Chinesische Voyeure geilen sich an Frauen auf, die vor der Kamera Meth konsumieren

Crackpfeife statt Reizwäsche—das Drogenproblem Nord-Chinas hat mittlerweile auch die Sex-Branche erreicht. Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen.

|
03 September 2014, 8:18am

Titelbild: Screenshot aus dem chinesischen Forum nx123

Der Nordosten Chinas wird von Nordkorea aus mit Crystal Meth überflutet. Aber nach mehreren von den Behörden durchgeführten Razzien kochen die chinesischen Chemiker jetzt ihren eigenen Stoff. Viele der Zutaten werden dafür im eigenen Land hergestellt. Motherboard berichtete bereits von der Meth-Situation in China: Genau wie in den USA, gibt es auch dort viele verlassene Gelände in ländlichen Gegenden, die sich perfekt als Standort für provisorische Meth-Labors eignen. In China wird Arbeit groß geschrieben und die Arbeiter müssen oft lange und direkt aufeinander folgende Schichten schieben—deswegen sehen Einige Crystal Meth als ein willkommenes Aufputschmittel, um Überstunden zu machen und mehr Geld zu verdienen.

Pureres Meth wird auch als eine Art Luxusgut verkauft. Geh in China einfach mal in eine Karaoke-Bar und dir wird vielleicht ein „Ice-Skating"-Paket angeboten. In China ist „Ice" die allgemeine Bezeichnung für Meth und „Ice-Skating" steht dort für den Konsum der Droge. Manche Karaoke-Bars sind nur die Tarnung für ein Bordell und da die Konsumenten davon überzeugt sind, dass Meth ihre sexuelle Erregung verstärkt und sie länger durchhalten lässt, ist es nicht gerade überraschend, dass die Droge ihren Weg in die Welt der Prostitution und der Erwachsenenunterhaltung gefunden hat. Die Betreiber machen noch zusätzlichen Gewinn, indem sie die Freier für Drogen-Voyeurismus zahlen lassen. Anscheinend finden es einige Typen geil, jungen Frauen beim Meth-Konsum zuzuschauen.

Die Crystal-Karaoke-Frauen von China werden schlecht bezahlt, obwohl sie sich einem großen Gesundheitsrisiko aussetzen. Jingjing kommt aus einem ländlichen Dorf in Jiangsu, eine Provinz an der chinesischen Ostküste. Wie so viele junge Chinesen träumte auch sie von einem Leben in einer der Großstädte. Nach ihrem 17. Geburtstag ging sie nach Shanghai, wo ein Freund aus ihrer Heimat ihr einen Job in einem richtigen Massagesalon verschaffte. Sie verdiente allerdings zu wenig Geld und die Rechnungen fingen an, sich zu stapeln—deshalb arbeitete sie nachts zusätzlich schwarz als Karaoke-Begleitdame. Es dauerte nicht lange und ihr Manager vermittelte sie als Meth-Frau und als Jingjing süchtig wurde, war die Karaoke-Bar der einzige Ort, an dem sie wusste, wie man an die Droge kommt. Jedes Mal, wenn sie mit einem Kunden „Ice-Skaten" ging, wurden ihr umgerechnet knapp 45 Euro gezahlt. Als die Sucht jedoch schlimmer wurde, brauchte Jingjing mehr Meth, als ihr bei der Arbeit gegeben wurde. Sie suchte und fand online einen Dealer und sagte ihrem Boss, dass sie jetzt auch gegen Extra-Bezahlung mit den Kunden schlafen würde.

Drogenaufklärung ist in China quasi nicht existent. Das Ministerium für Öffentlichkeitsarbeit verbreitet zwar viele „Drogen sind schlecht"-Banner, aber diese werden weitestgehend ignoriert, da  die ländlichen Gegenden mit ähnlich lieblosen Slogans wie „Bitte ordentlich parken" oder „Ein Kind ist genug" zugepflastert werden. Informationen über Suchtmittel kommen nur Form von trockenen Statistiken daher, wie die Anzahl der Festnahmen und die beschlagnahmten Mengen—die eigentlichen Auswirkungen der gefährlichen Drogen sind der breiten Masse aber nicht bekannt. Jingjing sagte, dass sie nicht wusste, welche Folgen der Meth-Konsum für ihren Körper hat, denn ihre Eltern oder ihre Lehrer hatten sie nie darüber aufgeklärt. Fragen über Drogen wurden nach dem Motto „Über solche schlechten Dinge spricht man nicht" beantwortet. Ihr war nicht klar, dass man nach dem Zurückgehen des Glücksgefühls nicht mehr schlafen oder essen kann. Dank ihrem Boss hatte Jingjing zwar immer noch ein gepflegtes Äußeres, aber sie verlor viel Gewicht. Sie war immer müde und ging nicht mehr zur Arbeit, um Geld zu verdienen, sondern um ihre Sucht zu befriedigen.

Jingjing erzählte uns, dass sie schließlich gefeuert wurde, weil sie „nicht mehr hübsch genug war." Obwohl ihr Boss derjenige war, der Jingjing Crystal Meth zeigte, machte er sie für ihr Gewicht und ihr Aussehen verantwortlich. Er fragte: „Welcher Typ würde dich denn so noch nehmen?"

Da sie aus Scham wegen ihrem abgemagerten Zustand nicht zurück in ihre Heimat gehen wollte, arbeitete Jingjing als Camgirl, um über die Runden zu kommen. Online kam sie mit Männern in Kontakt, die sie dafür bezahlten, vor der Webcam Meth zu nehmen.

Screenshot: Nachrichtenbeitrag auf Youku

Im Juli arbeitete ein chinesischer Journalist undercover (Link auf Chinesisch) und schaffte es, ein paar Meth-Mädchen bei ihrer Arbeit in Xi'an zu fotografieren—die Stadt, in der die Seidenstraße beginnt.

Die chinesischen Behörden greifen inzwischen hart durch und beschlagnahmen überall ganze Lagerbestände von Crystal Meth. Im Januar waren bei einer Razzia in einem südöstlichen Dorf mehr als 3000 Polizeibeamten beteiligt und es wurden über drei Tonnen Meth konfisziert. Letzten Monat wurden in China zwei Südkoreaner hingerichtet, die nordkoreanisches Crystal nach China schmuggelten, um es von dort aus weiter in ihr Heimatland zu bringen. China konzentriert sich im Kampf gegen Drogen besonders auf synthetische Suchtmittel, was Nordkorea gar nicht passt.

Auch Jingjing wurde geschnappt. Bei meinen vielen Versuchen, den Kontakt wieder aufzunehmen, fand ich heraus, dass sie bei einer verdeckten Ermittlung der chinesischen Polizei verhaftet wurde. Eine ihrer alten Kolleginnen aus der Karaoke-Bar erzählte mir, dass sich ein Polizist als Freier ausgab und sie aufforderte, vor laufender Kamera Meth zu nehmen. Danach wollte er sie zum Sex in einem Hotel treffen. Als Jingjing dort auftauchte, klickten die Handschellen. Ich fragte bei der Polizei nach, aber ein Beamter sagte mir nur: „Darüber dürfen wir nichts sagen. Wenn sie ‚Ice' genommen hat, dann ist sie eine Kriminelle und über Kriminelle können wir nicht reden." Der Polizist konnte uns auch nicht sagen, ob Jingjing nun tatsächlich ein Verbrechen vorgeworfen wurde.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Crystal Meth Leben zerstört, aber die Chinesen betreiben eine extreme Stigmatisierung der Drogensucht, weshalb die Strafen für erwischte Konsumenten unverhältnismäßig hart ausfallen. Auf dem Papier hat China letztes Jahr das „Umerziehung durch Arbeit"-Programm abgeschafft, aber in Wirklichkeit wurden die Arbeitslager nur in aufgezwungene Drogenentzugseinrichtungen umgewandelt, in denen die Patienten unbezahlte Fabrikarbeit leisten müssen und ohne Verhandlung jahrelang eingesperrt werden können—das war bisher nur den Leuten vorbehalten, die aus politischen oder religiösen Gründen verhaftet wurden.

In China haben Drogensüchtige keine Möglichkeit zur Rehabilitation oder Therapie. Stattdessen werden sie wie Staatsfeinde behandelt—ein Schicksal, das auch Jingjing erleiden muss, bis sie aus der Geheimhaft entlassen wird.

Anmerkung: Kurz nachdem der Autor an das Vorschaubild kam, wurde es gelöscht und konnte deswegen nicht verifiziert werden. Es handelt sich dabei nicht um „Jingjing", die nur unter der Voraussetzung der Anonymität mit uns sprach. 

Mehr VICE
VICE-Kanäle