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Der IS ist das Instagram des modernen Dschihad

Die Enthauptungen der dschihadistischen Gruppierung schockieren die ganze Welt. Gleichzeitig begeistern sie aber auch überall Möchtegern-Gotteskrieger, die es gar nicht erwarten können, sich dem IS anzuschließen.
10.10.14

Kämpfer des IS: Standbild aus dem Dokumentarfilm von VICE News

Das Enthaupten westlicher Zivilisten ist für Dschihadisten weltweit wie Kokain. Die Hinrichtungen verbreiten nicht nur Schrecken unter ihren Opfern—sie strahlen eine Stärke aus, die nicht nur die fanatischen Kämpfer begeistert, sondern auch die Möchtegern-Gotteskrieger außerhalb ihrer eigenen Reihen, denen das spektakuläre Blutvergießen Ehrfurcht einflößt.

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Am 9. Juli 2005 schrieb Ayman al Zawahiri, damals die Nummer 2 in der Rangfolge von al-Qaida, angeblich einen Brief an Abu Musab al Sarkawi, den al-Qaida-Führer im Irak, in dem er ihn dazu anhielt, die Gewalt nicht eskalieren zu lassen und das Inszenieren von Enthauptungen zu überdenken. Im vorangegangenen Jahr hatte Sarkawis Netzwerk, ursprünglich als Tauhid wal Dschihad (Einheit und Heiliger Krieg) bekannt, mehr als zehn Videos von Enthauptungen veröffentlicht, einschließlich des Videos, in dem vermutlich Sarkawi persönlich den US-amerikanischen Geschäftsmann Nicholas Berg enthauptet.

In den vergangenen Wochen hat Zawahiris Brief die Schlagzeilen zurückerobert, zum einen deshalb, um die Strategie des Islamischen Staats (die darin besteht, der Welt grausame Enthauptungen zu zeigen) in den richtigen Kontext zu rücken. Zum anderen soll die Brutalität der Gruppe unterstrichen werden—falls da überhaupt noch Nachdruck nötig ist. Um den Titel eines hervorragenden Artikels von Mia Bloom in der Washington Post zu zitieren: „Selbst al-Quaida verurteilt Videos von Enthauptungen.”

Zawahiris Brief hatte keinesfalls mit moralischen Skrupeln zu tun. Es ging ausschließlich um Strategie. Zawahiri warnte davor, dass die Videos von Enthauptungen schlechte PR seien und Muslime vom Dschihad entfremden würden.

„Wir kämpfen um die Herzen und Seelen unserer Umma”, warnte Zawahiri und wies darauf hin, dass die einfachen Menschen unter den Muslimen Sarkawis grausigen Aufschlitz-Dschihadismus, insbesondere das Abschlachten von Geiseln, niemals akzeptabel finden werden.

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Jetzt sieht es so aus, als ob Zawahiri mit seiner Annahme nicht ganz richtig lag. Es gibt Menschen, die Enthauptungen nicht abstoßend finden. Ganz im Gegenteil. Auch medial gesehen ist der IS weit davon entfernt, „den Kampf um die Herzen und Seelen” zu verlieren: Angeblich ist es ihm gelungen, 5000 westliche Jugendliche zu rekrutieren. Um den Journalisten Charles Krauthammer zu paraphrasieren: Als bestes Mittel des IS zur Rekrutierung neuer Kämpfer hat sich seine eigene Barbarei erwiesen.

Der IS hat das begriffen. Deshalb gehören Videos von Enthauptungen inzwischen zum Markenzeichen seiner überaus effektiven und unermüdlichen Medienplattform Al Hayat.

„Wir nehmen diese Gelegenheit war, um diejenigen Regierungen zu warnen, die eine bösartige Allianz mit Amerika gegen den Islamischen Staat eingehen. Zieht euch zurück und lasst unser Volk in Frieden!”, verkündet der Henker in dem Video, in dem der amerikanisch-israelische Journalist Steven Sotloff enthauptet wird. Das ist angeblich auch der Hintergrund hinter den Videos der Hinrichtungen von James Foley, Sotloff, David Haines und aktuell Alan Henning.

Bloß ist das nicht glaubhaft. Der IS inszeniert Enthauptungen nicht deshalb, weil er die USA und ihre Verbündeten in die Flucht schlagen will, sondern weil er sie dazu provozieren will, in den Ring zu steigen. Wie David Carr kürzlich in der New York Times bemerkte, handelt es sich um „eine Nachricht von einem Feind, der nichts zu verlieren hat, wenn er die USA in einen Krieg in einem weit entfernten Land lockt, in dem die Feinde in der Überzahl sind.” Soweit hat das funktioniert, der Westen hat reagiert. Der IS hat es sogar in die Hauptsendezeit geschafft, wenn auch nach vorsichtiger Aufbereitung. So sind die reißerischen, pornoesken Dschihadistenvideos aus der virtuellen Gosse in den Mainstream gelangt.

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Von einer totalen Planlosigkeit in Sachen IS sind die USA inzwischen bei Luftangriffen gegen die Hochburg des IS in Syrien angelangt. Das alles gereicht dem IS zum Vorteil: Er steht inzwischen an der Spitze der weltweiten Dschihad-Bewegung. Das ist ein Status, den nur der weit entfernte Feind, die USA, zuerkennen kann. Das weiß auch der IS.

Das ist aber nicht seine einzige Absicht. Die Videos von den Enthauptungen richten sich auch an den Rest der Dschihad-Bewegung sowie an eine unbekannte Zahl von Möchtegern-Gotteskriegern. Sie stellen eine Demonstration von roher Gewalt und Fanatismus dar. Wir sind die einzig wahren Gotteskrieger. Legt euch nicht mit uns an. Wir zeigen kein Mitgefühl. Gott ist auf unserer Seite. Das ist das offensichtliche Narrativ in den Videos.

Es ist auch kein Zufall, dass der maskierte Henker in allen vier bisher veröffentlichten Videos Brite ist—oder auf beeindruckende Weise einen Südlondoner Akzent nachahmen kann. Damit wollen sie Furcht und Unsicherheit unter den Westlern sähen und die beunruhigende Vorstellung vom Feind in den eigenen Reihen wachrufen. Wenn der 24-jährige Brite Abdel Majed Abdel Bary, den der Geheimdienst für den Henker in den Videos hält, überzeugt werden kann, sich dem IS anzuschließen, dann lassen sich vielleicht auch andere Briten für die Sache gewinnen. Die Videos zielen allerdings auch darauf ab, eine Botschaft an die Basis des IS und seine Konkurrenten im Dschihad zu senden: Wir lassen uns nicht aufhalten. Selbst die Bürger der Länder der Ungläubigen sind bereit, ihr bequemes Leben hinter sich zu lassen, um sich uns anzuschließen. Es ist eine Botschaft, die die Truppen des IS aufrühren und unentschlossene Kämpfer anderer Gruppierungen davon überzeugen soll, zum IS überzulaufen.

Krauthammer hat es vor Kurzem auf den Punkt gebracht, als er sagte, dass der wichtigste Kampf, den der IS austrägt, derjenige in den eigenen Reihen sei und dass die Videos von den Enthauptungen in diesem Kontext gesehen werden müssen. „Der IS versucht, seine Konkurrenten zu verdrängen und an ihre Stelle zu treten—von al-Qaida in Pakistan über die Al-Nusra-Miliz in Syrien bis zu den diversen Abspaltungen in Nordafrika. Der IS versucht, als einzig wahrer Gotteskrieger aus dem Konkurrenzkampf hervorzugehen.” Mia Bloom bezeichnet diesen Vorgang als „Überbieten”. Konkurrierende Gruppierungen wetteifern um die Vorherrschaft, indem sie immer spektakulärere Angriffe durchführen. In den vergangenen Monaten ist es dem IS gelungen, seinen lokalen Konkurrenten in Syrien, die zu al-Qaida gehörende Al-Nusra-Miliz, in den Hintergrund zu drängen. Er zeigte dabei einen Grad von Grausamkeit und militärischer Stärke, der in den Annalen des weltweiten Dschihadismus seines Gleichen sucht. Die Videos von den Enthauptungen sind eine graphische Verkörperung dessen und gleichzeitig ein Beweis, dass der IS nun der einzige ernstzunehmende Spieler ist.

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Die Enthauptungsvideos des IS sind rudimentär und haben sicherlich nicht viel mit dem technischen Können anderer Produktionen in Filmlänge gemein. Sie sind aber dennoch außergewöhnlich wirkungsvoll und immer noch meilenweit entfernt von den unscharfen und blutrünstigen Enthauptungsvideos, mit denen der inzwischen verstorbene Urvater des IS, Sarkawi, den Weg bereitet hat. Sie wurden in HD und unter einem strahlend blauen Himmel gefilmt. Der in schwarz gekleidete Henker thront auf theatralische Art und Weise über seinem Opfer, das einen orangen Overall trägt—eine Anspielung auf die Kleidung der Häftlinge in Guantánamo Bay. Der Henker ist mit einer Pistole bewaffnet und schwingt ein kleines Messer. Wie auch Sarkawi macht er eine sägende Bewegung, doch wir können nur einen Blick erhaschen: kurz nachdem der Henker angesetzt hat, wird das Bild dunkel.

Kämpfer des IS: Standbild aus dem Dokumentarfilm von VICE News

Zudem sind die Videos des IS Welten vom neuesten Video von Zawahiri entfernt, der fast eine Stunde lang darüber spricht, einen neuen Arm von al-Qaida in Südasien aufzubauen. Zawahiri mangelt es offensichtlich an einem Plan, an Charisma und Anziehungskraft. Das war schon immer so, aber der Aufstieg des IS hat das nur zu offensichtlich gemacht. Wenn es so ist, wie Peter Bergen ein Jahr nach Osama Bin Ladens Tod geschrieben hat, dass der Kern von al-Qaida in den Stammesgebieten von Pakistan das Blockbuster-Video des globalen Dschihad ist, dann ist der IS das Instagram dieser gewalttätigen Subkultur, ein unglaublich erfolgreiches Start-up, das sich in kürzester Zeit ein Millionenpublikum aufgebaut hat.

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Man kann vermuten, dass der Henker in den neuesten Enthauptungsvideos bei Weitem nicht so großspurig wäre, wenn seine Opfer nicht gefesselt wären. Aber der Kontrast zwischen ihm und dem müden, alternden Zawahiri ist nur allzu offensichtlich. Abdel Barys Stimme, seine Ausdrucksweise, sein Gebaren, seine ganze Körpersprache strahlen Macht und Selbstsicherheit aus. Zawahiris Körpersprache strahlt genau das Gegenteil aus: Ohnmacht, Verfall, Bedeutungslosigkeit.

In seinem vermeintlichen Brief an Sarkawi schreibt Zawahiri, dass ein Gefangener genauso gut mit einer Kugel wie mit einem Messer umgebracht werden kann. Dem würden IS-Befehlshaber sicherlich zustimmen, schließlich hat die Gruppierung bereits Hunderte wehrloser Gefangener erschossen. Nur ist sie ebenfalls überzeugt, dass nichts an die symbolische Kraft und Wirkung eines Messers heranreicht.

In Martin Amis’ Untersuchung der düsteren und zunehmend gewalttätigen Welt der US-amerikanischen Pornoindustrie sagt John Stagliano, ein ehemaliger Pornodarsteller, dass Vaginalverkehr Bullshit sei. Die Action gehe beim Analsex ab. Der sei kehliger, animalischer. In den letzten Wochen hat der IS bewiesen, dass Zawahiri falsch liegt. Kugeln sind zwar nicht unbedingt „Bullshit”, aber ihnen fehlt nun mal die dramatische Propagandawirkung eines Messers. Das Messer, mit seiner rohen und kehligen Symbolkraft, hat den IS auf die nächste Ebene gehoben.

Am Ende von David Finchers Film Sieben (1995) erhält ein von Morgan Freeman gespielter Detektiv ein Paket. Das ganze spielt in einer verlassenen, wüstenhaften Gegend. Er öffnet das Paket vorsichtig, nur um darin den abgetrennten Kopf der Ehefrau seines Kollegen zu finden. Wir können den Kopf nicht sehen, aber wir sehen das Entsetzen und den Ekel in Freemans Gesicht. In sein Funkgerät sagt er: „John Doe hat gewonnen”. Sieben, dessen Höhepunkt die Freiluft-Hinrichtung eines Mannes in einem orangen Overall und mit rasierten Kopf ist, ist ein Film über die sieben Todsünden: Zorn, Geiz, Trägheit, Hochmut, Wollust, Neid und Völlerei. Der jüngste Erfolg des IS begründet sich in großem Maße in der Schamlosigkeit, mit der er sich dazu aufgemacht hat, die schlimmste dieser Sünden, den Zorn, zu einer Tugend und zu seinem Vorteil zu machen.

Dr. Simon Cottee ist Kriminologie-Dozent an der Kent University, UK. Sein Buch The Apostates: When Muslims Leave Islam erscheint im November bei Hurst & Co.