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Vietnam hat nicht nur eine „Hangover“-Bar, sondern auch ein echtes Alkoholproblem

Man sollte sich genau dann Sorgen machen, wenn Bars ihre Toiletten mit Kotzbecken ausstatten.

von Calvin Godfrey
13 Oktober 2014, 7:41am

Die vietnamesische Sprache kennt kein Wort für „Kater“, was ein kleines Wunder ist, wenn man bedenkt, dass in diesem Land hemmungsloses Trinken fest in der Kultur verankert ist. Dafür gibt es dort aber einen sogenannten Beer Club mit dem Namen Hangover IV. Es handelt sich dabei um eine begehbare Copyrightverletzung, in der uniformierte Kellnerinnen uneingeschränkte Mengen an Bier ausgeben. Neben zwei beleuchteten Cartoonpostern aus der semilustigen Filmreihe gleichen Namens (Zach Galifinakis mit einem Affen und Ken Jeong als Herzkönig) sind die Wände mit Slogans zugekleistert, die in bester 1984-Manier per Neonschriftzug oder unstimmig arrangiertem Poster die Vorzüge von Bier anpreisen:

„Good people drink good beer.“ 

„Keep calm and drink beer.“

„You can’t buy happiness, but you can buy beer and that’s kind of the same thing.“

Just zu dem Zeitpunkt, als die Beer Clubs anfingen, Ho-Chi-Minh-Stadt zu überfluten, öffnete auch das Hangover IV seine Pforten—das war vor etwas mehr als einem Jahr. Beer Clubs sind die vietnamesische Alternative zu Bars. Über Generationen hinweg hatten sich Männer hier vorwiegend in testosterongeschwängerten Restaurants betrunken, in denen Mädchen den kleinen Gruppen von Freunden oder Kollegen lauwarmes Bier auf Eis servierten, das dann gemeinsam runtergestürzt wurde—dabei wurde oft jede einzelne Runde gezählt. Die Beer Clubs unterscheiden sich dahingehend, dass Bier dort in großen Mengen aus gekühlten Plastiksäulen gezapft wird, während im Hintergrund Musik in ohrenbetäubender Lautstärke läuft.

Außerdem sind die Läden ganz offensichtlich darauf ausgelegt, dass du bis zum Kotzen weitersäufst.

Vor nicht allzu langer Zeit verbrachte ich einen Freitagabend im Hangover IV. Um 21 Uhr war der Laden bereits bis zum Bersten gefüllt. Auf einer Empore spielte eine wohlproportionierte DJane VinaHouse und wackelte mit ihren Hüften, während sich ein junger Magier, komplett in Schwarz gekleidet ein Taschentuch aus seinem Auge zog. Auf mindestens vier Tischen standen Geburtstagskuchen und alle schienen richtig guter Dinge zu sein. Man posierte für Fotos, gab hier und da ein Stückchen Kuchen aus und lud wildfremde Leute dazu ein, anzustoßen und sich gegenseitig ein paar Bier einzuschenken.

Das klingt alles super und spaßig und überhaupt, bis man dann aufs Klo muss. Dort begrüßt dich ein großes Plastikbecken mit Wasserhahn und extraweitem Abfluss.

Als ich mich beim Personal nach dem Teil erkundigte, rümpfte Tam, eine Kellnerin, die dort erst seit zehn Tagen arbeitet, die Nase: „Du meinst das Lavabo?“ Ein Manager gesellte sich zu uns und bestätigte den Namen der Vorrichtung—Lavabo ist also der vietnamesische Ausdruck für „Kotzbecken“.

Um 23 Uhr traf ich in den Toiletten dann auf zwei junge Männer, die das Lavabo lauthals in Gebrauch nahmen. Über ihren Köpfen an der Wand prangte ein Cartoon, auf dem ein Mann zu sehen war, dessen Kopf auf einer Kloschlüssel lag. „This is called HANGOVER“ war darauf zu lesen. In einer Woche machte ich sechs ähnliche Beer Clubs in Saigon aus—und in jedem von ihnen gab es ein Kotzbecken mit der Aufschrift bồn ói/nôn.

Das ist aber nicht immer so gewesen. In etwa 20 Jahren hat sich Vietnam von einem der ärmsten Länder der Welt zu einem Ort mit Sauf-und-Kotz-Partys entwickelt—und nicht jeder hier ist mit dieser Art von Fortschritt glücklich. Tatsächlich verabscheut die große Mehrheit der vietnamesischen Bevölkerung die Richtung, in die sich die hiesige Trinkkultur entwickelt hat—andererseits weiß aber auch niemand, was man dagegen tun kann.

Die Reaktionen der Politik auf das exzessive Konsumverhalten machen dabei einen ziemlich unbeholfenen Eindruck. Mindestens ein Mitarbeiter des vietnamesischen Gesundheitsministeriums gab zwar öffentlich zu bedenken, dass das rücksichtslose Trinken zu einem großen Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt und Motorradunfällen geführt hat, auf der legislativen Ebene kam man dann aber lediglich so weit, sich an einem Verbot von Bierverkäufen auf offener Straße nach 22 Uhr und einem Verkaufsverbot an schwangere und stillende Frauen zu versuchen. Die entsprechenden Gesetzesvorschläge wurden schlussendlich aber in diversen Zeitungsartikeln heftig kritisiert und am Ende von der Nationalversammlung abgelehnt.

Vor Kurzem stellte irgendein Genie einen Gesetzesvorschlag vor, der regeln soll, dass Räumlichkeiten, in denen Bier ausgeschenkt wird, mit einer Klimaanlage ausgestattet sein müssen. Komasaufen macht halt einfach mehr Spaß, wenn es nicht ganz so heiß ist. An der landesweiten Begeisterung dafür, sich regelmäßig komplett die Lampen auszuknipsen, scheint aber niemand so richtig etwas ändern zu wollen.

Als anschauliches Beispiel für die dortigen Zustände eignet sich auch folgendes Ereignis: Am 12. August schlug der stellvertretende Minister für Auswärtiges dem stellvertretenden Minister fürs Inland in einer Karaoke Bar/Restaurant ein Bierglas über den Kopf. Der stellvertretende Direktor für Auswärtiges gab dem schreienden und am Kopf blutenden Politiker, der eilig aus dem Lokal stürmte, dann noch einige wüstende Beschimpfungen mit auf den Weg.

Der Streit begann damit, dass sie vergessen hatten, miteinander anzustoßen. Es war Dienstagmittag und beide waren kurz zuvor noch gemeinsam bei einer offiziellen Schulung gewesen. Später entschuldigten sich die Männer für ihr Verhalten. Sie wären betrunken gewesen.

Solcherlei Vorfälle sind nicht gerade typisch (die Geschichte schlug in den landesweiten Nachrichten große Wellen), aber erst ein Jahr zuvor hatte der stellvertretende Premierminister die Behörden jener Provinz darum gebeten, ein 2012 erlassenes Verbot des Alkoholkonsums während der Arbeitszeit auch durchzusetzen.

„Verglichen mit anderen Ländern kann es hier sehr schwer sein, aus einer laufenden Trinkrunde auszusteigen“, sagte Lukas Parker, ein Assistenzprofessor für Vertriebswesen, der für das Royal Melbourne Institute of Technology verdeckte Forschungsarbeit durchgeführt hat. „Hier ist der Druck, weiter mitzumachen, sehr groß.“

Und es wird schlimmer. Parker hat das Konsumentenverhalten in Beer Clubs wie dem Hangover IV untersucht und festgestellt, dass das Gemeine (oder Geniale) an diesen neuartigen Lokalen ist, dass sie es den Gästen unmöglich machen, einen Überblick über ihren tatsächlichen Alkoholkonsum zu behalten.

Im Hangover IV, wie in vielen anderen vietnamesischen Beer Clubs, stürmen, sobald du den Laden betrittst, hübsche Beer Girls auf dich zu und geben ihr Bestes, damit du dich für die Marke entscheidest, die sie auf ihrem Cocktailkleidchen aufgedruckt haben. Wenn du dann einmal bestellt hast, sorgen sie dafür, dass dein Glas nie ganz leer wird.

Man sollte hierbei allerdings beachten, dass in Deutschland pro Person fünfmal mehr Bier getrunken wird als in Vietnam—auch wenn sich diese Lücke jedes Jahr signifikant verringert. Das Problem besteht also eher darin, wie das Bier dort konsumiert wird.

Hinter Japan und China ist Vietnam mittlerweile zum drittgrößten Bierkonsumenten Asiens herangewachsen—auch wenn ein Arbeiter in Vietnam wesentlich weniger verdient als in den anderen beiden Ländern. Ein sich mittlerweile im Ruhestand befindender Bauleiter aus Hanoi erzählte mir, dass ihm die Kotzbecken vor ungefähr zehn Jahren in den Trinkrestaurants im Mekong-Delta zum ersten Mal aufgefallen waren. Dort wurden sie hò genannt—dem Laut, den Ruderer ausstoßen, um im Takt zu bleiben, und dem Geräusch, das Menschen machen, wenn sie sich übergeben.

Diese Doppelbedeutung ist kein Zufall. Genau wie Ruderer gleichzeitig ihre Paddel durchs Wasser ziehen müssen, müssen auch hier alle gleichzeitig ihr Glas leeren.

„Sei froh, dass du nicht geschäftlich hier bist“, sagte er zu mir.

Das wiederum ließ einen irischen Freund, der zwei Jahrzehnte in Hanoi gelebt hatte, zurück an das „Army Bia Hơi“ denken—es hieß so, weil es sich direkt neben dem Militärmuseum befand. Bis zu seiner Schließung vor ein paar Jahren wurden dort vor allem abgehalfterte Männer bewirtet, die mit dem festen Vorhaben dorthin gekommen waren, sich komplett besinnungslos zu saufen. Dementsprechend befand sich dort in jeder zweiten Klokabine statt einer Toilette ein Waschbecken auf Kinnhöhe.

„Die Klos waren immer komplett vollgekotzt—bis auf die Becken“, sagte mein Freund—in seiner Stimme schwang ein Hauch von Wehmut mit. „Es war die Art von Laden, die immer nach Bier, Kotze, Hundefleisch und Garnelenpaste stank ... aber es hat Spaß gemacht.“