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Fotos

Jim Saah hat die Blütezeit des Hardcore-Punk fotografiert

Straight Edge wird geboren und Henry Rollins zerdrückt mit Blicken Billardkugeln—ein Interview mit Jim Saah, einem der wichtigsten Fotografen der 80er-Hardcore-Szene.

von Oliver Lunn
16 Dezember 2014, 6:33am

Ian MacKaye, Minor Threat

In den späten 70ern und frühen 80ern wurde Punk in den schmuddeligen Hinterzimmern von Washingtons Chinarestaurants neu erfunden. Der Fotograf ​Jim Saah war ganz vorne mit dabei. Er wich Slamdancern und Pfützen aus Erbrochenem aus, um lokale Hardcore-Bands wie Bad Brains, Minor Threat und S.O.A. zu fotografieren. Auch Bands von der anderen Seite des Landes wie Black Flag hat er vor die Linse bekommen. Die Kalifornier haben in den frühen 80ern den gebürtigen Washingtoner Henry Rollins (der damals bei Häagen-Dazs arbeitete) zu ihrem Frontmann erkoren.

Saahs frühe Aufnahmen sind in ​Salad Days zu sehen, einem neuen Dokumentarfilm über die Hardcore-Szene der Stadt. Darin erfahrt ihr, dass Ian MacKaye von Minor Threat und Fugazi auch heute noch Telefonstreiche gespielt werden, weil er mit 52 Straight Edger ist, und dass sein Bruder Alec MacKaye einmal auf Thurston Moores Füße gekotzt hat.

Ich habe Saah angerufen, um mehr darüber zu erfahren, wie er durch Zufall eine von Amerikas einflussreichsten Subkulturen in Bildern festgehalten hat.

Void

VICE: Hi Jim. Wie bist du dazu gekommen, die Hardcore-Punk-Szene in Washington zu fotografieren?
Jim Saah: Ich habe Punkrock um 1980 herum entdeckt, da war ich 16. Ich habe schnell herausgefunden, dass diese Bands hier in Washington quasi vor meiner Haustür spielen. Also habe ich angefangen, so oft wie möglich zu Konzerten zu gehen.

Was sind deine frühesten Erinnerungen an diese Konzerte?
Die Bands haben an allen möglichen Orten gespielt, zum Beispiel in den Hinterzimmern chinesischer Restaurants oder in verlassenen Geschäften. Sonntagnachmittag gab es auch diese Hardcore-Matinees, die waren einfach großartig. Die Szene, die Energie und der Zusammenhalt waren einfach berauschend.

In D.C.s Hardcore-Szene wurde zwar die Straight-Edge-Bewegung groß, aber es gab doch sicherlich auch ordentlich Alkohol und Drogen bei den Konzerten?
Klar. Die Leute sehen das oft falsch, weil Straight Edge mit Washington assoziiert wird. Es gab immer noch genug Leute, die betrunken zu den Konzerten kamen oder Joints rauchten. 

Faith

Also waren die Straight Edger bei den Konzerten in der Minderheit?
Definitiv.

Ian MacKaye, Minor Threat

Auf einem der Fotos redet Ian MacKaye dem Publikum ins Gewissen. Wie häufig wurden Konzerte unterbrochen, weil die Leute zu heftig getanzt haben?
Bei Minor Threat nie. Bei Fugazi relativ häufig. Natürlich nicht bei jeder Show, aber schon ab und an. Es gibt eine Szene in dem Film—das wird so um 1990 herum gewesen sein—, in der es vor der Bühne richtig zur Sache ging. Guy Picciotto, der Gitarrist von Fugazi, hat die Show unterbrochen. Sie haben den Song dann zu Ende gespielt und Guy rannte ins Publikum, schnappte sich den Typen, der allen auf den Kopf sprang, und brüllte ihn an: „Setz dich verdammt noch mal hin. Wenn du jemanden treten willst, dann komm doch auf die Bühne und tritt mir gegen den Kopf."

Wurden solche Konzerte jemals abgebrochen?
Normalerweise spielten die Bands weiter. Manchmal unterbrachen sie ein Konzert, schrien Leute an und machten dann direkt da weiter, wo sie aufgehört hatten.

Ian MacKaye beobachtet die Menge bei einem Dead-Kennedys-Konzert

Ian war auch bei einem Dead-Kennedys-Konzert anwesend, das du fotografiert hast. Er ist im Hintergrund zu sehen, wie er mit besorgter Miene einen Typen beobachtet, der von einem anderen am Hals festgehalten wird und dessen Zunge heraushängt. War Ian bei den Konzerten eine Art Aufsichtsperson?
Ich glaube, Ian war einfach ein Fan. Wenn es nicht sein Konzert war, dann benahm er sich auch nicht wie ein Türsteher und erzählte den Leuten auch nicht, was sie zu tun hatten. Er stand einfach nur am Rand herum und beobachtete die Leute. Wenn es sein Konzert war, dann ja, dann hätte er vielleicht etwas gesagt. Ich meine, ich kann ja nicht für ihn sprechen, aber für mich hat es diesen Eindruck gemacht.

Guy Picciotto, Fugazi

Ein verschwitzter Henry Rollins in seinen knappen Shorts ist schon ein echter Hingucker. Es war sicher eine sehr intensive Erfahrung, Fotos von ihm und Black Flag zu machen?
Rollins hat immer alles gegeben. Als ich damals anfing, auf Shows zu gehen, war er bereits weggezogen, um für Black Flag zu singen. Ich sah ihn also nur, wenn er für Konzerte zurück nach D.C. kam. Ich kannte ihn allerdings schon ein bisschen von früher. Damals war er ein richtig harter Typ. Ich habe ihn für mein Fanzine interviewt und er hat die ganze Zeit irgendwie nur in meine Richtung gestarrt. Ich weiß nicht, ob das alles nur gespielt war, denn zwischen uns bestand ja nie eine wirkliche Freundschaft. Wenn du jedoch mit ihm geredet hast, dann starrte er dich an und versuchte dabei immer, eine Billardkugel zu zerdrücken.

Black Flag

Bei den Live-Shows ging es immer richtig zur Sache: Er trat in seinen knappen Shorts auf, schwitzte wie verrückt und schmiss sich ins Publikum. Wenn die laute Musik einsetzte, dann konnte alles passieren. Es herrschte eine sehr angespannte Stimmung. 

Henry Rollins, Black Flag

Was war deiner Meinung nach Ende der 80er Jahre der Grund für den Zerfall der Szene?
Das war die Auflösung von Minor Threat—neben Faith meine Lieblingsband. Die meisten Bands, auf die ich Anfang der 80er stand, existierten schon nicht mehr. Dann gab es da noch diese neue „Revolution Summer"-Welle mit Vertretern wie Rites of Spring oder Beefeater.

Zu dem „Revolution Summer"-Ding gehörte es auch, dass sich die Leute die Szene zurückeroberten: Sie wollten vor weniger Leuten spielen und ohne die brutalen Idioten auskommen, die ohne Rücksicht auf die Anderen abgingen. Das fand ich auch OK. Diese Bands gaben sich zwar mit ihrer ruhigeren und kleineren Szene zufrieden, aber sie waren auch nie allzu lange aktiv. Rites of Spring sind so ungefähr nach neun Monaten wieder getrennte Wege gegangen und haben danach nie wirklich noch mal zusammen gespielt. Happy Go Licky und Beefeater haben ihre Alben erst nach ihrer eigentlichen Schaffenszeit veröffentlicht und sich dann anderen Dingen gewidmet. Insgesamt gesehen war es irgendwie eine Kombination aus beidem.

Es scheint so, als hätten die meisten Bands keinen Bock darauf gehabt, die politischen Ziele zu unterstützen, für die bei den Konzerten geworben wurde. Hat das auch mit reingespielt?
Brian Baker von Minor Threat und anderen Musiker haben diese Ziele zwar immer gut gefunden, aber irgendwann hat sich das Ganze einfach zu sehr in den Vordergrund gedrängt: Damals wurde fast jedes Konzert in D.C. zu einer politisch motivierten „Positive Force"-Show. Einige Besucher wollten aber, dass es nur um die Musik geht.

Andererseits waren aber auch viele politisch interessierte Menschen anwesend, die sich in der Anti-Apartheid-Bewegung engagierten. Es gab also zwei Lager: die Kids, die bei der „Positive Force"-Bewegung mitmachten, und die Kids, die nur wegen der Bands auf die Konzerte gingen und Sachen wie „Ich wünschte, der Typ würde die Bands spielen lassen, anstatt nur zu labern" dachten. 

Bruce Hellington, 9353

Thurston Moore hat mal gesagt, dass sich die Szene total verändert hätte, als die Kids anfingen, Sex zu haben. Wie siehst du das?
Er hat dabei den Ausdruck „pre-sexual" verwendet, das fand ich witzig. Ich persönlich bin 1984 und 1985 weniger zu Konzerten gegangen, weil ich damals eine feste Freundin hatte. Als er dann diese Aussage machte, konnte ich dem also nur zustimmen. Ich dachte mir nämlich: „Ja, für mich hat sich die Szene auf jeden Fall verändert, als ich zum ersten Mal Sex hatte." Punkrock war super, aber diese andere Sache war eben auch nicht schlecht.

Das war wohl auch der Anfang dieser ganzen Post-Emotional-Hardcore-Schiene, bei der die Bands plötzlich anfingen, Lieder über ihre Mädels zu schreiben.
Ganz genau. In diesem Bezug hat sich die Szene musikalisch auf jeden Fall gewandelt. Gefühle wurden erstmals zum Thema gemacht. Meiner Meinung nach ist das etwas ganz Natürliches, wenn man älter wird. Ich glaube, dass diese ganze Beziehungskiste da schon etwas verändert hat. Thurston war da schon an was dran.

Vielen Dank für das Gespräch, Jim.

Mehr über Salad Days findest du auf der ​offiziellen Website und mehr von Jims Fotos kannst du ​hier anschauen.