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Vice Blog

Die „Westbhf Volunteers“ wurden über Nacht vom Westbahnhof vertrieben

Caritas, ÖBB und Polizei wollen von nichts wissen. Eine freiwillige Helferin erzählt.
24.9.15
Fotos von der Autorin

Die letzten Wochen befanden sich Wiens West- und Hauptbahnhof im Ausnahmezustand. Viele Freiwillige Helfer sammelten sich auf den Bahnsteigen, um den Ankommenden zu helfen. Eine Helferin vom Westbahnhof erzählt von den vergangenen Wochen und sagt, die „Westbhf Volunteers" seien seit Montag am Bahnhof nicht mehr willkommen. Ein Erfahrungsbericht:

Vor ziemlich genau drei Wochen erreichten die ersten tausend Refugees den Wiener Westbahnhof. Müdigkeit, Erschöpfung, Angst und die Strapazen der wochen- oder teilweise monatelangen Flucht konnte man in jedem der Gesichter klar erkennen. Und trotzdem überwog die Erleichterung. Am Anfang wurden die Geflüchteten von zahlreichen freiwilligen HelferInnen unter lautem Jubel und Applaus willkommen geheißen, jetzt, knappe drei Wochen später, sind solche Szenen zur Seltenheit geworden.

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Angefangen hat alles am 31. August. Als die erste Welle von Flüchtlingen Wien erreichte, hat nicht die Politik sofort reagiert, es waren die Freiwilligen, die von Anfang an vor Ort waren, um zu helfen. Anders als am Hauptbahnhof Wien, wo sich aus einer Gruppe Freiwilliger schnell der sogenannte Train of Hope gebildet hat, die die gesamte Organisation machte, stand am Westbahnhof kurze Zeit später die Caritas vor der Tür.

Es wurden Sammelstellen für Kleiderspenden, Getränke und Essensausgaben, sowie Notquartiere direkt am Bahnhof eingerichtet. Auch das Rote Kreuz und die Berufsrettung waren immer da, um sich um die medizinische Erstversorgung zu kümmern, und das Blaue Haus der ÖBB wurde zur Schlafstätte umfunktioniert. Die Lage schien somit fürs Erste entschärft. Wir, eine Gruppe von Privatpersonen aus verschiedensten Freundeskreisen, fuhren ebenfalls gleich zum Westbahnhof, weil uns die Bilder, die uns über Social Media, Fernsehen und Zeitung täglich erreichten, einfach nicht mehr losließen. Endlich hatten wir die Chance, nur wenige U-Bahn-Stationen entfernt aktiv zu helfen.

Als wir das erste Mal am Westbahnhof ankamen, gingen wir direkt zur Caritas. Der Andrang an freiwilligen HelferInnen dort war riesig, also beschlossen wir, auf eigene Faust zu handeln und mit Hilfe von Spendengeldern Zugtickets für Refugees zu finanzieren. Die Großzügigkeit der PassantInnen war überwältigend und so gelang es uns in den ersten paar Tagen, vielen Geflüchteten die Weiterreise zu ermöglichen. An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, dass vor allem die Informationsweitergabe bezüglich Grenzkontrollen, Asyl, Dublin-III-Verordnung und Sicherheit im Vordergrund stand—viele der Refugees hatten zuvor nur sehr verwirrende und teils sogar falsche Auskünfte über die aktuelle Situation in den jeweiligen europäischen Ländern erhalten.

Zu dieser Zeit standen die Grenzen nach Deutschland noch weit offen und es wurden täglich mehrere Sonderzüge für Refugees—unentgeltlich—von Wien nach München geschickt. Dennoch war klar, dass die Problematik damit nicht aus der Welt geschafft, sondern nur nach München verlagert werden würde. Was noch dazu kam, war, dass für viele das Ziel ihrer Reise nicht München, sondern Hamburg, Frankfurt, Stockholm oder eine andere Stadt war, wo ihre Familien bereits auf sie warteten. Diese Möglichkeit hatten viele aber mit dem Einstieg in den Sonderzug micht mehr—in München wurden nämlich alle Ankommenden registriert und willkürlich auf Deutschland aufgeteilt, ohne jeglichen Einfluss mehr darauf zu haben, wohin sie gebracht werden. Kommuniziert wurde das nicht.

In den folgenden Tagen gründeten wir dann eine eigene Facebook-Seite und einen Twitter-Account. Ab sofort waren wir die „Westbhf Volunteers". Wir weiteten unsere Tätigkeiten auf die Vergabe von gratis SIM-Karten und Rechtsberatung aus. So weit, so gut. Der Spendenfluss wurde zwar immer weniger aber wir blieben dennoch zuversichtlich. ÖBB, Caritas und Polizei waren nicht, wie am Anfang, kooperationswillig, duldeten uns jedoch.

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Langsam aber sicher bemerkten wir, wie der Bahnhof immer mehr von Caritas und Polizei koordiniert wurde und somit das vorherrschende Chaos in geregeltere Bahnen gelenkt werden konnte, was uns unsere Arbeit aber nicht unbedingt erleichterte. Refugees war es nicht mehr erlaubt, Bahnsteig 1 zu verlassen—wenn die aufgestellten Absperrungen einmal passiert worden waren, gab es kein Zurück mehr. Sie wurden immer mehr in andere, neue Notquartiere—zuerst nur in Wien, dann in ganz Ost-Österreich—gebracht. Auch das wurde nicht kommuniziert.

Zwei Wochen, nachdem wir durchgehend von morgens bis abends, teilweise sogar 25 Stunden am Stück, am Westbahnhof geholfen, Höhen und Tiefen miterlebt und verschiedenste bürokratische Steine in den Weg gelegt bekommen hatten, war dann unsere Unerwünschtheit am Bahnsteig unverkennbar und deutlich zu spüren:

Unsere Tische und Bänke, inklusive Kisten und Informationsplakaten, waren—bereits zum zweiten Mal—über Nacht ohne jegliche Absprache weggeräumt worden, und weder ÖBB, Polizei noch die Caritas meinten zu wissen, wohin. Dann die Info vom ÖBB-Bahnhofsmanager höchstpersönlich: unsere Anwesenheit würde die „Sicherheit am Bahnsteig" gefährden und außerdem wolle man wieder „zu den normalen Verhältnissen am Bahnhof" zurückkehren. Wir könnten unsere Sachen gerne wiederhaben, sofern wir versprächen, dass wir unseren Stand nicht mehr am Bahnhofsgelände aufbauen würden. Das passierte vergangenen Montag und ist noch immer Status Quo. Uns sind die Hände momentan gebunden und wir können nichts tun, außer abzuwarten und Tee zu trinken.

Das wollen und können wir aber einfach nicht. In diesen letzten Wochen haben wir gemerkt, wie vielen Leuten wir helfen konnten und wie wichtig es ist, auf die Menschen zuzugehen und ihnen zu zeigen, dass sie willkommen sind. In dieser Zeit, in der wir nicht am Bahnsteig sein durften und dürfen, waren wir natürlich auch ohne Stand vor Ort und haben mitbekommen, dass das Informationsleck immer größer wird.

Der Westbahnhof ist und bleibt ein Ort der Begegnung, an dem wir strahlende Kinderaugen gesehen, echte Freunde gefunden und ehrliche Dankbarkeit auch ohne Übersetzung verstanden haben. Wir müssen seit Montag darauf warten, helfen zu können. Wenn alle nur zusehen, anstatt aktiv etwas zu ändern, dann müssen wir lange auf bessere Zeiten warten. Und währenddessen stellt sich die Frage: Wenn wir nicht helfen können, wer tut es dann?