostiziert bekommen. Was vorher nur eine Statistik an der Wand des Wartezimmers war, wurde für mich zur Realität—eine, offen gesagt, ziemlich beschissene Realität.

Wenn man von meiner vielleicht tödlichen Krankheit absieht, ging es mir damals eigentlich ziemlich gut: Meine erste richtige Beziehung hielt schon dreieinhalb Monate und ich hatte mich auch gut an mein Dasein als französischer Austauschschüler in Großbritannien gewöhnt.

Rückblickend machte das die Nachricht wahrscheinlich noch schwerer zu verdauen. Zum ersten Mal gab es einen Menschen, dessen Glückseligkeit für mich wichtiger war als meine eigene, was meine bereits vorhandene Angst noch verschlimmerte. Dazu hatte ich schon eine Vorahnung, dass die anstehende Behandlung meinem hedonistischen Lebensstil, bestehend aus Hauspartys und Spaß ohne Sorgen, was mich am nächsten Morgen erwartet, ein Ende setzen würde. Jetzt standen nämlich Nadeln im Arm, meinen Körper aufschneidende Skalpelle und riesige Maschinen an, die laute Klick-Geräusche machen, während ich in ihnen drin liege und mir meine eigene Sterblichkeit plötzlich sehr bewusst wird.

Wie ich hier überhaupt gelandet bin? Nun, zuerst war da am Anfang des Sommers nur ein angeschwollener Lymphknoten. Dann schaffte es der örtliche Allgemeinarzt ganze zweimal nicht, bei mir etwas Außergewöhnliches zu finden.


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Daraufhin machte ich das einzig Vernünftige und versuchte, mir mit Hilfe des Internets eine Selbstdiagnose zu stellen. Immerhin gaben mir die gesichtslosen Fremden eines Forums wieder etwas Sicherheit: Laut ihnen ist ein solches Anschwellen in neun von zehn Fällen nur ein Anzeichen einer harmlosen Infektion. Ich wollte jedoch wirklich auf Nummer sicher gehen und stattete meinem Arzt noch mal einen Besuch ab, um zu schauen, ob mich Dr. Google nicht verarscht und ob dieses Geschwulst, die sich inzwischen schon Richtung Hals ausgebreitet hat, wirklich keine Gefahr darstellt.

Ich wurde letztendlich in die Notaufnahme überwiesen, wo ich mich einigen Infektions-Tests unterziehen musste. Zwei Wochen später erhielt ich einen Anruf und sollte wieder im Krankenhaus erscheinen. Die Ergebnisse waren negativ. Man musste jetzt auch schwerwiegende Ursachen in Betracht ziehen. Es stellte sich heraus, dass ich zur fachgerechten Untersuchung dieser schwerwiegenden Symptome für längere Zeitabschnitte unter Narkose stehen würde, diese arsch-freilegenden Krankenhaushemden tragen und mir Gewebeproben aus meinem Körper schneiden lassen musste.

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Der Autor nach einer Biopsie seines geschwollenen Lymphknotens

Nachdem man mich an einen Spezialisten in Frankreich verwiesen hatte, wurde mir endlich das mitgeteilt, was ich mir nie eingestehen wollte—auch wenn die Vorstellung schon einige Zeit lang in meinem Kopf herumspukte.

"Wir haben während der Biopsie abnormale Zellen gefunden. Sie werden 'Non-Hodgkin-Lymphom'-Zellen genannt. Es gibt viele verschiedene Lymphom-Arten, ihres trägt die Bezeichnung 'diffuses großzelliges B-Zell'-Lymphom."

Schließlich fiel auch das K-Wort.

Mein Herz pochte wie verrückt. Ich wusste nicht genau, was ich denken, sagen oder machen sollte. Wie verhält man sich denn auch, wenn einem ein Arzt die Diagnose stellt, die man eigentlich schon seit Wochen erwartet, aber eigentlich gar nicht hören will? Soll man Danke sagen? Das wäre irgendwie komisch gewesen. Ich saß also einfach nur da und spürte, wie das Leben aus meinem Körper wich.

Während mir erklärt wurde, dass ein Lymphom die Krebsart ist, bei der die Behandlung normalerweise am besten anschlägt, nickte ich einfach nur. Ich konnte jedoch nicht anders, als zu denken, dass ich hier für etwas bestraft wurde, das über mein Verständnis hinausgeht. Zukunftsvorstellungen waren plötzlich nicht mehr möglich, weil sie jetzt von der Aussicht auf den Tod überschattet wurden. Ich hatte keine Ahnung, wie ich meinen Freunden und meiner Familie die schlechten Nachrichten überbringen sollte. Ich hielt es für total egoistisch, meine Last auf meine Mitmenschen abzuladen—vor allem auf meine Freundin. Ich habe sogar kurz überlegt, die Beziehung zu beenden, um ihr Monate unnötigen Leidens zu ersparen.

In den darauffolgenden Wochen drehte sich mein Leben vor allem um weitere nervenaufreibende Untersuchungen, die mehr über das Stadium meines Krebses verraten sollten—Kernspin, PET-Scans, Tests zu meiner Zeugungsfähigkeit, Operationen und so weiter. Vor meinen Angehörigen schaffte ich es zwar, mir nichts anmerken zu lassen, aber nachts hatte ich schreckliche Angst und konnte an nichts anderes mehr denken als die Aussicht, bald nicht mehr auf dieser Welt zu sein—und das so plötzlich.

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Der Autor nach der ersten Runde der Chemotherapie

Dann fing die Chemotherapie an. Mir gefiel es gar nicht, bald keine Haare mehr zu haben. Ich meine, wer hat schon mit 20 eine Glatze? Mein Horror-Szenario? Auszusehen wie John Travolta in From Paris with Love. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, mir eine Perücke anfertigen zu lassen. Mir missfiel zwar meine eigene Oberflächlichkeit, aber ich hatte eben Angst, dass mich meine Freundin nicht mehr länger attraktiv finden würde. Für mich bedeute der Verlust meiner Haare fast so etwas wie den Verlust meiner Identität.

Eines Morgens wachte ich auf und war umgeben von den Haaren, die mir nachts ausgefallen waren. Deshalb habe ich die übrig gebliebenen Büschel einfach abrasiert. Ich gewöhnte mich schnell an mein neues Aussehen und setzte die Mütze nicht weiter auf, die sich zuvor ständig auf meinem Kopf befunden hatte, weil ich mir Sorgen machte, dass meine Glatze bei meinen Mitmenschen Mitleid hervorrufen würde. Ich setzte die Dinge in Relation: Was ist schon der Verlust von ein paar Haaren im Vergleich zum Sterben? Für die wenigen Leute, denen ich von meiner Krankheit erzählt hatte, war ich das Opfer des grausamen Schicksals, für alle anderen einfach nur ein Typ mit Glatze. Vielleicht wurde ich auch als Gabber oder Skinhead ohne Springerstiefel wahrgenommen, was jetzt ja auch nicht so schlimm ist. Ich akzeptierte es einfach mit einer Art herablassender Resignation.

Das Schlimmste an meinem Krebs war jedoch die Tatsache, dass ich nicht wirklich etwas dagegen tun konnte. Es gibt da zwar diese ganzen Theorien zu Preiselbeer- und Mango-Saft als definitive Lebensretter, aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich tat sie trotzdem als hoffnungslosen Optimismus ab. Körperlich gesehen bin ich mit dem Krebs gut zurechtgekommen. Zwar wurde mir—wie angekündigt—oft schlecht, aber das Kotzen blieb zum Glück aus.

Auch das Warten war total stressig: zum einen die Wartezeit auf die Worte „Der Krebs wurde besiegt" und zum anderen die Wartezeit, bis ich wieder meine geliebten Freunde im Vereinigten Königreich zu sehen bekam. Ich konnte nicht aus Frankreich weg—der Krebs hatte zwischen mir und meinen Freunden eine reale Distanz geschaffen. Sie konnten ihr Geld für Freizeitbeschäftigungen ausgeben, meins ging für die Miete eines Hauses drauf, in dem ich nicht mehr wohnte. Dazu kamen noch die zweitägigen Trips nach England, mit denen ich gegen die Krankheit ankämpfte und so sicherstellte, dass sie nicht Herr über mein Leben wird und es kaputt macht.

Ich spürte aber auch eine gewisse Distanz zwischen mir und dem Rest der Welt. Ich wusste nicht, wie ich mit meiner Familie über diese Sache reden sollte. Ich versuchte es mit Beratern und Psychologen, aber dabei hatte ich immer irgendwie den Eindruck, dass sie bei allem, was ich sagte, einfach nur nickten. Bei den Ärzten brauchte ich gar nicht erst damit anfangen, über meine Gefühle zu reden. Wie konnte ich denn erwarten, von Leuten verstanden zu werden, die die Fragen, auf die ich so dringend Antworten brauchte, mit hohlen Phrasen abtaten und mich so wie einen Idioten dastehen ließen?

Spezialisten wissen viel über die Behandlung, über Prognosen und über die Chemotherapie. Was sie sich jedoch nicht bewusst sind—oder es dir zumindest vorenthalten—, ist die Wucht, mit der dich die Einsamkeit treffen wird, wenn du dich in deinem haarlosen Körper gefangen fühlst, dich deine Mitmenschen mit schlecht verstecktem Mitleid ansehen und du am Ende ganz alleine mit deinen Ängsten dastehst.

Ich habe mit einigen Krebspatienten gesprochen und den meisten ergeht es ähnlich: Sie wollen als normale Menschen angesehen werden und nicht als bemitleidenswerte Seelen, die bald sterben. Wenn man darüber nachdenkt, dann macht das auch Sinn, denn dieses Bild bestimmt, wie die Welt mit Krebs umgeht. Als ich meine Mitmenschen über meine Krankheit unterrichtete, wurde ich als erstes gefragt, wie es mir dabei gehe—eigentlich meinten sie aber eher „Wirst du sterben?". Ich dachte, ich wäre verdammt und irgendjemand hätte dick und fett „unheilbar krank" auf meine Stirn geschrieben.

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Der Autor und seine Freundin

Letztendlich ging der Krebs nach vier Chemotherapie-Sitzungen verteilt über einen Zeitraum von dreieinhalb Monaten zurück. Ich habe das Ganze überlebt—inklusive dem schrecklichen Krankenhausessen. Eineinhalb Jahre später bin ich jetzt wieder in meinem normalen Leben angekommen und verbringe auch endlich wieder richtig Zeit mit meiner Freundin, ganz ohne Nadeln, Krankenhausbetten und Exhibitionisten-Hemden.

Bevor man mich jedoch wirklich als „geheilt" betrachten kann, muss ich noch weitere dreieinhalb Jahre alle drei Monate Vorsorgeuntersuchungen über mich ergehen lassen.

Heute sagen mir die Leute, wie stark und mutig ich war, weil ich mit 20 gegen den Krebs gekämpft habe. Anscheinend glauben sie, dass man das von ihnen erwartet, aber irgendwie habe ich damit ein Problem. Das Ganze hatte nämlich eher mit Glück als mit Mut zu tun. Ich hatte Glück, so viele Leute um mich herum gehabt zu haben, die mich bei meinem Kampf begleiteten. Ich hatte Glück, dass ich während meiner Krankheit reisen durfte und mir die Vorfreude auf das Wiedersehen mit der Liebe meines Lebens immer wieder neue Zuversicht gegeben hat. Ich hatte Glück, dass die Chemotherapie bei mir anschlug.

Ich weiß auch nicht genau, warum man mir jetzt die Eigenschaft „mutig" zuschreibt. Irgendwie ist mir dabei nicht wohl. Ich war noch nie mutig und ich werde es wohl auch nie sein. Ich hatte eine verdammte Scheißangst. Ich habe einfach nur das gemacht, was die meisten anderen Menschen in meiner Situation wohl auch gemacht hätten: Ich habe mich an die Hoffnung geklammert.

Die Fragen, die mich jetzt am meisten beschäftigen, sind folgende: Wie kann ich jetzt wieder ein normales Leben führen? Wie kann ich Pläne für die Zukunft schmieden, wenn der Krebs jederzeit wieder zurückkommen könnte? Wie kann ich eine Familie gründen, wenn mir die Chemotherapie im Grunde die Fähigkeit genommen hat, Kinder zu zeugen?

Wenn ich über diese Fragen schreibe, dann quälen sie mich nicht ständig und ich kann mit der Situation umgehen. Auf Papier kann ich meine Gedanken und meine Gefühle viel besser ausdrücken und wenn ich mich durch Artikel wie diesen hier—im Grunde Briefe an mich selbst—mit der ganzen Sache beschäftige, dann ist es mir möglich, die richtigen Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu treffen.

Ich hab jedoch immer noch Angst. Was bleibt mir denn anderes übrig, als einfach nur abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln? Ich weiß nur, dass ich dankbar dafür bin, noch zu leben.

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