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Wir haben schwule Männer gefragt, ob sie lieber hetero wären

Homosexualität ist keine Entscheidung. Aber was, wenn es eine wäre?
12.4.16

Foto: Andrea | Flickr | CC BY-SA 2.0

Sexuelle Orientierung ist—entgegen vieler Standpunkte—nichts, das man sich aussuchen kann. Es ist eine Entscheidung, die niemand treffen kann, weil es nun mal keine ist. Und auch in einer Welt nach Born This Way gibt es irgendwo da draußen immer noch Leute, die auf Demos mit „God hates fags"-Schildern rumlaufen und Mitgliedern der queeren Community den Tod an den Hals wünschen. Sogar ein ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat (und Neurochirurg) wie Ben Carson glaubt an Homosexualität als reine Entscheidung.

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Wenn es das wirklich wäre, wenn Homosexualität eine Wahl wäre, warum würde jemand diese Entscheidung treffen? Warum würde sich jemand, der bei gesundem Menschenverstand ist, freiwillig dafür entscheiden, vielleicht diskriminiert, gemobbt oder—in manchen Ländern—aufgrund seiner sexuellen Orientierung sogar angegriffen oder getötet zu werden? Warum würde man sich aussuchen, möglicherweise von der eigenen Familie verstoßen zu werden? Die Suizidrate unter schwulen und lesbischen Jugendlichen ist vier- bis siebenmal höher, ebenso sind Essstörungen, Einsamkeit, Suchtmittelmissbrauch und Depressionen unter homosexuellen Jugendlichen immer noch weit verbreitet. Warum würde man so ein Leben wollen? Und wenn man tatsächlich die Wahl hätte, wenn man entscheiden könnte—würde man das dann überhaupt wollen?

Während viele jüngere schwule Männer—mich selbst eingeschlossen—zu ihrem Glück in einer liberaleren Gesellschaft aufwachsen und Schwierigkeiten wie die oben genannten oft gar nicht mehr zu spüren bekommen, werden ihnen in einer Welt, die quasi auf Heteros zugeschnitten ist, aber immer noch ein paar Extra-Steinchen in den Weg gelegt.

Abgesehen von der Problematik, die ein Kinderwunsch mit sich bringt, ist es schon mal nicht gerade einfach, überhaupt jemanden zu daten. Außerhalb von explizit schwulen Events und den üblichen Apps trifft man nicht allzu oft auf potentielles Boyfriend-Material—und falls doch, weiß man es oft gar nicht. Sofern jemandem seine sexuelle Orientierung nicht auf die Stirn geschrieben steht, geht man in der Regel nämlich von Heterosexualität aus. Weil die Anzahl von Heteros schlichtweg sehr viel höher ist und das als Norm verstanden wird.

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Eine hypothetische Entscheidung für Heterosexualität wäre so gesehen wohl die logischere, auch für mich. Und das sage ich nicht etwa, weil ich mich insgeheim selbst hasse—ich bin (heute) ziemlich gerne schwul—, sondern deshalb, weil es vieles einfacher machen würde. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich wohl die Lebens-Alternative wählen, in der mir nicht eines Tages Informationen über den Tod meines jahrelangen Partners verweigert werden, weil eine Eheschließung nicht möglich war. Wir haben einer Reihe von schwulen Männern gefragt, welche Wahl sie treffen würden—wenn sie eine hätten.

Michael, 23

„Ich hatte diese Diskussion auch schon mal mit einem Freund, der meinte, er würde sich eine Hetero-Spritze geben lassen, wenn es die geben würde. Wenn ich die Wahl hätte, wäre ich eigentlich nicht gerne hetero. Sicher wäre es spannend, es mal für eine Woche auszuprobieren, aber ich glaube, danach würde es mir auf die Nerven gehen. Ich glaube, es hat schon alles irgendwie seinen Grund und wenn ich von Anfang an hetero gewesen wäre, hätte ich vielleicht eine viel angenehmere Jugend gehabt und daher keinen Sinn für Humor entwickelt, oder wäre heute weniger kritikfähig. Aber wer kann das schon sagen! Abgesehen davon—und auch wenn es sehr banal klingt, mag ich viele Aspekte von ,schwuler' Kultur sehr gern, also Filme wie Priscilla, Queen of the Desert (worüber ich meine Bachelor-Arbeit geschrieben habe) oder halt trashigen Pop und ich glaube, dass ich mir das alles entgehen lassen würde, wenn ich hetero wäre."

Thomas, 21

„Es gab mal eine Zeit, in der hätte ich diese Frage klar mit ,Ja' beantwortet. Vor allem während meiner Pubertät. Inzwischen ist das aber nicht mehr so. Ich bin froh, im 21. Jahrhundert zu leben und einen kleinen Teil dazu beizutragen, die Welt ein bisschen besser zu machen und zu zeigen, dass es verschiedene Ausprägungen von Liebe gibt. Auch wenn wir erst ganz am Anfang dieses Umbruchs stehen."

Alan, 50

„Das ist eine spannende Frage—weil sie zweischneidig ist. Diese Frage ist schon seit Jahrzehnten ein Thema, aber sie ist eben auch nicht wirklich fair. Jeder will so akzeptiert werden, wie er oder sie ist. Akzeptiert, gemocht, geliebt. Die meisten würden diese Frage wohl eher als ,Wärst du lieber normal?' interpretieren. Ich mag, wer ich bin und würde mich auch nicht ändern wollen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, die Welt würde mich einfach so akzeptieren, wie ich bin."

Benjamin, 25

„Hm. Als ich jünger war, schon, ja. Weil ich wohl einfach ein bisschen Angst davor hatte, wie sich mein Leben entwickeln wird. Am Land wurden einem ja nicht so viele alternative Lebensmodelle präsentiert. Aber das hat sich dann sehr schnell geändert, insbesondere während meiner Zeit in London, wo es dann halt so überhaupt kein Problem, eigentlich auch gar kein Thema mehr war—und wo ich auch erkannt habe, dass sehr viele positive Sachen damit verbunden sind. Gay networking is a thing. Nur schwuler Jude wär noch besser, haha. Darum bin ich eigentlich sehr zufrieden so, wie es jetzt ist. Und wer weiß, was die Zukunft bringt—vielleicht werd ich auch noch schwanger."

Robert, 26

„Hetero wär ein Downgrade für mich. Zumindest glaube ich das. Aber wahrscheinlich strugglen alle gleich hart, egal, wie sie sexuell empfinden. Gefühle sind ja Chemie und die besteht ja immer aus den selben Elementen von diesem Periodensystem. (Lol, Periode.)"

Lukas, 25

„Lieber hetero wäre ich eigentlich nur gerne in Situationen, in denen es irgendwie richtig kompliziert ist, schwul zu sein und es alles nur kompliziert macht. Bisher war das noch nicht der Fall. Aber wenn es so weit ist und man wie ich ein konservatives, beschauliches Leben haben möchte und eine Familie gründen möchte, kann es als Schwuler schon ziemlich mühsam werden, Kinder zu bekommen. Nicht im biologischen Sinne, das geht ja sowieso nicht—leider; aber das ist blöd für alle alleinstehenden Männer, nicht nur für Homosexuelle."

Steve, 21

„Die X-Men-Frage! Nein, ich würde das ,Heilmittel' nicht wollen. Ich bin glücklich, schwul zu sein. Und ja, es macht mein Leben sicher manchmal schwieriger, aber Menschen werden immer Unterschiede zueinander finden—wenn wir alle hetero wären, würden wir immer noch Wege finden, um uns voneinander abzutrennen. Man kann nicht ständig versuchen, sich dem Mainstream anzupassen. Wo würde das aufhören? Also, nah—ich glaube, ich würde lieber für meine Andersartigkeit einstehen. Sie hat mich schließlich zu dem gemacht, was ich bin."


Die Tatsache, dass die meisten der Befragten sich trotzdem für Homosexualität entscheiden würden, macht mich irgendwie glücklich, hält mir aber gleichzeitig einen Spiegel vor, lässt mich die Absurdität meiner eigenen fiktiven Entscheidung erkennen—ich würde mir also eher aussuchen, nicht ich selbst zu sein, nur, um stattdessen einem schablonenhaften Lebensentwurf zu entsprechen, in dem mir weniger Unannehmlichkeiten widerfahren. Das ist nichts, worauf ich stolz bin und spricht weder für mich, noch für den Rest der Welt, der mich im Glauben lässt, ein heterosexuelles Leben wäre ein besseres.

Ja, noch ist vieles schwieriger. Aber das macht nichts. Dass es besser wird, zeigen die vergangenen Jahre. Dass Einstellungen und Weltbilder sich entwickeln können. Dass Grenzen verwischen können. Und wenn ich es mir wirklich aussuchen könnte, wenn es tatsächlich eine Entscheidung gäbe, würde ich gerne in einer Welt leben, in der ich bei der Frage, ob ich lieber nicht ich wäre, gar nicht erst überlegen muss.

Franz auf Twitter: @FranzLicht