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Illustrationen: Matt Panuska

„Ich sah Gott und ich war Gott, einfach alles war Gott“—meine erste Erfahrung mit Ayahuasca

Conor Creighton

Die stärkste Droge, die ich je genommen habe, hat mich zum Weinen und zum Kotzen gebracht. Trotzdem habe ich mich verdammt gut gefühlt und bin jetzt ein anderer Mensch.

Illustrationen: Matt Panuska

Titel-Illustrationen: Matt Panuska

Letztens habe ich eine Samstagnacht damit verbracht, mich auf dem Boden eines Lofts im Berliner Prenzlauer Berg herumzurollen. Wenn ich mich nicht gerade irgendwo rumwälzte, steckte ich mir im Badezimmer entweder die Finger in den Hals oder versuchte, meinen Darm zu entleeren. Ich heulte Rotz und Wasser. Ich trat mit den Füßen in die Luft wie es schlafende Hunde manchmal tun. Zum Teil fuchtelte ich sogar synchron dazu mit meinen Händen vor meinem Gesicht herum, als sei ich der letzte Raver, kurz bevor der Club zumacht.

Vom Badezimmer zum Boden und wieder zurück brauchte ich gefühlt drei Tage. Als ich endlich wieder soweit bei Sinnen war, um auf den Balkon zu stolpern und eine Zigarette zu rauchen, wurde mir klar, dass nur vier Stunden vergangen waren. Ayahuasca, Yagé, Wein der Wahrheit, Madre oder wie auch immer du das Getränk nennen willst, war nicht nur die stärkste bewusstseinserweiternde Substanz, die ich je ausprobiert habe, sondern sorgte auch ohne Zweifel für meine intensivste Drogenerfahrung.

Das Ganze ist in Deutschland illegal, als musst du jemanden kennen, der jemanden kennt, der weiß, welcher Schamane gerade in der Stadt ist und das abgefahrene Getränk zubereitet und ausschenkt. Dafür musst du dann tief in die Tasche greifen—eine Session fängt bei gut 175 Euro an. Wenn du erst mal auf der Liste des Schamanen stehst, bekommst du eine E-Mail, in der dir erklärt wird, wie du dich auf die Zeremonie vorbereiten solltest: In der Woche davor sind Sex, Fleisch, Milchprodukte, Salz und andere Drogen tabu. Die Adresse wird auch erst im letzten Moment preisgegeben.

Man soll eine Matte, eine Decke, eine Flasche Wasser, etwas Obst und einen verschließbaren Eimer mitbringen. Der Eimer dient dabei als Kotzbehälter, den du danach wegschmeißen kannst. Ich besaß keinen Eimer, also schnappte ich mir einen Trinkbecher mit Deckel und machte mir dann die ganze Zeit Sorgen, dass er zu klein für das ganze Erbrochene ist, das irgendwann aus mir rauskommen würde.

Ayahuasca ist in Yogakreisen und in der „Berliner Meditationsszene" (mir ist der Gebrauch dieses Ausdrucks doch sehr peinlich) ziemlich beliebt geworden. Die gut betuchten Veganer Ende 30, die nicht mehr in Clubs gehen und Weihnachten in Indien verbringen, um dem Besuch bei den Eltern zu entkommen, finden das Getränk genauso hip wie einen Partnertausch.

Bei meiner Ankunft befanden sich schon gut 25 Personen in der Wohnung. Meine Freunde waren allerdings noch nicht da, also mischte ich mich unter ein paar Leute, die in ihren Wickelhosen Dehnübungen durchführten oder sich auf dem Boden gegenseitig kraulten. Der Raum war durch die Körperwärme total aufgeheizt. Ich saß dann in einer Ecke. Neben mir hockte ein junger Amerikaner, dessen Psychiater ihm diese Zeremonie tatsächlich verordnet hatte.

„Ich war total süchtig nach Gras", sagte er.

„Was für ein Psychiater verschreibt einem das hier?", fragte ich.

„Ein teurer", antwortete er.

„Funktioniert das?"

„Ja."

Zu meinen Füßen lag ein Deutscher auf einer Luftmatratze, eingemümmelt in eine Bettdecke.

„Dein erstes Mal also", sagte er wissentlich.

„Ja. Was habe ich zu erwarten?"

„Das Universum", erwiderte er. „Ich hoffe, du wirst das Universum sehen."

Schließlich legte sich jeder hin. Der Schamane—ein bärtiger Typ mit Pferdeschwanz und einer Haut, die wie fleckiges Mahagoni-Holz aussah—erklärte uns, was uns gleich widerfahren würde. Ich kann mich nicht mehr an viele seiner Worte erinnern, denn was danach folgen sollte, war einfach nur verrückt. Ayahuasca mit anderen Drogen zu vergleichen, ist ungefähr so, als würde man Rennen mit ausgestreckten Armen mit Fliegen gleichsetzen.

Man kann diese Erfahrung eigentlich nur schwer in Worte fassen, aber ich versuch es mal:

Am Anfang—nennen wir diesen mal den „guten Teil"—ging es los, als die Schatten an den Wänden ihre Form verloren und kleine, goldene Streifen vor meinen Augen aufblitzten. Für jemanden, der schon Erfahrungen mit LSD, Pilzen oder psychedelischen Pillen gemacht hat, war das nichts Außergewöhnliches. Neben mir würgten die Leute in ihre Eimer. Dabei klangen sie wie Kühe, die auf Straßenschildern gespießt werden. Aber mir war nicht übel, so überhaupt nicht! Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in einer panoramaartigen Collage aus geometrischen Mustern, hell leuchtenden Farben, Dschungel-Blattwerk und extremen Wohlbefinden. Ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass das wahrscheinlich der glücklichste Moment meines ganzen Lebens war. Und das fällt mir nicht leicht, das zu sagen. Ich war ein Kind des Raves und habe einen Großteil des letzten Jahrzehnts damit zugebracht, fremde Leute zu umarmen, meine Augenbrauen abzulecken und darüber nachzudenken, wie viel Wasser ich getrunken oder nicht getrunken hatte.

Es fühlte sich an, als würde mich das Universum mit riesigen, mutierenden Armen umschließen und mit Liebe füllen. Ich sah Gott und ich war Gott—einfach alles war Gott.

Die meiste Zeit des „guten Teils" verbrachte ich auf dem Rücken liegend und mit geschlossenen Augen in einer kleinen, euphorischen Blase. Ich wünschte, das wäre so geblieben, denn schon bald sollte der „schlechte Teil" beginnen. Ich durchlebte noch einmal jeden traumatischen Zwischenfall meiner Kindheit. Das Ganze lief wie einer dieser Rückblicke auf das Leben einer berühmten Person ab—nur wurden mir statt den Highlights meiner langen Karriere die Momente gezeigt, die mir am meisten geschadet haben. Ich erlebte im Mutterleib noch mal die Streitereien meiner Familie, rannte in der Schule vor den Fieslingen weg und hörte in meinem Teenager-Zimmer Smashing Pumpkins, während ich Gedichte mit morbiden und gar nicht mal so guten Reimen verfasste.

Während dieses schrecklichen Trips bekam ich plötzlich fiebrige Schweißausbrüche und in mir stieg ein Brechreiz hoch. Aber ich hatte wie, bereits gesagt, zu viel Angst, dass mein Behälter zu klein sei. Deshalb stand ich auf und wankte ins Badezimmer. In meinem Magen herrschte zwar totales Chaos, aber ich konnte einfach nicht kotzen. So versuchte ich, scheißen zu gehen. Irgendwie redete ich mir ein, dass ich diesen Höllentrip nur beenden könnte, wenn ich das Ayahuasca durch irgendein Loch aus meinem Körper rausbringe. Durch einige Drogen kannst du dich selbst aus einer gewissen Entfernung betrachten. Wenn das hier der Fall gewesen wäre, dann hätte ich mir wohl dabei zugesehen, wie ich mit meiner Jogginghose auf Knöchelhöhe eine Art Lapdance für die Toilettenschüssel hinlegte.

Niedergeschlagen ging ich zurück ins Wohnzimmer, legte mich wieder auf meine Matte und gab mich ganz meinem Leiden hin. Wenn ich nicht gerade eine Heidenangst hatte, dann weinte ich bittere Tränen. Ab und an tauchten auch wieder die goldenen Streifen auf. Ich erinnere mich daran, dass ich meinen Penis als einen riesigen, bis in die Wolken reichenden Turm gesehen habe. Das war irgendwie cool, aber ansonsten befand ich mich in der durch eine Pflanze verursachten Hölle.

Einige Zeit später sah ich, wie sich meine Freunde in Richtung Balkon bewegten. Ich entschied mich dazu, ihnen zu folgen. Stell dir einen Flugzeugabsturz vor, bei dem der vordere Teil der Maschine explodiert und der hintere Teil irgendwie auf dem Boden landet und jeder darin überlebt. Jetzt stell dir die Gesichter der Überlebenden vor. So haben wir ausgesehen.

Wir haben eine Weile auf dem Balkon abgehangen, dabei geraucht, gelegentlich in Eimer gekotzt und versucht, die ganze Situation irgendwie zu verstehen. Schließlich bot jemand an, uns nach Hause zu fahren. Das war eine tolle und schreckliche Idee zugleich, denn alleine hätte ich das zwar nie geschafft, aber der Fahrer konnte auch noch nicht zwischen Rot und Grün unterscheiden.

Man sagt, dass eine Nacht voller Ayahuasca mit zehn Jahren beim Psychiater gleichzusetzen ist. Ayahuasca ist definitiv keine Partydroge. Auf dem Nachhauseweg redeten wir noch darüber, in einen Club zu gehen, aber letztendlich wollten wir uns alle doch bloß im Beisein von frischem Wasser in eine Wolldecke hüllen.

Ich schlief ein, wachte am nächsten Tag früh auf und fühlte mich richtig gut. Und so ist es bis jetzt auch geblieben. Normalerweise bin ich ziemlich ängstlich. Ich kann nur schlecht schlafen, bin schüchtern und auch nicht sehr entscheidungsfreudig. Aber irgendwie ist all das nicht mehr der Fall. Was auch immer in dieser Nacht passiert ist, es hat meine kleinen Blockaden gelöst. Ein Psychiater würde wohl sagen, dass meine Bewältigungsmechanismen durchbrochen wurden.

Wenn man sich im Amazonas-Gebiet einer Ayahuasca-Kur unterzieht, dann verbringt man normalerweise drei lange aufeinanderfolgende Nächte damit, sich mit dem ganzen angestauten Scheiß zu befassen. Als ich wieder runtergekommen war, dachte ich für ein paar Stunden, dass ich nie wieder einen Joint anrühren würde, ganz zu schweigen von Ayahuasca. Inzwischen ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn du all die traumatischen Ereignisse deines Lebens wie in einem Traum an dir vorbeiziehen siehst, dann hilft dir das dabei, sie ins rechte Licht zu rücken: Sie sind Vergangenheit. In gewisser Weise wirst du dir dadurch deinem Wesensgehalt in der Natur bewusst—und das ist nicht schlecht, wenn deine einzige Verbindung zur Natur die langsam verrottenden Tomaten auf deiner Fensterbank sind.

Ach ja, der Anblick von deinem riesigen, aus festem Gestein gebauten Schwanz ist etwas, das alle unsicheren Jungs, die zu heimlich unsicheren Männern heranwachsen, mindestens zweimal gesehen haben sollten.