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Ein offener Brief an Pornostar Christy Mack

Nach Christys Anschuldigungen, ihr Ex-Freund, der MMA-Kämpfer War Machine, hätte sie verprügelt und ihr Gesicht eingeschlagen, denkt eine junge Journalistin an ihr Treffen mit der Pornodarstellerin zurück.
14.8.14
Foto: Marcos Rivera

Foto: Marcos Rivera

Christy Mack war meine Erste.

Ich bin nach Toronto gezogen, eine Stadt, in der ich niemanden kannte. Ich fing dort ein Praktikum bei VICE Kanada an und schon in meiner ersten Woche wollte mein vorgesetzter Redakteur, dass ich einen Pornostar interviewe. Sie kam gerade groß raus und wir hatten den gleichen Namen.

Am Morgen des Interviews wachte ich auf, rauchte eine und ging am Küchentisch meiner auf den Namen „Insektenzuflucht" getauften Wohnung noch einmal im Stillen meine Notizen durch. Als ich da so saß, dachte ich darüber nach, wie ich Christy auf den Vorfall ansprechen sollte, als ihr damaliger Freund, ein MMA-Kämpfer namens War Machine, auf Twitter schrieb, dass er sie vergewaltigt habe.

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Auch wenn es so unglaubliche viele Frauen gibt, die von ihrem Partner misshandelt werden; auch wenn meiner eigenen Mutter schon einmal Ähnliches widerfahren ist; auch wenn ich eine Journalistin bin und deswegen eine Art Lizenz besitze, „schwierige Fragen" zu stellen; ich konnte im Gespräch mit Christy dieses Thema nicht aufbringen.
Vor dem Treffen war ich nervös und unsicher. Ich trug einen Lammfell-Mantel und auf meinem Weg dorthin war ich wie in meiner eigenen Welt.

Als ich ankam, setzte ich mich auf die Lehne eines Sofas, das in einem Büro mit Billardtisch stand. Die Wände des Raumes waren voller MMA-Poster und ich wiederholte in Gedanken nochmals meine Fragen an Christy. Ich hoffte, dass diese sie nicht verärgern würden. Ich hoffte auch, dass sie sich irgendwie von den Fragen unterscheiden, die sie schon so oft gefragt wurde.

Christy betrat schließlich mit einer anderen Person den Raum, lief fast instinktiv an den Billardspielern vorbei und stellte sich mir vor. „Hi, ich bin Christy", sagte sie und reichte mir ihre zierliche, kleine Hand. „Mein Name ist auch Kristy", antwortete ich und wir lächelten. Wir wurden in ein anderes Zimmer gebracht und bevor ich anfangen konnte, erzählte sie mir, wie toll sie meinen Mantel fand. „Der ist wunderschön", sagte sie mit ihrer süßen Stimme und streichelte über meinen Pelz. Während des Interviews war es für mich, als würde ich mit einer alten Freundin reden, und Christy ermutigte mich dazu, an meine Fähigkeiten zu glauben und meinte, dass ich die Chance, eine Journalistin in Toronto zu werden, wirklich verdient habe.

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Dank meines Berufs treffe ich regelmäßig interessante Menschen. Normalerweise führen wir dann ein Gespräch, ich schreibe einen Artikel und danach geraten sie wieder in Vergessenheit. Manchmal kommt es aber auch vor, dass ich eine Person treffe, über die ich dann nach dem Interview noch monatelang, wenn nicht sogar jahrelang, nachdenke. Christy ist dank ihrem einfühlsamen Charakter, ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Ehrlichkeit so eine Person und deswegen haben mir die Geschehnisse vom 8. August auch das Herz gebrochen.

Christy behauptet, dass ihr ehemaliger Freund Jon Koppenhaver, der 2008 seinen Namen in War Machine umändern ließ, im dem Haus in Las Vegas auftauchte, in dem das Paar gewohnt hatte, bevor er Christy letzten Mai verließ und nach San Diego zog. Christy hatte zu diesem Zeitpunkt Besuch von einem Bekannten, den War Machine angriff und aus dem Haus schmiss. Danach zwang er Christy dazu, vor seinen Augen zu duschen. Christy wirft War Machine vor, dass er sie aus der Dusche zog, ihr ins Gesicht schlug und dann noch das Meiste ihrer Haare mit einem stumpfen Messer abschnitt.

„Ich dachte, dass ich jetzt sterbe", schreibt Christy. „Er sagte, dass er mich vergewaltigen würde, war dann aber von sich selbst enttäuscht, als er keinen hoch bekam."
Die Klinge von War Machines Messer brach ab. Christy berichtet, dass er anschließend in die Küche ging, wahrscheinlich um ein schärferes Messer zu holen. Sie hat dann die Gelegenheit genutzt, um durch die Hintertür zu entkommen—komplett unbekleidet. Sie sprang über den Zaun und klingelte bei mehreren Nachbarn, bis endlich jemand aufmachte und sie ins Krankenhaus brachte. Diese Woche behandelt man die 18 gebrochenen Knochen um ihr Auge herum. Ihre Nase ist ebenfalls an zwei Stellen gebrochen. Einige ihrer Zähne sind abgebrochen oder fehlen ganz. Dazu kommt noch eine gebrochene Rippe, eine angerissene Leber und ein so angeschwollenes Gesicht, dass sie nicht kauen oder sprechen kann.

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„Er hat mich zuvor schon oft geschlagen, aber noch nie so schlimm", schreibt sie.

Auf den Fotos in ihrem Statement (diese findest du hier, sie sind aber nichts für schwache Nerven) sind ihr Gesicht und ihr Körper so schlimm gezeichnet und verwundet, dass man Christy kaum wiedererkennt. Bellator, eine MMA-Promo-Agentur hat jetzt die Zusammenarbeit mit War Machine beendet. Von ihm hat man außer einer Reihe von schrecklichen Twitter-Nachrichten, in denen er seine Liebe zu Christy bekundet, noch nichts gehört und die Fahndung der Polizei von Las Vegas geht weiter.

Christy, ich habe mir nochmals das Transkript unseres Interviews durchgelesen. Es macht mich traurig und wütend zugleich, dass du mir bei unserem Gespräch—Monate vor deinen jetzigen Verletzungen—stolz davon erzählt hast, dass du starke Charaktere spielst und Pornos einem so ein gewisses Gefühl von Entscheidungsfreiheit geben.
Du sagtest: „Ich werde nie erniedrigt, nie geschlagen, nie gewürgt, nichts dergleichen."

„Ich filme inzwischen gar nicht mehr so viel wie damals", erzähltest du mir. „Das liegt auch daran, dass ich mit Jon zusammen bin. Meinen Job zu machen und zu filmen, fühlt sich einfach nicht mehr natürlich an, auch wenn ich es immer noch liebe. Es fühlt sich nicht richtig an, wenn zu Hause jemand sitzt, den du liebst."

Ich bin wirklich tieftraurig, dass du so einen Albtraum durchleben musstest. Du warst mein erster Auftrag für VICE und die erste Person in Toronto, die mich als Journalistin durch eine fesselnde, kluge, liebenswürdige und interessante Art daran erinnerte, warum ich mein altes Leben aufgegeben habe, um hier zu sein.