FYI.

This story is over 5 years old.

Sex

Wie es sich anfühlte, in einer Schweizer Freikirche aufgeklärt zu werden

So ist es, wenn dir Verheiratete, die die ersten Jahre ihrer Ehe nicht miteinander geschlafen haben, von Sex erzählen.
7.5.15
Foto von Kris Krüg

Man nehme einen beliebigen Tag im siebzehnten Lebensjahr eines beliebigen Menschen in einer beliebigen Agglo-Gegend und man lasse ihn folgendes hören und erleben (O-Ton ist so sehr O-Ton, wie man sich zehn Jahre später an etwas erinnert):

„Mann: I ha das immer as extremi Belastig empfunde, wenni en Wärbig vo so Cornet gseh han, wo en Frau lasziv am Glacé schleckt. Zum Bispiil Magnum-Wärbige.
Frau: Und i ha jo au nid gwüsst, was mit ihm los isch.
Mann: Also, es isch eifach so gsi, dass ich das immer as extremi Belastig empfunde han. Und denn hani hald ame…
Frau: Werum er nid d Nöchi zu mer suecht.
Mann: Aso und dorum, aso me sind denn scho ghürote gsi und ich ha eifach die ganz Ziit müesse onaniere. Ich empfinde das as enormi Belastig, dass überall dä Sex isch. Überall sind Plakat, Wärbige, zum Biispil vo Glace und ich has de eifach schwierig gfunde, mich vo dem z löse. Wil ich bin jo ghürote gsi.
Frau: Mit intensive Gspröch hemrs denn gschafft, dass es au mitenand klappt."

Im weiteren Verlauf des Abends wurde implizit klar, dass die beiden die ersten anderthalb Jahre ihrer Ehe wohl nicht miteinander geschlafen haben. Dieser Vortrag füllte einen Freitagabend in meinem siebzehnten Lebensjahr aus (was gut war, da ich mich sonst hinter der Dorfturnhalle betrank). An anderen solchen Freitagabenden hatten wir Erste-Hilfe-Kurse oder Knotenkunde, denn der Vortrag gehörte zur Jungschar-Leiterausbildung.

Jungscharen—Jungschis—sind die christliche Variante der Pfadis, wobei es solche gibt, die zur Landeskirche gehören und andere, die an Freikirchen angegliedert sind. Eigentlich war das Klima in der Jungschi nie wirklich einengend. Die Jungschi hat mich irgendwo zum Punk gebracht (und gemacht?) und zwar nicht zu Worship-Punk. Auch sonst will ich die Jungschi und viele Leute da nicht missen, aber wenn es im engeren Sinn um Sex ging, war das immer alles sehr … eigen.

Anzeige

Natürlich hat mich dieser Abend mit dem „Auch nicht nach der Ehe"-Sexbekenntnis nicht aufgeklärt. Ich war da schon 16 und sowieso hatten wir 56-kbit-Modems. Ich habe keine Ahnung, ob er andere anwesende 16-Jährige aufgeklärt hatte, aber diese Nicht-Sex-Beichte war nur der Höhepunkt: Einige Jahre zuvor war ich an einem Festival in Deutschland. Dahin kamen die meisten Leute primär wegen der Musik, es liefen auch Filme wie One Flew over the Cuckoo's Nest. Es gab Alkohol, nicht für mich; ich inhalierte dafür Helium und sonstige Kinderkacke. Aber an der Nachmittagspredigt hatte die Anarcho-Variante von Billy Graham erzählt, wie schlecht er sich fühle, wann immer er sich „suboptimale Bilder" im Internet anschaut, wie sehr er sich da selbst bekämpfe, wie weit er über dieses Verhalten hinaus sein sollte und dass der Heiland das alles nicht so gut findet.

Nach diesem Festival habe ich einige Monate lang nicht masturbiert.

Letzten Herbst war ich für Noisey an einem christlichen Festival, an dem nicht mal Alkohol ausgeschenkt wurde; Foto von Yves Bachmann

Ich bin von Haus aus katholisch, meine Grossmutter hat mir, als ich elf war, vom Gottvertrauen einer Frau erzählt, die nach dem Zweiten Weltkrieg sieben Mal von Russen vergewaltigt wurde und nur darum mit Essen durchgepäppelt wurde, weil sie danach schwanger war—eine sehr „eigene" Argumentation gegen Abtreibungen. Ich sage gar nicht, dass Katholizismus besser ist und ich habe selber „gesehen", wie grausam es in katholischen Kinderheimen zuging (oder zugeht?).

Aber die evangelikale Jungschi hat die Libido-Feindlichkeit noch in die Gegenkultur gebracht. Meine Assoziationen mit Freikirchen waren lange Zeit „Dreadlock-Iros" und so habe ich mein jugendliches Rebellsein mit Pogo, Alkohol und Antifa-Klebern ausgelebt, aber befand mich dauernd im Kampf mit dem Herrn in meiner Hose.

Anzeige

In der Jungschi witzelten wir immer darüber, dass zwischen Frauen und Männern während den Ferienlagern ein bibelbreiter Minimalabstand bleiben muss. Das war nur ein Witz, nur ein Witz, nur ein Witz … Und der Abstand wurde zum Glück auch nicht eingehalten. Trotzdem war es so, dass Paare, die vor der Ehe zusammenlebten, nicht regulär Leiter sein durften. Trotzdem war es so, dass jede Form von „Ausprobieren" als minderwertig betrachtet wurde.

Auch wenn ein gewisser Herr Camus jede Heiland-Ikone in mir verbrannt hat, will ich das kleine Jesus-Kind nicht sinnlos provozieren: Jeder soll glauben, was er will. Ich will niemandem zu Nahe treten. Anders ist das bei politischen Forderungen, bei Homophobie, Islamfeindlichkeit oder wenn Christen an Demos behaupten, dass mit der „Pränataldiagnostik jedes behinderte Kind" abgetrieben werden soll. Wie Leute mit Sex umgehen ist—im engeren Sinn—nicht politisch und trotzdem wollte ich mich dazu äussern. Wie Leute mit Sex umgehen ist sehr intim, sogar wenn sie exhibitionistisch sind. Und gemäss meinem persönlichen Erleben ist ein verbohrter Zugang zur Sexualität in der DNA von solchen Organisationen verankert.

Glaubt man an die Schöpfung—es wurden in der Jungschi auch schon „Forscher" eingeladen, die bewiesen haben wollen, dass die Dinosaurierknochen von Gott in der Erde verscharrt worden sind—glaubt man daran, dass die Bibel wörtlich verstanden werden muss. Damit legitimiert man auch Bibelverse wie den:

„Wenn ein Mann mit einer menstruierenden Frau schläft und so ihre Scham entblößt, hat er ihre Quelle entblößt, und sie hat die Quelle ihres Blutes aufgedeckt. Beide müssen von ihrem Volk beseitigt werden." (3. Mose, 20, Vers 18)

Man gibt sich Regeln einer Gesellschaft von vor 3.500 Jahren. Das Problem mit Regeln von vor 3.500 Jahren ist, dass alleine die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 15 Jahre so frappant sind, dass es nicht gesund sein kann, sich in das Zusammenleben in der Wüste des vorchristlichen Mesopotamiens einzuleben.

Das Problem mit Regeln für Pubertierende ist, dass sie noch nicht so viel Lebenserfahrung haben und darum Regeln nicht wirklich einordnen können. Immerhin: Alle, die damals in der Jungschi waren und nicht aus Freikirchenfamilien kommen, haben heute—meines Wissens—nichts mehr damit zu tun (und vorehelichen Sex).

Das Problem mit Regeln in der Sexualität ist, dass alle Menschen nicht aus ihren Trieben aussteigen können. Gibt ein evangelikaler Pop-Prediger auf der Bühne zu, dass er heimlich „suboptimale Bilder" anschaut, ist das einerseits rhetorische Taktik, andererseits auch Beweis dafür, dass sich seine Libido lautstark meldet. Ich denke, es ist für alle Menschen das Beste, wenn ihnen kein Über-Ich, schon gar kein göttliches, befiehlt, was sie mit und an sich machen können. Sex kann schlimme Folgen haben, aber die Folgen von Triebunterdrückung sind genauso schlimm. Damit Sex schön ist, muss man die Zeichen des anderen deuten, empathisch sein.

Benj auf Twitter: @biofrontsau

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland