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Leichen, Skelette und Geier auf der Body Farm von Texas

Auf der 100.000 Quadratmeter großen Body Farm erforscht Dr. Daniel Wescott, wie Leichen in der Natur verwesen und was unsere Knochen über uns verraten.
19.11.14
Eine Leiche auf der Body Farm
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Es war nicht bloß ein Geruch, es war eine Wucht. Beim ersten Hauch dachte ich noch: Camembert. Doch als der Golfwagen näher kam, wurde der Geruch süßer. Widerlich süß. Man könnte ihn als Geruch des Todes bezeichnen, doch eigentlich ist es der Geruch dessen, was danach kommt: Einer obszönen Explosion mikrobiellen Lebens.

Im Fahrersitz saß Dr. Daniel Wescott, Leiter des Zentrums für forensische Anthropologie an der staatlichen Universität von Texas. Er erzählte mir eine Geschichte über seine vierjährige Tochter. Sie hatte ihn einmal gefragt, ob sie richtig groß werden würde, wenn sie stirbt, ob sie platzen würde.

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„Nein", hatte der gutgelaunte 50-Jährige geantwortet. „Du platzt nicht. Du lässt Luft heraus, aber zunächst blähst du dich auf."

„So wie dieser Körper", sagte er.

Er zeigte auf die Leiche zu unseren Füßen, eine der Dutzenden Spenderleichen, die hier in den Wäldern und Wiesen der ungefähr 100.000 m2 großen Forschungseinrichtung der Texas State University dem Wetter und den Elementen ausgesetzt werden. Die meisten der Kinder in der Gegend nennen diesen Ort die Körperfarm.

„Wenn jemand stirbt", erklärte der Wissenschaftler, „tritt zuerst die Autolyse ein. In den Körperzellen bilden sich solange Toxine, bis die Zellen platzen. Durch die Flüssigkeiten löst sich die Haut. An der Oberfläche sieht es wie ein richtig schlimmer Sonnenbrand aus. Die Flüssigkeit selbst stellt eine reiche Kohlenstoffquelle für Bakterien dar. Unser Körper ist voll von Bakterien, insbesondere unsere Gedärme, also fangen die Bakterien einfach an zu fressen.

„Wenn Bakterien da sind, entwickeln sich natürlich auch Gase, wodurch sich der Körper aufbläht. Erst das Gesicht, dann der Bauchraum, dann die Arme und Beine. Fliegen werden angezogen, die dann Eier legen. Die Larven schlüpfen und ernähren sich vom Körper. Wenn sich der Körper nicht mehr aufbläht, wird die Flüssigkeit abgeführt, wodurch schwarze Flecken entstehen. Sobald die Flüssigkeit aus dem Körper herausströmt, fällt alles in sich zusammen. Die obere Gewebeschicht wird von Tieren und Insekten weggefressen und irgendwann bleibt dann nur noch das Skelett."

Ein Leiche auf der Body Farm

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Ich zeigte auf den aufgeblähten Körper vor uns. „Ist das eine Frau?"

„Es ist ein Mann."

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Die elf Tage alte Leiche lag mit dem Gesicht nach unten in einem Käfig und wirkte wegen der ganzen Maden, als ob sie zitterte. Der angeschwollene Bauchraum, die Position und die glitzernde Haut erinnerten mich an einen Thanksgiving-Truthahn. Der Käfig soll größere Tiere davon abhalten, den Körper in Stücken wegzutragen. Mäuse kommen aber immer noch durch.

„Ab und zu kriecht eine Klapperschlange in einen der Käfige, um die Mäuse zu fressen", erwähnte Wescott. Manchmal werden die Schlangen so fett, dass sie nicht mehr aus dem Käfig herauskommen."

Die anderen Körper lagen mit dem Gesicht nach oben da. Man konnte ihnen in die Augen sehen—oder zumindest in die Löcher, in denen ihre Augen mal gewesen waren. Was besonders hervorstach, waren die Zähne, ihre Weißheit im Kontrast zu den dunklen, ledrigen, maskenartigen Gesichtern. Die Münder standen offen, die Lippen waren zurückgezogen. Er war unmöglich, hier keine Gesichtsausdrücke zu sehen—und diverse Phasen der Ungläubigkeit: Schock, Beschämung und Ehrfurcht.

Ein Leiche auf der Body Farm

Der Wissenschaftler winkte mich herüber zu einem Haufen Knochen. Die Leiche wurde dort liegen gelassen, damit Geier sie fressen konnten. „Siehst du die Federn?", fragte Wescott. „Wenn die Geier fertig sind, sind die Leichen blank. Das da ist nur noch Haut. Geier fressen keine Haut. Sie stechen bloß ein Loch hinein und ziehen dann alles heraus."

„Verwesen alle Menschen auf die gleiche Art und Weise?", fragte ich.

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„So ziemlich. Wenn jemand mehrere Chemotherapien durchgemacht hat, kann es anders sein. Das kann schon einen Unterschied machen, weil es die Insekten beeinträchtigt. Wir verwenden diese Körper nie für die Geier, weil die Vögel krank werden könnten."

Auf unserem Weg zurück gingen wir an einem Skelett vorbei, das ausgestreckt in einem Feld lag. Sie lag schon seit anderthalb Jahren dort. Das Gras war vertrocknet. Nur unter den Knochen war es saftig und grün und hatte die Form eines Körpers.

„Beim Zerfall wird viel Stickstoff in den Boden abgegeben", merkte der Wissenschaftler an. „Die Pflanzen brauchen es, um zu wachsen."

Der grüne Fleck war übersät mit Blumen: roten, blauen und gelben.

Im Hauptlabor setzte ich mich mit dem forensischen Anthropologen zusammen, der vorsichtig Kisten voller Knochen auspackte und die Knochen auf dem Tisch zwischen uns ausbreitete. Er wollte mir zeigen, welche Hinweise unsere Knochen auf unseren Lebensstil geben können.

Dr. Daniel Wescott von der Body Farm in Texas

VICE: Woran arbeitest du hier?
​Dr. Daniel Wescott: Wir betreiben Forschung in der Anlage, in der wir den Verfall der Körper beobachten. Häufig geht es darum, den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen. Wir untersuchen auch menschliche Überreste für die Polizei und Anwälte. Ein anderes großes Projekt ist die Identifizierung der Überreste von Migranten, die bei dem Versuch, die texanisch-mexikanische Grenze, hauptsächlich in Brooks County, zu überqueren, gestorben sind. Wir unterrichten auch. Es gibt ein Programm für Studenten und eines für Absolventen. Wir bilden auch Polizisten, Gerichtsmediziner und Hundeführer aus.

Welche Fälle sind dir in Erinnerung geblieben?
Einer der ersten Fälle, an denen ich gearbeitet habe, war der eines neunjährigen Mädchens. Sie wurde schon eine Weile vermisst. Wahrscheinlich durfte sie das erste Mal allein die Straße herunterlaufen. Sie haben ihren Schädel dann kilometerweit entfernt in einem großen Haufen gefunden. Ihre Leiche war dort weggeworfen worden, wo Bauern ihre toten Tiere hinbrachten. Sie haben uns also fünf oder zehn große Säcke voller Knochen gebracht und angefangen, sie auf dem Tisch auszubreiten. Wir mussten die Knochen dann untersuchen, um herauszufinden, welche zu dem Mädchen gehörten und welche zu den Tieren.

Es war 19 Monate alt und hatte mehr Brüche als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben erleiden.

Kannst du deine Emotionen bei der Arbeit im Griff behalten?
Besonders bei Kindern kann man es einfach nicht fassen, dass jemand so etwas tut. Man findet dann leider häufig heraus, dass sie über lange Zeit misshandelt wurden. Einmal habe ich an einem Fall mit einem 19 Monate alten Baby gearbeitet. Der Vater hatte erzählt, er wäre mitten in der Nacht aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen, wäre dann auf dem Vorleger ausgerutscht und der Kopf des Babys wäre auf der Toilettenschüssel aufgeschlagen. Als wir das Kind jedoch untersuchten, fanden wir fünf verschiedene Abheilungsphasen. Das Baby hatte einen Bruch über seinem Handgelenk, dort war sein Arm verdreht worden. Es war 19 Monate alt und hatte mehr Brüche als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben erleiden.

Wie gehst du damit um?
Indem ich dazu beitrage, dass die Verbrecher im Gefängnis landen.

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Ich sammle für ein Projekt ​Träume aus der ganzen Welt. Mir ist aufgefallen, dass der Tod häufig als Thema vorkommt. Kommt er häufig in deinen Träumen vor?
Ich träume zwar von meiner Arbeit, aber meistens von statistischen Analysen. Ich träume nicht von toten Menschen.

Denkst du wegen deiner Arbeit häufiger über deine eigene Sterblichkeit nach?
Ich weiß, dass ich sterben werde, ich mache mir aber deswegen nicht zwangsläufig Sorgen. Es ist wie mit allem anderen: Je häufiger du damit zu tun hast, desto vertrauter wird es. ich denke allerdings über meine Sterblichkeit nach, wenn wir den Körper eines Menschen in meinem Alter bekommen. Dann denke ich mir, dass ich das sein könnte.

Ich denke, es könnte jeder von uns sein! Wie stellst du eigentlich das Alter fest?
Von der Geburt bis ungefähr zum 25. Lebensjahr untersuchen wir das Wachstum. Danach untersuchen wir den Verfall. Vom Mutterleib bis ungefähr zum 25. Lebensjahr kann man das Alter sehr genau bestimmen, weil wir alle mehr oder minder auf die gleiche Art und Weise wachsen. Wenn wir aber den Verfallsprozess untersuchen, ist es nicht mehr so einfach, weil sich dabei alles um den Lebensstill dreht.

Was erkennst du, wenn du diese Knochen betrachtest?
Es ist beeindruckend, wie viel man anhand der Überreste über das Leben eines Menschen sagen kann. Zu den ersten Überresten, die ich je untersucht habe, gehörten die Überreste von Urmenschen. Einer der Menschen hatte offensichtlich Pfeife geraucht, das sah man an den Zähnen. Man konnte viel über ihre Bewegungsmuster erschließen: Was taten sie? Arbeiteten sie hart? Was stand auf ihrem Speiseplan? Man sieht auch Krankheiten wie Syphilis.

Weil sie die Knochen zersetzen?
Richtig.

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Wie stellst du fest, auf welche Weise sich Menschen bewegt haben?
Du schaust dir den Querschnitt des Knochens an. Dieser Oberschenkelknochen zum Beispiel. Du kannst ihn mit einem Tragebalken in einem Gebäude vergleichen. Verschiedene Kräfte wirken auf ihn ein und er wird sich über die Zeit anpassen. Bei diesem Knochen haben wir hier eine kleine Krümmung, an der Diaphyse. Wenn du Läufer bist, bewegst du deine Beine häufig von vorne nach hinten, wodurch der Knochen sich ausdehnt, um diesen Bewegungsablauf zu unterstützen. Wenn du Fußball spielst, drehst und wendest du dich häufig. Dein Knochen wird dann auf ganzer Länger im Durchmesser größer.

Wie steht es mit diesem Oberschenkelknochen?
Die Gelenkpfanne hat einen normalen Winkel, aber wenn du dir diese Gruppe anschaust, siehst du in dieser Windung viel Asymmetrie. Wir haben das nur bei amerikanischen Ureinwohnerinnen gefunden. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es daher kommt, dass sie über längere Zeiträume mit ihren Beinen zu einer Seite gedreht auf dem Boden saßen. Sie winkeln dieses Bein ab. Das führt dazu, dass dieser Winkel größer wird, besonders wenn man sich im Wachstum befindet.

Laufen sie dann anders?
Wahrscheinlich laufen sie mit einwärts gerichteten Füßen. Heutzutage kann man etwas Ähnliches bei kleinen Mädchen beobachten. Kennst du die W-Position? Meine Tochter sitzt die ganze Zeit so. Ich kann das gar nicht. Sie winkelt ihre Beine an, von oben sieht das aus wie ein W. Wenn Mädchen älter werden, laufen sie dann über den großen Zeh.

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Wie belastet der moderne Mensch seinen Körper sonst noch?
Wir tragen viel überflüssiges Gewicht. Das wirkt sich auf unsere Wirbelsäule aus. Wir sehen viele ​Blockwirbel. Bei vielen älteren Menschen sind die Wirbelkörper verschmolzen.

Siehst du Unterschiede zwischen uns und unseren Vorfahren?
Nun, das Beeindruckende ist, dass unsere Statur extrem plastisch ist. Sie verändert sich, da reicht schon ein Blick auf unsere Ur-Urgroßeltern. Unsere Schädel sind enger, höher und länger. Wir sind im Durchschnitt größer, im Durchschnitt schwerer. Das hat unsere Knochen beeinflusst.

Wie interpretierst du die Veränderungen in den Proportionen des Schädels?
Sie hängen hauptsächlich mit der Kindheit zusammen. Wir werden schon im Mutterleib besser ernährt. Wenn du an einer bakteriellen Infektion oder einer anderen Krankheit leidest, die lang genug andauert, um dein Wachstum zu unterbrechen, dann wächst du eben nicht mehr. Antibiotika haben da wirklich den Ausschlag gegeben. Die Schädelbasis wächst besonders schnell in den ersten Jahren und jetzt kann sie ihr volles Potential entfalten.

Hat das einen Einfluss auf die Größe und Funktion des Gehirns?
Ich habe keine Ahnung, ob das in irgendeiner Weise die Funktion beeinträchtigt. Es steht allerdings in einem Zusammenhang mit einer Vergrößerung des Gehirns. Die Größe sagt aber nicht zwangsläufig etwas über die Intelligenz aus. Frauen haben kleinere Gehirne als Männer, das heißt aber keinesfalls, dass sie weniger intelligent sind.

Was motiviert die Spender deiner Meinung nach?
Viele wollten ihren Körper der Wissenschaft spenden, wurden aber von Universitätskliniken abgelehnt. Sie nehmen niemanden, der zu schwer, zu groß oder nicht groß genug ist. Man darf auch keine Organe gespendet haben. Für uns ist das kein Problem. Meine Spender sind häufig Menschen von der Polizei, aus dem medizinischen Bereich oder aus dem Bildungsbereich. Auf diese Weise setzen sie ihre Arbeit auch in der Zukunft fort, helfen dabei, Mordfälle zu lösen, und sind so gewissermaßen weiter in der Lehre tätig. Wir haben auch viele Spender, die ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen. Es ist eine alternative Form der Beisetzung.

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Werden alle Kosten übernommen?
Ja. Wir forschen hier auch an Geiern. Manche Menschen sagen ausdrücklich, dass sie für die Geierforschung verwendet werden wollen.

Wieso?
Ich weiß nicht wieso, [lacht] sie wollen das einfach. Ich glaube, manche halten das für interessant. Andere glauben vielleicht, dass es ökologisch ist. Zurück zur Natur.

Eine großartige Geschichte! Nur können sie nicht mehr davon erzählen.
Ja, aber ihre Familien schon.

Hast du schon darüber nachgedacht, was du dir für dich selbst willst?
Ich bin Spender.

Für welche Forschung möchtest du eingesetzt werden?
Ich möchte das nicht beschränken. Eine der wichtigsten Sachen, auf die wir uns im Moment konzentrieren, ist die forensische Entomologie. In einem toten Körper entsteht ein ganzes Ökosystem. Es gibt Mikroben, Bakterien, Pilze, alle möglichen Insektenarten, Fliegen und Fliegenlarven, Käfer und Käferlarven. Einige der Fliegen landen auf dem Körper, weil sie darin Eier ablegen wollen und die geschlüpften Larven sich vom Körper ernähren werden. Andere Fliegen werden angezogen, weil ihre Larven sich von den Maden ernähren werden. Dann gibt es verschiedene Wellen von Käfern. Manche werden von den Maden angezogen. Andere vom austrocknenden Fleisch. Vögel werden von den Insekten angezogen. Geier werden vom Gewebe angezogen. Füchse und Kojoten tauchen auch auf. Wir wollen wissen, wie dieses Ökosystem funktioniert. Von was werden die Fliegen angezogen? Wie verändert sich das Mikrobakterien-Milieu mit der Zeit?

Was habt ihr bisher herausfinden können?
Wissenschaftler von der Texas A&M University haben herausgefunden, dass die Bakterien tatsächlich Chemikalien produzieren, die die Fliegen anziehen. Wenn sie landen, bringen sie andere Bakterien mit. Ihr Speichel enthält darüber hinaus Peptide, die das Wachstum einiger Bakterien fördern und andere Bakterien abtöten. Alles ist hervorragend abgestimmt. Wir wissen, dass Temperatur und Feuchtigkeit eine Rolle spielen—Temperatur ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Entwicklung von Insekten. Sobald wir die ganzen Abläufe verstanden haben, werden wir in der Lage sein, den Todeszeitpunkt genauer zu bestimmen. Bei ein paar Tagen oder einer Woche ist es nicht so schwer, aber alles, was darüber hinaus geht, wird deutlich schwieriger. Ich glaube nicht, dass wir je die genaue Zeit werden bestimmen können, aber wir werden an einen Punkt kommen, an dem wir verhältnismäßig einfach eine relativ genaue Bestimmung werden durchführen können. Das ist im Moment eine sehr aufregende Zeit für forensische Anthropologen.

***

Dr. Westcott und ich verabschiedeten uns, doch ein paar Eindrücke blieben. Wenn ich die Bilder von den Leichen betrachtete, stieg mir der üble Geruch in die Nase, kurz und schwach, wie eine olfaktorische Halluzination. Ich erinnerte mich auch an eine ganz bestimmte Szene: das Skelett einer Frau in einem Feld. Außer einen grünen Flecken an der Stelle, an der ihr Körper gelegen hatte, war die umgebende Vegetation tot. Ich dachte an die roten, blauen und gelben Blumen, die dort wuchsen. Ich hatte das Gefühl, dass ihre Schönheit und ihr Duft Unheil verkündeten. Erst als sie außer Sichtweite waren, kristallisierte sich der Sinneseindruck zu einer Frage aus: Was ist der tatsächliche Preis einer Blume?