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Die Schweiz hat ein Schafproblem

Was ich gelernt habe, als ich eine Rede vor einer Herde Schafen hielt.
23 Februar 2016, 2:30pm

Alle Fotos von Ana Hofmann

Samstagabend erhielt ich eine Anfrage für eine Polit-Veranstaltung mit Songs und Reden, für die noch Vortragende gesucht wurden. Für ein Zusammenkommen auf dem Helvetiaplatz gegen die DSI. Das tönte grundsätzlich mal ernüchternd, nach einer weiteren Kundgebung. Was das Geplante aber von allen anderen Veranstaltungen unterschied: All das soll vor Schafen passieren. Schafe als Publikum. Schafe in allen Farben. Weisse wurden versprochen, schwarze, braune. Und Greis wurde versprochen, Me Love. Klingt gut.

Montagmittag eile ich also von der Arbeit in den Kreis 4, auf den Helvetiaplatz. Wahrscheinlich der Ort in der Schweiz, an dem bis heute häufiger „Hoch—die—internationale—Solidarität!" gerufen wurde als irgendwo sonst. Als ich ankomme, sind die Schafe bereits da! Erst noch etwas scheu und auch nicht besonders laut. Kein Geblöke. Sie sind schwarz, sie sind braun, manche cremefarben, manche kamelfarben—ein schneeweisses Schaf sucht man vergebens.

Sie haben schwarze Köpfe oder helle Köpfe. Sie fressen und sind desinteressiert—aber hin und wieder guckt das eine oder andere Schaf fragend (und etwas verwirrt) zum Rednerpult. Als wären sie wirklich gemeint.

Schafe sind mittlerweile sowas wie die inoffiziellen Wappentiere der Schweiz. Sie begleiten uns, seit 2007 die Ausschaffungsinitiative lanciert wurde und die SVP mit den berühmt-berüchtigten Plakaten für sie warb. Das Plakat wurde damals von der Linken kopiert, es entstanden die sogenannten „Moutons de garde", schwarze, weisse, graue Schafe, auch wütende Revoluzzer-Schafe aus der autonomen Szene. Von verschiedenen Seiten begann man, sich selbst und andere als Schafe zu zeichnen.

Weisse Schafe auf der einen und alle anderen Schafe auf der anderen Seite. Selbstredend versteht die SVP ihre weissen Schafe als die guten, reinen, eidgenössischen Schafe. Während diesen gegenüber die schwarzen Schafe stehen, die kriminellen, die nicht integrierbaren, die bösartigen Ausländer-Schafe, welche mit einem Tritt ausgeschafft gehören. So zumindest das Kampagnenplakat der Ausschaffungsinitiative. Die Gegenseite, die linke, intellektuelle, die kulturell durchmischte Schweiz assoziiert sich seither mit Schafen in allen erdenklichen anderen Farben. Mittlerweile sind jetzt einfach alle Schafe.

Die visuelle Erfolgsgeschichte des plötzlichen Polit-Maskottchens ging so weit, dass ich, als ich einmal am Heiligabend mit meinen Obwaldner Verwandten eine Adventsfenstertour gemacht hab, hätte schwören können, dass die Weihnachtsdeko-Schafe bei einem Schreiner dieselbe Grundform haben wie die Problem-Schafe vom SVP-Plakat. Schafe sind zu einer Art nationaler Obsession geworden. Und Schafe gelten als dumm, als Sinnbild für Masse, nicht erst seit Schweinchen Babe oder La Haine (je nach Filmgeschmack).

Jetzt sollen wir Redner auf dem Helvetiaplatz mit ihnen sprechen, sie ansprechen. Diese Tiere, die uns in besonders zynischen Momenten als ideales Bild für den Durchschnittswähler erscheinen. Ich erzähle ihnen von Fake-Vergewaltigungspornos und rege mich so auf, als wäre ich in einer 2-Personen-Schreitherapie mit Ulrich Schlüer. Ich schreie sie an, maule sie an, mache ihnen Vorwürfe.

Greis kuschelt mit den Schafen, besingt sie, aber fordert trotzdem mehr Bewusstsein und Offenheit von ihnen. Der Schauspieler Stephan Stock will ihnen ein schlechtes Gewissen machen: „Ich komme aus Lörrach, das ist ganz nah an der Schweizer Grenze und als ich ein Jugendlicher war, da hab ich immer auf die Schweiz geschaut und war so heiss drauf, da hinzugehen. In der Schweiz konnte man ganz einfach Gras kaufen, die Partys waren besser und die Leute viel netter. Dann bin ich 2008 in die Schweiz gezogen und war froh, endlich da zu sein. Plötzlich hat es angefangen merkwürdig zu werden. Und jetzt frage ich mich: Wieso eigentlich? Warum gibt man es so einfach auf, das schönste Land der Welt zu sein?"

Natürlich lässt so eine Aussage die Schafe in Schuldgefühlen ersaufen, aber ich mit meinem Gelaber von der „Geranien-Schweiz" und dem apokalyptischen Pathos, schäme mich schon im vornherein ein wenig für meine Wutrede. Ich befinde mich so sehr in den Freund-Feind-Strukturen, die die SVP-Werbeagentur Goal! mit den Comic-Schafen lanciert hat, verhalte mich fast so obsessiv wie der Farmer auf dem _NOFX_-Cover zu „Heavy Petting Zoo".

Alternative Liste-Kantonsrätin Laura Huonker betont die Gemeinsamkeiten, als sie die Schafreaktionen auf eine künftige Wahlpflicht im Kanton Zürich prüft: „Liebe Schafe, wir müssen so viel. Ihr müsst essen, scheissen, schlafen, trinken. Wir müssen Steuern bezahlen, Parkscheine lösen, auch essen, trinken und scheissen—und hoffentlich in ein paar Monaten auch: abstimmen."

Der Aargauer Songwriter Frank Powers besingt die Herde, sucht wirklich Zuneigung, will überzeugen, aber als das Begeisterungs-Geblöke ausbleibt, schliesst er trotzdem: „Ihr seid schon ein passives Volk" Die Schafe sind an diesem Montagmittag unsere Boxsäcke. Wir sprechen mit ihnen und sprechen mit der Schweiz. Auf unterschiedliche Art, aber für alle Sprecher sind sie ein Ventil. „Sheep happens!", sagt Skor, als er ans Mikrofon tritt.

Worin sich alle Redner einig sind: Schafe blöken, Menschen entscheiden—was so viel heisst wie: „Sei kein Schaf, geh abstimmen!"

Benjamin auf Twitter: @biofrontsau