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Sex

Wie es ist, wenn die Person, die du liebst, an Depressionen leidet

Ich war noch nie mit einem Typen zusammen, der keine Antidepressiva nahm oder nicht zum Psychiater ging. Ich fühle mich zu dem dunklen, grübelnden und introspektiven Typ Mensch einfach hingezogen.
15.4.16
Alle Illustrationen: Madison Griffiths

Früher habe ich noch darüber gescherzt, dass nur Männer mit auf mich stehen würden, denn ich kannte es einfach nicht anders – egal ob nun Langzeitbeziehungen oder kurze Affären. Ich war noch nie mit einem Typen zusammen, der keine Antidepressiva nahm oder Zeit mit einem Psychiater verbrachte. Ich fühle mich zu dem dunklen, grübelnden und introspektiven Typ Mensch einfach hingezogen.

Ich glaube, dass ich durch meinen eigenen Kampf gegen Angstzustände und Depressionsschübe schon immer in der Lage gewesen bin, Mitgefühl zu zeigen. Und dann gibt es da auch noch den "Pflege"-Aspekt meiner Persönlichkeit: Ich kümmere mich gerne um andere Menschen, bringe Sachen wieder in Ordnung oder weise darauf hin, bei welchen Einrichtungen man die richtige Hilfe bekommt. Dazu studiere ich auch noch soziale Arbeit.

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Ich will hier meine Erfahrungen als Beziehungspartner von Menschen mit Depressionen auch gar nicht mit dem täglichen Kampf einer tatsächlich depressiven Person vergleichen, aber nachdem ich nun jahrelang mit Leuten zusammen war, die mich wahrscheinlich nicht so lieben konnten, wie ich sie geliebt habe, kenne ich jetzt einige Bewältigungstaktiken, die sich meiner Meinung nach als nützlich erweisen könnten. Denn auch ich bin einer von vielen Menschen, die schon mal still dagesessen sind, während ihre Beziehungspartner zum ersten Mal seit zwei Tagen etwas gegessen haben, weil sie vorher kaum klar denken konnten, ihr ganzer Körper schmerzte und das Bett für sie den einzigen sicheren Rückzugsort darstellte.

Wenn du in einen Menschen mit Depressionen verliebt bist, dann kann es wirklich lebensverändernd erscheinen, wenn man eine Verbindung zu jemandem aufbaut, der eigentlich dachte, zu keinem anderen Menschen eine Verbindung aufbauen zu können. Du kommst dir wie etwas Besonderes vor, denn deine bloße Anwesenheit macht die Tage weniger beschissen. Wenn du in einen Menschen mit Depressionen verliebt bist, dann schwörst du dir, dass du diesen Menschen niemals auf seine Krankheit reduzieren wirst, sondern in ihm immer nur die intelligente, dynamische und einfühlsame Person siehst, die er in Wahrheit ist. Und dieser Gedanke wird sich bis zum Ende wie ein roter Faden durch die Beziehung ziehen.


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Wenn du in einen Menschen mit Depressionen verliebt bist, dann schafft es diese isolierende Krankheit jedoch auch irgendwie, dein Leben zu betreffen. Seine schlechten Tage werden auch zu deinen schlechten Tagen und anstatt zusammen ins Kino oder essen zu gehen, liegt ihr einfach nur drei Stunden lang kuschelnd im Bett herum – für mehr reicht seine vorhandene Energie nicht.

Schlafen wird immer schwerer. Es gibt Nächte, in denen du nur an die Decke starrst und über die Unterhaltung vom Vortag nachdenkst, in der dir gesagt wurde, dass man keinen Sinn mehr im Leben sieht. Du schläfst nicht, weil dich die Gedanken an ein Leben ohne die Person, die du liebst, noch mehr quälen als das Mitleid, das du für sie empfindest.

Die Wahrheit ist jedoch, dass man keine Hilfe für einen ertrinkenden Menschen darstellt, wenn man selbst nicht schwimmen kann.

Deine Ängste in Bezug auf deinen Beziehungspartner können sich jedoch auch in einen Zwang verwandeln: Wenn du nicht ausreichend über dein Gegenüber, die Krankheit und die nötige Fürsorge nachdenkst, dann werden schlimme Dinge passieren. In deinem Kopf dreht sich alles nur noch um die Frage, wie du deinem Partner helfen kannst.

Wenn du in einen Menschen mit Depressionen verliebt bist, dann drehen sich eure Telefonate manchmal eine oder zwei Wochen lang nur darum, welche Termine man mit dem neuen Psychiater vereinbart, welche Selbsthilfegruppen es noch gibt und wie man sicherstellen kann, dass die Arzttermine auch wirklich eingehalten werden. Weil du diesen Menschen liebst, bist du in Sachen Unterstützung auch sein Fels in der Brandung.

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Als ich einmal Urlaub in Kanada machte, beschäftigten mich die Depressionen meines Partners so sehr, dass ich mein Hotel quasi gar nicht verlassen wollte, denn es hätte ja sein können, dass er mich anrufen und mir etwas anvertrauen will. Ich hatte dann sogar eine Panikattacke, weil ich eine Weile nichts von ihm hörte und mir sicher war, dass er sich etwas angetan hatte.

Rückblickend ist es für mich sonnenklar, dass die Art und Weise, wie ich mit den Depressionen meiner Partner umgegangen bin, in keinster Weise gesund oder auf Dauer möglich war. Am Ende einer jeden Beziehung war ich total fertig und nur noch ein Schatten meiner selbst. Es wird einem jedoch nie gezeigt, wie man sich um sich selbst kümmert. Vor allem als Frau bekommt man schon im jungen Alter eingetrichtert, dass man zuerst an andere Menschen denken sollte.

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Die Wahrheit ist jedoch, dass man keine Hilfe für einen ertrinkenden Menschen darstellt, wenn man selbst nicht schwimmen kann.

Es ist einfach nicht möglich, einen anderen Menschen ausreichend zu unterstützen, wenn die eigene psychische Gesundheit von dessen Depressionen beeinträchtigt wird. In meinem Fall hat mich ein 12 Wochen dauernder und auf Achtsamkeit basierender Stressabbaukurs aus dem Gröbsten herausgeholt. Dieser Kurs hat mir dabei geholfen, mit den tiefgreifenden und lähmenden Angstzuständen klarzukommen, die mich immer mehr in ihren Besitz nahmen, als ich versuchte, meinem Ex-Freund bei dessen Depressionen zur Seite zu stehen.

Ich bereue es, diese Beziehungen ohne feste Regeln oder eigene Unterstützung eingegangen zu sein. Ich habe jedoch nie bereut, mit an Depressionen leidenden Menschen zusammen zu sein – vor allem weil deren Krankheit nicht das war, was ich an ihnen attraktiv fand. Trotz der ganzen Symptome sind Depressionen keine Krankheit, die einen einsam oder selbstsüchtig werden lässt. Ja, sie wirken sich vielleicht schon auf das soziale Umfeld des Erkrankten aus, aber dagegen kann man nichts machen und da ist auch niemand dran schuld.

Eigentlich bleibt einem nur eine Option und man muss sich Folgendes klarmachen: Egal wie sehr man seine Beziehungspartner auch liebt oder wie oft man miteinander kuschelt, man wird sie niemals heilen können. Denn das können nur sie selbst.

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