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Campus, Sex und Ravioli

Warum du in der Schweiz neben deinem Studium arbeiten solltest

Das Leben kann ziemlich beschissen sein, wenn du arbeitest und studierst. Aber du solltest es trotzdem tun.
14.8.15
Foto von Pixabay

Studenten kämpfen seit langem mit dem Klischee, faul zu sein. Manche kompensieren die Vorurteile, indem sie während dem Semester tatsächlich etwas für ihr Studium tun und nicht erst, wenn die Prüfungen unmittelbar bevorstehen und jeglicher Keim von Hoffnung zu ersticken droht. Andere hingegen geben den Anfeindungen noch mehr Futter indem sie tatsächlich NICHTS tun, ausser ab und zu die Vorlesungen zu besuchen und die Prüfungen knapp zu bestehen.

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Ich habe nichts gegen faule Studenten, ich gehöre nämlich zur selben Kategorie. Im Unterschied zur Mehrheit arbeite ich aber auch zwischen sechzig und achtzig Prozent, deshalb entkomme ich den geläufigen Vorwürfen problemlos. Konsequenz: mein Studium ist so etwas wie eine Begleiterscheinung des Alltags, ein beissender Mückenstich auf dem Oberschenkel, der ab und zu eine Kratzeinheit benötigt.

Foto von Flickr | mer chau | CC BY 2.0

Wenn ich ausschliesslich studieren würde, wäre meine Existenz nutzlos. Ich könnte sie nur verteidigen, wenn ich mich zur Sparte der Hedonisten zählen und die vorlesungsfreie Zeit mit Orgien, Drogen und Rotwein überbrücken würde. Das tue ich gelegentlich auch (die Orgien mal abgesehen), nur bleibt mir, im Vergleich zu vielen Studenten nicht besonders viel Zeit dafür.

Ich lebe etwa so konsequent hedonistisch wie ich konsequent studiere. Wenn ich die Bilanz zwischen Lust und Schmerz ziehen müsste, würde ich wahrscheinlich nicht gut davonkommen. Früh aufstehen, bis in den Morgen arbeiten und daneben noch Dozenten zuhören, irgendwie scheint die Rechnung gar nicht aufgehen zu können. Trotzdem tue ich, was ich tue und dafür braucht es einen triftigen Grund.

Wenn du zwei Jobs hast, kannst du dich nicht so einfach auf dein Studium konzentrieren. Erst recht nicht, wenn du nicht mehr zuhause wohnst und dir die Macht der Bürokratie sowie Putzpläne offenbart werden. Manchmal frage ich mich, warum ich nicht einfach wie der Grossteil der Studentenschaft von einem Batzen der Eltern und sporadischen Jobs am Büffet irgendwelcher Veranstaltungen lebe. Ich hätte dann freie Wochenenden, an denen ich meinen Kater ausschlafen, Kaffee trinken und lesen könnte. Ich hätte zwar weniger Geld, dafür mehr Freizeit und weniger Stress. Trotzdem tue ich mir das an. Jede Woche aufs Neue.

Foto von Pixabay | nguyentuanhung | CC0 1.0

Meine sozialen Beziehungen bestehen hauptsächlich aus Arbeitskollegen und Leuten, die ähnliche Jobs haben wie ich. Die sogenannte Work-Life-Balance hat sich in einen flüssigen Brei verwandelt, den ich manchmal am liebsten die Toilette runterspülen würde. Der Alltag hält Einzug, jeden Montagmorgen kann ich mich auf eine prall-gefüllte Woche freuen. Manchmal weiss ich gar nicht, wie ich die ganzen anstehenden Verpflichtungen erfüllen soll. Trotzdem nerven mich Leute mit Aussagen wie „Neben dem Studium kann man nicht arbeiten" masslos.

Mal davon abgesehen, dass viele Studenten komplett auf Eigenfinanzierung angewiesen sind, weil ihre Eltern sie finanziell nicht unterstützen können oder ausziehen müssen, weil die Eltern in exotischen Kantonen leben, gibt es noch genügend weitere Gründe, warum du neben deinem Studium arbeiten solltest. Auch wenn du reiche Erzeuger hast, die am Zürich Berg eine Villa behausen und dir liebend gern ein Zimmer freihalten, solltest du dich verdammt nochmal ein bisschen zusammenreissen.

Du tust etwas Sinnvolles

Wenn du neben deinem Studium arbeitest, macht deine kümmerliche Existenz nämlich ein bisschen mehr Sinn. Du würdest doch nicht etwa behaupten, dass deine Existenzberechtigung darin besteht, dass du jede Woche ein Kapitel aus irgendeinem dicken Schinken mit Leuchtstift anstreichst und dir während der Vorlesungen ein paar Notizen machst. Dass du als Vollzeit-Student mehr Zeit in dein Studium investierst als jemand, der nebenher arbeitet, glaube ich kaum. Dass du wirklich mehr trinkst und Party machst übrigens auch nicht. Das hätte dich vielleicht noch gerettet.

Foto von Flickr | Pink Sherbet Photography | CC BY 2.0

Ausserdem leide ich niemals dermassen an Langeweile wie ein Student, der hauptberuflich zuhört und sich mit Notizen wachhält. Spätestens ab der dritten Vorlesung pro Tag ist ein existentialistisches Zweifeln an der eigenen „Tätigkeit" einfach unvermeidlich. Um das zu kompensieren, machen die fleissigeren Studis Sport. Konditionstrainings sind ein beliebtes Mittel, sich des eigenen Körpers wieder bewusst zu werden und den Schulmensa-Ranzen weg zu trainieren.

Für Fitness bleibt bei mir kaum Zeit übrig, aber streng betrachtet mache ich zweimal pro Woche Sport, wenn ich volle Harasse von A nach B schleppe und in regelmässigen Abständen Gläser zusammensammle. Ein Sixpack hab ich davon noch nicht bekommen, aber ok.

Foto von Flickr | nathanmac87 | CC BY 2.0

Wenn du drei verschiedene Sachen machst, kann dir kaum langweilig werden. Du wirst gestresst, im schlimmsten Fall müde oder überfordert sein. Dein Leben ist abwechslungsreich, schnell und irgendwie aufregend.

Du verdienst Geld

Man könnte jetzt auf den nicht abwegigen Gedanken kommen, dass ich einfach neidisch bin auf die nicht arbeitenden Studenten. Und partiell stimmt das auch, vor allem zu frühen Morgenstunden. Wenn ich mich dann aber Ende Monat an meinem Kontostand ergötze oder endlich mal wieder einen Tag frei habe, werden mir die Vorzüge meines Lebens in Knechtschaft wieder bewusst.

Foto von Flickr | Tax Credits | CC BY 2.0

Es ist ein komplett anderes Lebensgefühl, wenn du für dich selber aufkommst. Du kannst dann nämlich so unvernünftig wie du willst mit deinem Geld umgehen, ohne die hochgezogenen Augenbrauen deiner Eltern im Hinterkopf. Wenn du zudem nur einen kleinen Batzen von ihnen bekommst, wirst du eine triste und armselige Adoleszenz führen, die du nur überstehst, weil du dir einredest, später einmal mehr zu verdienen. Und das wirst du kaum, wenn du deinem zukünftigen Chef einen Vortrag über Systemtheorien hältst aber sonst keine Arbeitserfahrung zu bieten hast.

Klar, mit Geld allein wird man nicht glücklich aber es ist schon ziemlich beruhigend, wenn nach der Miete noch was übrig bleibt für ein saftiges Steak, welches du dir zwar auch nur leistest, weil es grad Aktion ist. Jeden Tag Dosenravioli und Pasta führen nämlich zu Haarausfall und Erschöpfung. Und wenn du gerne ab und zu ein Bier in einer Bar trinkst, anstatt die „Ankerbier-Aktion" aus dem Denner auf dem Balkon runterzuhauen, kann ein bisschen Bares auch nicht schaden.

Du kannst etwas

Mit einem Bachelor von der Uni wirst du, wenn du Glück hast, ziemlich schnell einen Job finden und gut verdienen. Wenn du aber zu der Sorte Student gehörst, der sein Studienfach gemäss persönlichen Interessen ausgesucht hat, wirst du keine allzu guten Karten haben. Ausser du interessierst dich zufällig brennend für Banking and Finance.

Dass ein Studium als Leistungsnachweis gilt, heisst nicht, dass du der heissesste Scheiss bist und jeder Arbeitgeber dir in den Arsch kriecht. Du hast es irgendwie geschafft, nicht aus deinem Studienfach rausgeschmissen zu werden, das ist eigentlich auch schon alles. Du weißt, wie man mit einem Minimalaufwand Prüfungen besteht und hast eine für dein Studienfach spezifische Denkart entwickelt.

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Du wirst irgendwann aber an den Punkt kommen, wo du dich fragst, warum die dich eigentlich eingestellt haben. Vielleicht hast du dann sogar ein romantisches inneres Bild von dir als Freelancer im Kopf, denkst darüber nach, Sachbücher über deine genialen Ideen zu verfassen und dann irgendwann einsam und zurückgezogen in einer Holzhütte zu sterben.

Foto von Flickr | Celestine Chua | CC BY 2.0

Die Arbeitswelt kann ziemlich kacke sein und anstatt dir einzureden, dass die Welt ungerecht ist und dein Können verkennt, solltest du so früh wie möglich aufwachen.Was uns zum letzten und vielleicht wichtigsten Punkt führt:

Du lebst in der Realität

Es ist immer schmerzlich festzustellen, dass man sich bislang in einer Seifenblase aus Bequemlichkeit bewegt hat und der harte, mit Schmackes geschwungene Ellbogen des Lebens an der nächsten Strassenecke auf einen wartet. Das passiert manchen bereits in der Kindheit, manchen nach dem Gymnasium, anderen erst nach dem Abschluss ihres Studiums.

„Was, Billag-Gebühren muss ich auch zahlen? Ou mann … " und ähnliche Feststellungen sind ab Mitte Zwanzig einfach nur noch peinlich. Klar, über die Notwendigkeit von so manchen Rechnungen lässt sich streiten, aber es ist besser, du bist dir schon früh über deine zukünftige finanzielle Situation bewusst und legst den naiven Idealismus ab, der für junge Menschen charakteristisch ist.

Dieser Artikel würde bestimmt nicht existieren, wenn meine Eltern für meinen Lebensunterhalt aufkommen würden. Ich wäre jetzt wahrscheinlich irgendwo am Strand, würde einen Cocktail schlürfen und darüber motzen, dass das Semester in einem Monat beginnt. Aber so ist es halt nicht gelaufen.

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Natürlich bist du als ETH- oder Jus-Student so ziemlich am Ende und das wahrscheinlich zu fast jedem Zeitpunkt des Semesters. Ich würde auch nicht arbeiten, wenn ich mich für einen dieser Studiengänge entschieden hätte—dementsprechend könnte ich mir so ein Studium auch kaum leisten. Ausser ich würde noch zuhause bei meiner Mutter wohnen und mich von Dosenravioli ernähren.

Nora auf Twitter: @nora_nova_

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Titelbild von Pixabay | jp26jp | CC0 1.0